Streifzug durchs Rudiversum

Film von Anne Fri­si­us mit einem Gedicht von mir
zum 80. Geburts­tag mei­nes Adop­tiv­on­kels Rudolf Fri­si­us, Pro­fes­sor für Neue Musik

Gabel führt zwei Serviettenringe über eine Ebene

Streif­zug durchs Rudiversum

Wer rudert so spät durch Nacht und Noten?
Das ist der Rudi in geis­ti­gen Fluten

Kory­phäe, Kosmopolit
Kon­zep­te Kon­zer­te ein Maxi­mum an Lexikon
Kon­gres­se Kon­klu­sio­nen Kol­li­sio­nen mit Idioten
Kon­den­sa­tor für kon­kre­te Komponisten
Mit einem König­reich an Zitaten

Was ist Klang?
Ein lee­rer Eimer holterdipolter
Die Trep­pe runter
Spat­zen­schrit­te auf dem Blechdach
Spa­ten­sti­che ins Styropor
Mak­ka­ro­ni wenn sie bre­chen unter Trit­ten auf den Fliesen
Das Gegen­teil von Musik ist Musik

Rudi, Forel­le der Vortragsreihe
Mit Vor­lie­be für Zet­tel und Tonbänder
Mit Radio Reden quer durch die Frequenzen
Prä­sen­tiert er elegant
Elek­tro­ni­sche Lektionen
Als schrei­ben­der Begleiter
Von Geis­tern mit ähn­li­chem Siedepunkt
Kagel Rie­del Schne­bel Rihm
Obses­si­on: Stock­hau­sen „Streif­zug durchs Rudi­ver­sum“ weiterlesen

Briefträgerin

Wiese mit leuchtenden PusteblumenUm den Ein­stieg in die Ver­ren­tung sanft zu gestal­ten, hat unse­re Brief­trä­ge­rin einen neu­en Arbeits­mo­dus ein­ge­führt. Und zwar unter dem Mot­to: “Kür­zer tre­ten!” Mon­tag, Diens­tag, Don­ners­tag und Frei­tag trägt sie wie gewohnt Brie­fe und Päck­chen aus. Mitt­woch und Sams­tag trägt sie sie nur in ihre Woh­nung, sta­pelt sie dort auf diver­sen Tischen und Fens­ter­bän­ken, und wir kön­nen sie abholen.
“Jah­re­lang habe ich euch besucht, jetzt machen wir es mal umge­kehrt.” Arbeits-Inver­si­on nennt sie das Kon­zept. Ursprüng­lich hat­te sie in ihrem Flur einen Emp­fangs­be­reich ein­ge­rich­tet, wo sie jede Per­son begrüßt und ihr die Sen­dun­gen per­sön­lich über­reicht hat. Mitt­ler­wei­le liegt sie auf dem Sofa und deu­tet nur noch auf den Sta­pel, in dem sich das Gewünsch­te befin­det. “Ich gewöh­ne mich immer bes­ser an mei­ne Ren­ten­zeit”, meint sie.
Ihr Kon­zept wird gut ange­nom­men. Die Leu­te rei­ßen sich dar­um, die Brie­fe für das gan­ze Haus abho­len zu dür­fen, vor allem die Rentner*innen. Eine Wei­le freue ich mich über den Ser­vice, dann pro­tes­tie­re ich: “Ich möch­te die Brief­trä­ge­rin auch ein­mal besu­chen!” An einem Sams­tag ist es dann so weit. Ich ste­he in ihrem Wohn­zim­mer, auf einem dicken grü­nen Tep­pich, sie begrüßt mich herz­lich: “Schön, dass du auch ein­mal kommst! Möch­test du einen Ing­wer­tee?” Wir duzen uns schon län­ger. Ich glau­be, Glo­ria ist mit dem gan­zen Vier­tel per Du.
“Ger­ne”, sage ich. Wäh­rend sie den Tee aus der Küche holt, sehe ich mich in ihrem Wohn­zim­mer um. Über­all lie­gen Post­sen­dun­gen, geord­net und mit Schil­dern ver­se­hen, auf denen die Haus­num­mern ste­hen. Ich bin ein biss­chen auf­ge­regt, als ich den Sta­pel für unser Haus ent­de­cke. Wir muss­ten alle ein For­mu­lar unter­schrei­ben, in dem wir die Nach­barn bevoll­mäch­ti­gen, unse­re Post abzuholen.
“Heu­te habe ich die Vor­la­dung bekom­men”, erzählt Glo­ria. “Sie ver­su­chen, mir Arbeits­ver­wei­ge­rung nach­zu­wei­sen. Und Ver­let­zung des Post­ge­heim­nis­ses. Bis jetzt haben sie aber noch kei­ne Lücke gefun­den. Alle Kund*innen sind zufrie­den. Herr Schil­ling hat sogar eine Peti­ti­on für mich gestar­tet. Wenn du möch­test, kannst du auch unter­schrei­ben.” “Natür­lich”, sage ich, “ich fin­de dei­ne Idee genial.”
“Ich auch.” Sie strahlt. “War­um mit Abzü­gen in die Ren­te gehen, nur weil ich die­sen Job nicht mehr jeden Tag schaf­fe?” Sie gießt uns Tee ein. “Zucker? Oder Honig?” Ich neh­me mir Honig. “Honig, natür­lich! Im Eng­li­schen heißt es doch Honey­moon, nicht wahr?” Sie lächelt mich an, ich wer­de ein biss­chen rot und kon­zen­trie­re mich dar­auf, den Honig im Tee zu ver­rüh­ren. “Ver­zeih mir, wenn ich neu­gie­rig bin, aber … von wem war eigent­lich der rote Brief?”
“Was für ein roter Brief?” Ich set­ze mich ker­zen­ge­ra­de hin, und wer­de jetzt rich­tig rot, so als ob die­ser Brief, von dem ich gar nichts weiß, auf mich abfär­ben wür­de. “Du musst es mir natür­lich nicht erzäh­len …” “Aber ich habe kei­nen roten Brief bekom­men! Wirk­lich nicht.” “Du hast den Brief nicht bekom­men?” Sie wird jetzt, im Gegen­satz zu mir, weiß im Gesicht, und ich weiß natür­lich war­um. Bei Unre­gel­mä­ßig­kei­ten in der Zustel­lung ist sie dran.

