Einkauf

Bunte Stipfel auf einem SchiffIch gehe nicht ger­ne Kla­mot­ten ein­kau­fen. Aber bei mei­ner Jacke ist der Reiß­ver­schluss kaputt, er lässt sich nicht mehr ganz öff­nen. Um die Jacke aus­zu­zie­hen muss ich sie zu Boden glei­ten las­sen und dann her­aus stei­gen, wor­in ich zwar eine gewis­se Geschick­lich­keit ent­wi­ckelt habe, aber bei dem Vor­stel­lungs­ge­spräch nächs­te Woche macht es viel­leicht einen ungüns­ti­gen Ein­druck, wenn ich mei­ne Jacke vom Boden auf­he­be. Ich habe schon eine Wei­le gewar­tet, ob mir viel­leicht jemand eine Jacke schenkt. Es ist aber nicht pas­siert und jetzt muss ich in ein Geschäft hin­ein.
“Geh zu “Kauf­doch”, hat Filo gesagt. “Dort gibt es gera­de Ange­bo­te.” Ich gehe los, als es schon dun­kel ist, damit ich nicht so viel von der Fuß­gän­ger­zo­ne sehe. Ich habe jedoch nicht mit der Licht­re­kla­me gerech­net. Als ich bei Kauf­doch ankom­me, füh­le ich mich schon ver­aus­gabt. Ich raf­fe drei Jacken an mich und eile zur Umklei­de­ka­bi­ne.
Das bes­te an einem Kla­mot­ten­ge­schäft sind die Umklei­de­ka­bi­nen. Ich kann den Vor­hang vor­zie­hen und habe einen klei­nen Raum zum Erho­len. Aber bevor es soweit kommt, wer­de ich am Schla­fitt­chen gepackt und nach hin­ten geris­sen: “Halt! Hier woh­ne ich.” Tat­säch­lich sehe ich im Inne­ren der Umklei­de­ka­bi­ne, die ich gera­de betre­ten woll­te, einen Gas­ko­cher mit Was­ser­kes­sel dar­auf und dane­ben, auf einem Tablett, zwei Tas­sen. “Ent­schul­di­gung, das wuss­te ich nicht.” “Stimmt, du bist neu hier.” Die Frau mus­tert mich von oben bis unten. “Wills­te ne Tas­se Tee?”
“Ja, ger­ne.” Ich lege die Jacken auf einen Aus­la­gen­tisch und set­ze mich zu der Frau in die Kabi­ne, auf einen der bei­den Hocker. Sie zieht den Vor­hang zu und schenkt mir Tee ein. “Milch, Zucker, Kuchen?” “Ger­ne alles. Dan­ke. Und Sie — woh­nen hier?” “Sags­te wohl “du” zu mir! Siehs­te ja, dass ich hier wohn.” “Aber, wie geht das? Das ist doch ein Kauf­haus! Und wo schläfst du?” “Na, in der Bet­ten-Abtei­lung. Logisch. Hier ist nur mein Emp­fangs­zim­mer.” “Ach so.” Ich kom­me mir irgend­wie dumm vor. So, als ob ich etwas nicht mit­be­kom­men hät­te. “Und — haben die hier gar nichts dage­gen?” Sie lacht, trinkt in gro­ßen Schlu­cken. “Ha! Dage­gen schon. Müs­sen sich aber vor mir hüten.” “Bist du gefähr­lich?”

