Spülung

Lila Strömung unten, schwarze Strömung oben, dazwischen werden Partikel gespült

Spülung

Ali­ne stellt sich ger­ne in den Besteck­korb, ich lege mich lie­ber auf das Git­ter für die Glä­ser, in der zwei­ten Ebe­ne. Nur Cora ist dünn genug, um auf der Abla­ge in der drit­ten Ebe­ne noch bequem lie­gen zu kön­nen. Sie nimmt als Unter­la­ge ein him­mel­blau­es Fleece­tuch; behält aber trotz­dem oft Abdrü­cke der Hal­te­run­gen für Mes­ser Gabel Löf­fel auf ihrem Gesicht zurück. Wenn Xenia das beim Abend­essen bemerkt, wird sie mit den Augen rol­len. Sie war nicht dabei, beim Semi­nar “Gedan­ken­rei­ni­gung”, des­halb kann sie uns nicht verstehen.

“Fer­tig?”, fragt Jet­te. Sie muss­te dies­mal drau­ßen blei­ben, um die Maschi­ne anzu­stel­len, denn Xenia wei­gert sich. “Ich bin bereit!”, murm­le ich. Sobald ich mei­nen Kopf auf den Spül­schwamm gebet­tet habe, ent­span­ne ich mich. “Inten­siv-Pro­gramm bit­te”, meint Ali­ne, “ich spü­re ein Pro­blem in mir auf­stei­gen. “Mir ist alles recht”, lässt sich Cora ver­neh­men. In der Geschirr­spül­ma­schi­ne haben wir noch nie gestritten.

“Lasst es euch gut gehen!”, sagt Jet­te, als sie das rosa Rei­ni­gungs­pul­ver ein­füllt. “Du kommst danach auch noch dran”, ver­spre­che ich ihr, aber sie hört es nicht mehr. Es wird dun­kel, mit einem Kla­cken schließt sich die Klap­pe. Ali­ne gibt einen woh­li­gen Seuf­zer von sich, ich däm­me­re schon vor mich hin. Ich höre das Was­ser rau­schen, mit einem Brum­men setzt sich der Motor in Bewe­gung, dann gehe ich in einen Zustand über, den ich sonst wahr­schein­lich nur mit aus­gie­bi­ger Medi­ta­ti­on errei­chen könnte.

Mit einem Medi­ta­ti­ons­kurs habe ich es ja auch ver­sucht. Aber ich konn­te mei­ne Gedan­ken nicht abstel­len und hat­te Schmer­zen, weil ich das Sit­zen nicht gewohnt war. In der Geschirr­spül­ma­schi­ne hin­ge­gen — nur abso­lu­te Ruhe und Gelas­sen­heit, von der ers­ten Minu­te an. Nichts stört, ich löse mich von allen Pro­ble­men, Leich­tig­keit durch­strömt mich, ich füh­le mich geborgen.

Es ist das bes­te Stress­be­wäl­ti­gungs-Pro­gramm, das ich je ken­nen­ge­lernt habe. Was habe ich mich frü­her auf­ge­regt! Ich hat­te hohen Blut­druck, Leber­ver­här­tung, Ver­dau­ungs­be­schwer­den und war so ver­spannt, dass ich jeden Monat zur Osteo­pa­thie muss­te. Ich habe mich mit Kolleg*innen gestrit­ten, mich über die Nach­barn beschwert und über rück­sichts­lo­se Autofahrer*innen geschimpft. Und die poli­ti­schen Nach­rich­ten haben mich so auf­ge­wühlt, dass ich Kopf­schmer­zen davon bekam.

Als Xenia nach Hau­se kommt, ist auch Jet­te schon mit ihrem Durch­gang fer­tig, sie kommt gera­de mit geföhn­ten Haa­ren aus dem Bade­zim­mer. Ali­ne und Cora haben einen Salat vor­be­rei­tet, ich habe Brat­kar­tof­feln gemacht, Gemü­se gibt es noch vom Mit­tag­essen. Als wir alle um den Tisch sit­zen, fällt mir auf, wie bedrückt Xenia aus­sieht. “Was ist denn los?”, fra­ge ich sie, obwohl ich schon weiß, dass ich ihr nicht hel­fen kann.