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Update

Rosanes viertelsternförmiges Gitter mit PuschelblumenWenn mein PC abstürzt und sich danach nicht mehr rührt, so wie jetzt, aus­ge­rech­net als ich end­lich mei­ne Steu­er­erklä­rung machen will, dann blei­be ich ganz ruhig. Ich habe ja Phi­lo. Den rufe ich an, der kommt inner­halb von zwei Tagen, hockt sich vor das Gerät und bleibt so lan­ge, bis es repa­riert ist. Wenn’s län­ger dau­ert, legt er sich zwi­schen­durch auf’s Sofa. Sei­ne lan­gen Bei­ne ragen dann einen hal­ben Meter über die Arm­leh­ne hin­aus, und er kann in die­ser Posi­ti­on erstaun­lich gut schlafen.
Aber Phi­lo hat sein Han­dy aus­ge­schal­tet. Das ist noch nie pas­siert. Was ist los mit ihm? Ich hof­fe, er macht kei­ne digi­ta­le Diät. Ich weiß eigent­lich nicht viel über ihn. Ich habe ihn ken­nen­ge­lernt, als sein Lade­ka­bel den letz­ten Halt in der Jacken­ta­sche ver­lor und auf die Stra­ße fiel. Ich hob es auf und rief ihm nach. Er sah mich erst miss­trau­isch an, aber als er sein Kabel erkann­te, lächel­te er. “Dan­ke!” Er hol­te aus sei­nem Porte­mon­naie eine Visi­ten­kar­te und drück­te sie mir in die Hand. “Linux”, stand dar­auf, und eine Han­dy­num­mer. “Äh, heißt du so?” “Lei­der nicht”, mein­te er.
Als er dann das ers­te Mal da war, habe ich ihn nach sei­nem Namen gefragt. Er seufz­te. “Phi­lo. Mei­ne Eltern hat­ten ein Ren­de­vouz im Bota­ni­schen Gar­ten. Und unter dem Phi­lo­den­dron haben sie sich das ers­te Mal geküssst.” Er sah unglück­lich aus. “Da kannst du ja froh sein, mein­te ich, dass es nicht bei der Kame­lie war. Oder beim Bam­bus. Dann hät­ten sie dich womög­lich Bam­bi genannt.” Er sah mich erstaunt an. “Du hast es geschafft. Zum ers­ten Mal in mei­nem Leben bin ich für mei­nen Namen dankbar.”
Das war unser ein­zi­ges rich­ti­ges Gespräch. Er macht mir einen beson­ders güns­ti­gen Preis, ich weiß aber nicht, ob wegen dem Kabel oder dem Namens­hin­weis. Die Visi­ten­kar­te habe ich noch. Auf der Rück­sei­te steht eine Adres­se. Ich beschlie­ße, hin­zu­fah­ren. Es ist eine klei­ne Stra­ße, Sack­gas­se, die Num­mer 37 ganz am Ende. Ein Wohn­haus aus roten Zie­gel­stei­nen. Auf einem Klin­gel­schild steht Linux. Ob das Phi­los Büro ist?
Ich kling­le und sofort ertönt ein Summ­ton, mit dem sich die Haus­tür öff­net. Im drit­ten Stock steht Phi­lo in der geöff­ne­ten Woh­nungs­tür, im Pyja­ma. Es scheint ihm aber nicht pein­lich zu sein. “Äh, Ent­schul­di­gung. Ich habe dich tele­fo­nisch nicht erreicht …” “Komm rein!” Ich fol­ge ihm in die Küche. Auf dem Tisch lie­gen Bücher, Haar­span­gen, zwei Schar­nie­re und eine Plas­tik­tü­te mit Reis. Eine Ker­ze brennt, dane­ben steht ein Kaf­fee­be­cher. Phi­lo nimmt ihn und trinkt. “Willst du auch einen?”
Ich schütt­le den Kopf, räus­pe­re mich. “Sor­ry, dass ich dich stö­re. Ich woll­te nur fra­gen, ob du mei­nen PC repa­rie­ren könn­test.” Phi­lo zuckt zusam­men und sieht trau­rig aus. Er nimmt die Reis­tü­te, hält sie vor­sich­tig wie ein Baby, kippt sie von einer Sei­te zur ande­ren. Der Reis rie­selt, etwas Schwar­zes kommt dar­un­ter zum Vor­schein. “Was­ser­scha­den. Es muss trock­nen”, sagt er. “24 Stun­den lang.” Er starrt betrübt auf die Tüte. “Dein Han­dy? Tut mir Leid.”

