Eines Tages, in Gaza

Die Krä­hen sind die ers­ten, die etwas bemer­ken. Es gibt kei­ne Krä­hen mehr in Gaza, weil es kaum noch Bäu­me gibt, in denen sie schla­fen kön­nen, aber jetzt sind sie wie­der da, umkrei­sen etwas, und kräch­zen. Es ist noch dun­kel, sie sind von einem Schnur­ren wach gewor­den, von einer Schwin­gung, die anders ist als alles zuvor.

Was fliegt da? Es sieht aus wie eine Him­bee­re, eine klei­ne rote Kugel mit Beu­len; sie strahlt und funkt und lan­det mit­ten in Gaza City.

Es lan­den so vie­le Din­ge in Gaza. Die meis­ten töten. Sogar Lebens­mit­tel. Alle wis­sen, was pas­siert, wenn viel zu weni­ge Lebens­mit­tel will­kür­lich abge­wor­fen wer­den, auf Men­schen, die am Ver­hun­gern sind.

Die Krä­hen sind auf­ge­regt, rufen sich gegen­sei­tig, flat­tern um die rote Kugel her­um, die wächst und sich ver­färbt und jetzt, oran­ge und mit Längs­ril­len, eher einem Kür­bis gleicht. Sie liegt im Staub, auf einer Flä­che, die von Trüm­mern frei geräumt wor­den ist, damit Kin­der dort Fuß­ball spie­len kön­nen. Es gibt schon lan­ge kei­nen pral­len Fuß­ball mehr, aber es gibt eine Hül­le, und wenn der Schmutz von ihr abge­wa­schen wer­den wür­de, könn­ten alle sehen, dass es ein­mal ein Fuß­ball war.

Aber alle sind müde vom Was­ser­schlep­pen. Zu trin­ken gibt es immer zu wenig, und Salz­was­ser muss von weit her geholt wer­den. Die Was­ser­tanks sind alle zer­schos­sen, es wur­den wohl Hamas Kämp­fer dar­in ver­mu­tet. Aber kein Blut floss her­aus, nur Was­ser, das im Schutt versickerte.

Auf dem Fuß­ball­platz wächst die Kugel wei­ter, streckt sich in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen, bil­det Füh­ler oder Zwei­ge; es ent­steht ein Netz aus Kabeln, Armen, Röh­ren; hun­der­te Fin­ger in rot blau grün, lila und oran­ge tas­ten sich voran.

Es ist noch Nacht, vie­le schla­fen. Nie­mand schläft wirk­lich in Gaza, Schlaf bedeu­tet nur, dass die per­ma­nen­te Müdig­keit über­wiegt, so lan­ge, bis sie wie­der von Wach­sam­keit gestört wird. Die Krä­hen­ru­fe las­sen eini­ge auf­ste­hen, Zelt­wän­de öff­nen sich, vor­sich­tig nähern sich Men­schen dem Fuß­ball­platz, leuch­ten mit ihren Han­dys, stau­nen und sind miss­trau­isch. Was ist das? Ein neu­er Trick von Israel?

Das, was man als Wesen bezeich­nen könn­te, bedeckt schon den gan­zen Platz und wächst wei­ter, bil­det immer neue For­men aus, schlän­gelt sich zwi­schen Trüm­mern hin­durch, erhebt sich in die Luft. Es ist eigent­lich nicht nur ein Wesen, son­dern vie­le, die mit­ein­an­der in Ver­bin­dung blei­ben. Soll man die­se Wesen begrü­ßen oder sich vor ihnen fürchten?

Die Krä­hen lan­den furcht­los auf ihnen, trip­peln und hüp­fen, kräch­zen laut, eine stupst die raue Ober­flä­che mit dem Kopf, da krächzt es zurück! Über­all öff­nen sich Sprech­ka­nä­le, aus denen es krächzt und gurrt, eine auf­ge­reg­te Unter­hal­tung beginnt, ein Fest, viel­leicht ein Wie­der­se­hen nach lan­ger Zeit.

Und dann geht die Son­ne auf, und dort, wo der ers­te Strahl eines der Wesen trifft, öff­net es ein Auge. Eine Krä­he schaut hin­ein und da klin­gelt das Wesen, wie zur Freu­de, und die Krä­he hebt den Schna­bel zum Him­mel und klin­gelt auch. Dann öff­nen alle Wesen ihre Augen, über­all an der Ober­flä­che; sie sehen, was sie umgibt, und klin­geln nicht, sie kräch­zen auch nicht mehr, für eine lan­ge Zeit. Sie ver­stum­men ganz und alle Krä­hen ver­stum­men, und hocken zusam­men auf den Wesen, die lei­se beben.

Nicht nur in Gaza wer­den die Wesen bemerkt. Das, was da gelan­det ist und sich aus­brei­tet, sen­det Sel­fies. Über­all auf der Welt bekom­men Men­schen Bil­der und Fil­me auf ihre Han­dys, und beob­ach­ten, wie die Wesen wach­sen, wie sie mit den Krä­hen kom­mu­ni­zie­ren und wie sie ver­stum­men; und sehen jetzt auch das, was die Wesen sehen.