“Es ist so schreck­lich!”, platzt sie her­aus. “Immer noch ver­hun­gern Babies, obwohl an der Gren­ze die Last­wa­gen mit Lebens­mit­teln Schlan­ge ste­hen! Und es sind schon wie­der Men­schen bei der Essens­aus­ga­be erschos­sen wor­den. Die Sied­ler haben neue Häu­ser zer­stört …” Sie seufzt, und es tut mir leid, dass sie sich so quält. Noch dazu völ­lig umsonst, weil es ja kei­nem Men­schen hilft, dass sie unser wun­der­ba­res Abend­essen nicht genie­ßen kann, son­dern es statt­des­sen mit ihren Trä­nen salzt.

Ich ken­ne die­sen Zustand so gut. Er ist sehr unan­ge­nehm. Es hat auch mich so geplagt, dass ich stän­dig dar­über reden muss­te. “Ein Geno­zid, da pas­siert ein Geno­zid, wir müs­sen etwas tun!” Was hab ich alle damit genervt. Freund*innen haben sich distan­ziert, Arbeitskolleg*innen über mich getu­schelt. Und dann konn­te ich wie­der ein­mal stun­den­lang nicht ein­schla­fen, wach­te gerä­dert auf. Und das alles für nichts und wie­der nichts! Kei­nen ein­zi­gen Men­schen habe ich geret­tet mit mei­nen Pro­tes­ten vor dem Rathaus.

Cora legt Xenia eine Hand auf den Arm. “Möch­test du es nicht doch ein­mal ver­su­chen?”, sie deu­tet auf die Geschirr­spül­ma­schi­ne. Xenia schüt­telt den Kopf. “Ich zie­he aus”, mur­melt sie. “Das ist nun wirk­lich über­trie­ben”, meint Jet­te nach­sich­tig. “Du kannst doch dar­über reden, wenn es das ist, was du möch­test.” “Was ich möch­te -”, Xenia hat schon einen roten Kopf, “ist, dass ihr end­lich wie­der Gefüh­le habt!”

“Wir haben Gefüh­le”, erklä­re ich. “Sogar sehr vie­le. Aber eben nur schö­ne.” “Ja, genau! Ihr seid so redu­ziert!” Ich wider­spre­che: “Im Gegen­teil! Ich habe jetzt viel mehr vom Leben.” “Was für ein Leben hast du denn noch?” “Ach, Xenia, wozu soll das denn gut sein, sich dafür ver­ant­wort­lich zu füh­len, wenn ande­re lei­den, irgend­wo weit weg? Das hat doch mit uns gar nichts zu tun! War­um sich dau­ernd auf­re­gen und wütend sein? Sich womög­lich noch an Pro­ble­me aus der Kind­heit erin­nert füh­len, auf alte Trau­ma­ta sto­ßen und sie unbe­dingt auf­ar­bei­ten wol­len. Das ist alles nur schmerz­haft und führt zu nichts.”

“Ja, es ist schmerz­haft, aber viel schlim­mer ist es, sich davon nicht berüh­ren zu las­sen. Es nicht spü­ren zu wol­len — das trennt dich von ande­ren Men­schen. Und von dir selbst.” “Ich füh­le mich ganz unzer­trenn­lich”, scherzt Ali­ne. “Ach, ihr ver­steht mich nicht!”, Xenia schiebt den Tel­ler, den sie nur halb auf­ge­ges­sen hat, von sich weg. Wir schwei­gen, denn sie hat recht. Wir kön­nen sie wirk­lich nicht mehr ver­ste­hen, jetzt, wo wir auf der ande­ren Sei­te sind, wo sich nega­ti­ve Gedan­ken so leicht auf­lö­sen las­sen, mit nur einem Spül­gang von 45 Minu­ten, und ein paar klei­nen Übun­gen zwischendurch.