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Unterführung

Spiegelung von Häusern in einem FensterEs schlaucht. Die­ser Aus­druck ent­stand wahr­schein­lich in einer Bahn­hofs-Unter­füh­rung. Von allen Bahn­stei­gen strö­men Men­schen die Trep­pen hin­un­ter in den Schlauch hin­ein. Es ist eng und sti­ckig, zu vie­le Gerü­che, alle Fens­ter zei­gen nur Geschäf­te, kei­ne Aus­sicht. Aber nach einer Zug­fahrt gibt es kei­ne ande­re Mög­lich­keit, als die­sen trost­lo­sen Ort zu durch­que­ren, um ins Freie zu kom­men. Ich habe es fast bis zum Aus­gang geschafft, als etwas Mas­si­ves dröhnt und rat­tert und auf mich zu kommt. Es ist eine oran­ge Maschi­ne mit Bürs­ten­fü­ßen — und mit­ten­drin ein bekann­tes Gesicht.
Einen Moment spä­ter kann ich es zuord­nen. Es gehört Mah­mud aus dem Gar­ten­ver­ein. Wenn er oder sei­ne Frau an mei­ner Par­zel­le vor­bei kom­men, unter­hal­ten wir uns manch­mal, über Schne­cken, Hage­but­ten oder die bes­te Art, Kar­tof­feln zu set­zen. Es ist nicht nur die unge­wohn­te Umge­bung, die mir das Erken­nen von Mah­mud erschwert hat, son­dern auch sei­ne grell­oran­ge Klei­dung und die Tat­sa­che, dass er Teil einer Gerä­te-Kom­bi­na­ti­on ist. Mah­mud schiebt einen rie­si­gen Staub­sauber mit brei­ter Düse und rotie­ren­den Bürs­ten an der Sei­te vor sich her und zieht einen Wagen, der brummt und zischt und eine feuch­te Spur zurück lässt. Ich könn­te jetzt einen Schne­cken­witz machen, aber mir ist bei die­sem Anblick nicht zum Lachen zumute.
Mah­mud und Aisha haben mir mal ihren Gar­ten gezeigt. Und als ich das ele­gan­te Gar­ten­haus bewun­der­te, mein­te er: “Selbst gebaut. Das ist mein Beruf. Aber lei­der, arbei­ten kann ich nicht, als Tisch­ler. Nicht aner­kannt.” Statt­des­sen macht er so einen Job. Ich fin­de es trau­rig, und mir ist es unan­ge­nehm, so als ob ich ihn bei etwas Pein­li­chem erwischt hät­te. Nicht, dass mir das fremd wäre. Ich habe auch schon Putz­jobs gemacht. Aber nie so öffentlich.
Ich über­le­ge, ob ich so tun soll, als hät­te ich ihn nicht gese­hen, und fin­de mich beschä­mend. Im nächs­ten Moment ent­deckt Mah­mud mich und winkt mir: “Hal­lo!” Er stellt sei­ne Maschi­ne aus. Sie jault auf, schüt­telt sich, bleibt schließ­lich ste­hen. “Gut dich zu sehen”, sagt er. “Kannst du mir einen Gefal­len tun?” “Ja, ger­ne.” Ich bin erleich­tert, dass ihm anschei­nend nichts pein­lich ist. “Ich muss drin­gend mit Aisha tele­fo­nie­ren. Hier unten hab ich kei­nen Emp­fang. Kannst du mich kurz ver­tre­ten?” Ich zöge­re, nicke aber.