„Ein­kauf“ wei­ter­le­sen

Tod

Filigranes weißes rundes Pflanzengerippe mit Metallrand Ein son­ni­ger Herbst­tag, ich sit­ze auf einer Bank an der still­ge­leg­ten Bahn­li­nie, zwi­schen einem knor­ri­gen Holun­der und einer Schar Bren­nes­seln, die mich über­ra­gen, und schaue in die blaue Luft. Glöck­chen klin­geln, kom­men näher. Sie hän­gen an einem Rol­la­tor, zusam­men mit Wim­peln in ver­schie­de­nen Far­ben, Blu­meng­hir­lan­den und einem lee­ren roten Ein­kaufs­netz; im Git­ter­korb drei Hand­ta­schen, rein­ge­knautscht. Die Frau, die den Rol­la­tor schiebt, trägt einen vio­let­ten Stroh­hut. Als sie näher kommt, sehe ich, dass sie weint. Schnell schaue ich weg, aber sie bleibt vor der Bank ste­hen, schluchzt. Ver­le­gen zie­he ich eine Packung Taschen­tü­cher aus mei­ner Fahr­rad­ta­sche, bie­te ihr eines an. Sie nimmt es, schnaubt hin­ein und lässt sich neben mich auf die Bank fal­len: “Kennst du auch jeman­den, der schon tot ist?” Ich zöge­re. “Ja, meh­re­re”, sage ich schließ­lich, und über­le­ge, wie ich aus die­ser Situa­ti­on wie­der raus kom­me.
Die Frau weint wei­ter, ich mus­te­re sie ver­stoh­len. Auf ihrer Blu­se pran­gen Schmet­ter­lin­ge, die Hose hat ein Leo­par­den­mus­ter. Ich stel­le fest, dass ich die Kla­mot­ten mag, mich aber nicht trau­en wür­de, sie anzu­zie­hen, schon gar nicht in Kom­bi­na­ti­on, obwohl ich Schmet­ter­lin­ge mag, und Leo­par­den auch. “Wer ist denn gestor­ben?”, fra­ge ich.
“Micha.” Die Frau neben mir haut mit der Faust auf die Park­bank: “War­um ist das so? Tod und vor­bei. War­um kommt er nicht wie­der?” Ich seuf­ze. Jetzt sit­ze ich hier mit die­sen Todes­fra­gen, auf die es kei­ne Ant­wort gibt. Ich will mich nicht von der Trau­rig­keit anste­cken las­sen, aber es ist schon zu spät. So ein unan­ge­neh­mes Gefühl im Bauch. Gleich fan­ge ich an zu wei­nen. Ich will gehen. Aber das kommt mir gemein vor.
Auf ein­mal sind sie da, ste­hen vor mir, mei­ne Toten, gestor­ben durch Krebs, Sui­zid, Herz­in­farkt, Ertrin­ken. Das War­um? nach jedem Tod. Das Loch in mei­ner See­le. Der Unsinn des Todes. Das Unvor­stell­ba­re, an das man sich letzt­end­lich gewöhnt. Was man ver­gisst. Jeden Tag ver­ges­sen wir unse­re Toten. Und plötz­lich ste­hen sie vor mir, an einem son­ni­gen war­men Tag, her­bei gekom­men mit einem glöck­chen­klin­geln­den Rol­la­tor.
“Es war noch nicht fer­tig.” “Was war noch nicht fer­tig?” “Er schul­det mir noch einen Scho­ko­rie­gel, min­des­tens.” Ich kra­me in mei­ner Fahr­rad­ta­sche, hole den Rie­gel aus Milch­scho­ko­la­de her­aus, den ich seit eini­ger Zeit immer bei mir tra­ge: “Für dich.” Sie schaut mich an, ihr Mund zieht sich zu einem Lächeln: “Heißt du auch Micha?” “Nein”, ich schütt­le abweh­rend den Kopf. Als ich ihren ent­täusch­ten Blick sehe, ände­re ich mei­ne Mei­nung: “Du kannst Micha zu mir sagen”, schla­ge ich vor. “Ja? Triffst du dich auch jeden Frei­tag mit mir, um drei am Aldi-Fla­schen­au­to­ma­ten?” Damit habe ich nicht gerech­net.

