Eines Tages, in Gaza

Die Krä­hen sind die ers­ten, die etwas bemer­ken. Es gibt kei­ne Krä­hen mehr in Gaza, weil es kaum noch Bäu­me gibt, in denen sie schla­fen kön­nen, aber jetzt sind sie wie­der da, umkrei­sen etwas, und kräch­zen. Es ist noch dun­kel, sie sind von einem Schnur­ren wach gewor­den, von einer Schwin­gung, die anders ist als alles zuvor.

Was fliegt da? Es sieht aus wie eine Him­bee­re, eine klei­ne rote Kugel mit Beu­len; sie strahlt und funkt und lan­det mit­ten in Gaza City.

Es lan­den so vie­le Din­ge in Gaza. Die meis­ten töten. Sogar Lebens­mit­tel. Alle wis­sen, was pas­siert, wenn viel zu weni­ge Lebens­mit­tel will­kür­lich abge­wor­fen wer­den, auf Men­schen, die am Ver­hun­gern sind.

Die Krä­hen sind auf­ge­regt, rufen sich gegen­sei­tig, flat­tern um die rote Kugel her­um, die wächst und sich ver­färbt und jetzt, oran­ge und mit Längs­ril­len, eher einem Kür­bis gleicht. Sie liegt im Staub, auf einer Flä­che, die von Trüm­mern frei geräumt wor­den ist, damit Kin­der dort Fuß­ball spie­len kön­nen. Es gibt schon lan­ge kei­nen pral­len Fuß­ball mehr, aber es gibt eine Hül­le, und wenn der Schmutz von ihr abge­wa­schen wer­den wür­de, könn­ten alle sehen, dass es ein­mal ein Fuß­ball war.

Aber alle sind müde vom Was­ser­schlep­pen. Zu trin­ken gibt es immer zu wenig, und Salz­was­ser muss von weit her geholt wer­den. Die Was­ser­tanks sind alle zer­schos­sen, es wur­den wohl Hamas Kämp­fer dar­in ver­mu­tet. Aber kein Blut floss her­aus, nur Was­ser, das im Schutt versickerte.

Auf dem Fuß­ball­platz wächst die Kugel wei­ter, streckt sich in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen, bil­det Füh­ler oder Zwei­ge; es ent­steht ein Netz aus Kabeln, Armen, Röh­ren; hun­der­te Fin­ger in rot blau grün, lila und oran­ge tas­ten sich voran.

Es ist noch Nacht, vie­le schla­fen. Nie­mand schläft wirk­lich in Gaza, Schlaf bedeu­tet nur, dass die per­ma­nen­te Müdig­keit über­wiegt, so lan­ge, bis sie wie­der von Wach­sam­keit gestört wird. Die Krä­hen­ru­fe las­sen eini­ge auf­ste­hen, Zelt­wän­de öff­nen sich, vor­sich­tig nähern sich Men­schen dem Fuß­ball­platz, leuch­ten mit ihren Han­dys, stau­nen und sind miss­trau­isch. Was ist das? Ein neu­er Trick von Israel?

Das, was man als Wesen bezeich­nen könn­te, bedeckt schon den gan­zen Platz und wächst wei­ter, bil­det immer neue For­men aus, schlän­gelt sich zwi­schen Trüm­mern hin­durch, erhebt sich in die Luft. Es ist eigent­lich nicht nur ein Wesen, son­dern vie­le, die mit­ein­an­der in Ver­bin­dung blei­ben. Soll man die­se Wesen begrü­ßen oder sich vor ihnen fürchten?

Die Krä­hen lan­den furcht­los auf ihnen, trip­peln und hüp­fen, kräch­zen laut, eine stupst die raue Ober­flä­che mit dem Kopf, da krächzt es zurück! Über­all öff­nen sich Sprech­ka­nä­le, aus denen es krächzt und gurrt, eine auf­ge­reg­te Unter­hal­tung beginnt, ein Fest, viel­leicht ein Wie­der­se­hen nach lan­ger Zeit.

Und dann geht die Son­ne auf, und dort, wo der ers­te Strahl eines der Wesen trifft, öff­net es ein Auge. Eine Krä­he schaut hin­ein und da klin­gelt das Wesen, wie zur Freu­de, und die Krä­he hebt den Schna­bel zum Him­mel und klin­gelt auch. Dann öff­nen alle Wesen ihre Augen, über­all an der Ober­flä­che; sie sehen, was sie umgibt, und klin­geln nicht, sie kräch­zen auch nicht mehr, für eine lan­ge Zeit. Sie ver­stum­men ganz und alle Krä­hen ver­stum­men, und hocken zusam­men auf den Wesen, die lei­se beben.

