Eines Tages, in Gaza

Die Krä­hen sind die ers­ten, die etwas bemer­ken. Es gibt kei­ne Krä­hen mehr in Gaza, weil es kaum noch Bäu­me gibt, in denen sie schla­fen kön­nen, aber jetzt sind sie wie­der da, umkrei­sen etwas, und kräch­zen. Es ist noch dun­kel, sie sind von einem Schnur­ren wach gewor­den, von einer Schwin­gung, die anders ist als alles zuvor.

Was fliegt da? Es sieht aus wie eine Him­bee­re, eine klei­ne rote Kugel mit Beu­len; sie strahlt und funkt und lan­det mit­ten in Gaza City.

Es lan­den so vie­le Din­ge in Gaza. Die meis­ten töten. Sogar Lebens­mit­tel. Alle wis­sen, was pas­siert, wenn viel zu weni­ge Lebens­mit­tel will­kür­lich abge­wor­fen wer­den, auf Men­schen, die am Ver­hun­gern sind.

Die Krä­hen sind auf­ge­regt, rufen sich gegen­sei­tig, flat­tern um die rote Kugel her­um, die wächst und sich ver­färbt und jetzt, oran­ge und mit Längs­ril­len, eher einem Kür­bis gleicht. Sie liegt im Staub, auf einer Flä­che, die von Trüm­mern frei geräumt wor­den ist, damit Kin­der dort Fuß­ball spie­len kön­nen. Es gibt schon lan­ge kei­nen pral­len Fuß­ball mehr, aber es gibt eine Hül­le, und wenn der Schmutz von ihr abge­wa­schen wer­den wür­de, könn­ten alle sehen, dass es ein­mal ein Fuß­ball war.

Aber alle sind müde vom Was­ser­schlep­pen. Zu trin­ken gibt es immer zu wenig, und Salz­was­ser muss von weit her geholt wer­den. Die Was­ser­tanks sind alle zer­schos­sen, es wur­den wohl Hamas Kämp­fer dar­in ver­mu­tet. Aber kein Blut floss her­aus, nur Was­ser, das im Schutt versickerte.

Auf dem Fuß­ball­platz wächst die Kugel wei­ter, streckt sich in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen, bil­det Füh­ler oder Zwei­ge; es ent­steht ein Netz aus Kabeln, Armen, Röh­ren; hun­der­te Fin­ger in rot blau grün, lila und oran­ge tas­ten sich voran.

Es ist noch Nacht, vie­le schla­fen. Nie­mand schläft wirk­lich in Gaza, Schlaf bedeu­tet nur, dass die per­ma­nen­te Müdig­keit über­wiegt, so lan­ge, bis sie wie­der von Wach­sam­keit gestört wird. Die Krä­hen­ru­fe las­sen eini­ge auf­ste­hen, Zelt­wän­de öff­nen sich, vor­sich­tig nähern sich Men­schen dem Fuß­ball­platz, leuch­ten mit ihren Han­dys, stau­nen und sind miss­trau­isch. Was ist das? Ein neu­er Trick von Israel?

Das, was man als Wesen bezeich­nen könn­te, bedeckt schon den gan­zen Platz und wächst wei­ter, bil­det immer neue For­men aus, schlän­gelt sich zwi­schen Trüm­mern hin­durch, erhebt sich in die Luft. Es ist eigent­lich nicht nur ein Wesen, son­dern vie­le, die mit­ein­an­der in Ver­bin­dung blei­ben. Soll man die­se Wesen begrü­ßen oder sich vor ihnen fürchten?

Die Krä­hen lan­den furcht­los auf ihnen, trip­peln und hüp­fen, kräch­zen laut, eine stupst die raue Ober­flä­che mit dem Kopf, da krächzt es zurück! Über­all öff­nen sich Sprech­ka­nä­le, aus denen es krächzt und gurrt, eine auf­ge­reg­te Unter­hal­tung beginnt, ein Fest, viel­leicht ein Wie­der­se­hen nach lan­ger Zeit.

Und dann geht die Son­ne auf, und dort, wo der ers­te Strahl eines der Wesen trifft, öff­net es ein Auge. Eine Krä­he schaut hin­ein und da klin­gelt das Wesen, wie zur Freu­de, und die Krä­he hebt den Schna­bel zum Him­mel und klin­gelt auch. Dann öff­nen alle Wesen ihre Augen, über­all an der Ober­flä­che; sie sehen, was sie umgibt, und klin­geln nicht, sie kräch­zen auch nicht mehr, für eine lan­ge Zeit. Sie ver­stum­men ganz und alle Krä­hen ver­stum­men, und hocken zusam­men auf den Wesen, die lei­se beben.

Nicht nur in Gaza wer­den die Wesen bemerkt. Das, was da gelan­det ist und sich aus­brei­tet, sen­det Sel­fies. Über­all auf der Welt bekom­men Men­schen Bil­der und Fil­me auf ihre Han­dys, und beob­ach­ten, wie die Wesen wach­sen, wie sie mit den Krä­hen kom­mu­ni­zie­ren und wie sie ver­stum­men; und sehen jetzt auch das, was die Wesen sehen.

Seit der Ankunft der Wesen wur­den schon dop­pelt so vie­le Nach­rich­ten ver­sen­det wie sonst an einem gan­zen Tag. Die Außer­ir­di­schen, heißt es über­all, die Außer­ir­di­schen sind in Gaza gelan­det! Es sind Schlan­gen, sie haben Tat­zen, wach­sen als Büsche oder sind es Algen? Und jetzt sehen alle gebannt zu, wie sich Men­schen lang­sam die­sen Wesen nähern.

Wie soll man sie begrü­ßen? Was soll man ihnen zu essen anbie­ten? Viel haben die Men­schen in Gaza ja nicht, aber alle brin­gen etwas mit, in Kör­ben, auf Tabletts und auf Tel­lern, die die Bom­bar­die­run­gen heil über­stan­den haben. Sie rei­chen es den Wesen, die sich aus­stül­pen und tas­ten und sich wie­der abwen­den. Sie neh­men nichts; gefällt ihnen das Dar­ge­bo­te­ne nicht oder ernäh­ren sie sich von etwas ganz ande­rem, oder essen sie nichts? Ein Mäd­chen hält eine Scha­le Was­ser hin, und das, end­lich, wird ange­nom­men, ein Rüs­sel senkt sich hin­ein und trinkt.

In dem Moment fällt ein Schuss, die Krä­hen flie­gen auf, das Zen­trum der Wesen wird getrof­fen, alle hal­ten den Atem an — die Kugel prallt ab, fliegt zurück und trifft den Schüt­zen. Er krümmt sich vor Schmer­zen, bricht zusam­men. Die Kugel durch­dringt sei­ne Uni­form und fährt ihm ins Fleisch, zwei Zen­ti­me­ter neben sei­nem Her­zen. Nicht töd­lich, aber herz­er­schüt­ternd. Sei­ne eige­ne Kugel hat ihn getrof­fen, er wird das sein Leben lang nicht mehr ver­ges­sen können.

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