Geburtstag

Als Gott die Geschlech­ter ver­teilt hat, bin ich zu spät gekom­men. Des­halb hab ich kei­nes. Erst dach­te ich: Pech gehabt, weil mir ja etwas fehl­te, spä­ter bemerk­te ich dann, dass es mir gar nicht fehlt. Nur ande­ren fehlt es. Wenn sie mich sehen, füh­len sie sich unbe­hag­lich. Eine Phi­lo­so­phin hat sogar ein Buch dar­über geschrie­ben: Das Unbe­ha­gen der Geschlechter.

Aber ich glau­be, die meis­ten Leu­te haben es nicht gele­sen. Sie star­ren mich immer noch an und ver­su­chen, etwas an mir zu fin­den, das ich nicht habe. Des­halb ver­su­che ich, mög­lichst unauf­fäl­lig zu blei­ben. Und jetzt hat mir Prinz Almut zum Geburts­tag eine Leucht­wes­te geschenkt!

“Oh — was mache ich damit?”, fra­ge ich xier. “Anzie­hen! Dann wirst du bes­ser gese­hen. Damit du nicht ange­fah­ren wirst, wenn du im Dun­keln radelst!” “Aber ich wer­de doch gera­de dann, wenn die Leu­te mich sehen, oft ange­fah­ren!” Prinz Almut lacht herz­lich, dens Bauch wackelt, ich umar­me xier und bedan­ke mich, obwohl ich die Jacke nie anzie­hen wer­de. Dabei mag ich oran­ge. Strei­fen mag ich auch. Und eigent­lich wür­de ich ger­ne leuchten.

Prinz Almut hat ein Gespür dafür, was Leu­te mögen und brau­chen. Xier ist Coach, und hat sich auf Urlaubs­stress spe­zia­li­siert. Dens Arbeit wird sogar von den Kran­ken­kas­sen bezu­schusst. Denn es kommt immer öfter vor, dass Men­schen von ihrem Urlaub so gestresst sind, dass sie danach arbeits­un­fä­hig sind.

Vie­le machen gar nicht rich­tig Urlaub, weil sie wei­ter­hin stän­dig erreich­bar sind. Ande­re sper­ren das Arbeits­han­dy in einen Safe, der sich erst am letz­ten Urlaubs­tag wie­der öff­net, und haben dann den Stress, sich jetzt aber auch wirk­lich erho­len zu müs­sen. Es gibt Streit mit Mit­rei­sen­den, weil es auf ein­mal viel mehr Zeit dafür gibt; ent­täusch­te Erwar­tun­gen, wenn der Berg, den man allei­ne bestei­gen woll­te, von Men­schen über­sät ist; den Schock, in einem frem­den Land zu sein, obwohl der Rei­se­pro­spekt ver­spro­chen hat, dass man sich wie zu Hau­se füh­len würde.

“Und was machst du mit die­sen Leu­ten?”, frag­te ich Prinz Almut. “Unter­schied­lich. Manch­mal bin ich die Her­ber­ge, nach der sie sich schon ihr gan­zes Leben lang gesehnt haben. Oft muss ich erst­mal einen Grund­kurs Diver­si­tät machen. Vie­le glau­ben ja, ich wür­de Almut Prinz hei­ßen. Erst wenn ich mich auf mei­nen Thron set­ze, däm­mert ihnen etwas. Dann kom­men die Fra­gen. Ges­tern hat wie­der jemand gesagt: “Wenn Sie Prinz sind, dür­fen Sie doch noch gar nicht auf den Thron!” “Tja”, mein­te ich, “das ist ein Unter­schied zwi­schen mon­ar­chis­ti­schem und anar­chis­ti­schem Prin­zen­tum! Es gibt noch ein paar mehr.”

Prinz Almut ken­ne ich seit zwei Jah­ren. Es ist aller­dings das ers­te Mal, dass xier zu mei­nem Geburts­tag gekom­men ist. Bei mei­nen Geburts­ta­gen tref­fen immer sehr unter­schied­li­che Men­schen auf­ein­an­der, die ich in mei­nem All­tag nicht zusam­men ein­la­de, weil ich befürch­te, dass sie sich nicht ver­ste­hen wür­den. Ein­mal im Jahr müs­sen alle mit­ein­an­der klar kom­men. Bis jetzt hat das geklappt.