Ein­mal am Tag las­sen wir die wohl­tö­nen­de Stim­me von Frau Breit­summ erklin­gen, der Semi­nar­lei­te­rin und Erfin­de­rin der Metho­de “Gedan­ken­rei­ni­gung”: “Alles ist in Ord­nung und du kannst dich ent­span­nen. Sobald du das Rei­ni­gungs­pro­gramm in dir akti­viert hast, kannst du Ärger und Miss­trau­en hin­ter dir las­sen.” Und es funk­tio­niert wirk­lich. Wir müs­sen es nur alle paar Tage auf­fri­schen, ganz ein­fach in der Geschirr­spül­ma­schi­ne, mit dem Rei­ni­gungs­pul­ver, das wir bei Frau Breit­summ bestel­len. Xenia fin­det das dubi­os, aber natür­lich, sie ist sehr weit vom Urver­trau­en entfernt.

“Ich ver­mis­se euch”, sagt Xenia. Jet­te fängt an zu lachen: “Ver­mis­sen! Was ist das denn?” “Na, das ist doch …”, sage ich, und dann fällt es auch mir nicht mehr ein. Es ist weg. Was war das noch­mal? Ach ja, man hat sich etwas gewünscht, was nicht da war. Also war es eigent­lich etwas Unsin­ni­ges, sage ich mir. Trotz­dem habe ich auf ein­mal Angst.

Aber dann sagt Ali­ne: “Wer braucht denn so was?”, und Cora: “Hab Zuver­sicht! Wenn du dei­ne Wün­sche klar aus­sprichst, wer­den sie in Erfül­lung gehen.” Und Jet­te fügt hin­zu: “Alles, was du brauchst, ist schon für dich da.” Ich nicke und atme und brin­ge mich wie­der ins Gleich­ge­wicht. Xenia steht auf und geht. Ich mer­ke einen Hauch von Bedau­ern, der sogleich von Erleich­te­rung weg gespült wird.

Geräu­sche in der Abstell­kam­mer, wo Xenia wahr­schein­lich nach ihren Hab­se­lig­kei­ten kramt. Soll sie ruhig auch alle unse­re Vor­rä­te mit­neh­men, sie hat es ja so schwer im Leben. Ich füh­le mich groß­zü­gig; ein Gefühl, das sich seit dem Semi­nar ver­stärkt hat. Jetzt ist Xenia im Gemein­schafts­raum zu hören. Ali­ne, Cora, Jet­te und ich lächeln uns an. Wir füh­len uns so wohl. Viel­leicht ist es wirk­lich bes­ser, wenn Xenia aus­zieht und wir ihre unru­hi­ge Ener­gie nicht mehr spü­ren müssen.

Da kommt sie zur Tür her­ein. Etwas an ihr hat sich ver­än­dert. Über­rascht beob­ach­te ich, wie sie zur Spü­le geht, den Unter­bau­schrank öff­net und die Packung mit dem Rei­ni­gungs­pul­ver her­aus­nimmt. Will sie es jetzt doch ver­su­chen? Aber dann ist sie mit einem Satz an der Bal­kon­tür und drau­ßen — sie steht am Gelän­der und schüt­tet das Pul­ver aus!

“Was soll das denn”, stot­tert Ali­ne, wäh­rend Cora schon auf dem Bal­kon ist und ver­sucht, die Packung an sich zu rei­ßen. Ver­geb­lich. Xenia wirft sie in hohem Bogen in den Gar­ten, Pul­ver­res­te ver­sprü­hen und hin­ter­las­sen rosa Strei­fen in der Luft, die als Wölk­chen zum Him­mel schweben.

“Macht nichts”, sagt Jet­te gelas­sen, “wir haben Vor­rä­te.” Ich sprin­ge auf. Die Abstell­kam­mer! Die bei­den gro­ßen Packun­gen sind weg, ich fin­de die lee­ren Kar­tons im Gemein­schafts­raum und sto­ße einen Schrei aus. Sie hat unser Rei­ni­gungs­pul­ver in die Blu­men­töp­fe gekippt! Ich stür­ze zum Gum­mi­baum, ver­su­che mit blo­ßen Hän­den, etwas von der rosa Sub­stanz zu retten.