Nicht nur in Gaza wer­den die Wesen bemerkt. Das, was da gelan­det ist und sich aus­brei­tet, sen­det Sel­fies. Über­all auf der Welt bekom­men Men­schen Bil­der und Fil­me auf ihre Han­dys, und beob­ach­ten, wie die Wesen wach­sen, wie sie mit den Krä­hen kom­mu­ni­zie­ren und wie sie ver­stum­men; und sehen jetzt auch das, was die Wesen sehen.

Seit der Ankunft der Wesen wur­den schon dop­pelt so vie­le Nach­rich­ten ver­sen­det wie sonst an einem gan­zen Tag. Die Außer­ir­di­schen, heißt es über­all, die Außer­ir­di­schen sind in Gaza gelan­det! Es sind Schlan­gen, sie haben Tat­zen, wach­sen als Büsche oder sind es Algen? Und jetzt sehen alle gebannt zu, wie sich Men­schen lang­sam die­sen Wesen nähern.

Wie soll man sie begrü­ßen? Was soll man ihnen zu essen anbie­ten? Viel haben die Men­schen in Gaza ja nicht, aber alle brin­gen etwas mit, in Kör­ben, auf Tabletts und auf Tel­lern, die die Bom­bar­die­run­gen heil über­stan­den haben. Sie rei­chen es den Wesen, die sich aus­stül­pen und tas­ten und sich wie­der abwen­den. Sie neh­men nichts; gefällt ihnen das Dar­ge­bo­te­ne nicht oder ernäh­ren sie sich von etwas ganz ande­rem, oder essen sie nichts? Ein Mäd­chen hält eine Scha­le Was­ser hin, und das, end­lich, wird ange­nom­men, ein Rüs­sel senkt sich hin­ein und trinkt.

In dem Moment fällt ein Schuss, die Krä­hen flie­gen auf, das Zen­trum der Wesen wird getrof­fen, alle hal­ten den Atem an — die Kugel prallt ab, fliegt zurück und trifft den Schüt­zen. Er krümmt sich vor Schmer­zen, bricht zusam­men. Die Kugel durch­dringt sei­ne Uni­form und fährt ihm ins Fleisch, zwei Zen­ti­me­ter neben sei­nem Her­zen. Nicht töd­lich, aber herz­er­schüt­ternd. Sei­ne eige­ne Kugel hat ihn getrof­fen, er wird das sein Leben lang nicht mehr ver­ges­sen können.

“Isra­el von Außer­ir­di­schen bedroht!”, lau­tet die ers­te Schlag­zei­le des Tages. “In Gaza gelan­de­te Hamas Ver­stär­kung plant die voll­stän­di­ge Ver­nich­tung Isra­els! Sämt­li­che Natio­nen sind auf­ge­for­dert, Isra­el in die­sem furcht­ba­ren Krieg beizustehen!”

Als der Rüs­sel dann auch noch eine Droh­ne ansaugt und in sei­nem Inne­ren ver­schwin­den lässt, kommt es zur pani­schen Flucht des israe­li­schen Mili­tärs. Es zieht sich aus Gaza City zurück, und schließ­lich aus dem gesam­ten Gaza­strei­fen; und posi­tio­niert sich an den Gren­zen. Zum ers­ten Mal seit dem 7. Okto­ber 23 ist wirk­lich Waf­fen­still­stand. Es ist tat­säch­lich still. Die Men­schen in Gaza kön­nen ihren Atem hören, ohne Hin­ter­grund­ge­räu­sche. Kin­der wachen von der Ruhe auf, sie sind so an die Droh­nen gewöhnt, dass sie sich ver­wun­dert umsehen.

Aus ganz Gaza City strö­men Men­schen her­bei, bedan­ken sich bei den Wesen, lieb­ko­sen sie, benet­zen sie mit Trä­nen; und die Wesen kom­men den Men­schen ent­ge­gen, tas­ten und schlän­geln sich zwi­schen den Trüm­mern hin­durch, krie­chen über sie hin­weg, wer­den zwi­schen den Zel­ten dünn wie Ran­ken, und auf den Stra­ßen brei­te Äste, auf denen die Kin­der reiten.

