Jenseits

Manch­mal beschleicht mich so ein Gefühl, eine Vor­ah­nung von etwas, das groß und dro­hend unmit­tel­bar vor mir steht. Dann … ver­geht es wie­der und ich den­ke nicht mehr daran.

Heu­te ist so ein Tag. Als ich die Woh­nungs­tür hin­ter mir ver­schlie­ße, stockt mir auf ein­mal der Atem. Was, wenn ich nicht zurück­kom­me? Wenn ich mei­ne Woh­nung nie wie­der sehen wer­de? Es ist ein ganz nor­ma­ler Tag, nichts deu­tet auf ein Ereig­nis hin, das mich vom Heim­kom­men abhal­ten könn­te. Und den­noch, ich habe die­ses Gefühl… dass heu­te etwas zu Ende geht.

Ich schlie­ße wie­der auf und schaue in den Flur hin­ein, wo Jacken und Tücher rot blau grün oran­ge neben­ein­an­der hän­gen, und dar­über Müt­zen und Kap­pen, alle so ver­traut. Die Schu­he ste­hen paar­wei­se, die meis­ten etwas schräg — es sieht ganz sym­pa­thisch aus. Aber es wirkt auf mich wie das Leben einer ande­ren, einer Per­son, die kei­ne Ahnung hat.

Und ich habe Ahnung, in die­sem Moment, oder einen Anflug von Ahnung, aber bevor ich weiß, was es ist, will ich es schon nicht mehr wis­sen. Ich hal­te es nicht aus, knal­le die Tür zu, damit der Anflug ver­fliegt, und ren­ne die Trep­pe run­ter als wäre was hin­ter mir her.

Und es ist etwas hin­ter mir her! Ich höre es pol­tern und schep­pern, aber ich dre­he mich nicht um, ich muss hier weg! Ich bin schon auf der Stra­ße — wohin? Wohin? Hin­ter mir kracht es, es klim­pert und knarrt, und ich ken­ne die­ses Knar­ren so gut, seit sie­ben Jah­ren ist es mir ver­traut, ich habe es immer ger­ne gehört; jetzt erfüllt es mich mit Ent­set­zen, ich lau­fe los.

Fort, irgend­wo­hin — in den Park, da steht der Baum, der so einen beque­men Ein­stieg bie­tet; als ich bei ihm bin, ergrei­fe ich den unters­ten Ast und schwin­ge mich hoch. Im Nu sit­ze ich in der brei­ten Gabel, keu­chend, und erst jetzt wage ich einen Blick nach unten.

Da steht sie, mei­ne Woh­nungs­tür, etwas abge­wetzt. Beim Ein­zug habe ich sie neu gestri­chen, blau, jetzt ist die Far­be an eini­gen Stel­len abge­blät­tert und das ursprüng­li­che Weiß zeigt sich dahin­ter. Die Tür schwankt, sie ist das Ste­hen nicht gewöhnt, sonst hängt sie immer in ihren Angeln. Meis­tens ist sie auch geschlos­sen und fin­det auf der ande­ren Sei­te eben­so Halt. Und die­sen Halt ver­misst sie jetzt, und ich ver­mis­se ihn auch, den Halt, den ich nor­ma­ler­wei­se habe, in mir, in mei­nem Leben.

Und dann klim­pert es wie­der, und als die Tür sich dreht, erken­ne ich, dass der Schlüs­sel noch im Schloss steckt. Ist sie des­halb hin­ter mir her gelau­fen? Um mich dar­an zu erin­nern, den Schlüs­sel mit­zu­neh­men? “Das wäre doch nicht nötig gewe­sen”, sage ich lei­se, pein­lich davon berührt, dass ich mit einer Tür rede. Aber viel­leicht ist alles gar nicht so schlimm. Ich kann zurück­ge­hen, gefolgt von der Tür, sie wie­der ein­hän­gen, abschlie­ßen, den Schlüs­sel ein­ste­cken, und den Tag noch ein­mal neu beginnen.