Seit der Ankunft der Wesen wur­den schon dop­pelt so vie­le Nach­rich­ten ver­sen­det wie sonst an einem gan­zen Tag. Die Außer­ir­di­schen, heißt es über­all, die Außer­ir­di­schen sind in Gaza gelan­det! Es sind Schlan­gen, sie haben Tat­zen, wach­sen als Büsche oder sind es Algen? Und jetzt sehen alle gebannt zu, wie sich Men­schen lang­sam die­sen Wesen nähern.

Wie soll man sie begrü­ßen? Was soll man ihnen zu essen anbie­ten? Viel haben die Men­schen in Gaza ja nicht, aber alle brin­gen etwas mit, in Kör­ben, auf Tabletts und auf Tel­lern, die die Bom­bar­die­run­gen heil über­stan­den haben. Sie rei­chen es den Wesen, die sich aus­stül­pen und tas­ten und sich wie­der abwen­den. Sie neh­men nichts; gefällt ihnen das Dar­ge­bo­te­ne nicht oder ernäh­ren sie sich von etwas ganz ande­rem, oder essen sie nichts? Ein Mäd­chen hält eine Scha­le Was­ser hin, und das, end­lich, wird ange­nom­men, ein Rüs­sel senkt sich hin­ein und trinkt.

In dem Moment fällt ein Schuss, die Krä­hen flie­gen auf, das Zen­trum der Wesen wird getrof­fen, alle hal­ten den Atem an — die Kugel prallt ab, fliegt zurück und trifft den Schüt­zen. Er krümmt sich vor Schmer­zen, bricht zusam­men. Die Kugel durch­dringt sei­ne Uni­form und fährt ihm ins Fleisch, zwei Zen­ti­me­ter neben sei­nem Her­zen. Nicht töd­lich, aber herz­er­schüt­ternd. Sei­ne eige­ne Kugel hat ihn getrof­fen, er wird das sein Leben lang nicht mehr ver­ges­sen können.

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Konferenz der Kapriolen

Wenn mein Vor­hang träumt, dann träumt er manch­mal von Samt und Sei­de, und manch­mal von sei­nen Müt­tern, einer Rei­he Baum­woll­pflan­zen aus Usbe­ki­stan; heu­te Nacht aber träumt er vom Kri­mi, den er abends durch das Fens­ter des Nach­bar­hau­ses beob­ach­tet hat, auf der Groß­bild­lein­wand. Ein Traum vol­ler Ver­däch­ti­gun­gen, Schuss­wech­sel und Ver­fol­gungs­jag­den. Mein Vor­hang zuckt und flat­tert im Schlaf, er reißt an der Vor­hang­stan­ge, und im Ver­such zu flie­hen, drückt er sich in eine Ecke; gibt das Fens­ter frei und die Welt schwappt in mein Zimmer.

Vorm Fens­ter biegt sich die Hain­bu­che im Wind, der Baum lässt sei­ne gelb­ge­färb­ten Blät­ter los; durch sei­ne Zwei­ge erscheint, mond­be­schie­nen, der Turm. In sei­nem Erd­ge­schoss, im Fund­amt, sta­peln sich Kof­fer, Taschen und Ted­dy­bä­ren, lie­gen Regen­schir­me auf­ge­reiht neben Hand­schu­hen und Han­dys, und da steht auch der Wäsche­stän­der, der ritt­lings auf dem Turm gelan­det ist, eines Mor­gens, als der Fluss über die Ufer getre­ten ist und sich neue Wege gesucht hat durch die Stra­ßen der Stadt, und vie­le Men­schen auf den Dächern Zuflucht gefun­den hat­ten und froh waren über den Wäsche­stän­der mit den tro­cke­nen Socken und Hosen und einer dun­kel­li­la Fleecejacke.

Im obers­ten Turm­zim­mer lässt Anna Kon­da das Bade­was­ser ein­lau­fen, der Schaum knis­tert und türmt sich in der Wan­ne, und im Raum dar­un­ter sprin­gen die Kaprio­len auf den Kon­fe­renz­ti­schen, die nachts schwin­gungs­fä­hig wer­den wie Tram­po­li­ne. Bei die­sen Sprün­gen wird die Welt durch­läs­si­ger, und immer, wenn die Kaprio­len ihre Kon­fe­ren­zen hüp­fen, wer­den unwahr­schein­li­che Begeg­nun­gen möglich.

In mei­nem Zim­mer spü­re ich einen Ruck durchs Gemäu­er, und unten im Erd­ge­schoss springt die Haus­tür auf und eine Kara­wa­ne stapft her­ein. Bei jedem Tritt der Kamel­hu­fe knirscht der Wüs­ten­sand auf den alten Stein­stu­fen des Trep­pen­hau­ses und die seit­li­chen Las­ten der Höcker­tie­re scheu­ern den Ver­putz von den Wänden.

Frau Win­ter, die jeden Tag das Trep­pen­haus putzt, stürzt aus ihrer Woh­nung und bleibt mit offe­nem Mund ste­hen, es kommt kein Wort her­aus, vor lau­ter Stau­nen und Ehr­furcht. Noch nie hat sie ein Kamel von so nahe gese­hen, so einen gewal­ti­gen, bei­na­he erschre­cken­den Kopf, und so sanf­te Augen.

Das Kamel schnaubt; es hat noch nie eine Frau Win­ter von so nahe gese­hen und es wun­dert sich über die Anwei­sung: „Füße abput­zen!“. Die Frau auf dem Kamel beugt sich vor und streckt Frau Win­ter die Hand hin.