Er zieht schon sei­ne Jacke aus, steigt aus der Vor­rich­tung, die ihn umfan­gen hält. “Die Jacke musst du anzie­hen, ist Pflicht. Ruck­sack kannst du hier unten rein tun. Du fährst ein­fach wei­ter, Gang ent­lang und zurück. Haupt­sa­che, die Maschi­ne bleibt nicht lan­ge ste­hen, sonst kommt der Kon­trol­leur.” Schnell schlüp­fe ich in die Jacke, und neh­me Mah­muds Platz ein. Es gibt kei­ne Mög­lich­keit, mich hin­zu­set­zen, ich muss mit­lau­fen, und bin Teil des Antriebs. Ein biss­chen mul­mig ist mir schon zumu­te, als ich mir die Gur­te umle­ge und die Hal­te­run­gen schlie­ße, bis ich fest ein­ge­bun­den bin. Aber ich sage mir, dass es eine gute Gele­gen­heit ist, etwas für Mah­mud zu tun. Er hat schließ­lich auch ein­mal bei mir Rasen gemäht, als ich ihm erzählt habe, dass ich einen Hexen­schuss habe.
“Fer­tig?”, fragt Mah­mud. Ich nicke, und die Maschi­ne beginnt zu vibrie­ren, es dröhnt und drängt vor­wärts, ich wer­de mit gescho­ben und schon bin ich ein vor­über­ge­hen­der Cyborg. Und gefan­gen in der Unter­füh­rung. Ich ver­su­che, mich nicht elend zu füh­len. Für eine Wei­le wer­de ich das wohl aus­hal­ten. Schließ­lich muss Mah­mud das jeden Tag vie­le Stun­den lang ertra­gen. Immer­hin habe ich jetzt einen Schutz­pan­zer. Und eine ganz ande­re Per­spek­ti­ve. Es ist eine eigen­ar­ti­ge Erfah­rung. Ich bin so auf­fäl­lig und bekom­me kei­ner­lei Beach­tung. Die Leu­te wei­chen dem Putz­ge­rät aus und sehen mich strikt nicht an. Ich bin qua­si unsichtbar.
Erst am Ende des Tun­nels mer­ke ich, dass ich nicht weiß, wie man die­sen Putz­o­mat wen­det. Und den Aus­stell­knopf hat mir Mah­mud auch nicht gezeigt. Womög­lich muss ich wei­ter fah­ren, durch die auto­ma­ti­sche Schie­be­tür raus, am Taxi­s­tell­platz vor­bei und dann über die Kreu­zung. Wenn ich da bei Rot drü­ber fah­re, krie­ge ich womög­lich Punk­te in Flensburg.
Im letz­ten Moment fin­de ich einen Hebel und sche­re zur Sei­te aus. Die­se ziem­lich abrup­te Bewe­gung fin­det nun doch Beach­tung, weil ich eini­gen Leu­ten den Weg abschnei­de. Ver­är­ger­te Gesich­ter, Schimp­fen über mei­nen Fahr­stil. Ich bah­ne mir einen Weg quer zur Aus­rich­tung des Men­schen­stroms und ver­su­che, wie­der in eine Längs­bahn ein­zu­sche­ren. Da sehe ich sie und sie sieht mich: Nelly.