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Brille

psychedelisches lila WesenIn der Stra­ßen­bahn springt mir ein zot­te­li­ges Tier auf den Schoß, stemmt sei­ne Vor­der­bei­ne gegen mei­ne Schul­tern und leckt mir das Gesicht, außer sich vor Freu­de über unser Wie­der­se­hen, als hät­te uns ein Unglück vor Jah­ren getrennt — eine Erd­spal­te viel­leicht, die sich zwi­schen uns auf­ge­tan hat, und die die Stra­ßen­bahn kraft ihrer Schie­nen über­wun­den hat.
Aber ich ken­ne das Tier nicht. Es scheint ein Hund zu sein, weil es ein Hals­band hat, das ich in mei­ner Abwehr­re­ak­ti­on zu fas­sen bekom­me. Ich zie­he dar­an, um die­se schlab­be­ri­ge Zun­ge von mei­nem Gesicht abzu­hal­ten. Es gelingt mir nicht. Schließ­lich tau­che ich unter dem Tier hin­durch, sodass ich auf dem Boden zu lie­gen kom­me, wäh­rend der Hund auf mei­nem Sitz thront und mich freu­dig anbellt.
“Er mag sie!”, ruft eine Stim­me ent­zückt und eine Frau mit fuchs­far­be­nem Haar und einem Fahr­schein in der Hand eilt auf das Tier zu und bedeckt es mit Küs­sen. “Pomo­do­ro, was hast du gemacht? Jetzt muss die Frau auf dem Boden sit­zen!” Pomo­do­ro wedelt mit dem Schwanz. Er zeigt kei­ne Tat­ein­sicht, war­um auch, er fin­det es wahr­schein­lich nicht schlimm, dass zur Abwechs­lung mal jemand anders auf dem Boden sit­zen muss.
“Er ist aus dem Tier­heim”, erklärt mir die Frau, “des­halb darf man ihn nicht zu sehr tadeln. Sonst ver­kriecht er sich.” Das wür­de mir in die­sem Moment nichts aus­ma­chen, den­ke ich, wäh­rend ich die Hand ergrei­fe, die die Frau mir reicht, um mir beim Auf­ste­hen behilf­lich zu sein. “Sind Sie okay?”, fragt sie, als wir auf Augen­hö­he mit­ein­an­der spre­chen kön­nen. Ich nicke und sie gibt mir ein Taschen­tuch, mit dem ich mir den Schleim vom Gesicht wischen kann.
“Pomo­do­ro ist eigent­lich sehr zurück­hal­tend”, erzählt sie wei­ter. “Dass er Sie so begrüßt hat, bedeu­tet, dass Sie ein ganz beson­de­rer Mensch sind.” Sie sieht mich so bewun­dernd an, dass ich ihr noch nicht ein­mal böse sein kann. “Kom­men Sie uns doch besu­chen!” “Äh … ich muss zum Job­cen­ter.” “Wir kön­nen Sie beglei­ten!” Bevor ich dazu kom­me, die­ses Ange­bot ele­gant abzu­leh­nen, fasst mir die Frau ins Haar. “Was haben Sie denn da?” Sie zieht mei­ne Lese­bril­le aus mei­nen Haa­ren, wo ich sie wahr­schein­lich beim Ansturm von Pomo­do­ro reflex­ar­tig hin­ge­scho­ben habe, um sie zu schüt­zen.
Das hat nicht funk­tio­niert. Ein Bügel fehlt, der ande­re ist stark nach außen abge­spreizt. “Jetzt ist sie kaputt”, sage ich. Ich bemü­he mich um einen neu­tra­len Ton­fall, klin­ge aber jäm­mer­lich. “Das macht doch nichts.” Die Frau legt mir trös­tend die Hand auf den Arm. “Neh­men Sie mei­ne.” Aus ihrer Brust­ta­sche zieht sie eine Bril­le mit Gold­rah­men und wie eine Opti­ke­rin setzt sie sie mir auf und betrach­tet mich prü­fend: “Passt.”