Die­se weicht zurück. Einem frem­den Men­schen die Hand rei­chen? Man soll lie­ber noch nicht ein­mal den klei­nen Fin­ger hin­hal­ten. „Raus“, sagt sie statt­des­sen, aber ihr fehlt das Reso­lu­te, das sie sonst hat, sie sagt es so weich wie Kamel­haar, und das ist offen­sicht­lich ver­wir­rend, denn die Frau lächelt sie an und sagt: „Leda Naro­bi. Nice to meet you, Frau Raus.“

„Nein“, sagt Frau Win­ter und deu­tet auf das Kamel.

Leda Naro­bi nimmt ihre Hand: „You are wel­co­me“, und Frau Win­ter, die auf ein­mal kein Gewicht mehr hat, die ganz leicht gewor­den ist in die­ser Nacht der Mög­lich­kei­ten, schwingt hoch und kommt mir­nichts­dir­nichts auf dem Kamel zu sit­zen, und die Kara­wa­ne zieht weiter.

Im ers­ten Stock öff­net sich die Woh­nungs­tür einen Spalt­breit und Liz­zi, die nicht schläft, weil sie noch ein Refe­rat über Phä­no­me­ne der Quan­ten­phy­sik schrei­ben muss, guckt her­aus und ist beein­druckt davon, dass die rup­pi­ge Frau Win­ter nachts auf Kame­len reitet.

„Jedes Teil­chen ist eine Wel­le“, schreibt Liz­zi, „jede Stadt ist ein Fluss …“ Den zwei­ten Satz streicht sie wie­der durch. „Kei­ne Phan­ta­sie, Liz­zi!“ hat der Phy­sik­leh­rer zu ihr gesagt. Aber ohne Phan­ta­sie, fin­det Liz­zi, ist die Quan­ten­phy­sik nicht zu ver­ste­hen, und vie­les ande­re auch nicht.

In der stil­len Woh­nung wackeln die Schu­he im Schlaf mit den Klett­ver­schluss­la­schen, und der Senf träumt von einer Sänf­te, die sei­ne Schär­fe über die Zun­gen­hü­gel trägt, er schmilzt im Licht der Stra­ßen­la­ter­ne, die Lud­mil­la heißt, und ihr Licht auch auf das ambu­lan­te Unter­neh­men wirft, das Pan­to­mi­me und ein­fa­che Tele­pa­thie als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­hil­fe anbie­tet. Die­ses Unter­neh­men kann sich auch mit einer Stra­ßen­la­ter­ne unter­hal­ten und seit es ein­mal mit Lud­mil­la geplau­dert hat, schwärmt es für sie, die so ver­wur­zelt und erleuch­tet zugleich ist.

Heu­te Nach­mit­tag hat jemand einen roten Zet­tel auf das lan­ge Bein von Lud­mil­la geklebt, auf dem steht: „Win­nie ver­misst“. Beim nächt­li­chen Spa­zier­gang liest das Unter­neh­men den Zet­tel und wird auch rot, und schließ­lich traut es sich und denkt, an Lud­mil­la gewen­det: „Ich bin Win­nie, und ich hab dich auch schon so sehr vermisst.“

Frau Win­ter klam­mert sich an den Höcker des Kamels. „Wel­co­me“, hat die frem­de Frau gesagt, so als ob sie hier zu Hau­se wäre und Frau Win­ter der Gast. Da stimmt doch etwas nicht, sie muss es gera­de rücken aber gera­de auf einem Kamel­rü­cken ist es schwie­rig, etwas gera­de zu rücken; alles schau­kelt und schwankt, wäh­rend sie unter­wegs ist wer weiß wohin.

„Kon­fe­renz der Kaprio­len“ wei­ter­le­sen

Jenseits

Manch­mal beschleicht mich so ein Gefühl, eine Vor­ah­nung von etwas, das groß und dro­hend unmit­tel­bar vor mir steht. Dann … ver­geht es wie­der und ich den­ke nicht mehr daran.

Heu­te ist so ein Tag. Als ich die Woh­nungs­tür hin­ter mir ver­schlie­ße, stockt mir auf ein­mal der Atem. Was, wenn ich nicht zurück­kom­me? Wenn ich mei­ne Woh­nung nie wie­der sehen wer­de? Es ist ein ganz nor­ma­ler Tag, nichts deu­tet auf ein Ereig­nis hin, das mich vom Heim­kom­men abhal­ten könn­te. Und den­noch, ich habe die­ses Gefühl… dass heu­te etwas zu Ende geht.

Ich schlie­ße wie­der auf und schaue in den Flur hin­ein, wo Jacken und Tücher rot blau grün oran­ge neben­ein­an­der hän­gen, und dar­über Müt­zen und Kap­pen, alle so ver­traut. Die Schu­he ste­hen paar­wei­se, die meis­ten etwas schräg — es sieht ganz sym­pa­thisch aus. Aber es wirkt auf mich wie das Leben einer ande­ren, einer Per­son, die kei­ne Ahnung hat.

Und ich habe Ahnung, in die­sem Moment, oder einen Anflug von Ahnung, aber bevor ich weiß, was es ist, will ich es schon nicht mehr wis­sen. Ich hal­te es nicht aus, knal­le die Tür zu, damit der Anflug ver­fliegt, und ren­ne die Trep­pe run­ter als wäre was hin­ter mir her.

