Assoziationen zu 2026, von numerisch bis osmanisch

2026, nume­risch betrach­tet, bie­tet als Quer­sum­me die 10 (2+0+2+6=10) , eine Zahl, die mit Voll­endung asso­zi­iert wird, weil wir mit dem Dezi­mal­sys­tem arbei­ten, das so gut zu unse­ren zehn Fin­gern passt.

Die Quer­sum­me von 10 ist 1 (1+0=1), von jeher ein Sym­bol für den Neu­an­fang. Beim Addie­ren von 10 und 1 sto­ßen wir auf die 11, Prim­zahl und Schnaps­zahl, die sowohl an Fuß­ball als auch an Fasching erinnert.

Und schließ­lich, mit der Quer­sum­me von 11, (1+1=2), ergibt sich die Zwei, die mit dem Zwei­fel ver­wandt ist und dar­auf hin­deu­tet, wie wich­tig es ist, unser Wis­sen auch immer wie­der in Fra­ge zu stellen.

Die 11 ist im Peri­oden­sys­tem der Ele­men­te dem Natri­um zuge­ord­net, einem wachs­wei­chen, sil­ber­glän­zen­den Metall, das in luft­dicht ver­schlos­se­nen Stahl­fäs­sern gela­gert wer­den muss, weil es so stark reagiert. Eben­falls hoch­re­ak­tiv ist Chlor, die Num­mer 17 im Peri­oden­sys­tem, (Quer­sum­me 8, eine Zahl, auf die ich spä­ter noch zurück­kom­men wer­de). Chlor ist ein gelb­grü­nes, übel rie­chen­des, sehr gif­ti­ges Gas. Wie erstaun­lich, dass die Ver­bin­dung die­ser bei­den Ele­men­te eine Sub­stanz her­vor­bringt, die in Far­be, Kon­sis­tenz und Ver­hal­ten in keins­ter Wei­se an ihre ursprüng­li­chen Zuta­ten erin­nert. Es ent­steht dabei näm­lich Natri­um­chlo­rid, unser Kochsalz.

Jede Jah­res­zahl hat neben ihrer nume­ri­schen Bedeu­tung immer auch eine reli­giö­se und eine poli­ti­sche. Wenn wir das neue Jahr “2026” nen­nen, bezie­hen wir uns auf die christ­li­che Zeit­rech­nung, die ande­re Zeit­rech­nun­gen wie die jüdi­sche, die isla­mi­sche, die chi­ne­si­sche und wei­te­re, an Bedeu­tung über­holt hat, und mit­tels kolo­nia­ler und kapi­ta­lis­ti­scher Ver­brei­tung, heu­te welt­weit als Haupt-Zeit­rech­nung ver­wen­det wird. Sie ist zu einem Sym­bol für christ­lich euro­päi­sche Vor­herr­schaft geworden.

Vor 2026 Jah­ren wur­de ein gewis­ser Jesus gebo­ren. Es gibt auch Stim­men, die behaup­ten, dass es ein Mäd­chen gewe­sen war, Susi genannt, und ob ihrer Wider­spens­tig­keit des öfte­ren “Ja Susi!” geta­delt, wor­aus dann der Name “Jesus” wur­de. Aber das ist wahr­schein­lich nur ein Gerücht.

Der männ­lich gele­se­ne Jesus ist auf jeden Fall das wohl bekann­tes­te mensch-gött­li­che Wesen aller Zei­ten gewor­den. Er hat in min­des­tens 4 Reli­gio­nen erfolg­reich Platz genom­men. Wäh­rend er im Chris­ten­tum als Sohn Got­tes eine her­aus­ra­gen­de Stel­lung hat, und im Juden­tum nur eine neben­säch­li­che, ist Jesus im Islam ein Pro­phet, der, anders als ande­re Pro­phe­ten, Wun­der voll­brin­gen kann, und im Hin­du­is­mus wird er sogar als Gott aner­kannt; aller­dings muss er sich die­se Stel­lung mit vie­len ande­ren Göt­tern und Göt­tin­nen teilen.

Reli­gio­nen haben oft mehr mit­ein­an­der gemein­sam, als es auf den ers­ten Blick schei­nen mag, und manch­mal wer­den die Gren­zen zwi­schen ihnen auch nicht so streng gezo­gen. In Gaza war es frü­her üblich, dass Mus­li­me an Weih­nach­ten mit ihren christ­li­chen Nach­barn in die Kir­che gin­gen — genau­so, wie christ­li­che Palästinenser*innen an mus­li­mi­schen Fei­er­ta­gen die Moschee besuch­ten. Mitt­ler­wei­le sind fast alle Kir­chen und Moscheen im Gaza­strei­fen zer­bombt, nie­mand kann sich mehr dort treffen.

Der ortho­do­xe Theo­lo­ge Jou­sef AlK­hou­ry¹ berich­tet, dass es in Paläs­ti­na unter Nach­ba­rin­nen üblich war, Kin­der gemein­sam zu stil­len; reli­giö­se Ver­schie­den­hei­ten spiel­ten dabei kei­ne Rol­le. Kin­der, die von der­sel­ben Frau gestillt wor­den waren, gal­ten als Geschwis­ter. So wur­den Ver­bin­dun­gen auf­ge­baut und eine erwei­ter­te Fami­lie kre­iert, die sich nicht auf die eige­ne Nach­kom­men­schaft beschränkte.