„Bril­le“ wei­ter­le­sen

Zweisprachig

Zwei Hagebutten, eine schwarz eine rot, auf einem Ast, der mit gelben Flechten bedeckt istFür die Bremer*innen
Ich gehe gera­de an einem Spiel­platz vor­bei, da klin­gelt mein Han­dy. Anto­nel­la. Wir plau­dern, strei­ten ein biss­chen und ver­tra­gen uns gleich wie­der, in der Ver­traut­heit und mit der Gekonnt­heit, die eine zwei­jäh­ri­ge Ex-Fern­be­zie­hung mit sich bringt. Wir ver­ab­schie­den uns herz­lich, mit aus­ge­spro­che­nen Küs­sen und Umar­mun­gen: “Ciao, cara, baci e abbrac­ci!”
Als ich mein Han­dy in die Tasche ste­cke, kommt eine Frau auf mich zu geschos­sen: “War das Ita­lie­nisch, was Sie da gera­de gespro­chen haben?” “Ja” “Sind Sie Ita­lie­ne­rin?” Ich könn­te jetzt “Ja” sagen, oder “Nein”, “Halb” oder sogar “Ein Drit­tel”, und jede die­ser Ant­wor­ten hät­te ihre Berech­ti­gung. Oder auch nicht. Weil es eine Zuord­nung ist, an der prin­zi­pi­ell etwas nicht stimmt. Eine Iden­ti­täts­fra­ge anhand von unlau­te­ren Kri­te­ri­en. Die ein­zi­ge Nati­on, der ich mich zuge­hö­rig füh­le, ist die Kom­bi-Nati­on. Weil ich das aber jetzt nicht mit der Frau dis­ku­tie­ren möch­te, nen­ne ich eine Tat­sa­che: “Ich habe die ita­lie­ni­sche Staats­bür­ger­schaft.”
“Groß­ar­tig! Sind Sie an einem Job inter­es­siert? Kin­der­be­treu­ung?” Inter­es­siert ist das fal­sche Wort. Ich brau­che drin­gend einen Job. Aber Kin­der­be­treu­ung? Was macht man da? Ein zögern­des “Ja” löst einen Rede­schwall aus, dem ich ent­neh­me, dass ich enga­giert bin. Wahr­schein­lich soll­te ich mich freu­en. Es ist gut bezahlt. Wenn kei­ne Kin­der dabei wären, wür­de ich mich woh­ler füh­len. Und war­um hat sie mich als ers­tes nach mei­ner Natio­na­li­tät gefragt?
Dann kommt es raus: “Sie brau­chen nicht viel zu tun. Nur die gan­ze Zeit Ita­lie­nisch mit ihnen spre­chen.” “War­um das denn?” Womög­lich hat sie die Kin­der in Ita­li­en gekid­nappt und weiß jetzt nicht, wie sie sich mit ihnen unter­hal­ten soll.