Aber die Erde scheint sie auf­zu­sau­gen, so schnell ver­schwin­det sie. Und der Gum­mi­baum ver­än­dert sich, er bekommt einen rosa Schim­mer, färbt sich immer stär­ker ein. Alle Pflan­zen wer­den rosa­rot! Vom Geld­baum löst sich ein dun­kel­ro­sa­nes dickes Blatt, und schwirrt wie eine Hum­mel um die Steh­lam­pe her­um. Die vio­let­ten Wedel des Schwert­farns rich­ten sich auf und schwin­gen wie die Ten­ta­kel einer See­ane­mo­ne. Die Grün­li­lie blinkt weiß rosa, der Kak­tus leuch­tet in ver­schie­de­nen Far­ben und dreht sich wie eine Diskokugel.

Vom Flur höre ich Ali­ne rufen: “Die Vor­rä­te sind weg!” Sie stürzt ins Gemein­schafts­zim­mer und stößt mit einem Gera­ni­en­blatt zusam­men, das sich wie ein furcht­lo­ser Schmet­ter­ling auf ihren Arm setzt. “Was ist denn hier los?” Sie reißt ein Fens­ter auf, das Gera­ni­en­blatt flat­tert hin­aus. “Das Pul­ver, sie hat es in die Blu­men­töp­fe gekippt.” Ali­ne flucht, zückt ihr Han­dy, drückt ein paar Tas­ten: “Ich rufe Frau Breit­summ an.”

In dem Moment fällt es mir wie­der ein, ein Schlag vor den Kopf: Die Mail von Frau Breit­summ! Sie hat, für­sorg­lich wie immer, geschrie­ben, dass sie uns aus­rei­chend Vor­rä­te geschickt hat, weil sie für 4 Wochen im Urlaub sein wird. Und jetzt ist alles weg! Ali­ne bricht schluch­zend zusam­men. “Was machen wir denn jetzt?”

Immer mehr Blät­ter, in allen Far­ben, lösen sich von den Pflan­zen, glei­ten, flie­gen, ja sprin­gen durch die Luft. Der Bogen­hanf über­schlägt sich, ver­sprüht grel­le Licht­sal­ven. “Raus hier!” Ali­ne wedelt mit bei­den Hän­den zum Fens­ter hin. “Wie konn­te Xenia uns das antun! Wir waren so nett zu ihr …” Da ist sie wie­der, die Wut, ich spü­re sie und ren­ne in die Küche, wo Xenia mit Cora strei­tet. “Raus hier!”, schreie ich und packe Xenia am Ärmel.

Wir schrei­en alle auf sie ein und zer­ren sie zur Tür; wir schüt­teln sie und das tut gut, eine schlägt ihr auf den Kopf, ein Schlag gibt den nächs­ten, sie blu­tet aus der Nase und wim­mert: “Hört auf!”, Ali­na zieht ihr den Pull­over über den Kopf. Panik­ar­tig win­det sie sich, es gelingt ihr, aus dem Pull­over zu schlüp­fen; sie stürzt im T Shirt aus der Tür und die Trep­pe runter.

Wir sehen uns an, unse­re wut­ver­zerr­ten Gesich­ter, die geball­ten Fäus­te: das hat Xenia aus uns gemacht! Wir sind so fried­lich gewe­sen, haben ihr Mit­ge­fühl ent­ge­gen gebracht, und sie sogar mit ihren nega­ti­ven Gedan­ken akzep­tiert, und sie hat uns so hin­ter­gan­gen! Was für ein Mons­ter. Nie­der­ge­schla­gen las­sen wir uns im Gemein­schafts­zim­mer auf die bei­den Sofas plumpsen.

Es ist kalt, Cora macht das Fens­ter zu. Alle Pflan­zen sind kahl, drau­ßen flie­gen die Blät­ter, wer­den vom Dezem­ber­wind fort­ge­weht. An der Gei­gen­fei­ge hängt noch ein Blatt, blinkt rosa und löst sich dann, schwebt auf uns zu, fällt Jet­te in den Schoß. Sie wischt es mit einer abweh­ren­den Hand­be­we­gung auf den Boden, wo es mit­ten auf dem Tep­pich lie­gen bleibt und pul­siert, als wäre Leben in ihm. Plötz­lich springt Ali­ne auf, zer­tram­pelt das Blatt, und als sie sich schwer atmend wie­der setzt, star­ren wir alle vier auf den Matsch, der den Tep­pich rosa ein­ge­färbt hat. Nichts rührt sich mehr.