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Spülung

Lila Strömung unten, schwarze Strömung oben, dazwischen werden Partikel gespült

Spülung

Ali­ne stellt sich ger­ne in den Besteck­korb, ich lege mich lie­ber auf das Git­ter für die Glä­ser, in der zwei­ten Ebe­ne. Nur Cora ist dünn genug, um auf der Abla­ge in der drit­ten Ebe­ne noch bequem lie­gen zu kön­nen. Sie nimmt als Unter­la­ge ein him­mel­blau­es Fleece­tuch; behält aber trotz­dem oft Abdrü­cke der Hal­te­run­gen für Mes­ser Gabel Löf­fel auf ihrem Gesicht zurück. Wenn Xenia das beim Abend­essen bemerkt, wird sie mit den Augen rol­len. Sie war nicht dabei, beim Semi­nar “Gedan­ken­rei­ni­gung”, des­halb kann sie uns nicht verstehen.

“Fer­tig?”, fragt Jet­te. Sie muss­te dies­mal drau­ßen blei­ben, um die Maschi­ne anzu­stel­len, denn Xenia wei­gert sich. “Ich bin bereit!”, murm­le ich. Sobald ich mei­nen Kopf auf den Spül­schwamm gebet­tet habe, ent­span­ne ich mich. “Inten­siv-Pro­gramm bit­te”, meint Ali­ne, “ich spü­re ein Pro­blem in mir auf­stei­gen. “Mir ist alles recht”, lässt sich Cora ver­neh­men. In der Geschirr­spül­ma­schi­ne haben wir noch nie gestritten.

“Lasst es euch gut gehen!”, sagt Jet­te, als sie das rosa Rei­ni­gungs­pul­ver ein­füllt. “Du kommst danach auch noch dran”, ver­spre­che ich ihr, aber sie hört es nicht mehr. Es wird dun­kel, mit einem Kla­cken schließt sich die Klap­pe. Ali­ne gibt einen woh­li­gen Seuf­zer von sich, ich däm­me­re schon vor mich hin. Ich höre das Was­ser rau­schen, mit einem Brum­men setzt sich der Motor in Bewe­gung, dann gehe ich in einen Zustand über, den ich sonst wahr­schein­lich nur mit aus­gie­bi­ger Medi­ta­ti­on errei­chen könnte.

Mit einem Medi­ta­ti­ons­kurs habe ich es ja auch ver­sucht. Aber ich konn­te mei­ne Gedan­ken nicht abstel­len und hat­te Schmer­zen, weil ich das Sit­zen nicht gewohnt war. In der Geschirr­spül­ma­schi­ne hin­ge­gen — nur abso­lu­te Ruhe und Gelas­sen­heit, von der ers­ten Minu­te an. Nichts stört, ich löse mich von allen Pro­ble­men, Leich­tig­keit durch­strömt mich, ich füh­le mich geborgen.

Es ist das bes­te Stress­be­wäl­ti­gungs-Pro­gramm, das ich je ken­nen­ge­lernt habe. Was habe ich mich frü­her auf­ge­regt! Ich hat­te hohen Blut­druck, Leber­ver­här­tung, Ver­dau­ungs­be­schwer­den und war so ver­spannt, dass ich jeden Monat zur Osteo­pa­thie muss­te. Ich habe mich mit Kolleg*innen gestrit­ten, mich über die Nach­barn beschwert und über rück­sichts­lo­se Autofahrer*innen geschimpft. Und die poli­ti­schen Nach­rich­ten haben mich so auf­ge­wühlt, dass ich Kopf­schmer­zen davon bekam.

Als Xenia nach Hau­se kommt, ist auch Jet­te schon mit ihrem Durch­gang fer­tig, sie kommt gera­de mit geföhn­ten Haa­ren aus dem Bade­zim­mer. Ali­ne und Cora haben einen Salat vor­be­rei­tet, ich habe Brat­kar­tof­feln gemacht, Gemü­se gibt es noch vom Mit­tag­essen. Als wir alle um den Tisch sit­zen, fällt mir auf, wie bedrückt Xenia aus­sieht. “Was ist denn los?”, fra­ge ich sie, obwohl ich schon weiß, dass ich ihr nicht hel­fen kann.

“Es ist so schreck­lich!”, platzt sie her­aus. “Immer noch ver­hun­gern Babies, obwohl an der Gren­ze die Last­wa­gen mit Lebens­mit­teln Schlan­ge ste­hen! Und es sind schon wie­der Men­schen bei der Essens­aus­ga­be erschos­sen wor­den. Die Sied­ler haben neue Häu­ser zer­stört …” Sie seufzt, und es tut mir leid, dass sie sich so quält. Noch dazu völ­lig umsonst, weil es ja kei­nem Men­schen hilft, dass sie unser wun­der­ba­res Abend­essen nicht genie­ßen kann, son­dern es statt­des­sen mit ihren Trä­nen salzt.

Ich ken­ne die­sen Zustand so gut. Er ist sehr unan­ge­nehm. Es hat auch mich so geplagt, dass ich stän­dig dar­über reden muss­te. “Ein Geno­zid, da pas­siert ein Geno­zid, wir müs­sen etwas tun!” Was hab ich alle damit genervt. Freund*innen haben sich distan­ziert, Arbeitskolleg*innen über mich getu­schelt. Und dann konn­te ich wie­der ein­mal stun­den­lang nicht ein­schla­fen, wach­te gerä­dert auf. Und das alles für nichts und wie­der nichts! Kei­nen ein­zi­gen Men­schen habe ich geret­tet mit mei­nen Pro­tes­ten vor dem Rathaus.

Cora legt Xenia eine Hand auf den Arm. “Möch­test du es nicht doch ein­mal ver­su­chen?”, sie deu­tet auf die Geschirr­spül­ma­schi­ne. Xenia schüt­telt den Kopf. “Ich zie­he aus”, mur­melt sie. “Das ist nun wirk­lich über­trie­ben”, meint Jet­te nach­sich­tig. “Du kannst doch dar­über reden, wenn es das ist, was du möch­test.” “Was ich möch­te -”, Xenia hat schon einen roten Kopf, “ist, dass ihr end­lich wie­der Gefüh­le habt!”

