So viel Leben

Für Anne zum 60. Geburtstag

Atmen Amei­sen
Abflug­be­reit
Auf Apfel­bäu­men im April
Ahnen auch die Ahnungs­lo­sen
Aller­lei Aufregung

Blät­ter­teig bläht sich
Auf dem Blech im Back­ofen
Bla­sen, Beu­len, ein but­ter­wei­ches Bal­lett
Cho­reo­gra­phiert
Im Cur­ry Cur­cu­ma Café
Durch und durch delikat.

Dösen drei Dra­chen
Dort im Durch­gang
Der Dor­nen­he­cke
Ein Ein­bre­cher mit Eimer
Eilt durch die Ein­bahn­stra­ße:
Fei­er­abend!

Frü­he Fäh­ren auf dem Fluss
Fre­che Fin­ken in den Flat­ter­ul­men
Flü­gel glän­zen am Him­mel
Juwe­len­gleich kos­misch
Libel­len? Mosa­ik­flie­gen?
Nein: Amei­sen im Auf­bruch
Durch­que­ren das Alpha­bet,
Blen­den die Dra­chen,
Die blin­zeln und sich erhe­ben
Eben­des­we­gen

Der Eimer fällt
Der Deckel springt
Es fließt das Geld
Und Pau­la Papri­ka
Auf dem Weg zum Job­cen­ter
Zückt eine Tüte und füllt sie
Mit klin­gen­den Münzen.

Sie­ben Lügen braucht sie
Für einen lücken­lo­sen Lebens­lauf
Und einen hei­ßen Gewürz­tee
Im Cur­ry Cur­cu­ma Café

Der Ein­bre­cher eilt wei­ter
Immer läs­tig mit dem Klein­geld
Und dann die­se Dra­chen
Die plötz­lich erwa­chen
Und gäh­nen
Mit blut­ro­ten Rachen

Kein Geld ist Klein­geld
Denkt Pau­la Papri­ka
Und kein Leben hat Lücken
Ein Lebens­lauf ist nur
Eine Auf­zäh­lung von Zei­ten
In denen sie
Für jemand anders
Nütz­lich war
Zu viel Nütz­lich­keit scha­det der Gesund­heit
Pau­la schlürft den Gewürz­tee
Und beißt in den Gemü­se­stru­del
Sie mag Eimer, aus denen Geld kommt

Am Neben­tisch sitzt der Ein­bre­cher
Bei Blät­ter­teig und Ren­ten­rech­ner
Sie­ben Jah­re hat er noch
Die Kur wur­de abge­lehnt
Sams­tag ein Semi­nar zur Stress­be­wäl­ti­gung
Dort muss er wie­der lügen
Beruf: Umzü­ge zur Unzeit
Beson­de­re Belas­tung: Nacht­ar­beit
Nein, schwer ist es nicht
Was er so von einem Ort zum ande­ren trägt
Aber er lei­det unter Verfolgungsängsten

Die Gabel neben dem Tel­ler
Seufzt voll Sehn­sucht
Sie will Salat
Ist aber zu klein dafür
Und muss immer in den süßen Kuchen hin­ein
Wenn sie dann in der Geschirr­spül­ma­schi­ne
Neben dem Mes­ser steht
Das wie­der in den Käse durf­te
Tief hin­ein
Und durch und durch
Dann trop­fen die Trä­nen der Gabel
In den Besteck­korb
Und der klei­ne Löf­fel summt ihr ein Lied
Er hat es gut
Er liebt die Sah­ne
Und den Kaf­fee
Und sogar den Fencheltee

Schrei­ben Sie Inter­es­sen und Fähig­kei­ten
Hat die Frau beim Job­cen­ter gesagt
Pau­la rudert ger­ne
Reißt sich aber nicht am Rie­men
Sie kann frech fra­gen, stun­den­lang früh­stü­cken
Durch­aus auch an Don­ners­ta­gen
Und hat ein gutes Ver­hält­nis
Mit 13 von ihren 17 Exen
Fürs Job­cen­ter braucht sie die Fähig­keit
Demü­ti­gun­gen aus­zu­hal­ten
Es tut immer weh
Aber sie hat ein Leben jen­seits davon
In dem sie heim­lich ein Wie­sel ist

Der Ein­bre­cher kann sei­ne Fort­bil­dun­gen
Nie von der Steu­er abset­zen
Dabei muss er sich doch auf dem Lau­fen­den hal­ten
Über Tre­sor­tech­nik und Alarm­an­la­gen
Eine Umschu­lung zum Hacker
Müss­te er auch selbst bezah­len
Aber den gan­zen Tag vorm Com­pu­ter sit­zen?
Soll ja sehr unge­sund sein.
Und Hand­ar­beit liegt ihm mehr

Pau­la pickt die letz­ten Krü­mel auf
Ver­rückt: Die wich­tigs­te Vor­aus­set­zung
Fürs Geld­ver­die­nen
Ist Geld
Pau­las Traum ist es
Einen Laden zu eröff­nen
In dem die Leu­te ihr Geld abge­ben kön­nen
Ein­fach so, als Erleich­te­rung
Anla­ge ohne Risi­ko
Der Ver­lust ist gewiss
Der Gewinn sofort spür­bar
So wird auch der Laden hei­ßen
Instanta­née

Der Ein­bre­cher wür­de ger­ne Kri­mis schrei­ben
Stoff hat er genug
Über Dis­kri­mi­nie­rung weiß er Bescheid
Nur vor der Recht­schrei­bung graut ihm.
Er betrach­tet die klei­ne Gabel
Und dann steckt er sie ein
Vier Zin­ken, das scheint ihm
Ein Glücks­brin­ger zu sein

Die drei Dra­chen baden im Fluss
Weil jeder von ihnen auch ein­mal muss
Bei die­sem ehren­wer­ten Besuch
Schwillt dem Fluss vor Stolz
Die Brust, die er nicht hat
Und schon über­schwemmt er den Weg
Auf dem Pau­la jetzt geht
Es schwappt ihr bis zu den Waden
Sie wird den Über­fluss mit nas­sen Spu­ren
Ins Job­cen­ter tra­gen
Im Was­ser plan­schen drei Dra­chen
Und Pau­la Papri­ka kann lachen

Die klei­ne Gabel darf jetzt immer
Möh­ren­sa­lat
Weil Ein­bre­cher gute Augen brau­chen
Ihre Frei­zeit ver­bringt sie
In der Glücks­brin­ger-Samm­lung
Dort glänzt sie
Und sticht hervor

Der Ein­bre­cher hofft auf den Him­mel
Immer­hin ver­stößt er nur gegen ein Gebot
Er lügt nicht ger­ne,
Betet oft, dass er nicht erwischt wird
Und glaubt fest an das Gute im Gott.

Die Amei­sen flie­gen
Als ob sie’s immer täten
Der Fluss nennt sich jetzt
Dra­gon Beau­ty Spa
Wäh­rend das Alpha­bet pur­zelt
Die Buch­sta­ben deser­tie­ren
Tan­zen aus der Rei­he
Ver­bin­den sich immer neu
Und sprin­gen in den Fluss
Nur das Q
Besucht den Quai

Mit­ten auf dem Markt­platz
Vorm Cur­ry Cur­cu­ma Café
Wach­sen Bäu­me
Aus Tischen und Stüh­len her­aus
Ahorn Buche Eiche Ulme
Es gibt so viel Leben im Laub
Gera­de dann
Wenn man nicht hinschaut.