Konferenz der Kapriolen

Wenn mein Vor­hang träumt, dann träumt er manch­mal von Samt und Sei­de, und manch­mal von sei­nen Müt­tern, einer Rei­he Baum­woll­pflan­zen aus Usbe­ki­stan; heu­te Nacht aber träumt er vom Kri­mi, den er abends durch das Fens­ter des Nach­bar­hau­ses beob­ach­tet hat, auf der Groß­bild­lein­wand. Ein Traum vol­ler Ver­däch­ti­gun­gen, Schuss­wech­sel und Ver­fol­gungs­jag­den. Mein Vor­hang zuckt und flat­tert im Schlaf, er reißt an der Vor­hang­stan­ge, und im Ver­such zu flie­hen, drückt er sich in eine Ecke; gibt das Fens­ter frei und die Welt schwappt in mein Zimmer.

Vorm Fens­ter biegt sich die Hain­bu­che im Wind, der Baum lässt sei­ne gelb­ge­färb­ten Blät­ter los; durch sei­ne Zwei­ge erscheint, mond­be­schie­nen, der Turm. In sei­nem Erd­ge­schoss, im Fund­amt, sta­peln sich Kof­fer, Taschen und Ted­dy­bä­ren, lie­gen Regen­schir­me auf­ge­reiht neben Hand­schu­hen und Han­dys, und da steht auch der Wäsche­stän­der, der ritt­lings auf dem Turm gelan­det ist, eines Mor­gens, als der Fluss über die Ufer getre­ten ist und sich neue Wege gesucht hat durch die Stra­ßen der Stadt, und vie­le Men­schen auf den Dächern Zuflucht gefun­den hat­ten und froh waren über den Wäsche­stän­der mit den tro­cke­nen Socken und Hosen und einer dun­kel­li­la Fleecejacke.

Im obers­ten Turm­zim­mer lässt Anna Kon­da das Bade­was­ser ein­lau­fen, der Schaum knis­tert und türmt sich in der Wan­ne, und im Raum dar­un­ter sprin­gen die Kaprio­len auf den Kon­fe­renz­ti­schen, die nachts schwin­gungs­fä­hig wer­den wie Tram­po­li­ne. Bei die­sen Sprün­gen wird die Welt durch­läs­si­ger, und immer, wenn die Kaprio­len ihre Kon­fe­ren­zen hüp­fen, wer­den unwahr­schein­li­che Begeg­nun­gen möglich.

In mei­nem Zim­mer spü­re ich einen Ruck durchs Gemäu­er, und unten im Erd­ge­schoss springt die Haus­tür auf und eine Kara­wa­ne stapft her­ein. Bei jedem Tritt der Kamel­hu­fe knirscht der Wüs­ten­sand auf den alten Stein­stu­fen des Trep­pen­hau­ses und die seit­li­chen Las­ten der Höcker­tie­re scheu­ern den Ver­putz von den Wänden.

Frau Win­ter, die jeden Tag das Trep­pen­haus putzt, stürzt aus ihrer Woh­nung und bleibt mit offe­nem Mund ste­hen, es kommt kein Wort her­aus, vor lau­ter Stau­nen und Ehr­furcht. Noch nie hat sie ein Kamel von so nahe gese­hen, so einen gewal­ti­gen, bei­na­he erschre­cken­den Kopf, und so sanf­te Augen.

Das Kamel schnaubt; es hat noch nie eine Frau Win­ter von so nahe gese­hen und es wun­dert sich über die Anwei­sung: „Füße abput­zen!“. Die Frau auf dem Kamel beugt sich vor und streckt Frau Win­ter die Hand hin.

Die­se weicht zurück. Einem frem­den Men­schen die Hand rei­chen? Man soll lie­ber noch nicht ein­mal den klei­nen Fin­ger hin­hal­ten. „Raus“, sagt sie statt­des­sen, aber ihr fehlt das Reso­lu­te, das sie sonst hat, sie sagt es so weich wie Kamel­haar, und das ist offen­sicht­lich ver­wir­rend, denn die Frau lächelt sie an und sagt: „Leda Naro­bi. Nice to meet you, Frau Raus.“

„Nein“, sagt Frau Win­ter und deu­tet auf das Kamel.

Leda Naro­bi nimmt ihre Hand: „You are wel­co­me“, und Frau Win­ter, die auf ein­mal kein Gewicht mehr hat, die ganz leicht gewor­den ist in die­ser Nacht der Mög­lich­kei­ten, schwingt hoch und kommt mir­nichts­dir­nichts auf dem Kamel zu sit­zen, und die Kara­wa­ne zieht weiter.

Im ers­ten Stock öff­net sich die Woh­nungs­tür einen Spalt­breit und Liz­zi, die nicht schläft, weil sie noch ein Refe­rat über Phä­no­me­ne der Quan­ten­phy­sik schrei­ben muss, guckt her­aus und ist beein­druckt davon, dass die rup­pi­ge Frau Win­ter nachts auf Kame­len reitet.

„Jedes Teil­chen ist eine Wel­le“, schreibt Liz­zi, „jede Stadt ist ein Fluss …“ Den zwei­ten Satz streicht sie wie­der durch. „Kei­ne Phan­ta­sie, Liz­zi!“ hat der Phy­sik­leh­rer zu ihr gesagt. Aber ohne Phan­ta­sie, fin­det Liz­zi, ist die Quan­ten­phy­sik nicht zu ver­ste­hen, und vie­les ande­re auch nicht.

In der stil­len Woh­nung wackeln die Schu­he im Schlaf mit den Klett­ver­schluss­la­schen, und der Senf träumt von einer Sänf­te, die sei­ne Schär­fe über die Zun­gen­hü­gel trägt, er schmilzt im Licht der Stra­ßen­la­ter­ne, die Lud­mil­la heißt, und ihr Licht auch auf das ambu­lan­te Unter­neh­men wirft, das Pan­to­mi­me und ein­fa­che Tele­pa­thie als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­hil­fe anbie­tet. Die­ses Unter­neh­men kann sich auch mit einer Stra­ßen­la­ter­ne unter­hal­ten und seit es ein­mal mit Lud­mil­la geplau­dert hat, schwärmt es für sie, die so ver­wur­zelt und erleuch­tet zugleich ist.

Heu­te Nach­mit­tag hat jemand einen roten Zet­tel auf das lan­ge Bein von Lud­mil­la geklebt, auf dem steht: „Win­nie ver­misst“. Beim nächt­li­chen Spa­zier­gang liest das Unter­neh­men den Zet­tel und wird auch rot, und schließ­lich traut es sich und denkt, an Lud­mil­la gewen­det: „Ich bin Win­nie, und ich hab dich auch schon so sehr vermisst.“

Frau Win­ter klam­mert sich an den Höcker des Kamels. „Wel­co­me“, hat die frem­de Frau gesagt, so als ob sie hier zu Hau­se wäre und Frau Win­ter der Gast. Da stimmt doch etwas nicht, sie muss es gera­de rücken aber gera­de auf einem Kamel­rü­cken ist es schwie­rig, etwas gera­de zu rücken; alles schau­kelt und schwankt, wäh­rend sie unter­wegs ist wer weiß wohin.

„Kon­fe­renz der Kaprio­len“ wei­ter­le­sen