Und es ist etwas hin­ter mir her! Ich höre es pol­tern und schep­pern, aber ich dre­he mich nicht um, ich muss hier weg! Ich bin schon auf der Stra­ße — wohin? Wohin? Hin­ter mir kracht es, es klim­pert und knarrt, und ich ken­ne die­ses Knar­ren so gut, seit sie­ben Jah­ren ist es mir ver­traut, ich habe es immer ger­ne gehört; jetzt erfüllt es mich mit Ent­set­zen, ich lau­fe los.

Fort, irgend­wo­hin — in den Park, da steht der Baum, der so einen beque­men Ein­stieg bie­tet; als ich bei ihm bin, ergrei­fe ich den unters­ten Ast und schwin­ge mich hoch. Im Nu sit­ze ich in der brei­ten Gabel, keu­chend, und erst jetzt wage ich einen Blick nach unten.

Da steht sie, mei­ne Woh­nungs­tür, etwas abge­wetzt. Beim Ein­zug habe ich sie neu gestri­chen, blau, jetzt ist die Far­be an eini­gen Stel­len abge­blät­tert und das ursprüng­li­che Weiß zeigt sich dahin­ter. Die Tür schwankt, sie ist das Ste­hen nicht gewöhnt, sonst hängt sie immer in ihren Angeln. Meis­tens ist sie auch geschlos­sen und fin­det auf der ande­ren Sei­te eben­so Halt. Und die­sen Halt ver­misst sie jetzt, und ich ver­mis­se ihn auch, den Halt, den ich nor­ma­ler­wei­se habe, in mir, in mei­nem Leben.

Und dann klim­pert es wie­der, und als die Tür sich dreht, erken­ne ich, dass der Schlüs­sel noch im Schloss steckt. Ist sie des­halb hin­ter mir her gelau­fen? Um mich dar­an zu erin­nern, den Schlüs­sel mit­zu­neh­men? “Das wäre doch nicht nötig gewe­sen”, sage ich lei­se, pein­lich davon berührt, dass ich mit einer Tür rede. Aber viel­leicht ist alles gar nicht so schlimm. Ich kann zurück­ge­hen, gefolgt von der Tür, sie wie­der ein­hän­gen, abschlie­ßen, den Schlüs­sel ein­ste­cken, und den Tag noch ein­mal neu beginnen.

Da setzt sich die blaue Tür in Bewe­gung. Sie neigt sich zu der Sei­te, wo die Klin­ke aus ihr her­aus ragt, schwingt die Sei­te mit den bei­den Schar­nie­ren nach vor­ne, ver­la­gert ihren Schwer­punkt dar­auf und schwingt die ande­re Sei­te vor­wärts. Wann hat sie das gelernt? Etwa in den lan­gen Stun­den, in denen sie allei­ne zu Hau­se war?

Sie will auf jeden Fall nicht zurück, son­dern schlägt den Weg zum Ufer ein; und das mit einer beacht­li­chen Geschwin­dig­keit. “Halt!”, rufe ich, und da ist es wie­der, die­ses grau­en­haf­te Gefühl, dass etwas zu Ende gehen könn­te oder schon zu Ende gegan­gen ist, ohne dass ich es bemerkt habe.

Und natür­lich, es geht dau­ernd etwas zu Ende, und ein­mal wird es ganz vor­bei sein, und die­ser Zeit­punkt rückt immer näher. Auch wenn es unge­wiss ist, wann ich ster­be, so ist doch gewiss, dass ich mitt­ler­wei­le mehr Leben hin­ter mir habe als vor mir.

Und gleich habe ich kei­ne Woh­nungs­tür mehr. Sie ist hin­ter der brei­ten Eiche ver­schwun­den. Ich klet­te­re vom Baum und ren­ne hin­ter ihr her. Wo ist sie? Ach da! Sie liegt auf dem Was­ser und schau­kelt. “Was machst du denn”, schimp­fe ich, “du wirst noch abtrei­ben!” Und tat­säch­lich schwappt die Tür vom Ufer weg. “Bleib da!” Ich stür­ze zu ihr, ins Was­ser hin­ein, stol­pe­re über einen Stein, und ehe ich es mich ver­se­he, lie­ge ich bäuch­lings auf mei­ner Woh­nungs­tür und trei­be die Weser hinab.

„Jen­seits“ wei­ter­le­sen

Trügerische Geländer

Fauler Apfel mit schwarz gewordener Schale, die an einigen Stellen Löcher hat, oranges Fruchtfleisch ist zu sehen.

Da bewegt sich etwas, hin­ten im Rha­bar­ber­beet. Etwas Rotes. Ist das ein Mensch? Gebückt, beim Rha­bar­ber klau­en? Ich ste­he am Küchen­fens­ter; und wäh­rend ich dar­auf war­te, dass das Was­ser kocht, schaue ich auf den gro­ßen Gar­ten hin­un­ter. Obst­bäu­me, Blu­men­bee­te, über­all Blü­ten und Früch­te — und ganz hin­ten das Rha­bar­ber­beet, in dem irgend­et­was vor sich geht.

Mari­an­ne hat ein Fern­glas auf der Arbeits­plat­te ste­hen, mit dem sie die Vögel im Fut­ter­häus­chen beob­ach­tet. Viel­leicht auch Obst­die­be. Mir fällt ein, dass sie, wäh­rend sie mir das Haus gezeigt hat, erzählt hat, dass sie wegen einem Ein­dring­ling im Gar­ten ein­mal die Poli­zei hat­te rufen müssen.