Wie Wur­zeln, wie Wel­len wach­sen die Wesen, errei­chen immer mehr Bezir­ke, wer­den über­all mit Jubel begrüßt und umarmt. Bei Berüh­rung sprie­ßen den Wesen Haa­re, weich wie Wie­se; es beu­gen sich Arme zum Klet­tern und Rut­schen, Ebe­nen stre­cken sich zum Lau­fen und Sprin­gen, Höh­len ent­ste­hen, und Kuh­len, in die die Men­schen sich schmie­gen kön­nen. Als die Son­ne am Him­mel steigt und es heiß wird, bil­den die Wesen über­all Dächer, die Schat­ten spenden.

Die Wesen wach­sen jetzt schnel­ler, mit einer Dring­lich­keit, errei­chen Jaba­lia, das Meer, und bald dar­auf schon Khan Younis. Sie wach­sen auch über die gel­be Linie hin­weg, hal­ten erst an der Sperr­an­la­ge inne.

Das inter­na­tio­na­le Komi­tee für Leben­de Außer­ir­di­sche Erschei­nungs­for­men, KLAEF, hat mit der gebo­te­nen Eile Wissenschaftler*innen für eine Gaza Expe­di­ti­on aus­ge­wählt und aus­ge­rüs­tet mit den moderns­ten Mess­ge­rä­ten für die Außer­ir­di­schen-Ana­ly­se, die mit nur gering inva­si­ven Ver­fah­rens­wei­sen groß­ar­ti­ge Ergeb­nis­se lie­fern kön­nen. Lie­fern könn­ten. Denn Isra­el ver­wei­gert die Einreise.

KLAEF schreibt in einem offe­nen Brief: “Trotz der Gefah­ren, die in Gaza auf uns war­ten, wol­len wir das Wag­nis auf uns neh­men, die­se außer­ir­di­sche Erschei­nungs­form zu unter­su­chen. Wir sind bereit, unser Leben für die For­schung hin­zu­ge­ben. Welt­weit haben sich Labo­re zur Ver­fü­gung gestellt, um Tag und Nacht an raschen Aus­wer­tun­gen zu arbei­ten. Isra­el darf jetzt nicht so selbstüch­tig reagie­ren. Wir müs­sen doch wis­sen, wor­um es sich han­delt. Das ist eine ein­ma­li­ge Chan­ce für die Menschheit!”

Kei­ne Ant­wort, kei­ne Ein­rei­se­ge­neh­mi­gung. Es gibt etwas zu unter­su­chen und sie kom­men nicht dran! Wissenschaftler*innen aller Län­der rau­fen sich die Haa­re. War­um sind die Außer­ir­di­schen aus­ge­rech­net in Gaza gelan­det? Das muss ein Rechen­feh­ler gewe­sen sein. In Gaza gibt es doch nichts zu sehen! Sie soll­ten sich unse­re Errun­gen­schaf­ten in For­schung und Tech­nik anse­hen, unse­re präch­ti­gen Bau­ten, unse­re Zivilisation!

Und dann gibt es immer mehr Stim­men, die sagen: “Gaza, das ist unse­re Zivilisation”.

Kran­ke und Ver­letz­te wer­den zu den Wesen getra­gen, viel­leicht kön­nen sie hei­len? Sie begin­nen zu sum­men und brum­men, aber kein Heil­mit­tel ent­steht. Das Lebens­sys­tem der Wesen ist wahr­schein­lich zu ver­schie­den von mensch­li­chen Kör­pern. Es gibt nur die Gemein­sam­keit, Was­ser zu trinken.

Die Wesen haben das Was­ser von Gaza gekos­tet und das Pro­blem ver­stan­den. Über­all, wo sie hin­rei­chen, bil­den sie Aus­stül­pun­gen, aus denen Was­ser fließt. Sofort sind alle zur Stel­le, mit Hän­den, Scha­len, Töp­fen, Krü­gen fan­gen die Men­schen das Was­ser auf. Was­ser, ah! Was­ser, ماء ماء، das reins­te Glück. Und was für Was­ser! Alle Kin­der und die meis­ten Erwach­se­nen trin­ken zum ers­ten Mal in ihrem Leben sau­be­res Wasser.

Die Akti­en­kur­se, die zunächst einen stei­len Anstieg ver­zeich­net haben, stür­zen ab. Kos­ten­lo­ses Was­ser in Gaza, das ist eine Kata­stro­phe für die Wirt­schaft. Fried­li­che Außer­ir­di­sche sind wirk­lich das letz­te, was man an der Bör­se brau­chen kann. Das ist geschäfts­schä­di­gend! Und es geht noch weiter.