“Wir haben Gefüh­le”, erklä­re ich. “Sogar sehr vie­le. Aber eben nur schö­ne.” “Ja, genau! Ihr seid so redu­ziert!” Ich wider­spre­che: “Im Gegen­teil! Ich habe jetzt viel mehr vom Leben.” “Was für ein Leben hast du denn noch?” “Ach, Xenia, wozu soll das denn gut sein, sich dafür ver­ant­wort­lich zu füh­len, wenn ande­re lei­den, irgend­wo weit weg? Das hat doch mit uns gar nichts zu tun! War­um sich dau­ernd auf­re­gen und wütend sein? Sich womög­lich noch an Pro­ble­me aus der Kind­heit erin­nert füh­len, auf alte Trau­ma­ta sto­ßen und sie unbe­dingt auf­ar­bei­ten wol­len. Das ist alles nur schmerz­haft und führt zu nichts.”

“Ja, es ist schmerz­haft, aber viel schlim­mer ist es, sich davon nicht berüh­ren zu las­sen. Es nicht spü­ren zu wol­len — das trennt dich von ande­ren Men­schen. Und von dir selbst.” “Ich füh­le mich ganz unzer­trenn­lich”, scherzt Ali­ne. “Ach, ihr ver­steht mich nicht!”, Xenia schiebt den Tel­ler, den sie nur halb auf­ge­ges­sen hat, von sich weg. Wir schwei­gen, denn sie hat recht. Wir kön­nen sie wirk­lich nicht mehr ver­ste­hen, jetzt, wo wir auf der ande­ren Sei­te sind, wo sich nega­ti­ve Gedan­ken so leicht auf­lö­sen las­sen, mit nur einem Spül­gang von 45 Minu­ten, und ein paar klei­nen Übun­gen zwischendurch.

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Geburtstag

Als Gott die Geschlech­ter ver­teilt hat, bin ich zu spät gekom­men. Des­halb hab ich kei­nes. Erst dach­te ich: Pech gehabt, weil mir ja etwas fehl­te, spä­ter bemerk­te ich dann, dass es mir gar nicht fehlt. Nur ande­ren fehlt es. Wenn sie mich sehen, füh­len sie sich unbe­hag­lich. Eine Phi­lo­so­phin hat sogar ein Buch dar­über geschrie­ben: Das Unbe­ha­gen der Geschlechter.

Aber ich glau­be, die meis­ten Leu­te haben es nicht gele­sen. Sie star­ren mich immer noch an und ver­su­chen, etwas an mir zu fin­den, das ich nicht habe. Des­halb ver­su­che ich, mög­lichst unauf­fäl­lig zu blei­ben. Und jetzt hat mir Prinz Almut zum Geburts­tag eine Leucht­wes­te geschenkt!

“Oh — was mache ich damit?”, fra­ge ich xier. “Anzie­hen! Dann wirst du bes­ser gese­hen. Damit du nicht ange­fah­ren wirst, wenn du im Dun­keln radelst!” “Aber ich wer­de doch gera­de dann, wenn die Leu­te mich sehen, oft ange­fah­ren!” Prinz Almut lacht herz­lich, dens Bauch wackelt, ich umar­me xier und bedan­ke mich, obwohl ich die Jacke nie anzie­hen wer­de. Dabei mag ich oran­ge. Strei­fen mag ich auch. Und eigent­lich wür­de ich ger­ne leuchten.

Prinz Almut hat ein Gespür dafür, was Leu­te mögen und brau­chen. Xier ist Coach, und hat sich auf Urlaubs­stress spe­zia­li­siert. Dens Arbeit wird sogar von den Kran­ken­kas­sen bezu­schusst. Denn es kommt immer öfter vor, dass Men­schen von ihrem Urlaub so gestresst sind, dass sie danach arbeits­un­fä­hig sind.

Vie­le machen gar nicht rich­tig Urlaub, weil sie wei­ter­hin stän­dig erreich­bar sind. Ande­re sper­ren das Arbeits­han­dy in einen Safe, der sich erst am letz­ten Urlaubs­tag wie­der öff­net, und haben dann den Stress, sich jetzt aber auch wirk­lich erho­len zu müs­sen. Es gibt Streit mit Mit­rei­sen­den, weil es auf ein­mal viel mehr Zeit dafür gibt; ent­täusch­te Erwar­tun­gen, wenn der Berg, den man allei­ne bestei­gen woll­te, von Men­schen über­sät ist; den Schock, in einem frem­den Land zu sein, obwohl der Rei­se­pro­spekt ver­spro­chen hat, dass man sich wie zu Hau­se füh­len würde.

“Und was machst du mit die­sen Leu­ten?”, frag­te ich Prinz Almut. “Unter­schied­lich. Manch­mal bin ich die Her­ber­ge, nach der sie sich schon ihr gan­zes Leben lang gesehnt haben. Oft muss ich erst­mal einen Grund­kurs Diver­si­tät machen. Vie­le glau­ben ja, ich wür­de Almut Prinz hei­ßen. Erst wenn ich mich auf mei­nen Thron set­ze, däm­mert ihnen etwas. Dann kom­men die Fra­gen. Ges­tern hat wie­der jemand gesagt: “Wenn Sie Prinz sind, dür­fen Sie doch noch gar nicht auf den Thron!” “Tja”, mein­te ich, “das ist ein Unter­schied zwi­schen mon­ar­chis­ti­schem und anar­chis­ti­schem Prin­zen­tum! Es gibt noch ein paar mehr.”