Als Mari­an­ne mich frag­te, ob ich mir vor­stel­len könn­te, wäh­rend ihres Urlaubs in ihrem Haus zu woh­nen und den Gar­ten zu gie­ßen, habe ich zuge­stimmt. Eine gute Idee, fand ich. Ich konn­te ihr einen Gefal­len tun und in der Zeit auch so etwas wie Urlaub haben. Aller­dings schüch­tert mich das Haus ein, sodass ich haupt­säch­lich im Gäs­te­zim­mer woh­ne. In der geräu­mi­gen Küche koche ich zwar, set­ze mich aber nicht dort an den Tisch, son­dern neh­me mein Essen mit ins Zim­mer oder in den Gar­ten. Ich ver­su­che, mich unauf­fäl­lig zu ver­hal­ten, obwohl ich weiß, dass das nicht not­wen­dig ist. “Du kannst alles benut­zen”, hat Mari­an­ne mir ver­si­chert. Aber erst ges­tern Abend habe ich das Wohn­zim­mer betre­ten und mich auf der Couch nie­der­ge­las­sen. Für eine hal­be Stunde.

Ich bin gar nicht so schüch­tern, nor­ma­ler­wei­se. Oder bes­ser gesagt: unter ande­ren Umstän­den. Im Gar­ten habe ich mich sofort wohl gefühlt; bin quer zu den Wegen gelau­fen und habe alle Gewäch­se ein­zeln begrüßt, obwohl es genug gereg­net hat­te und ich nicht gie­ßen musste.

Des­halb weiß ich auch, dass hin­ten in der schat­ti­gen Ecke das Rha­bar­ber­beet ist, und als ich schließ­lich zum Fern­glas grei­fe, erken­ne ich ein Kind, mit Rha­bar­bers­ten­geln in der Hand. Ein Kind mit halb­lan­gen schwar­zen Haa­ren, rotem T Shirt und Jeans. Kei­ne Schuhe.

Sofort füh­le ich mich hilf­los. Ich stel­le das Fern­glas dort­hin, wo es zuvor gestan­den hat. Am bes­ten ist es, so zu tun, als hät­te ich nichts gese­hen. Sonst muss ich etwas unter­neh­men. Das Kind auf­for­dern, den Gar­ten zu ver­las­sen. Und was, wenn es dann nicht geht? Auf kei­nen Fall will ich die Poli­zei rufen.

Der Gedan­ke an Poli­zei löst kom­pli­zier­te Gefüh­le bei mir aus. Einer­seits möch­te ich ger­ne Schutz bekom­men, wenn ich bedroht wer­de, wenn mei­ne Rech­te miss­ach­tet wer­den, oder wenn mir jemand Gewalt antut. Ande­rer­seits weiß ich, dass ande­re, die die­sen Schutz genau­so brau­chen oder noch viel mehr, ihn nicht bekom­men. Die­sel­ben Men­schen wer­den von der Poli­zei mehr ver­däch­tigt als ande­re, öfter kon­trol­liert und ver­haf­tet, manch­mal sogar getötet.

Mit 9 Jah­ren habe ich ein­mal gese­hen, wie ein Poli­zist auf einen Men­schen geschos­sen hat. Ich schau­te aus dem Fens­ter, wie wir Kin­der das oft abends taten, in der Hoff­nung, dass auf der Stra­ßen­kreu­zung etwas pas­sier­te. An jenem Abend ging die Tür der Knei­pe auf, die sich “Café Melu­si­ne” nann­te, und der Hiasl tor­kel­te her­aus. Auf der Brü­cke über den Eis­bach blieb er ste­hen und hielt sich am Gelän­der fest. Und der Lum­pi, sein Hund, der ihn über­all hin beglei­te­te, blieb auch ste­hen und wartete.

Als der Hiasl sich wei­ter auf sei­nen Weg nach Hau­se mach­te, fuhr von der ande­ren Stra­ße ein Poli­zei­wa­gen her­an, hielt auf dem Platz vorm Café Melu­si­ne, und zwei Poli­zis­ten spran­gen her­aus. Sie brüll­ten dem Hiasl hin­ter­her, dass er ste­hen­blei­ben sol­le. Der Hiasl fing statt­des­sen zu lau­fen an, zumin­dest ver­such­te er es; schwan­kend ver­schwand er hin­ter der Hecke unse­res Gartens.

Mit zwei Sät­zen hät­ten die jun­gen Män­ner ihn ein­ge­holt. Aber sie blie­ben ste­hen, einer zog die Pis­to­le und schoss. Die­ser Poli­zist war neu in unse­rem Dorf; er war straf­ver­setzt wor­den, weil er schon zwei­mal einen Men­schen erschos­sen hat­te. Dies­mal traf er nur den Lum­pi. Wir fan­den spä­ter die Blut­spur, die in den Wald hin­ein führ­te. Der Lum­pi wur­de nie wie­der gefunden.

„Trü­ge­ri­sche Gelän­der“ wei­ter­le­sen

So viel Leben

Für Anne zum 60. Geburtstag

Atmen Amei­sen
Abflug­be­reit
Auf Apfel­bäu­men im April
Ahnen auch die Ahnungs­lo­sen
Aller­lei Aufregung

Blät­ter­teig bläht sich
Auf dem Blech im Back­ofen
Bla­sen, Beu­len, ein but­ter­wei­ches Bal­lett
Cho­reo­gra­phiert
Im Cur­ry Cur­cu­ma Café
Durch und durch delikat.