Hun­der­te Röh­ren­ar­me der Wesen sen­ken sich in die Erde, tief und immer tie­fer, bis es spru­delt. End­lich wie­der vie­le Brun­nen in Gaza! Men­schen tan­zen in den Was­ser­strah­len, sind zum ers­ten Mal seit Jah­ren ver­schwen­de­risch mit Was­ser. Aber es ist zu sal­zig. Schläu­che lei­ten das Was­ser zurück ins Inne­re der Wesen, wo sich Bäu­che bil­den, in denen es wallt und wogt, und schließ­lich strömt es süß in tau­sen­de Schläu­che und ver­teilt Trink­was­ser im gesam­ten Gaza­strei­fen. Denn die Wesen sind bis Rafah gekommen!

An den Gren­zen ste­hen die israe­li­schen Soldat*innen, untä­tig wie schon lan­ge nicht mehr. Es gibt einen Feind und sie kön­nen nichts tun, dür­fen auch nicht nach Hau­se gehen. Die Son­ne steigt, es wird heiß und lang­wei­lig, alle füh­len sich nutz­los. Nor­ma­ler­wei­se müs­sen nur die Palästinenser*innen stun­den­lang an den Grenz­über­gän­gen war­ten. Das Gefühl der Unge­rech­tig­keit bedrückt, Streit ent­steht hier und da.

Die Befehls­ha­ben­den ertei­len Befeh­le über Laut­spre­cher, aber ihre Auto­ri­tät hat unter der Situa­ti­on gelit­ten, und ihre Ver­un­si­che­rung über­trägt sich auf die Soldat*innen, heizt die Strei­tig­kei­ten noch an. Schon fällt ein ers­ter Schuss, nur so, alle begin­nen, in den Him­mel zu schie­ßen, man­che wer­den nach­läs­sig, sen­ken das Gewehr, ers­te Tref­fer füh­ren zu ande­ren. Bis es gelingt, durch­zu­grei­fen, gibt es schon 300 Ver­letz­te und eini­ge Tote.

Vor­mit­tags star­ten die ers­ten Talk­shows zu den Außer­ir­di­schen. Ihre Gefähr­lich­keit ist von Anfang an das beherr­schen­de The­ma. Fast alle sind sich einig, dass die Außer­ir­di­schen bald ihr wah­res Gesicht zei­gen wer­den; und dann angrei­fen, und sich die Erde unter­tan machen oder sie zerstören.

Ein Hamas Exper­te erklärt mit sor­gen­voll gefurch­ter Stirn, dass selbst er die Hamas unter­schätzt hat, obwohl er, wie er betont, pro­fun­de Kennt­nis­se von isla­mis­ti­scher Arg­list besitzt und mit dem neu­es­ten Stand der Ter­ro­ris­mus For­schung bes­tens ver­traut ist. “Offen­bar ist es der Hamas trotz umfas­sen­der Über­wa­chung gelun­gen, Ver­bin­dun­gen ins Welt­all auf­zu­bau­en und Ver­bün­de­te für ihre mör­de­ri­schen Absich­ten zu gewin­nen”, sagt er, “ver­mut­lich mit Unter­stüt­zung durch den Iran. Es wäre naiv zu glau­ben, dass die Außer­ir­di­schen zufäl­lig in einem isla­mi­schen Gebiet gelan­det sind. Im Moment lässt sich beob­ach­ten, dass sie die Bevöl­ke­rung mit Nähr­stof­fen ver­sor­gen, und wahr­schein­lich auch mit Dro­gen, wie sich am Ver­hal­ten der Bevöl­ke­rung able­sen lässt. Noch wis­sen wir nicht, wann sie zum Angriff über­ge­hen werden.”

“Dan­ke für Ihre pro­fes­sio­nel­le Ein­schät­zung!”, sagt der Mode­ra­tor, fast schwin­de­lig vor Auf­re­gung, wenn er an die Ein­schalt­quo­ten denkt, “Blei­ben Sie dran! Wäh­rend wir hier spre­chen, wer­den im Inne­ren des Raum­schiffs der Außer­ir­di­schen womög­lich Waf­fen gebaut, die Isra­el und die gesam­te west­li­che Welt ver­nich­ten wer­den. Wel­che Chan­cen haben wir, die­se Kata­stro­phe zu über­le­ben?” Er reicht das Mikro­fon an den Spre­cher des Verteidigungsministerium.

