
2026, numerisch betrachtet, bietet als Quersumme die 10 (2+0+2+6=10) , eine Zahl, die mit Vollendung assoziiert wird, weil wir mit dem Dezimalsystem arbeiten, das so gut zu unseren zehn Fingern passt.
Die Quersumme von 10 ist 1 (1+0=1), von jeher ein Symbol für den Neuanfang. Beim Addieren von 10 und 1 stoßen wir auf die 11, Primzahl und Schnapszahl, die sowohl an Fußball als auch an Fasching erinnert.
Und schließlich, mit der Quersumme von 11, (1+1=2), ergibt sich die Zwei, die mit dem Zweifel verwandt ist und darauf hindeutet, wie wichtig es ist, unser Wissen auch immer wieder in Frage zu stellen.
Die 11 ist im Periodensystem der Elemente dem Natrium zugeordnet, einem wachsweichen, silberglänzenden Metall, das in luftdicht verschlossenen Stahlfässern gelagert werden muss, weil es so stark reagiert. Ebenfalls hochreaktiv ist Chlor, die Nummer 17 im Periodensystem, (Quersumme 8, eine Zahl, auf die ich später noch zurückkommen werde). Chlor ist ein gelbgrünes, übel riechendes, sehr giftiges Gas. Wie erstaunlich, dass die Verbindung dieser beiden Elemente eine Substanz hervorbringt, die in Farbe, Konsistenz und Verhalten in keinster Weise an ihre ursprünglichen Zutaten erinnert. Es entsteht dabei nämlich Natriumchlorid, unser Kochsalz.
Jede Jahreszahl hat neben ihrer numerischen Bedeutung immer auch eine religiöse und eine politische. Wenn wir das neue Jahr “2026” nennen, beziehen wir uns auf die christliche Zeitrechnung, die andere Zeitrechnungen wie die jüdische, die islamische, die chinesische und weitere, an Bedeutung überholt hat, und mittels kolonialer und kapitalistischer Verbreitung, heute weltweit als Haupt-Zeitrechnung verwendet wird. Sie ist zu einem Symbol für christlich europäische Vorherrschaft geworden.
Vor 2026 Jahren wurde ein gewisser Jesus geboren. Es gibt auch Stimmen, die behaupten, dass es ein Mädchen gewesen war, Susi genannt, und ob ihrer Widerspenstigkeit des öfteren “Ja Susi!” getadelt, woraus dann der Name “Jesus” wurde. Aber das ist wahrscheinlich nur ein Gerücht.
Der männlich gelesene Jesus ist auf jeden Fall das wohl bekannteste mensch-göttliche Wesen aller Zeiten geworden. Er hat in mindestens 4 Religionen erfolgreich Platz genommen. Während er im Christentum als Sohn Gottes eine herausragende Stellung hat, und im Judentum nur eine nebensächliche, ist Jesus im Islam ein Prophet, der, anders als andere Propheten, Wunder vollbringen kann, und im Hinduismus wird er sogar als Gott anerkannt; allerdings muss er sich diese Stellung mit vielen anderen Göttern und Göttinnen teilen.
Religionen haben oft mehr miteinander gemeinsam, als es auf den ersten Blick scheinen mag, und manchmal werden die Grenzen zwischen ihnen auch nicht so streng gezogen. In Gaza war es früher üblich, dass Muslime an Weihnachten mit ihren christlichen Nachbarn in die Kirche gingen — genauso, wie christliche Palästinenser*innen an muslimischen Feiertagen die Moschee besuchten. Mittlerweile sind fast alle Kirchen und Moscheen im Gazastreifen zerbombt, niemand kann sich mehr dort treffen.
Der orthodoxe Theologe Jousef AlKhoury¹ berichtet, dass es in Palästina unter Nachbarinnen üblich war, Kinder gemeinsam zu stillen; religiöse Verschiedenheiten spielten dabei keine Rolle. Kinder, die von derselben Frau gestillt worden waren, galten als Geschwister. So wurden Verbindungen aufgebaut und eine erweiterte Familie kreiert, die sich nicht auf die eigene Nachkommenschaft beschränkte.
Im Übrigen ist das eine Möglichkeit, die den meisten Frauen* offensteht, denn mithilfe einer speziellen Brustmassage kann auch bei Frauen*, die nicht geboren haben, der Milchfluss angeregt werden, wie einer Broschüre² für lesbische Co-Mütter zu entnehmen ist. In Palästina scheint diese Art der Verbindung auf jeden Fall gelungen zu sein, denn trotz vieler Spaltungsversuche gibt es in der palästinensischen Community ein überwiegend friedliches Zusammenleben von christlichen und muslimischen Menschen. Und wer weiß, vielleicht entstammt dieser Tradition auch der Ausdruck: “Wo Milch und Honig fließen”
Nicht nur Familien, auch Heimatländer können auf verschiedene Arten geschaffen werden. “Niemand bleibt ohne Heimatland, solange es Thessaloniki gibt³”, sagte Nikophorus Choumnos, byzantinischer Statthalter von Thessaloniki im 14. Jahrhundert. Und in der Tat wurde diese Stadt 500 Jahre lang für 100.000e von jüdischen Menschen zur Heimatstadt.
Sephardische Juden und Jüdinnen, die aus Spanien vor der christlichen Übernahme fliehen mussten, wurden 1430 vom osmanischen Sultan eingeladen, in der Stadt Fuß zu fassen. Sie kamen und blieben, nannten Thessaloniki “Neu-Jerusalem”. Ihre Sprache, Judeo-Spanisch oder Ladinisch genannt, war neben Türkisch, Griechisch und Bulgarisch eine der Hauptsprachen der Stadt, die von fast allen Einwohner*innen gesprochen wurde.