„Zwei­spra­chig“ wei­ter­le­sen

Wohnungsbesichtigung

Glitzernder Hirsch sitzt auf einem alten Herd, im Hintergrund Vorhänge aus den 70ernEs ist wenig zu sehen, weil die Woh­nung vol­ler Men­schen ist. Nur im Bade­zim­mer ist nie­mand, da geh ich schnell rein und schlie­ße ab. Ich set­ze mich auf den Klo­de­ckel und befüh­le mein Gesicht. Alles noch da. Es tut gut, die war­men Hän­de auf den Wan­gen zu spü­ren. Und ja, das Bade­zim­mer sieht ganz gemüt­lich aus. Ich glau­be, die übri­ge Woh­nung ist es auch. Aber ich habe kei­ne Chan­ce, bei all die­sen ent­schlos­sen lächeln­den Leu­ten, die die Mak­le­rin umschwär­men und mit ihrer Nor­ma­li­tät punk­ten.
“Ver­su­chen Sie es doch wenigs­tens”, hat mir mei­ne The­ra­peu­tin gera­ten. “Sei­en Sie mutig!” Sie hat eine sehr schö­ne Woh­nung. Zumin­dest das, was ich davon ken­ne, gefällt mir gut. Ich bin aber nicht mutig genug, zu fra­gen, ob sie mir ein Zim­mer ver­mie­tet.
Jemand rüt­telt an der Bade­zim­mer­tür. “Besetzt”, rufe ich gequält. Ich ste­he auf und betrach­te mich im Spie­gel. Zer­zaus­te Haa­re, das Rot des Pull­overs passt nicht so ganz zum Grün der Jacke. Ich streich­le mir eine Fri­sur und schlie­ße den Reiß­ver­schluss, sodass der Pull­over nicht mehr zu sehen ist. Man muss das Bes­te aus sich machen.
Vor­sich­tig schlei­che ich aus dem Bad. Nie­mand beach­tet mich. Alle sind damit beschäf­tigt, sich selbst gut dar­zu­stel­len. Sie bewun­dern laut­stark die Woh­nung, sehen ele­gant aus, erfolg­reich und zah­lungs­kräf­tig. Nur damit ich in der The­ra­pie etwas erzäh­len kann, dräng­le ich mich zur Mak­le­rin durch und bit­te sie um den Bewer­bungs­bo­gen. Sie reicht ihn mir, ohne mich anzu­se­hen.
Ich ver­ab­schie­de mich von der Woh­nung. Wäre schön gewe­sen. Als ich gera­de gehen will, kommt noch jemand zur Tür her­ein. Zwei Köp­fe klei­ner als ich, leuch­tend wei­ße Haa­re, ein Man­tel, der schon vie­le Tage gese­hen hat. Spon­tan drü­cke ich ihr den Bogen in die Hand: “Hier, neh­men Sie, dann brau­chen Sie sich nicht dort anzu­stel­len.” Ich deu­te mit dem Kinn auf den Pulk, der sich um die Mak­le­rin her­um ver­sam­melt hat.
“Gefällt dir die Woh­nung nicht?” “Doch, sehr, aber — ich habe kei­ne Chan­ce.” “War­um nicht?” Ich zucke mit den Ach­seln. “Ich glau­be nicht, dass mir irgend­je­mand eine Woh­nung ver­mie­tet. Ich mei­ne, ich müss­te etwas dafür tun, und ich will ja auch, aber, ich weiß nicht was. Ich habe zwar einen guten Ein­druck von mir, im All­ge­mei­nen. Aber, wenn ich einen guten Ein­druck hin­ter­las­sen möch­te — das geht dann immer schief.”
Ich bin ein biss­chen erschro­cken dar­über, dass ich mit jemand Unbe­kann­tes so viel gere­det habe. “Auf Wie­der­se­hen und viel Glück”, sage ich schnell und will an der Frau vor­bei gehen, als sie mich am Arm packt, mit einer Kraft, die ich ihr nicht zuge­traut hät­te. “Wart mal!” Und dann ertönt ein scheuß­lich lau­tes Geräusch. Es dau­ert einen Moment, bis ich erken­ne, dass die alte Frau es ver­ur­sacht hat, mit einer Art Hupe. Alle star­ren uns an. Jetzt habe ich es mir end­gül­tig ver­scherzt. Und die Frau auch. “So bekommt sie nie eine Woh­nung”, den­ke ich.
Gera­de, als sich alle wie­der abge­wen­det haben von uns Unge­sit­te­ten, hupt die Frau noch ein­mal. “Mei­ne Stim­me ist nicht mehr so kräf­tig”, erklärt sie mir. Jetzt löst sich die Mak­le­rin aus der Men­ge: “Was ist denn da los? — Ach, Frau Hirsch! Ich dach­te, Sie sei­en …” “Nicht zurech­nungs­fä­hig, was?” “Nein, nein, krank …” “Offen­sicht­lich nicht. Schi­cken Sie alle Leu­te nach Hau­se.” “Aber die Woh­nung …” “Ich hab schon jeman­den.” Sie deu­tet auf mich. Wie­der star­ren mich alle an. Feind­se­lig.