„Unter­füh­rung“ weiterlesen

Wortwechsel

Rohrenden, im Cartoon-Modus aufgenommenVor mei­ner Woh­nungs­tür tut sich etwas. Ich höre Stim­men. Da stimmt was nicht. Ich woll­te gera­de ein­kau­fen gehen, hab die Schu­he schon an, die Jacke auch und den Ruck­sack vol­ler lee­rer Fla­schen auf dem Rücken. Jetzt traue ich mich nicht, raus zuge­hen. Ein Blick durch den Spi­on zeigt mir den Nach­barn von oben, Herrn Konf, mit dem Rücken zu mir, im Gespräch mit den neu­en Nach­barn gegen­über, die vori­ge Woche ein­ge­zo­gen sind, und deut­lich klei­ner sind als er.
Mit Frau Zaba­da­ni habe ich mich schon ein biss­chen unter­hal­ten und zag­haft mein Ara­bisch aus­pro­biert, was auf gro­ße Begeis­te­rung stieß und eine Ein­la­dung zur Fol­ge hat­te. “Komm her­ein, komm.” Mein Kopf­schüt­teln zeig­te wenig Wir­kung. Frau Zaba­da­ni zog mich in ihre Woh­nung, ließ mich auf dem rie­si­gen Sofa Platz neh­men und stell­te Kaf­fee und Bas­bu­sa, ein süßes Gebäck aus Grieß, vor mich hin. Dann zeig­te sie mir die Bücher von ihrem Deutsch­kurs. A1. Alle Auf­ga­ben auf den ers­ten 20 Sei­ten waren rich­tig aus­ge­füllt. Aber Frau Zaba­da­ni war nicht zufrieden.
Lakin an-naas la yata­had­dat­hun kama fi-lkit­ab!, rief sie aus. “Aber die Leu­te spre­chen nicht so, wie es im Buch steht!” Sie erzähl­te, dass sie beim Ein­kau­fen “Guten Tag” gesagt hat­te, und die Ver­käu­fe­rin ein “Nein!” zur Ant­wort gege­ben hat. “Was war falsch?” Ich über­leg­te. “Wahr­schein­lich sag­te sie nicht ‘Nein’, son­dern ‘Moin’. Das ist hier der Gruß für alle Tages­zei­ten.” “Moin?” “Moin”, bestä­tig­te ich, “oder Moin, Moin.”
Und das ruft sie jetzt, laut und ver­zwei­felt: “Moin! Moin!” Und Herr Konf schüt­telt den Kopf und sagt: “Nein”. Herrn Konf habe ich noch nie besucht, und unser gemein­sa­mer Wort­schatz beschränkt sich auf zehn Wör­ter, wobei wir ‘Guten Tag!’ am häu­figs­ten ver­wen­den. Er sieht auch immer gleich aus, die Kla­mot­ten und das Gesicht ver­än­dern sich kaum, so als ob er eine Sta­tis­ten­rol­le im Trep­pen­haus hät­te, mit der Auf­la­ge, mög­lichst unauf­fäl­lig zu sein. Dabei hat er so einen inter­es­san­ten Namen. Er könn­te der Anfang zu ver­schie­de­nen Wör­tern sein. Nicht nur kon­form, Herr Konf! Ich weiß nicht, ob er Sinn für Sprach­spie­le hat.
Im Moment gibt es wohl einen Kon­flikt. Ich beu­ge mich näher an den Spi­on her­an, um mehr sehen zu kön­nen. Dadurch ver­schie­ben sich die Fla­schen in mei­nem Ruck­sack und scha­ben anein­an­der. Die­ses Geräusch lässt Herrn Konf zu mei­ner Tür bli­cken. Vor­sich­tig wei­che ich zurück, aber es ist zu spät. Er klin­gelt bei mir. Ich erstarre.