Da setzt sich die blaue Tür in Bewe­gung. Sie neigt sich zu der Sei­te, wo die Klin­ke aus ihr her­aus ragt, schwingt die Sei­te mit den bei­den Schar­nie­ren nach vor­ne, ver­la­gert ihren Schwer­punkt dar­auf und schwingt die ande­re Sei­te vor­wärts. Wann hat sie das gelernt? Etwa in den lan­gen Stun­den, in denen sie allei­ne zu Hau­se war?

Sie will auf jeden Fall nicht zurück, son­dern schlägt den Weg zum Ufer ein; und das mit einer beacht­li­chen Geschwin­dig­keit. “Halt!”, rufe ich, und da ist es wie­der, die­ses grau­en­haf­te Gefühl, dass etwas zu Ende gehen könn­te oder schon zu Ende gegan­gen ist, ohne dass ich es bemerkt habe.

Und natür­lich, es geht dau­ernd etwas zu Ende, und ein­mal wird es ganz vor­bei sein, und die­ser Zeit­punkt rückt immer näher. Auch wenn es unge­wiss ist, wann ich ster­be, so ist doch gewiss, dass ich mitt­ler­wei­le mehr Leben hin­ter mir habe als vor mir.

Und gleich habe ich kei­ne Woh­nungs­tür mehr. Sie ist hin­ter der brei­ten Eiche ver­schwun­den. Ich klet­te­re vom Baum und ren­ne hin­ter ihr her. Wo ist sie? Ach da! Sie liegt auf dem Was­ser und schau­kelt. “Was machst du denn”, schimp­fe ich, “du wirst noch abtrei­ben!” Und tat­säch­lich schwappt die Tür vom Ufer weg. “Bleib da!” Ich stür­ze zu ihr, ins Was­ser hin­ein, stol­pe­re über einen Stein, und ehe ich es mich ver­se­he, lie­ge ich bäuch­lings auf mei­ner Woh­nungs­tür und trei­be die Weser hinab.

Ich rob­be ein Stück nach vor­ne, damit mei­ne Bei­ne ganz auf der Tür zu lie­gen kom­men. Die San­da­len sind klatsch­nass, die Hose klebt an den Unter­schen­keln. Ich ver­su­che, ruhig zu blei­ben. Es ist alles nicht so schlimm, sage ich mir. Es kann immer noch ein ganz nor­ma­ler Tag werden.

Wir trei­ben Rich­tung Stadt; bald wer­de ich Men­schen am Ufer sehen, und kann um Hil­fe rufen. Es ist zuge­ge­be­ner­ma­ßen etwas pein­lich, vom DLRG geret­tet wer­den zu müs­sen. Denn was soll ich ihnen erzäh­len? Mei­ne Woh­nungs­tür ist zufäl­lig ins Was­ser gefal­len und ich habe mich auf sie gestürzt, um sie zurück­zu­ho­len? Sehr unglaub­wür­dig. Dabei stimmt es! Ich weiß nur nicht, ob das wirk­lich Zufall war.

Ach, mir wird schon etwas ein­fal­len. Und dann fällt mir ein, dass mei­ne Nach­barn, wenn sie an mei­ner Woh­nung vor­bei gehen, genau­so hin­ein gucken kön­nen wie ich vor 20 Minu­ten, die mir aller­dings wie 20 Jah­re vor­kom­men. Sie wer­den mei­ne Jacken und Müt­zen sehen, und die schief gestell­ten Schu­he. Womög­lich gehen sie auch hin­ein und sehen noch mehr.

Ich füh­le mich so hilf­los. Ich habe nichts dabei, kein Han­dy, kein Geld. Das ist alles in mei­ner Fahr­rad­ta­sche, und die habe ich abge­wor­fen, als ich auf den Baum geklet­tert bin. Ich müss­te jetzt aktiv wer­den, mei­ne Ret­tung orga­ni­sie­ren. Statt­des­sen schlie­ße ich die Augen. Am liebs­ten wür­de ich so lie­gen blei­ben. Unnö­ti­ger­wei­se fällt mir noch ein, dass ich die­se Woche mit Trep­pen­haus put­zen dran bin. Und heu­te ist Frei­tag. Die ande­ren put­zen meis­tens schon am Montag.