Dösen drei Dra­chen
Dort im Durch­gang
Der Dor­nen­he­cke
Ein Ein­bre­cher mit Eimer
Eilt durch die Ein­bahn­stra­ße:
Fei­er­abend!

Frü­he Fäh­ren auf dem Fluss
Fre­che Fin­ken in den Flat­ter­ul­men
Flü­gel glän­zen am Him­mel
Juwe­len­gleich kos­misch
Libel­len? Mosa­ik­flie­gen?
Nein: Amei­sen im Auf­bruch
Durch­que­ren das Alpha­bet,
Blen­den die Dra­chen,
Die blin­zeln und sich erhe­ben
Eben­des­we­gen

Der Eimer fällt
Der Deckel springt
Es fließt das Geld
Und Pau­la Papri­ka
Auf dem Weg zum Job­cen­ter
Zückt eine Tüte und füllt sie
Mit klin­gen­den Münzen.

Sie­ben Lügen braucht sie
Für einen lücken­lo­sen Lebens­lauf
Und einen hei­ßen Gewürz­tee
Im Cur­ry Cur­cu­ma Café

Der Ein­bre­cher eilt wei­ter
Immer läs­tig mit dem Klein­geld
Und dann die­se Dra­chen
Die plötz­lich erwa­chen
Und gäh­nen
Mit blut­ro­ten Rachen

Kein Geld ist Klein­geld
Denkt Pau­la Papri­ka
Und kein Leben hat Lücken
Ein Lebens­lauf ist nur
Eine Auf­zäh­lung von Zei­ten
In denen sie
Für jemand anders
Nütz­lich war
Zu viel Nütz­lich­keit scha­det der Gesund­heit
Pau­la schlürft den Gewürz­tee
Und beißt in den Gemü­se­stru­del
Sie mag Eimer, aus denen Geld kommt

Am Neben­tisch sitzt der Ein­bre­cher
Bei Blät­ter­teig und Ren­ten­rech­ner
Sie­ben Jah­re hat er noch
Die Kur wur­de abge­lehnt
Sams­tag ein Semi­nar zur Stress­be­wäl­ti­gung
Dort muss er wie­der lügen
Beruf: Umzü­ge zur Unzeit
Beson­de­re Belas­tung: Nacht­ar­beit
Nein, schwer ist es nicht
Was er so von einem Ort zum ande­ren trägt
Aber er lei­det unter Verfolgungsängsten

„So viel Leben“ wei­ter­le­sen

Assoziationen zu 2026, von numerisch bis osmanisch

2026, nume­risch betrach­tet, bie­tet als Quer­sum­me die 10 (2+0+2+6=10) , eine Zahl, die mit Voll­endung asso­zi­iert wird, weil wir mit dem Dezi­mal­sys­tem arbei­ten, das so gut zu unse­ren zehn Fin­gern passt.

Die Quer­sum­me von 10 ist 1 (1+0=1), von jeher ein Sym­bol für den Neu­an­fang. Beim Addie­ren von 10 und 1 sto­ßen wir auf die 11, Prim­zahl und Schnaps­zahl, die sowohl an Fuß­ball als auch an Fasching erinnert.

Und schließ­lich, mit der Quer­sum­me von 11, (1+1=2), ergibt sich die Zwei, die mit dem Zwei­fel ver­wandt ist und dar­auf hin­deu­tet, wie wich­tig es ist, unser Wis­sen auch immer wie­der in Fra­ge zu stellen.

Die 11 ist im Peri­oden­sys­tem der Ele­men­te dem Natri­um zuge­ord­net, einem wachs­wei­chen, sil­ber­glän­zen­den Metall, das in luft­dicht ver­schlos­se­nen Stahl­fäs­sern gela­gert wer­den muss, weil es so stark reagiert. Eben­falls hoch­re­ak­tiv ist Chlor, die Num­mer 17 im Peri­oden­sys­tem, (Quer­sum­me 8, eine Zahl, auf die ich spä­ter noch zurück­kom­men wer­de). Chlor ist ein gelb­grü­nes, übel rie­chen­des, sehr gif­ti­ges Gas. Wie erstaun­lich, dass die Ver­bin­dung die­ser bei­den Ele­men­te eine Sub­stanz her­vor­bringt, die in Far­be, Kon­sis­tenz und Ver­hal­ten in keins­ter Wei­se an ihre ursprüng­li­chen Zuta­ten erin­nert. Es ent­steht dabei näm­lich Natri­um­chlo­rid, unser Kochsalz.

Jede Jah­res­zahl hat neben ihrer nume­ri­schen Bedeu­tung immer auch eine reli­giö­se und eine poli­ti­sche. Wenn wir das neue Jahr “2026” nen­nen, bezie­hen wir uns auf die christ­li­che Zeit­rech­nung, die ande­re Zeit­rech­nun­gen wie die jüdi­sche, die isla­mi­sche, die chi­ne­si­sche und wei­te­re, an Bedeu­tung über­holt hat, und mit­tels kolo­nia­ler und kapi­ta­lis­ti­scher Ver­brei­tung, heu­te welt­weit als Haupt-Zeit­rech­nung ver­wen­det wird. Sie ist zu einem Sym­bol für christ­lich euro­päi­sche Vor­herr­schaft geworden.