Ich ver­flu­che den Ruck­sack auf mei­nem Rücken, der jede mei­ner Bewe­gun­gen mit einem Klir­ren unter­malt. Sonst könn­te ich jetzt wenigs­tens in die Küche gehen und so tun, als hät­te ich nichts gehört. Herr Konf klin­gelt noch ein­mal. Er ruft sogar: “Könn­ten Sie zur Hil­fe kommen!”
Ich bin so über­rascht, dass ich sofort öff­ne. Geball­te Erwar­tun­gen rich­ten sich auf mein Erschei­nen. Mir wird schwin­de­lig. “Ich muss los”, sage ich und weiß schon, dass es kein Ent­kom­men gibt. Ich müss­te Herrn Konf bei­sei­te schie­ben, um zur Trep­pe abwärts durch zu kom­men. Und ich will kei­ne Kon­fron­ta­ti­on mit ihm.
Ich läch­le ihn an. Wie wär’s mit Kon­fi­tü­re? “Sie kön­nen doch Ara­bisch”, sagt er zu mir. Es klingt ankla­gend. Bevor ich mich ver­tei­di­gen kann, nickt Frau Zaba­da­ni bekräf­ti­gend mit dem Kopf. ““Ja, ja!”, meint sie. “Über­set­zen Sie”, for­dert er mich auf. “Äh … Für das bila­te­ra­le Dol­met­schen”, wen­de ich ein, “muss man meh­re­re Jah­re lang stu­diert haben, und dann ein zwei­jäh­ri­ges Prak­ti­kum absol­vie­ren, bevor .…” “Pap­per­la­papp”, sagt Herr Konf reso­lut, “ein paar Sät­ze wer­den Sie wohl auch so hinkriegen.”
Herr und Frau Zaba­da­ni sehen mich hoff­nungs­voll an. Das Netz zieht sich zusam­men. Ich hän­ge drin. Und es wird schief gehen. Dann habe ich es mir mit meh­re­ren Nach­barn ver­scherzt. Ich wer­de aus­zie­hen müs­sen. Wo ich doch gera­de erst ein hal­bes Jahr in die­ser schö­nen Woh­nung woh­ne. Ich sehe das alles so klar vor mir und weiß kei­nen Ausweg.
Und da beginnt Herr Konf auch schon: “Die Schu­he …” Cir­ca 10 Paar Schu­he vor der Tür der Zaba­da­nis sind im Trep­pen­haus der ein­zi­ge Hin­weis dar­auf, dass hin­ter den Türen Men­schen leben. Aber schon das kann zu viel sein. Ich spü­re Herrn Kon­fs tie­fes Unbe­ha­gen. Ich spü­re die Besorg­nis der Zaba­da­nis. Sie wis­sen, dass etwas kri­ti­siert wird. Kann gut sein, dass sie die Schu­he sofort weg­räu­men wür­den, um kein Miss­fal­len zu erre­gen. Herr Konf hat mehr Macht und ist es gewohnt, sei­ne Vor­stel­lun­gen durch­zu­set­zen. Ich will ihm aber nicht dabei behilf­lich sein. In der Rol­le der Über­set­ze­rin wer­de ich zu sei­ner Hand­lan­ge­rin und wenn ich ableh­ne, wir­ke ich des­in­ter­es­siert an den Pro­ble­men mei­ner Nachbarn.