Prinz Almut ken­ne ich seit zwei Jah­ren. Es ist aller­dings das ers­te Mal, dass xier zu mei­nem Geburts­tag gekom­men ist. Bei mei­nen Geburts­ta­gen tref­fen immer sehr unter­schied­li­che Men­schen auf­ein­an­der, die ich in mei­nem All­tag nicht zusam­men ein­la­de, weil ich befürch­te, dass sie sich nicht ver­ste­hen wür­den. Ein­mal im Jahr müs­sen alle mit­ein­an­der klar kom­men. Bis jetzt hat das geklappt.

Es klin­gelt, Nor­bert kommt die Trep­pe hoch, drückt mich und drückt mir etwas in die Hand, loses Papier, in dem sich etwas Fes­tes befin­det: “Tut mir Leid, ich hat­te kein Kle­be­band mehr.” Das Ein­wi­ckel­pa­pier ist ein Kalen­der­blatt, eine dicke Kreuz­spin­ne in ihrem Netz vor blau­em Him­mel. “Die sieht ja toll aus!” Als ich den Titel des Buches sehe, muss ich lachen. “Wer spinnt hier eigent­lich?” Den Unter­ti­tel lese ich nur bis “… Geno­zid”, dann klin­gelt es wieder.

Fio­na. Wir haben uns schon län­ger nicht mehr getrof­fen. Als ich sie sehe, ver­engt sich mein Hals, ich muss mich anstren­gen, um Luft zu bekom­men. “Schön, dass du da bist!” Mei­ne Stim­me klingt hei­ser. Sie sagt nichts, bemüht sich zu lächeln und streckt mir einen rie­si­gen Blu­men­strauß ent­ge­gen. “Dan­ke, da suche ich gleich eine Vase für!” Ich bin erleich­tert, dass ich davon huschen kann.

Als ich mit den Blu­men in der Vase ins Sofa­zim­mer kom­me, ver­teilt Lati­fa den Scho­ko­la­den­ku­chen, den sie geba­cken hat, und das Nach­bar­kind starrt Prinz Almut an: “Mei­ne Mama hat gesagt, du bist kein Mann und kei­ne Frau, son­dern so etwas wie ein Mann und eine Frau gleich­zei­tig. Wie geht das denn?” Alle schau­en Prinz Almut an, die schließ­lich erklärt: “Ich habe ein­fach alles gemacht, was ich ger­ne machen woll­te, und das waren dann Frau­en­sa­chen und Män­ner­sa­chen und schwupps, schon war ich bei­des. Und noch viel mehr.” Toni schaut xier mit gro­ßen Augen an. “Bist du des­halb so dick?” Prinz Almut lacht herz­lich: “Die bes­te Erklä­rung für mei­ne Kör­per­fül­le, die ich je gehört habe. Dan­ke!” Xier schüt­telt die klei­ne Hand und kommt auf mich zu.

Nina platzt her­ein. Ich ken­ne sie nicht so gut, habe sie aber spon­tan ein­ge­la­den, als ich sie neu­lich beim Fahr­rad­händ­ler traf. “Brit­ta hat gesagt, dass du alles liest. Also, das ist ganz neu raus gekom­men und wur­de in der Zei­tung eupho­risch bespro­chen.” “Dan­ke.” Ohne gro­ße Hoff­nung zer­rei­ße ich das Geschenkpapier.

“Darf ich mal?” Prinz Almut nimmt das Buch, liest laut: “Das gro­ße Schwei­gen. War­um wir immer noch viel zu wenig über den Holo­caust wis­sen und spre­chen”. Xier blät­tert es durch: “Ich ver­mis­se eigent­lich ein Buch über das aktu­el­le Schwei­gen in Deutsch­land.” Alle schwei­gen betre­ten, was der Situa­ti­on etwas Absur­des gibt, nur Nina fragt nach einer Wei­le: “Was meinst du denn?” “Das Schwei­gen über den Völ­ker­mord an den Palästinenser*innen, an dem Deutsch­land mit­schul­dig ist und …” Xenia räus­pert sich: “Wir als Deut­sche dür­fen nicht …” “Bin ich gar nicht!”, ruft Prinz Almut. “Dann wirst du das nie ver­ste­hen kön­nen”, erklärt Nico­le. “Was denn, dass die Ver­bre­chen, die die Deut­schen began­gen haben, ein Frei­brief dafür sind, die Palästinenser*innen zu malträtieren?”

Tan-Li stößt einen schril­len Lacher aus, Fio­na bedeckt ihr Gesicht mit den Hän­den, Nina sagt ver­le­gen: “Wir wol­len doch jetzt Geburts­tag fei­ern”, und schaut mich an. Eigent­lich wäre es eine gute Gele­gen­heit, um zu dis­ku­tie­ren, aber ich habe die Befürch­tung, dass es schief geht. Tho­mas Aka­bu geht es wohl auch so. “Ich mach neu­en Kaf­fee”, ruft er und zwin­kert mir zu, als er Rich­tung Küche geht. Ich bemer­ke, dass Rona, der Cocker­spa­ni­el von Rena, die Vor­der­pfo­ten auf den Couch­tisch gestemmt hat und die Sah­ne­schüs­sel aus­leckt. Wenigs­tens eine, die die Situa­ti­on aus­kos­ten kann.