„Woh­nungs­be­sich­ti­gung“ wei­ter­le­sen

Gardinen

Breiter Wasserfall, der, von der Sonne bestrhlen, golden wirdMari­za hat ein Sti­pen­di­um mit Resi­denz­pflicht bekom­men und wird drei Mona­te in Prag ver­brin­gen. “Du kannst solan­ge in mei­ner Woh­nung woh­nen”, schlägt sie mir vor. “Du kennst ja alles, bis auf – na ja, die neu­en Gar­di­nen. Die muss ich dir noch erklä­ren.” Ich stut­ze. “Du willst mir Gar­di­nen erklä­ren?” Mari­za ist ein biss­chen ver­le­gen. “Mei­ne Schwes­ter hat sie mir geschenkt. Und sie steht halt auf das Inter­net der Din­ge.” “Bei Gar­di­nen?” “Ja, du kannst Uhr­zei­ten ein­ge­ben, wann sie sich öff­nen und schlie­ßen sol­len. Und sie kön­nen spre­chen.” “Was sagen die denn?” “Was du willst.”
Mehr Erklä­rung gibt es nicht. Als Mari­za mir den Schlüs­sel vor­bei bringt, reden wir nur über Prag und das Kunst­pro­jekt, das sie dort machen will und wie sie mit ihren drei Tan­ten zurecht­kom­men wird, die in Prag leben. Aber als ich in die Woh­nung kom­me, liegt auf dem Küchen­tisch das 500 Sei­ten star­ke “Hand­buch für die Benut­zung der Gar­di­ne “Gol­den Bles­sing”” . Ich blät­te­re dar­in, wäh­rend ich einen Espres­so trin­ke. Und ver­ste­he, war­um die Schwes­ter die­se Gar­di­nen geschenkt hat. Die Woh­nung ist sehr ange­nehm, liegt aber im Erd­ge­schoss. Und da es nur einen schma­len Vor­gar­ten gibt, sind die Leu­te, die vor­bei­ge­hen, sehr prä­sent. Autos fah­ren zum Glück nur weni­ge, weil es eine Sack­gas­se ist. Aber Fußgänger*innen kön­nen zur Rosa Luxem­burg Allee durch­ge­hen, sie kom­men oft am Fens­ter vor­bei und gucken auch rein. Da ist es sinn­voll, Gar­di­nen zu haben, die sich strei­fen­wei­se ver­dun­keln las­sen.
Ich blät­te­re wei­ter zum Kapi­tel “Audio-Auf­nah­men” und neh­me ein paar net­te Begrü­ßun­gen auf, die mir dann je nach Tages­zeit zuge­ru­fen wer­den: “Guten Mor­gen, wie geht es dir?” “Mach dir einen net­ten Abend!” “Schlaf schön”. Ich bin ein biss­chen ein­sam, nach dem letz­ten Korb, den ich gekriegt habe, und kann Auf­mun­te­rung gut brau­chen. Auch mit Affir­ma­tio­nen ver­su­che ich es. Ich neh­me ein paar Sät­ze aus dem Buch, das mir Rena­te geschenkt hat, zum Bei­spiel: “Ich emp­fan­ge jetzt die Wohl­ta­ten des groß­zü­gi­gen Uni­ver­sums”. Scha­de, dass das Job­cen­ter schein­bar in einem gei­zi­gen Par­al­lel-Uni­ver­sum ange­sie­delt ist.

