
Es klingelt an der Tür. Ich öffne und weiß gleich, was die beiden wollen, denn ich habe den Bundesadler auf den Papieren sofort entdeckt. Ich schüttle den Kopf. “Bitte”, sagt der Ältere von ihnen. Sie sind beide nicht mehr jung, die Gesichter sorgenzerfurcht, die Kleidung gebügelt aber ärmlich, wer weiß, wie sie an diesen Job gekommen sind. “Nein”, sage ich laut und will die Tür schließen. Da sehe ich die Tränen in den Augen des Jüngeren und bin erschrocken. “Es tut mir Leid, aber ich kann wirklich nicht…” Ich winde mich. Dann fällt mir etwas ein.
“Sie können etwas zu essen bekommen”, schlage ich vor. “Aber danach müssen Sie wirklich gehen.” Die beiden nicken eifrig. So, wie sie das Essen in sich hinein schaufeln, müssen sie richtig ausgehungert sein. Zum Glück ist so viel übrig geblieben von meiner Geburtstagsfeier. Mir fällt ein, dass das Datum meines Geburtstages in den Unterlagen steht. Ob sie absichtlich deshalb heute gekommen sind?
Gewieft, denke ich, und: ist doch okay, sie können es brauchen. “Kuchen?”, frage ich. Ihre Augen glänzen, und ich bin großzügig mit der Sahne. Erst als sie alles aufgegessen haben, finden sie ihre Sprache wieder und bedanken sich überschwänglich. Dann sagt der Ältere: “Wir werden jetzt gehen, wie versprochen. Aber ich wollte Sie noch darauf hinweisen, dass das Verfahren stark vereinfacht wurde.” Der Satz klingt wie auswendig gelernt. Er hat einen Akzent, polnisch vielleicht? “Sie brauchen jetzt gar keine Fragen mehr zu beantworten. Mit nur einer Unterschrift…”
“Ach, tatsächlich?”, entfährt es mir. Wenn ich an den mehrseitigen Fragebogen denke, den man früher ausfüllen musste, die Prüfungen, die Gebühren und das monatelange Warten. Der Jüngere beugt sich vor, flüstert mir zu: “Unter bestimmten Voraussetzungen könnten Sie sogar eine Prämie von 1000 Euro erhalten!”
Okay, ich muss klare Verhältnisse schaffen. “Ich möchte die deutsche Staatsbürgerschaft nicht. Jetzt nicht mehr. Monatelange systematische Unterstützung von Völkermord, da kann ich mich nicht bewusst dafür entscheiden, zu diesem Land zu gehören. Nein, ich möchte nichts damit zu tun haben.”
Schweigen. Seufzen. “Wir verstehen Sie ja”, sagt der Ältere, es ist nur so, dass… Wenn wir unsere Quote nicht erfüllen, werden wir bestraft.” “Bestraft? Wie denn?” Der Jüngere hat schon wieder Tränen in den Augen, er lässt sie rinnen, sie fallen zu den Krümeln auf dem Kuchenteller. Der Ältere schluckt schwer: “Wir müssen dann …”, er schüttelt den Kopf, “wir müssen dann selbst Deutsche werden.”
Jetzt weinen beide, an meinem Küchentisch, und ich ziehe den Vorhang zu, damit die neugierige Nachbarin, die jetzt auf den Balkon gekommen ist, uns nicht sehen kann.