„Wort­wech­sel“ weiterlesen

Thymian

Im Wasser spiegelt sich ein Gebäude

Ein grau­er Hund, den ich gleich ver­däch­tig fin­de, weil er das Gesicht einer Löwin hat, kriecht unter die Bank, auf der ich sit­ze, hebt sie an und geht mit ihr, und mir, davon. Halt!, rufe ich, ste­hen­blei­ben! Die­se Bank hat­te einen beson­ders schö­nen Stand­ort, ein biss­chen ver­steckt in den Hecken­ro­sen. Genau­so ver­steckt war ich, und jetzt wer­de ich nicht nur auf den Weg hin­aus getra­gen, son­dern auch den Bli­cken der Men­schen frei gege­ben, die im Park her­um spa­zie­ren und wahr­schein­lich froh sind, wenn sie an einem lang­wei­li­gen Sonn­tag Nach­mit­tag etwas gebo­ten bekom­men. Sie beach­ten mich aber gar nicht.
Der Hund hört auch nicht auf mich, son­dern trot­tet wei­ter, trägt mühe­los mich und die Bank und schleift auch mein Fahr­rad noch mit, das ich mit dem Vor­der­rad ange­schlos­sen habe, weil ich manch­mal auf Bän­ken, in der Son­ne, ein­schla­fe. Das Hin­ter­rad liegt am Boden auf und dreht sich mit, der Len­ker ragt über die Leh­ne. Ich kling­le, um den Hund auf mich auf­merk­sam zu machen. Die Klin­gel scheint kaputt zu sein. Der Schle­gel stößt zwar ans Gehäu­se, vibriert, aber es ist nichts zu hören, statt­des­sen duf­tet es nach Thymian.
Wahr­schein­lich wächst hier wel­cher, denn der Hund ist vom Weg abge­bo­gen und läuft jetzt zwi­schen lan­gen Grä­sern hin­durch quer über die Wie­se, deren Betre­ten streng ver­bo­ten ist. Aber nie­mand regt sich auf und stoppt uns. Ich sit­ze wei­ter in die­ser lächer­li­chen Posi­ti­on, auf einer hun­de­ge­tra­ge­nen Bank, von der ich zwar absprin­gen könn­te, und, im Neben­her­lau­fen, mit ein biss­chen Geschick­lich­keit, auch mein Fahr­rad befrei­en wür­de, aber ich blei­be sit­zen, weil an so einem Tag wie heu­te auch das noch schief gehen könnte.
Eben die­ses biss­chen Geschick­lich­keit scheint für mich gera­de nicht abruf­bar zu sein. Auch die Vor­stel­lung, erzäh­len zu müs­sen, dass mein Fahr­rad von einem Hund gestoh­len wur­de und damit Hei­ter­keit aus­zu­lö­sen, lässt mich auf der Bank ver­har­ren, wäh­rend ande­rer­seits der Gedan­ke dar­an, dass ich mich aus die­ser lang­sa­men Ent­füh­rung nicht befrei­en kann, mich noch zag­haf­ter und ängst­li­cher macht. Jetzt nicht wei­nen, den­ke ich, aber schon lau­fen Trä­nen über mei­ne Wan­gen. Ich schlie­ße die Augen und hof­fe, dass mich nie­mand so sieht und dass die­ses graue Tier von allei­ne von sei­nem Vor­ha­ben ablässt.