Die Wesen bau­en tat­säch­lich. Tau­sen­de Arme sor­tie­ren Zie­gel und Stei­ne aus den Trüm­mern, schich­ten sie auf und kön­nen einen Stoff pro­du­zie­ren, der halt­ba­rer als Mör­tel ist. Vie­le Häu­ser ent­ste­hen, über­all im Gaza­strei­fen gleich­zei­tig. Dabei wer­den auch Lei­chen gebor­gen, immer mehr Lei­chen, die meis­ten sind nicht mehr zu erken­nen. Die Wesen heben Grä­ber aus, die Men­schen orga­ni­sie­ren Begräb­nis­se; allein in Gaza Stadt wer­den Tau­sen­de begraben.

Anders­wo sehen vie­le, die vor­her gut ver­dient haben, die Grund­la­ge für ihre präch­ti­gen Geschäf­te zer­stört, seit die­se Außer­ir­di­schen ihr Wesen trei­ben. Gan­ze Exis­ten­zen kra­chen. Eine huma­ni­tä­re Kata­stro­phe unge­ahn­ten Aus­ma­ßes bahnt sich an.

Alle hel­fen den Wesen beim Bau­en, und immer wie­der strei­cheln sie die Wesen, lieb­ko­se und seg­nen sie. Sie sin­gen auch, und Trom­meln und spie­len Gei­ge, Oud, Gitar­re. Wo musi­ziert wird, bau­en die Wesen schnel­ler. Bald ist der gan­ze Gaza­strei­fen von Musik erfüllt, und alle las­sen Dra­chen stei­gen, vie­le bun­te Dra­chen, end­lich wie­der, ohne Angst haben zu müs­sen, für die­ses Ver­gnü­gen erschos­sen zu werden.

Alle bewe­gen sich zuneh­mend frei­er, lachen, hof­fen, blü­hen auf, wei­nen auch. Vie­le Kran­ke und Ver­wun­de­te suchen sich die­sen Tag zum Ster­ben aus, in dem Gefühl, womög­lich nie mehr etwas so Schö­nes zu erleben.

Vie­le Men­schen welt­weit schau­en auf ihre Bild­schir­me, stau­nen über die Wesen und ihre Begeg­nun­gen mit den Men­schen in Gaza. Auch vie­le jüdi­sche Israe­lis sehen zu. Man­che freu­en sich. Man­che sind wütend. Vie­le sind ver­stört. Die­se Bil­der … sie rüh­ren an etwas. Sie lösen Gefüh­le aus, den Palästinenser*innen gegen­über, die sonst kei­nen Platz haben. Da regt sich etwas Ver­schüt­te­tes. Etwas, das eigent­lich nicht sein darf.

Am Ende des Tages sind alle Lei­chen gebor­gen und begra­ben. Es gibt wie­der Schu­len, Kran­ken­häu­ser, Moscheen, Kir­chen, Uni­ver­si­tä­ten und Was­ser­auf­be­rei­tungs­an­la­gen. Alle Men­schen haben ein fes­tes Dach überm Kopf und Zugang zu Was­ser, tau­sen­de Gär­ten wur­den ange­legt, in hun­der­ten von Gewächs­häu­sern beginnt es zu sprießen.

In der israe­li­schen Regie­rung, in der Armee, in Tei­len der Bevöl­ke­rung herrscht Ent­set­zen. Die jah­re­lan­ge Arbeit der Zer­stö­rung ist umsonst gewe­sen. Alle Bemü­hun­gen an einem ein­zi­gen Tag zunich­te gemacht.

Abends zie­hen sich alle Wesen zurück nach Gaza-Stadt, ver­sam­meln sich auf dem Fuß­ball­platz und kon­zen­trie­ren sich wie­der zu einer klei­nen roten Kugel, die einer Him­bee­re gleicht, mit Kam­mern, die rot fun­keln. Vie­len Men­schen ent­fa­chen ihre Lager­feu­er rings um das Wesen und fei­ern. Tan­zen, wie sie schon lan­ge nicht mehr getanzt haben. Vie­le neue Men­schen ent­ste­hen in die­ser Nacht.