Vor 2026 Jah­ren wur­de ein gewis­ser Jesus gebo­ren. Es gibt auch Stim­men, die behaup­ten, dass es ein Mäd­chen gewe­sen war, Susi genannt, und ob ihrer Wider­spens­tig­keit des öfte­ren “Ja Susi!” geta­delt, wor­aus dann der Name “Jesus” wur­de. Aber das ist wahr­schein­lich nur ein Gerücht.

Der männ­lich gele­se­ne Jesus ist auf jeden Fall das wohl bekann­tes­te mensch-gött­li­che Wesen aller Zei­ten gewor­den. Er hat in min­des­tens 4 Reli­gio­nen erfolg­reich Platz genom­men. Wäh­rend er im Chris­ten­tum als Sohn Got­tes eine her­aus­ra­gen­de Stel­lung hat, und im Juden­tum nur eine neben­säch­li­che, ist Jesus im Islam ein Pro­phet, der, anders als ande­re Pro­phe­ten, Wun­der voll­brin­gen kann, und im Hin­du­is­mus wird er sogar als Gott aner­kannt; aller­dings muss er sich die­se Stel­lung mit vie­len ande­ren Göt­tern und Göt­tin­nen teilen.

Reli­gio­nen haben oft mehr mit­ein­an­der gemein­sam, als es auf den ers­ten Blick schei­nen mag, und manch­mal wer­den die Gren­zen zwi­schen ihnen auch nicht so streng gezo­gen. In Gaza war es frü­her üblich, dass Mus­li­me an Weih­nach­ten mit ihren christ­li­chen Nach­barn in die Kir­che gin­gen — genau­so, wie christ­li­che Palästinenser*innen an mus­li­mi­schen Fei­er­ta­gen die Moschee besuch­ten. Mitt­ler­wei­le sind fast alle Kir­chen und Moscheen im Gaza­strei­fen zer­bombt, nie­mand kann sich mehr dort treffen.

Der ortho­do­xe Theo­lo­ge Jou­sef AlK­hou­ry¹ berich­tet, dass es in Paläs­ti­na unter Nach­ba­rin­nen üblich war, Kin­der gemein­sam zu stil­len; reli­giö­se Ver­schie­den­hei­ten spiel­ten dabei kei­ne Rol­le. Kin­der, die von der­sel­ben Frau gestillt wor­den waren, gal­ten als Geschwis­ter. So wur­den Ver­bin­dun­gen auf­ge­baut und eine erwei­ter­te Fami­lie kre­iert, die sich nicht auf die eige­ne Nach­kom­men­schaft beschränkte.

„Asso­zia­tio­nen zu 2026, von nume­risch bis osma­nisch“ wei­ter­le­sen

Spülung

Lila Strömung unten, schwarze Strömung oben, dazwischen werden Partikel gespült

Spülung

Ali­ne stellt sich ger­ne in den Besteck­korb, ich lege mich lie­ber auf das Git­ter für die Glä­ser, in der zwei­ten Ebe­ne. Nur Cora ist dünn genug, um auf der Abla­ge in der drit­ten Ebe­ne noch bequem lie­gen zu kön­nen. Sie nimmt als Unter­la­ge ein him­mel­blau­es Fleece­tuch; behält aber trotz­dem oft Abdrü­cke der Hal­te­run­gen für Mes­ser Gabel Löf­fel auf ihrem Gesicht zurück. Wenn Xenia das beim Abend­essen bemerkt, wird sie mit den Augen rol­len. Sie war nicht dabei, beim Semi­nar “Gedan­ken­rei­ni­gung”, des­halb kann sie uns nicht verstehen.

“Fer­tig?”, fragt Jet­te. Sie muss­te dies­mal drau­ßen blei­ben, um die Maschi­ne anzu­stel­len, denn Xenia wei­gert sich. “Ich bin bereit!”, murm­le ich. Sobald ich mei­nen Kopf auf den Spül­schwamm gebet­tet habe, ent­span­ne ich mich. “Inten­siv-Pro­gramm bit­te”, meint Ali­ne, “ich spü­re ein Pro­blem in mir auf­stei­gen. “Mir ist alles recht”, lässt sich Cora ver­neh­men. In der Geschirr­spül­ma­schi­ne haben wir noch nie gestritten.

“Lasst es euch gut gehen!”, sagt Jet­te, als sie das rosa Rei­ni­gungs­pul­ver ein­füllt. “Du kommst danach auch noch dran”, ver­spre­che ich ihr, aber sie hört es nicht mehr. Es wird dun­kel, mit einem Kla­cken schließt sich die Klap­pe. Ali­ne gibt einen woh­li­gen Seuf­zer von sich, ich däm­me­re schon vor mich hin. Ich höre das Was­ser rau­schen, mit einem Brum­men setzt sich der Motor in Bewe­gung, dann gehe ich in einen Zustand über, den ich sonst wahr­schein­lich nur mit aus­gie­bi­ger Medi­ta­ti­on errei­chen könnte.

Mit einem Medi­ta­ti­ons­kurs habe ich es ja auch ver­sucht. Aber ich konn­te mei­ne Gedan­ken nicht abstel­len und hat­te Schmer­zen, weil ich das Sit­zen nicht gewohnt war. In der Geschirr­spül­ma­schi­ne hin­ge­gen — nur abso­lu­te Ruhe und Gelas­sen­heit, von der ers­ten Minu­te an. Nichts stört, ich löse mich von allen Pro­ble­men, Leich­tig­keit durch­strömt mich, ich füh­le mich geborgen.