Aber bis jetzt hat noch nie­mand etwas zu mir gesagt des­we­gen. Ach, ich habe ger­ne in die­ser Woh­nung gewohnt! Ich woh­ne ger­ne in die­ser Woh­nung, kor­ri­gie­re ich mich. Es ist so eine Woh­nung, in der ich bis zum Ende mei­nes Lebens blei­ben könnte.

Natür­lich weiß ich, dass es irgend­wann einen letz­ten Umzug geben wird, ent­we­der ins Bestat­tungs­in­sti­tut, oder, wahr­schein­li­cher, ins Alten­heim. Man kann auch “Pfle­ge­ein­rich­tung” oder sogar “Senio­ren­re­si­denz” dazu sagen. Egal, wie es genannt wird, alle kön­nen bei ihren Besu­chen dort erken­nen, dass es ein trost­lo­ser Ort ist, an dem so etwas wie Lebens­freu­de nur manch­mal auf­fla­ckert. Ich will nicht dort­hin. Nie­mand will es. Aber alle wis­sen, dass es sein muss. Die meis­ten fügen sich in ihr Schicksal.

Um kei­ne Umstän­de zu machen. Um die Ange­hö­ri­gen nicht noch mehr zu belas­ten. Außer­dem nützt es nichts: auch wer sich mit Hän­den und Füßen dage­gen wehrt, kommt ins Alten­heim, wenn die Pfle­ge zu auf­wen­dig wird. Und meist ist die Wehr­fä­hig­keit dann auch nicht mehr ganz so groß.

Wer nicht im Alten­heim ster­ben will, muss es woan­ders tun, im Kran­ken­haus, in der eige­nen Woh­nung, auf der Stra­ße, oder in einem Fluss. Ich star­re ins trü­be Weser­was­ser, dem ich gera­de sehr nahe bin. Ertrin­ken soll ein scheuß­li­cher Tod sein. Alles ande­re ist womög­lich auch nicht besser.

Des­halb gibt es die weit ver­brei­te­te Mei­nung, dass Ster­ben, wenn es denn schon sein muss, am bes­ten schnell gehen soll, oder so, dass man mög­lichst wenig davon mit­be­kommt. Ein fried­li­ches Ein­schla­fen, am bes­ten im eige­nen Bett, und nicht mehr auf­wa­chen. Aber gera­de wenn man fried­lich im eige­nen Bett liegt, hat man wahr­schein­lich kei­ne Lust zu ster­ben. Und stimmt das über­haupt, dass es am bes­ten ist, den eige­nen Tod zu ver­schla­fen? Auch wenn es mir Angst macht, so bin ich doch auch neu­gie­rig aufs Sterben.

War­um muss ich denn jetzt an den Tod den­ken? Von einer Floß­fahrt stirbt man doch nicht! Es reg­net noch nicht ein­mal. Die Son­ne scheint, mei­ne Hose ist schon wie­der tro­cken. Und ich muss jetzt etwas tun. Mei­ne Nach­barn wer­den beim Anblick mei­ner tür­lo­sen Woh­nung womög­lich die Poli­zei rufen.

Ich seuf­ze und set­ze mich vor­sich­tig auf. Mein Woh­nungs­schlüs­sel! Er ist nicht da! Steckt wohl auf der ande­ren Sei­te. Ich tas­te nach ihm, fin­de ihn nicht. Mist, der ist wahr­schein­lich raus gefal­len. Er wird auf dem Weser­grund ver­ros­ten, wäh­rend ich…

Und dann bemer­ke ich, dass wir gar nicht Rich­tung Stadt trei­ben. Im Gegen­teil, es wird immer länd­li­cher, kei­ne Häu­ser in Sicht, und auch kei­ne Men­schen. Ja, fließt die Weser denn heu­te anders­rum? Und ich habe kein Ruder, kei­nen Motor; noch nicht ein­mal ein Segel habe ich! Was­ser­sport­ar­ten mit fahr­ba­rem Unter­satz moch­te ich noch nie. Nur schwim­men lie­be ich. Aber ich traue mich nicht, ans Ufer zu schwim­men. Und wer weiß, wo ich da lande.