„Geburts­tag“ wei­ter­le­sen

Service

Vergittertes Fenster, offen, aber mit Schatten und Spiegelung mehrfach vergittert

Eigent­lich brau­che ich kei­ne Geschirr­spül­ma­schi­ne. Aber in der Woh­nung war eine drin, so eine klei­ne, und mit der Zeit habe ich sie benutzt. Als sie kaputt war, hat der Ver­mie­ter eine neue besorgt. Sie sieht toll aus, ein schi­ckes Grün, ein­fa­che Bedien­ele­men­te, lässt sich gut befül­len. Nur: nach zwei Wochen gibt sie den Geist auf, den sie genau genom­men vor­her auch nicht beses­sen hat. “Rufen Sie den Repa­ra­tur­ser­vice an!”, trägt mir der Ver­mie­ter auf.

Von einer unan­ge­neh­men Vor­ah­nung erfüllt, wäh­le ich die ange­ge­be­ne Num­mer. Eine Stim­me fragt mich: “Rufen Sie zum ers­ten Mal bei uns an? Dann drü­cken Sie die Tas­te eins. Oder haben Sie schon ein­mal mit uns tele­fo­niert? Dann drü­cken Sie die Tas­te zwei.” Selt­sa­me Aus­wahl, den­ke ich, aber sofort nach dem Drü­cken der Tas­te eins wer­de ich von einer net­ten Frau begrüßt. Sie hört sich mein Pro­blem an und sagt dann: “Ich schi­cke jeman­den vor­bei. Sind Sie in einer Stun­de noch da?” “In einer Stun­de?”, fra­ge ich ungläu­big. “Ja! Ich bin da.”

Als es nach 50 Minu­ten klin­gelt, kommt nicht der Mon­teur mei­ner Erwar­tun­gen die Trep­pe hoch. Ich muss an die­ser Stel­le zuge­ben, dass ich mir einen Mann vor­ge­stellt habe, in Mon­tur, mit Werk­zeug­kas­ten und Ersatz­tei­len. Es ist aber eine Frau in einem ver­wa­sche­nen Kleid mit einer Stoff­ta­sche in der Hand, auf der das Logo auf­ge­druckt ist, das ich von der Geschirr­spül­ma­schi­ne her ken­ne. “Guten Tag, Fir­ma HR”, stellt die Frau sich vor. “Guten Tag”, stot­te­re ich und ver­su­che, mir mei­ne Über­ra­schung nicht anmer­ken zu las­sen. “Kom­men Sie herein!”

Sie stellt ihre Stoff­ta­sche auf den Stuhl, ent­nimmt ihr eine Küchen­schür­ze, bin­det sie um und fängt an, das Geschirr zu spü­len. “Äh, Ent­schul­di­gung”, sage ich zu ihr, “es ging dar­um, die Geschirr­spül­ma­schi­ne zu repa­rie­ren.” “Kann ich nicht”, ant­wor­tet sie. “Ja, aber …”, murm­le ich, und dann weiß ich nicht wei­ter, und eine Wei­le ist nur Plät­schern zu hören, das Schmat­zen, wenn sich ein gesäu­ber­ter Tel­ler aus dem Was­ser löst und das Kla­cken, mit dem er auf dem metal­le­nen Abtropf­stän­der auf­kommt. “Haben Sie noch was?”, fragt die Frau schließ­lich und hebt ihre sei­fi­ge Hand aus dem schmut­zi­gen Was­ser, um sich mit dem Unter­arm eine Sträh­ne aus dem Gesicht zu wischen.

“Sie müs­sen doch nicht mein Geschirr spü­len!”, sage ich, viel zu spät. “Ich woll­te eine Repa­ra­tur.” “Es gibt nur einen Tech­ni­ker für die Gerä­te. Es wird Mona­te dau­ern, bis er zu Ihnen kommt. Solan­ge wer­de ich Ihr Geschirr spü­len.” Sie hat das Was­ser abge­las­sen und schrubbt jetzt das Spül­be­cken. “Dan­ke, aber das möch­te ich nicht.”

“Wol­len Sie, dass ich Schwie­rig­kei­ten bekom­me? Nein? Also, dann las­sen Sie mich Ihr Geschirr spü­len. Kön­nen Sie bit­te unter­schrei­ben, dass ich den Auf­trag ord­nungs­ge­mäß aus­ge­führt habe?” Sie trock­net sich die Hän­de an der Schür­ze und holt eine Unter­schrif­ten­map­pe aus der Stoff­ta­sche, schlägt die Sei­te mit dem heu­ti­gen Datum auf. Ich kann nur mei­nen Namen erken­nen, alle ande­ren sind abge­deckt. Die Lis­te ist lang. Ich unter­schrei­be, und als sie die Map­pe schließt, sehe ich auf dem Umschlag wie­der das Logo HR, und dar­un­ter in klein: Human Resources.

Mensch­li­che Res­sour­cen also, als Ersatz für Tech­nik. Aber ist das denn erlaubt? “Gut, dann bis mor­gen”, sagt die Frau. Glei­che Uhr­zeit?” “Nein, mor­gen … also, wol­len Sie jetzt wirk­lich jeden Tag kom­men?” “Von wol­len kann nicht die Rede sein.” “Aber dann … kön­nen wir es nicht so machen, dass-”

“Nein. Wenn ich nicht regel­mä­ßig zu Ihnen kom­me, ver­lie­re ich die­sen Job, und das bedeu­tet für mich Abschie­bung.” “Was? Das ist ja schreck­lich! Und wahr­schein­lich wer­den Sie schlecht bezahlt?” “Schlecht bezahlt? Das gilt als unbe­zahl­tes Prak­ti­kum.” “Aber, das ist doch … recht­lich gese­hen…” Sie schaut mich nur spöt­tisch an. Ich kom­me mir so unbe­hol­fen vor.