Es ist das bes­te Stress­be­wäl­ti­gungs-Pro­gramm, das ich je ken­nen­ge­lernt habe. Was habe ich mich frü­her auf­ge­regt! Ich hat­te hohen Blut­druck, Leber­ver­här­tung, Ver­dau­ungs­be­schwer­den und war so ver­spannt, dass ich jeden Monat zur Osteo­pa­thie muss­te. Ich habe mich mit Kolleg*innen gestrit­ten, mich über die Nach­barn beschwert und über rück­sichts­lo­se Autofahrer*innen geschimpft. Und die poli­ti­schen Nach­rich­ten haben mich so auf­ge­wühlt, dass ich Kopf­schmer­zen davon bekam.

Als Xenia nach Hau­se kommt, ist auch Jet­te schon mit ihrem Durch­gang fer­tig, sie kommt gera­de mit geföhn­ten Haa­ren aus dem Bade­zim­mer. Ali­ne und Cora haben einen Salat vor­be­rei­tet, ich habe Brat­kar­tof­feln gemacht, Gemü­se gibt es noch vom Mit­tag­essen. Als wir alle um den Tisch sit­zen, fällt mir auf, wie bedrückt Xenia aus­sieht. “Was ist denn los?”, fra­ge ich sie, obwohl ich schon weiß, dass ich ihr nicht hel­fen kann.

“Es ist so schreck­lich!”, platzt sie her­aus. “Immer noch ver­hun­gern Babies, obwohl an der Gren­ze die Last­wa­gen mit Lebens­mit­teln Schlan­ge ste­hen! Und es sind schon wie­der Men­schen bei der Essens­aus­ga­be erschos­sen wor­den. Die Sied­ler haben neue Häu­ser zer­stört …” Sie seufzt, und es tut mir leid, dass sie sich so quält. Noch dazu völ­lig umsonst, weil es ja kei­nem Men­schen hilft, dass sie unser wun­der­ba­res Abend­essen nicht genie­ßen kann, son­dern es statt­des­sen mit ihren Trä­nen salzt.

Ich ken­ne die­sen Zustand so gut. Er ist sehr unan­ge­nehm. Es hat auch mich so geplagt, dass ich stän­dig dar­über reden muss­te. “Ein Geno­zid, da pas­siert ein Geno­zid, wir müs­sen etwas tun!” Was hab ich alle damit genervt. Freund*innen haben sich distan­ziert, Arbeitskolleg*innen über mich getu­schelt. Und dann konn­te ich wie­der ein­mal stun­den­lang nicht ein­schla­fen, wach­te gerä­dert auf. Und das alles für nichts und wie­der nichts! Kei­nen ein­zi­gen Men­schen habe ich geret­tet mit mei­nen Pro­tes­ten vor dem Rathaus.

Cora legt Xenia eine Hand auf den Arm. “Möch­test du es nicht doch ein­mal ver­su­chen?”, sie deu­tet auf die Geschirr­spül­ma­schi­ne. Xenia schüt­telt den Kopf. “Ich zie­he aus”, mur­melt sie. “Das ist nun wirk­lich über­trie­ben”, meint Jet­te nach­sich­tig. “Du kannst doch dar­über reden, wenn es das ist, was du möch­test.” “Was ich möch­te -”, Xenia hat schon einen roten Kopf, “ist, dass ihr end­lich wie­der Gefüh­le habt!”

“Wir haben Gefüh­le”, erklä­re ich. “Sogar sehr vie­le. Aber eben nur schö­ne.” “Ja, genau! Ihr seid so redu­ziert!” Ich wider­spre­che: “Im Gegen­teil! Ich habe jetzt viel mehr vom Leben.” “Was für ein Leben hast du denn noch?” “Ach, Xenia, wozu soll das denn gut sein, sich dafür ver­ant­wort­lich zu füh­len, wenn ande­re lei­den, irgend­wo weit weg? Das hat doch mit uns gar nichts zu tun! War­um sich dau­ernd auf­re­gen und wütend sein? Sich womög­lich noch an Pro­ble­me aus der Kind­heit erin­nert füh­len, auf alte Trau­ma­ta sto­ßen und sie unbe­dingt auf­ar­bei­ten wol­len. Das ist alles nur schmerz­haft und führt zu nichts.”

“Ja, es ist schmerz­haft, aber viel schlim­mer ist es, sich davon nicht berüh­ren zu las­sen. Es nicht spü­ren zu wol­len — das trennt dich von ande­ren Men­schen. Und von dir selbst.” “Ich füh­le mich ganz unzer­trenn­lich”, scherzt Ali­ne. “Ach, ihr ver­steht mich nicht!”, Xenia schiebt den Tel­ler, den sie nur halb auf­ge­ges­sen hat, von sich weg. Wir schwei­gen, denn sie hat recht. Wir kön­nen sie wirk­lich nicht mehr ver­ste­hen, jetzt, wo wir auf der ande­ren Sei­te sind, wo sich nega­ti­ve Gedan­ken so leicht auf­lö­sen las­sen, mit nur einem Spül­gang von 45 Minu­ten, und ein paar klei­nen Übun­gen zwischendurch.

„Spü­lung“ wei­ter­le­sen