„Gar­di­nen“ wei­ter­le­sen

Supermarkt

Schaltkasten mit Glasröhren-Uhr, alle vier Röhren zeigen eine digitale NullIch habe mich noch nicht an Super­märk­te gewöh­nen kön­nen. Es gibt sie nun schon eine gan­ze Wei­le und nichts spricht dafür, dass sie dem­nächst abge­schafft wer­den, des­halb wäre es prak­tisch, ab und zu dort ein­kau­fen zu kön­nen. Aber Super­märk­te sau­gen mich aus und rei­chern mich an mit einer gewal­ti­gen Ver­wir­rung, die Viel­falt genannt wird.
In der Nähe mei­ner Woh­nung hat jetzt ein neu­er Super­markt auf­ge­macht. Ich kann beob­ach­ten, wie die Leu­te dort ein­kau­fen gehen und unbe­hel­ligt wie­der her­aus kom­men. Sogar klei­ne Kin­der kön­nen es.
Aber wenn ich hin­ge­he, ist der Super­markt stär­ker als ich. Er erdrückt mich. Ich weiß genau, war­um man eine Mün­ze oder einen Chip her­ge­ben muss, um einen Ein­kaufs­wa­gen zu bekom­men. Es geht nur vor­der­grün­dig um die Rück­ga­be. Das Wesent­li­che dabei ist, dass man etwas aus der eige­nen Tasche in die­sen Draht­kä­fig auf Rädern steckt, als Ein­wil­li­gung, ab sofort Gefan­ge­ne des Super­mark­tes zu sein. Aller­dings geht es mir mit einem Ein­kaufs­korb auch nicht bes­ser.
Mit dem Wagen habe ich wenigs­tens etwas zum Auf­stüt­zen, wenn mich die­se Schwä­che befällt, beim Gang durch lan­gen Rei­hen vol­ler Pro­duk­te: Far­ben und For­men, die mei­ne Erin­ne­rung an Geschmacks­er­leb­nis­se benut­zen, um mich in die Irre zu füh­ren. Alle die­se Ver­pa­ckun­gen und Aus­la­gen sind Angrif­fe. Schau mich an, lies mich, nimm mich, kauf mich! Im Super­markt soll ich jemand anders sein, eine Kon­su­men­tin, deren Leben dar­in besteht, etwas aus dem Regal zu neh­men und haben zu wol­len. Ich hal­te mich krampf­haft am Ein­kaufs­zet­tel fest, auf den ich immer die glei­chen drei Wör­ter schrei­be: mei­nen Namen. Der Beweis, dass ich exis­tie­re.
Mei­ne größ­te Angst in einem Super­markt ist, dass er mich nicht mehr los­lässt. Wenn ich mir die Leu­te um mich her­um anse­he, befällt mich der Ver­dacht, dass dies eini­gen schon pas­siert ist. Dass sie viel­leicht schon tage- oder wochen­lang hier her­um­lau­fen, immer­zu ein­kau­fen, bezah­len, und dann den Aus­gang nicht fin­den und wei­ter ein­kau­fen. Abends, wenn die Lich­ter gelöscht wer­den, irren sie im Super­markt her­um wie Halb­to­te auf einem Fried­hof, die weder im Grab Zuflucht fin­den noch in ihr Leben zurück dür­fen.
“So geht das nicht wei­ter”, ruft Rena­te, eine Bekann­te, die mich ein­mal im Super­markt getrof­fen hat und dach­te, ich wäre krank. Danach habe ich ihr alles erzählt. Seit­her gibt sie mir Tipps. Jetzt ruft sie an, um nach­zu­fra­gen, wie ihr letz­ter Rat­schlag für den Super­markt-Ein­kauf gehol­fen hat. Ich soll­te mir einen ima­gi­nä­ren Schutz­man­tel anzie­hen. Der war aber viel zu heiß. Ich muss­te ihn schon in der Gemü­se­ab­tei­lung wie­der aus­zie­hen. Es war viel­leicht die fal­sche Metho­de für den Hoch­som­mer. “Jetzt schreibst du Affir­ma­tio­nen!”, sagt Rena­te bestimmt. “Du wirst sehen, das hilft!” “Okay. So etwas wie: “Es macht mir nichts aus, in den Super­markt zu gehen”?” “Kei­ne Ver­nei­nun­gen. Nur posi­ti­ve Sät­ze wir­ken. Und du musst sie an die Wand hän­gen, damit du sie jeden Tag siehst.” Sie schenkt mir sogar ein Buch dar­über.
In die­sem Buch wird aller­dings nur über die wohl­tu­en­de Wir­kung von Affir­ma­tio­nen geschrie­ben. Da steht nichts von den unan­ge­neh­men Gefüh­len, die ent­ste­hen, wenn eine Freun­din zu Besuch kommt und dann mit­lei­dig, besorgt oder sogar miss­trau­isch auf mei­ne Affir­ma­ti­ons­zet­tel guckt, auf denen steht: “Ich kann den Super­markt als Nah­rungs­quel­le für mich akzep­tie­ren” oder “Beim Ein­kau­fen im Super­markt füh­le ich tie­fen inne­ren Frie­den und Hei­ter­keit.”

„Super­markt“ wei­ter­le­sen