“Sie identifizierten ihre Interessen mit denen des Osmanischen Reichs”, schreibt der Historiker Mark Mazower⁴, “und führten ein überwiegend friedliches Leben. Viele waren wohlhabend und besetzten Machtpositionen. Aber auch in allen anderen Bereichen waren sie tätig. Am Samstag, dem jüdischen Sabbat, lagen die Hafenarbeiten brach.” Muslime verwalteten die Stadt; Juden und Jüdinnen führten die Geschäfte. Noch 1912 war über die Hälfte der Bevölkerung jüdisch.
Das Osmanische Reich beruhte, wie jedes andere große Reich, auch auf brutaler Gewalt; jedoch, so schreibt Avi Shlaim⁵, ein weiterer jüdischer Historiker: “Im Osmanischen Reich hatten jüdische Menschen den Status einer geschützten Minderheit, mit denselben Rechten und Verpflichtungen wie die anderen Minderheiten und weitreichende Möglichkeiten zur Selbstverwaltung. Religiöse Toleranz, gegenseitiger Respekt und Kooperation zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen waren an der Tagesordnung.” In diesem pluralistischen System blühte das jüdische Leben.
“Es gab keine Ghettos und keine Progrome. Antisemitismus war eine europäische Krankheit, die den Nahen Osten erst später befiel”, erklärt Avi Shlaim. Er wurde in Bagdad geboren, in der “Stadt des Friedens”, wie sie damals noch genannt wurde, deren Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem Drittel jüdisch war. 2500 Jahre lang lebten jüdische Menschen auf dem Gebiet des heutigen Irak als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft.
In diesem Gebiet, im Zweistromland, entstand um 3.300 vor unserer Zeitrechnung die Keilschrift, neben den ägyptischen Hieroglyphen die älteste der heute bekannten Schriften, in der zum Beispiel das Gilgamesch Epos verfasst wurde, eine der ältesten Dichtungen. Die Keilschrift zeichnet sich dadurch aus, dass keilförmige Schreibgriffel in weichen Ton gedrückt wurden; mithilfe von waagerechten, senkrechten und schrägen Keilen wurden zunächst Bilder und später dann Silben dargestellt.
Zahlen sind vermutlich noch früher entstanden. Statt einzelne Striche zu schreiben und abzuzählen, wurde eine begrenzte Anzahl verschiedener Zahlzeichen erfunden, die eine genau festgelegte Reihenfolge haben. Im Dezimalsystem sind das die Ziffern von Null bis Neun. Sie sind in Indien entstanden, und wurden jahrhundertelang von arabischen Gelehrten und Kaufleuten verwendet, bevor sie von Europäer*innen übernommen wurden, weshalb sie heute noch arabische Zahlen heißen.
Wie gut, dass es Zahlen gibt! Wir müssten sonst statt mit “2026” nur 4 Zeichen zu verwenden, “Zweitausendsechsundzwanzig” schreiben, ein Wort mit 26 Buchstaben! Kleines Kuriosum: um 2025 auszuschreiben, bräuchten wir 25 Buchstaben, während es bei 2027 27 Buchstaben sind.
26 hat die gleiche Quersumme wie die Ordnungszahl für Chlor, nämlich 8. Die 8 wird ihrer Form wegen im Wort Achterbahn verwendet. Die Achtsamkeit leitet sich aber nicht davon ab. Denn dieses Wort bezeichnet, anders als die Einsamkeit oder die Zweisamkeit nicht die Anzahl der gemeinsam anwesenden Personen, sondern eine besondere Form der Aufmerksamkeit und Fürsorge für sich selbst als Teil von allen und allem.
Bei den Schüßlersalzen ist die Nummer 8 — eine alte Bekannte, das Natriumchlorid, diesmal homöopathisch aufbereitet. Zu den Anwendungsbereichen⁶ dieses Salzes gehören unter anderem Beschwerden aufgrund von zu wenig Gelenkschmiere, und Angst vor der Zukunft.
Bei der Einnahme können wir also geschmeidiger werden und einen anderen Umgang mit unserer Angst finden, ihre Energie anders verwenden, und bestenfalls aktiv werden, für eine bessere Zukunft für alle, auch für die, die wir nicht leiden können.
Obwohl nichts auf mehr Frieden im Neuen Jahr hindeutet, ist trotzdem, wie immer, alles möglich. Nichts entwickelt sich geradlinig. Wenn der Weg das Ziel ist, dann kann es auch der Umweg sein — oder der Heimweg. Und wenn ein Metall und ein Giftgas zusammen ein Gewürz bilden können, dann können wir Menschen das ja wohl auch.
Quellennachweise:
1 Yousef AlKhoury, “Navigating live together”, in “Daybreak in Gaza”, 2024
2 “Und plötzlich bist du Mutter, Broschüre für lesbische Co-Mütter”, Frauengesundheitszentrum Berlin1998
3 “Κάνεις δεν μένει χωρίς πατρίδα, όσο υπάρχει Θεσσαλονίκη”, Zitat aus “Σελανίκ” von Βασίλης Τσιράκης, 2012
4 Mark Mazower, “Saloniki, City of Ghosts, Christians, Muslims and Jews”, 2006
5 Avi Shlaim, “Three Worlds, Memoirs of an Arab-Jew”, 2023
6 Günther Heepen, “Maxi-Quickfinder Schüßlersalze”, 2014
Alle Übersetzungen von mir