Es klin­gelt, Nor­bert kommt die Trep­pe hoch, drückt mich und drückt mir etwas in die Hand, loses Papier, in dem sich etwas Fes­tes befin­det: “Tut mir Leid, ich hat­te kein Kle­be­band mehr.” Das Ein­wi­ckel­pa­pier ist ein Kalen­der­blatt, eine dicke Kreuz­spin­ne in ihrem Netz vor blau­em Him­mel. “Die sieht ja toll aus!” Als ich den Titel des Buches sehe, muss ich lachen. “Wer spinnt hier eigent­lich?” Den Unter­ti­tel lese ich nur bis “… Geno­zid”, dann klin­gelt es wieder.

Fio­na. Wir haben uns schon län­ger nicht mehr getrof­fen. Als ich sie sehe, ver­engt sich mein Hals, ich muss mich anstren­gen, um Luft zu bekom­men. “Schön, dass du da bist!” Mei­ne Stim­me klingt hei­ser. Sie sagt nichts, bemüht sich zu lächeln und streckt mir einen rie­si­gen Blu­men­strauß ent­ge­gen. “Dan­ke, da suche ich gleich eine Vase für!” Ich bin erleich­tert, dass ich davon huschen kann.

Als ich mit den Blu­men in der Vase ins Sofa­zim­mer kom­me, ver­teilt Lati­fa den Scho­ko­la­den­ku­chen, den sie geba­cken hat, und das Nach­bar­kind starrt Prinz Almut an: “Mei­ne Mama hat gesagt, du bist kein Mann und kei­ne Frau, son­dern so etwas wie ein Mann und eine Frau gleich­zei­tig. Wie geht das denn?” Alle schau­en Prinz Almut an, die schließ­lich erklärt: “Ich habe ein­fach alles gemacht, was ich ger­ne machen woll­te, und das waren dann Frau­en­sa­chen und Män­ner­sa­chen und schwupps, schon war ich bei­des. Und noch viel mehr.” Toni schaut xier mit gro­ßen Augen an. “Bist du des­halb so dick?” Prinz Almut lacht herz­lich: “Die bes­te Erklä­rung für mei­ne Kör­per­fül­le, die ich je gehört habe. Dan­ke!” Xier schüt­telt die klei­ne Hand und kommt auf mich zu.

Nina platzt her­ein. Ich ken­ne sie nicht so gut, habe sie aber spon­tan ein­ge­la­den, als ich sie neu­lich beim Fahr­rad­händ­ler traf. “Brit­ta hat gesagt, dass du alles liest. Also, das ist ganz neu raus gekom­men und wur­de in der Zei­tung eupho­risch bespro­chen.” “Dan­ke.” Ohne gro­ße Hoff­nung zer­rei­ße ich das Geschenkpapier.

“Darf ich mal?” Prinz Almut nimmt das Buch, liest laut: “Das gro­ße Schwei­gen. War­um wir immer noch viel zu wenig über den Holo­caust wis­sen und spre­chen”. Xier blät­tert es durch: “Ich ver­mis­se eigent­lich ein Buch über das aktu­el­le Schwei­gen in Deutsch­land.” Alle schwei­gen betre­ten, was der Situa­ti­on etwas Absur­des gibt, nur Nina fragt nach einer Wei­le: “Was meinst du denn?” “Das Schwei­gen über den Völ­ker­mord an den Palästinenser*innen, an dem Deutsch­land mit­schul­dig ist und …” Xenia räus­pert sich: “Wir als Deut­sche dür­fen nicht …” “Bin ich gar nicht!”, ruft Prinz Almut. “Dann wirst du das nie ver­ste­hen kön­nen”, erklärt Nico­le. “Was denn, dass die Ver­bre­chen, die die Deut­schen began­gen haben, ein Frei­brief dafür sind, die Palästinenser*innen zu malträtieren?”

Tan-Li stößt einen schril­len Lacher aus, Fio­na bedeckt ihr Gesicht mit den Hän­den, Nina sagt ver­le­gen: “Wir wol­len doch jetzt Geburts­tag fei­ern”, und schaut mich an. Eigent­lich wäre es eine gute Gele­gen­heit, um zu dis­ku­tie­ren, aber ich habe die Befürch­tung, dass es schief geht. Tho­mas Aka­bu geht es wohl auch so. “Ich mach neu­en Kaf­fee”, ruft er und zwin­kert mir zu, als er Rich­tung Küche geht. Ich bemer­ke, dass Rona, der Cocker­spa­ni­el von Rena, die Vor­der­pfo­ten auf den Couch­tisch gestemmt hat und die Sah­ne­schüs­sel aus­leckt. Wenigs­tens eine, die die Situa­ti­on aus­kos­ten kann.

„Geburts­tag“ wei­ter­le­sen