Dann grei­fe ich in mei­ne Jacke, die über dem Küchen­stuhl hängt und hole mei­nen Geld­beu­tel her­vor. Sie schüt­telt den Kopf. “Ich wer­de nichts anneh­men. Ich ken­ne das. Die Leu­te wol­len gut sein, und irgend­wann sind sie es Leid. Dann rufen sie bei der Fir­ma an …” “Das wür­de ich nie tun!”, sage ich inbrüns­tig und mei­ne es auch so. Aber ihr generv­ter Blick lässt mich ins Nach­den­ken kom­men. Wenn ich ein­mal anfan­ge, ihr Geld zu geben, dann kann ich auch nicht mehr so ein­fach wie­der damit auf­hö­ren. Wür­de ich wirk­lich mona­te­lang für einen Ser­vice bezah­len, den ich gar nicht will, und der mir unan­ge­nehm ist? Außer­dem, wie­viel soll ich ihr geben?

Ich las­se den Geld­beu­tel auf dem Küchen­tisch lie­gen. “Wovon leben Sie denn?”, fra­ge ich sie. “Möch­ten Sie nicht wenigs­tens etwas essen?” Sie ver­neint. “Das­sel­be Pro­blem.” “Aber das ist — wie Skla­ve­rei!” “Es ist Skla­ve­rei”, stellt sie fest. Sie ist schon bei der Tür. “Ich muss wei­ter.” “Ja, natür­lich, aber … kann ich denn gar nichts für Sie tun?” “Sei­en Sie nicht so ver­zwei­felt. Es wäre schön, wenn Sie mich nicht mit Ihren Emo­tio­nen belas­ten wür­den. Sie nut­zen ja nicht nur mei­ne Arbeits­kraft, son­dern auch die von vie­len ande­ren, die in einer ähn­li­chen Situa­ti­on wie ich sind. Also müss­ten Sie sich eigent­lich schon längst an Ihre aus­beu­te­ri­sche Sei­te gewöhnt haben.”

Habe ich aber nicht. Ich sehe sie die Trep­pe hin­un­ter­ge­hen und wür­de ihr ger­ne irgend­et­was zuru­fen, etwas Lin­dern­des, aber mir fällt nichts ein. Sie wird jetzt also jeden Tag kom­men und mei­ne Skla­vin sein, und mich an das Elend in der Welt erin­nern. Mir ist übel, denn das ein­zi­ge, was mir dazu ein­fällt, ist: ich will die­se Geschirr­spül­ma­schi­ne loswerden!

Am Trep­pen­ab­satz schaut die Frau noch ein­mal zu mir hoch. Jetzt, den­ke ich, jetzt wird sie sagen, dass es nett von mir war, ihr etwas anzu­bie­ten. Ich läch­le sie an. Sie lächelt nicht, als sie sagt: “Und nicht heim­lich vor­spü­len. Alles ste­hen­las­sen.” Mit die­sen Wor­ten wen­det sie sich von mir ab. Wie vom Don­ner gerührt blei­be ich ste­hen, bis sie ganz unten ist, und die Haus­tür mit einem Knall zufällt.

Die Konsequenz

Verwelkende Tulpen in Rot Schwarz Gelb

Es klin­gelt an der Tür. Ich öff­ne und weiß gleich, was die bei­den wol­len, denn ich habe den Bun­des­ad­ler auf den Papie­ren sofort ent­deckt. Ich schütt­le den Kopf. “Bit­te”, sagt der Älte­re von ihnen. Sie sind bei­de nicht mehr jung, die Gesich­ter sor­gen­zer­furcht, die Klei­dung gebü­gelt aber ärm­lich, wer weiß, wie sie an die­sen Job gekom­men sind. “Nein”, sage ich laut und will die Tür schlie­ßen. Da sehe ich die Trä­nen in den Augen des Jün­ge­ren und bin erschro­cken. “Es tut mir Leid, aber ich kann wirk­lich nicht…” Ich win­de mich. Dann fällt mir etwas ein.

“Sie kön­nen etwas zu essen bekom­men”, schla­ge ich vor. “Aber danach müs­sen Sie wirk­lich gehen.” Die bei­den nicken eif­rig. So, wie sie das Essen in sich hin­ein schau­feln, müs­sen sie rich­tig aus­ge­hun­gert sein. Zum Glück ist so viel übrig geblie­ben von mei­ner Geburts­tags­fei­er. Mir fällt ein, dass das Datum mei­nes Geburts­ta­ges in den Unter­la­gen steht. Ob sie absicht­lich des­halb heu­te gekom­men sind?

Gewieft, den­ke ich, und: ist doch okay, sie kön­nen es brau­chen. “Kuchen?”, fra­ge ich. Ihre Augen glän­zen, und ich bin groß­zü­gig mit der Sah­ne. Erst als sie alles auf­ge­ges­sen haben, fin­den sie ihre Spra­che wie­der und bedan­ken sich über­schwäng­lich. Dann sagt der Älte­re: “Wir wer­den jetzt gehen, wie ver­spro­chen. Aber ich woll­te Sie noch dar­auf hin­wei­sen, dass das Ver­fah­ren stark ver­ein­facht wur­de.” Der Satz klingt wie aus­wen­dig gelernt. Er hat einen Akzent, pol­nisch viel­leicht? “Sie brau­chen jetzt gar kei­ne Fra­gen mehr zu beant­wor­ten. Mit nur einer Unterschrift…”

“Ach, tat­säch­lich?”, ent­fährt es mir. Wenn ich an den mehr­sei­ti­gen Fra­ge­bo­gen den­ke, den man frü­her aus­fül­len muss­te, die Prü­fun­gen, die Gebüh­ren und das mona­te­lan­ge War­ten. Der Jün­ge­re beugt sich vor, flüs­tert mir zu: “Unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen könn­ten Sie sogar eine Prä­mie von 1000 Euro erhalten!”