Irgend­wann schla­fen alle ein, so tief und ruhig wie schon lan­ge nicht mehr. Als sie auf­wa­chen, offen­bart sich die drit­te Fähig­keit der Außer­ir­di­schen, nach Was­ser spen­den und bau­en: Pflan­zen wach­sen las­sen. Es gibt wie­der Büsche! Bäu­me! Blu­men! Und alle Pflan­zen hän­gen vol­ler Früchte.

Aber die rote Kugel ist nicht mehr da.

Die Men­schen, die sich eben noch über Oli­ven- und Oran­gen­bäu­me und Dat­tel­pal­men gefreut haben, sind ver­stört und ent­setzt, als sie bemer­ken, dass die Wesen ver­schwun­den sind. Vie­le wei­nen. Wo sind sie geblie­ben? Hat Isra­el sie zer­stört, die USA oder Deutsch­land? Oder holen sie Ver­stär­kung? Wer­den sie wiederkommen?

Die neu­en Schlag­zei­len des Tages: “Die Außer­ir­di­schen haben sich in die Hamas Tun­nel zurück­ge­zo­gen. Sie sam­meln sich zum Angriff. Isra­el for­dert Ver­stär­kung. Nur 22 Län­der haben Boden­trup­pen, Rake­ten­ab­wehr­sys­te­me, Droh­nen und Bom­ben geschickt. Das ist zu wenig!” Ein Spre­cher der israe­li­schen Armee erklärt: “Wir müs­sen jetzt alle zusam­men­hal­ten, eine Boden­of­fen­si­ve vor­be­rei­ten. Als ers­tes müs­sen die Brun­nen zer­stört wer­den, wir haben her­aus­ge­fun­den, dass sie die Grund­la­ge des feind­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­tems darstellen.”

In Gaza weiß man, dass die Wesen nicht mehr da sind. Was bleibt, sind die Häu­ser, die Gär­ten, die Schu­len, die Was­ser­tanks, die wie­der intakt sind. Und die Grä­ber. End­lich gibt es Ruhe­mög­lich­kei­ten, für die Toten und für die Leben­den. Es war kein Traum. Sie waren da.

Aber die Ent­täu­schung dar­über, dass die­se wun­der­ba­ren Wesen sie schon wie­der ver­las­sen haben, erzeugt auch Miss­stim­mung, die in Streit umschlägt, in Neid dar­über, dass ande­re ein grö­ße­res Haus haben, einen kür­ze­ren Weg zum Brun­nen, mehr Gemü­se im Gewächs­haus. Ein Mur­ren und Knur­ren, Streit, Hand­greif­lich­kei­ten; ande­re, die ein­grei­fen. “Hört auf! Was, wenn sie wiederkommen?”

Wer­den sie wie­der­kom­men? So vie­le Bli­cke, die an dem Tag zum Him­mel gehen, so viel Hoff­nung. Die Wesen haben nicht nur gebaut und Essen und Trin­ken gespen­det, sie waren eine Prä­senz, die die Palästinenser*innen mit Wür­de behan­delt hat und die­se Wür­de erstrah­len ließ. Palästinenser*innen konn­ten Men­schen sein, ohne Vor­ur­tei­le, ohne Auf­la­gen, ohne Mit­leid. Es gab ein­fach Aner­ken­nung, ohne dass sie etwas bewei­sen muss­ten, sich von etwas distan­zie­ren muss­ten, ihre Exis­tenz ver­tei­di­gen oder ver­leug­nen mussten.

Und auch alle ande­ren Men­schen haben das mit­be­kom­men. Vie­le haben zum ers­ten Mal in ihrem Leben Palästinenser*innen in einem ande­ren Licht gese­hen, jen­seits von Hass, Angst, Bedau­ern, Ver­ach­tung und Bewun­de­rung, die sonst wie Pfei­le auf die­se Men­schen prasseln.

Die­se Aner­ken­nung als Men­schen hat den Palästinenser*innen so sehr gefehlt. Seit Gene­ra­tio­nen fehlt sie und es war so lan­ge Zeit selbst­ver­ständ­lich, sie nicht zu bekom­men, dass die­ser eine Tag, wo es sie gege­ben hat, wo das Leben sich so anders ange­fühlt hat, eine tie­fe Trau­er hinterlässt.

Und auch das Ver­schwin­den der Wesen löst Trau­er aus. Aber kei­ne Ver­zweif­lung. Im Gegen­teil. Die Hoff­nung hat Nah­rung bekom­men, sie treibt Blät­ter und Blü­ten, und ihr Stamm wächst bis in den Him­mel hin­ein, der offen ist und weit und vol­ler Möglichkeiten.