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Ohren

grünblauer Pilz in OhrenformMei­ne Ohren sind schon wie­der grö­ßer gewor­den. Ich betrach­te mich lang im Spie­gel, bevor ich mir eine Müt­ze über­zie­he. Falls ich einen Video­an­ruf bekom­me. Dann neh­me ich die Müt­ze wie­der ab. Weil es ver­däch­tig wirkt, bei die­sen Tem­pe­ra­tu­ren zu Hau­se eine Müt­ze auf­zu­ha­ben. Ich beschlie­ße, kei­nen Video­an­ruf anzunehmen.
Statt­des­sen rufe ich, mit mei­nem Fest­netz-Tele­fon, Fio­na an. “Darf ich dir ein Pro­blem erzäh­len?” “Ich bin ganz Ohr”, sagt sie und ich zucke zusam­men. “Ohren wach­sen im Alter”, beru­higt mich Fio­na, als ich ihr von mei­nen Befürch­tun­gen erzählt habe, “mach dir da mal kei­nen Kopf drum.” Ich fin­de die For­mu­lie­rung unsen­si­bel. “Gera­de der Kopf”, wen­de ich ein, “fühlt sich den Ohren sehr ver­bun­den.” “Ich mei­ne”, sagt Fio­na, “dass du dir nicht so vie­le Sor­gen um dei­ne Ohren machen soll­test.” Das sagt sie meis­tens, wenn ich ihr etwas erzäh­le. Mach dir kei­ne Sor­gen. Meis­tens hat sie auch recht, und ich muss zuge­ben, dass ich sie genau des­halb ange­ru­fen habe. Um die­sen Satz zu hören.
Aber sie hat auch gut reden. Sie hat ganz nor­ma­le Ohren, die unauf­fäl­lig am Kopf kle­ben, in Form blei­ben und kei­nen Anlass geben, über sie nach­zu­den­ken oder sie gar zu ver­mes­sen. Ich habe gemes­sen. Das sage ich aber nicht. Ich bedan­ke mich und stel­le das Tele­fon in die Lade­sta­ti­on, es klickt und ich fra­ge mich, ob ich mit wach­sen­den Ohren viel­leicht auch ein län­ge­res Tele­fon brau­che. Ich ver­su­che, mich zu beru­hi­gen. Viel­leicht hören die Ohren auf zu wach­sen, wenn ich nicht mehr an sie den­ke. Ich den­ke aber. Genau dar­an. Jeden Tag. Ich bin ganz Ohr.
Ich lege mir jedoch Beschrän­kun­gen auf. Ich darf nur ein­mal die Woche mes­sen. Sonn­tag­mor­gen, gleich nach dem Auf­ste­hen. Zwei Stun­den spä­ter noch ein­mal. Weil ich Sei­ten­schlä­fe­rin bin, möch­te ich aus­schlie­ßen, dass sich die Ohren platt gele­gen haben und nur des­halb grö­ßer sind. Abends mes­se ich noch ein­mal. Die Mess­ergeb­nis­se ver­än­dern sich im Lau­fe des Tages nicht. Jede Woche ein hal­ber Zen­ti­me­ter län­ger. Mei­ne Ohren wer­den monströs.
Es sind jetzt schon 7,5 Zen­ti­me­ter Gesamt­län­ge. Und es ist nicht das Ohr­läpp­chen, das län­ger wird, weil die Schwer­kraft schon so vie­le Jah­re lang dar­an zieht, nein, die Ohren wer­den nach oben hin län­ger. Wenn das so wei­ter geht, und Monat für Monat zwei Zen­ti­me­ter dazu kom­men, wer­den mei­ne Ohren in einem hal­ben Jahr über den Kopf hin­aus ragen. Eine Asso­zia­ti­on zu gewis­sen Tie­ren bleibt nicht aus.
Wird es dann noch schwie­ri­ger für mich, bis über bei­de Ohren ver­liebt zu sein? Ich ver­su­che es mit Affir­ma­tio­nen. Mei­ne Ohren schrump­fen jetzt und blei­ben dann klein und unauf­fäl­lig. Aber mei­ne Ohren hören nicht auf mich. Ich ver­su­che es mit dem Gegen­teil, stel­le mir all die schreck­li­chen Pro­ble­me vor, die ein Mensch haben kann und die ich nicht habe. Auch das hilft nur wenig. Ich ahne es: das Wohl­ge­fühl muss aus einer ande­ren Quel­le kommen.
Bei mei­nen Recher­chen im Inter­net habe ich kei­ne Beschrei­bung gefun­den, die auf mich zutrifft. Es gibt krank­haf­ten Rie­sen­wuchs, aber dabei wach­sen meh­re­re Kör­per­tei­le gleich­zei­tig. Es gibt das Ohren­wachs­tum im Alter, das aber auf ein bis zwei Zen­ti­me­ter beschränkt bleibt. Und es gibt eine Ama­ryl­lis mit dem Namen Ele­fan­ten­ohr. Ihre Blät­ter errei­chen einen Durch­mes­ser von einem Meter. Schließ­lich bestel­le ich eine. Viel­leicht lenkt es mich ab, wenn etwas in mei­ner Woh­nung schnel­ler wächst als mei­ne Ohren. Aber die Pflan­ze lässt nach drei Tagen die Blät­ter hän­gen, und dann sie­deln sich Läu­se auf ihr an.
Das bringt mich auf den Gedan­ken, dass sich viel­leicht auch auf mei­nen Ohren etwas ange­sie­delt hat. Mikro­ben, die die Zel­len der Knor­pel­mas­se zur Tei­lung anre­gen kön­nen und auf die­se Wei­se das Ohren­wachs­tum akti­vie­ren, um ihren Lebens­raum zu vergrößern.
Men­schen möch­ten ja auch immer mehr Platz zum Woh­nen. Ich habe zum Bei­spiel frü­her in einem 8 m² gro­ßen Zim­mer gewohnt, und jetzt habe ich eine Woh­nung mit zwei Zim­mern und Bal­kon, 35 m² groß. Das ist ein Fak­tor von 4,4. Wenn ich das auf das Wachs­tum mei­ner Ohren umrech­ne, die ein­mal 5 Zen­ti­me­ter lang waren, dann kom­me ich auf 22 Zen­ti­me­ter Länge.

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