Okay, ich muss kla­re Ver­hält­nis­se schaf­fen. “Ich möch­te die deut­sche Staats­bür­ger­schaft nicht. Jetzt nicht mehr. Mona­te­lan­ge sys­te­ma­ti­sche Unter­stüt­zung von Völ­ker­mord, da kann ich mich nicht bewusst dafür ent­schei­den, zu die­sem Land zu gehö­ren. Nein, ich möch­te nichts damit zu tun haben.”

Schwei­gen. Seuf­zen. “Wir ver­ste­hen Sie ja”, sagt der Älte­re, es ist nur so, dass… Wenn wir unse­re Quo­te nicht erfül­len, wer­den wir bestraft.” “Bestraft? Wie denn?” Der Jün­ge­re hat schon wie­der Trä­nen in den Augen, er lässt sie rin­nen, sie fal­len zu den Krü­meln auf dem Kuchen­tel­ler. Der Älte­re schluckt schwer: “Wir müs­sen dann …”, er schüt­telt den Kopf, “wir müs­sen dann selbst Deut­sche werden.”

Jetzt wei­nen bei­de, an mei­nem Küchen­tisch, und ich zie­he den Vor­hang zu, damit die neu­gie­ri­ge Nach­ba­rin, die jetzt auf den Bal­kon gekom­men ist, uns nicht sehen kann.

BusTorTour: Ganz außergewöhnlich, zugleich allgemeingültig

Maschinelle Anlage in lila, blauer Trichter füllt ein, grünes großes Rad gibt Antrieb

Spä­ter ließ sich nicht mehr fest­stel­len, ob es von vorn­her­ein der fal­sche Bus gewe­sen war, oder der rich­ti­ge Bus, der von sei­ner Stre­cke abge­wi­chen war, wie die meis­ten behaupteten.

Eine ruhi­ge Fahrt war es von Anfang an nicht gewe­sen. Stän­dig klopf­te jemand ans Fens­ter und woll­te unbe­dingt rein. Dann waren wie­der Wür­ge­ge­räu­sche zu hören, es roch nach Erbro­che­nem und Leu­te woll­ten drin­gend raus. Vie­le ertru­gen aber den rau­en Wind nicht, der ihnen dort ent­ge­gen­schlug. Sie stie­gen wie­der ein und würg­ten wei­ter. So viel Übel­keit auf einer ein­zi­gen Fahrt hat­te noch nie­mand erlebt; frei­lich gab es auch reich­lich Kurven.

Der Bus­fah­rer mach­te alles mit, hielt bei der kleins­ten Stö­rung an und reg­te sich auch nicht auf, als ande­re, die schnel­ler vor­an­kom­men woll­ten, ihn so beschimpf­ten, wie man es kei­nem Bus­fah­rer wünscht.

Auch die meis­ten Fahr­gäs­te wirk­ten erstaun­lich gelas­sen. Sie plau­der­ten, dös­ten, früh­stück­ten, starr­ten in ihr Smart­phone oder ver­bar­gen sich hin­ter rie­si­gen Zei­tun­gen; ver­hiel­ten sich also wie sonst auch auf dem Weg zur Arbeit, und das, obwohl die Fahrt ein paar Mona­te län­ger dauerte.

Von außen betrach­tet, hät­ten die Insas­sen eigent­lich mer­ken müs­sen, dass da etwas nicht stimm­te, aber vie­les ist von außen betrach­tet ein­fa­cher zu erken­nen, und im Nach­hin­ein ist es immer leicht, Weis­hei­ten zu verbreiten.

Außer­dem sah doch ab und zu jemand aus dem Fens­ter und frag­te halb­laut: “Stimmt das hier eigent­lich noch?” Aber da gab es immer wel­che, die sofort erwi­der­ten: “Natür­lich stimmt das, es ist die rich­ti­ge Linie! Ich fah­re seit Jah­ren gut damit!” Und ande­re nick­ten erleich­tert, dann konn­te es ja nicht falsch sein. Denn das war ihnen das Wich­tigs­te: nie wie­der woll­ten sie die fal­sche Linie fahren.

Noch dazu bemerk­ten sie ja, dass die­je­ni­gen, die aus­stie­gen, sofort ver­blass­ten, in den Staub fie­len, und so unge­müt­lich aus­sa­hen, dass alle froh waren, dass der Bus schnell wei­ter fuhr und sie den Anblick der Aus­ge­stie­ge­nen nicht lan­ge ertra­gen muss­ten. Dann bes­ser drin blei­ben, Vor­hang vor­zie­hen; in den Nach­rich­ten stand ja, dass alles recht­mä­ßig war.

Als die Vor­hän­ge zu bren­nen anfan­gen, wol­len die meis­ten nichts damit zu tun haben. Man­che hal­ten sich die Augen zu. Aber dann wird es zu heiß, und alle schla­gen um sich, mit Jacken, Hüten, Akten­ta­schen, bis das Feu­er end­lich gelöscht ist. Von den Vor­hän­gen blei­ben nur Fet­zen und die Sicht nach drau­ßen, jetzt unver­blümt, löst gel­len­de Schreie aus: rings­um Irr­niss. Der Weg ist ja ganz falsch!

Sofort stür­zen sich wel­che auf den Fah­rer. Er muss ver­prü­gelt wer­den! Und da wird der Betrug offen­sicht­lich: es ist eine Attrap­pe. “KI!”, ruft jemand erbost, zückt ein Taschen­mes­ser und schnei­det den Kopf ab: nur Wat­te quillt heraus.

Es muss also der Bus gewe­sen sein. Schon schwingt jemand den Not­ham­mer, Schei­ben klir­ren. Die Fahr­gäs­te, die mona­te­lang gedul­dig mit­ge­fah­ren sind, empö­ren sich jetzt, sind hell­wach und ent­schlos­sen. Mit Regen­schir­men, But­ter­mes­sern, Nagel­fei­len und schie­rer Kraft zer­fet­zen sie die Sit­ze, zer­trüm­mern das Arma­tu­ren­brett, defor­mie­ren das Lenk­rad bis zur Unkennt­lich­keit. Und dann ran an die Ein­ge­wei­de! Alle sind jetzt schmut­zig, zer­zaust und außer Atem. Und vol­ler Zorn. Sie sind betro­gen wor­den! Die gan­ze Zeit über haben sie sich unwohl gefühlt, aber sie haben alles mit­ge­macht; und jetzt das!

Als Flam­men aus der Ölwan­ne schla­gen, jubelt die Men­ge. Mit leuch­ten­den Gesich­tern, ver­seng­ten Haa­ren, und in der gro­ßen Befrie­di­gung, sich end­lich rich­tig aus­ge­drückt zu haben, sind alle wild dar­auf, gleich das ver­kohl­te Gerip­pe zu zer­le­gen, zu zer­tre­ten, es zuzu­schüt­ten und auf ewig zu begra­ben, damit nie­mand behaup­ten kann, dass sie sich geirrt hätten.

Auf dem Weg zur Arbeit

Wenn ich zur Arbeit fah­re, bin ich oft schon fast zu spät dran, und jetzt wird auch noch an vie­len Stel­len der Asphalt auf­ge­ris­sen. Bau­gru­ben ent­ste­hen, schein­bar über Nacht, has­tig, manch­mal nicht ein­mal abge­si­chert. Viel­leicht wer­den die Absper­run­gen auch gestoh­len, die­se rot-wei­ßen Plas­tik­git­ter mit den Warn­leuch­ten oben­drauf. Ich weiß nicht, ob die Leu­te sich die in den Gar­ten stel­len oder ins Wohn­zim­mer, oder ob sie damit ihre eige­nen Gru­ben absichern.

Ich sehe auch nie jeman­den bau­en, und kei­ne Maschi­nen. Viel­leicht sind die­se Gru­ben gar kei­ne, also nicht in dem Sin­ne, dass jemand sie gegra­ben hat. Viel­leicht reißt der Boden von allei­ne auf, und das, was uns immer getra­gen hat, trägt nicht mehr, gibt nach, versinkt.

Bis jetzt konn­te ich den Löchern auf der Stra­ße immer noch recht­zei­tig aus­wei­chen, den Fahr­rad­len­ker her­um rei­ßen und den Sturz ver­hin­dern; aber nur, weil ich mit erhöh­ter Wach­sam­keit fah­re und jeder­zeit mit einem Abgrund rechne.

Eines Tages, wenn ich viel­leicht noch etwas ver­schla­fen bin, wird es pas­sie­ren. Auch wer kei­ne Gru­be gräbt, fällt selbst hin­ein. Hof­fent­lich bre­che ich mir nichts. Oder wenigs­tens nicht die Hän­de. Haupt­sa­che ich kann schrei­ben, wäh­rend ich krank geschrie­ben bin. Was mache ich sonst, Tag für Tag zu Hau­se, nur über Gru­ben grü­beln, und war­um es mir nicht gelun­gen ist, die­ses doch vor­her­seh­ba­re Unglück zu ver­mei­den? Eigent­lich wäre es am bes­ten, ich wür­de mich schon vor dem Sturz krank schrei­ben las­sen. Ich müss­te nur mei­ne Haus­ärz­tin von die­ser prä­ven­ti­ven Maß­nah­me über­zeu­gen können.

Wäh­rend ich über Argu­men­te nach­den­ke und einer klei­ne­ren, mir schon bekann­ten Ver­tie­fung aus­wei­che, wer­de ich von einem rie­si­gen roten LKW über­rascht, der von rechts aus einer Ein­fahrt drän­gelt. Ich brem­se scharf ab, mache dem Unge­tüm Platz. Mit Dröh­nen biegt es auf die Stra­ße ein, die Gesteins­bro­cken auf der Lade­flä­che vibrie­ren, und dann wankt der gan­ze Las­ter, kippt nach links, die Ladung kommt in Bewe­gung, Bro­cken rol­len, über­stür­zen sich, schmet­tern auf die Stra­ße und pral­len von ihr ab. Der LKW ist mit dem lin­ken Vor­der­rad in eine Bau­gru­be gesackt.

Das war die Gru­be, die für mich bestimmt war, den­ke ich, und jetzt hat sich die­ses auf­dring­li­che Fahr­zeug hin­ein gestürzt — und dafür bin ich ihm dankbar.

Der Motor heult auf, der Las­ter ruckt vor­wärts, sinkt in das Loch zurück, noch ein­mal und noch ein­mal. Ich traue mich nicht an dem stei­ne­schleu­dern­den Mons­ter vor­bei. Jetzt kom­me ich sicher zu spät zur Arbeit, aber wenigs­tens habe ich eine anschau­li­che Erklä­rung dafür.

Schließ­lich steigt der LKW Fah­rer aus, zückt eine Peit­sche und ver­setzt der roten Flan­ke einen Hieb, sodass meter­lang der Lack abplatzt und ein grau­er Strie­men zurück­bleibt. Der Las­ter jault, bäumt sich auf, reißt das Rad aus der Gru­be, die Ladung rutscht, Stei­ne sprin­gen durch die Luft, einer trifft mich an der Stirn.

„Auf dem Weg zur Arbeit“ wei­ter­le­sen