Das Ufer ist jetzt bewal­det, Raub­vö­gel krei­sen über den Buchen und Tan­nen, und ich erin­ne­re mich an die­se Ärz­tin …“Die Men­schen bestim­men selbst, wann sie ster­ben”, hat sie gesagt. Das ist mehr als 30 Jah­re her, aber ich kann mich genau an die Situa­ti­on erin­nern, das Gespräch mit ihr hat mich tief beeindruckt.

Aller­dings habe ich zwei Jah­re spä­ter, als ich im Alten­heim arbei­te­te, immer wie­der Men­schen erlebt, die ster­ben woll­ten und es nicht konn­ten. Ich hät­te ihnen ger­ne gehol­fen, wuss­te aber auch nicht, wie man die­se Fähig­keit lernt. Damals wünsch­te ich, ich hät­te die Ärz­tin danach gefragt.

Sie hat­te erzählt, dass sie in ihren 30 Jah­ren in der Onko­lo­gi­schen Sta­ti­on immer wie­der erlebt hat, dass Men­schen zur “rich­ti­gen” Zeit ster­ben, zum Bei­spiel dann, wenn sie jeman­den noch ein­mal gese­hen haben oder noch etwas erle­digt haben. Dass sie war­ten, bis bestimm­te Men­schen da sind oder nicht da sind, bis die Umstän­de pas­sen. Sie erzähl­te mir eini­ge Bei­spie­le, und ich habe seit­her so vie­le mehr gehört, gele­sen und erfah­ren, dass ich glau­be, dass es stimmt: Men­schen, die nicht getö­tet wer­den, kön­nen auch ohne Hilfs­mit­tel bestim­men, wann sie sterben.

Ich glau­be, es ist nicht so ein bewuss­ter Vor­satz: ‘Jetzt ster­be ich’, son­dern ein ganz­kör­per­li­ches Stre­ben nach Über­gang, es pas­siert im Ein­klang mit allem ande­ren. Und es hilft ja auch im Leben, die­sen Ein­klang zu spü­ren und mitzuschwingen.

Die Ärz­tin lebt viel­leicht selbst schon nicht mehr. Konn­te sie im Ein­klang ster­ben, nach­dem sie so oft das Ster­ben von ande­ren mit­be­kom­men hat­te? Sie arbei­te­te in der Habichts­wald­kli­nik, in der mei­ne Freun­din an Krebs gestor­ben war. Es war eine Zeit vol­ler Tode für mich. Inner­halb von drei­zehn Jah­ren begeg­ne­te mir der Tod acht Mal: zwei Freun­din­nen star­ben an Krebs, vier Men­schen begin­gen Sui­zid; und mei­ne Groß­el­tern star­ben eines soge­nann­ten natür­li­chen Todes. Damals habe ich mich ver­zwei­felt gefragt, ob das jetzt immer so wei­ter­ge­hen wür­de, dass ich alle ein, zwei Jah­re von einem Men­schen, den ich ken­ne, und mit dem mich etwas ver­bin­det, end­gül­tig Abschied neh­men muss.

Aber dem war nicht so. Nach mei­nem 32. Geburts­tag blieb der Tod mei­nem Leben rela­tiv fern, 20 Jah­re lang stan­den ande­re The­men im Vor­der­grund. Und die Tode, die mir seit 10 Jah­ren begeg­nen, sind haupt­säch­lich die von Men­schen, die schon viel von ihrem Leben gelebt haben. Von die­sen Toden wird es immer mehr geben, in den nächs­ten Jah­ren, und ich muss das ent­we­der mit­er­le­ben, mit­er­lei­den, oder selbst sterben.

Und viel­leicht ist es heu­te schon so weit. Viel­leicht war es das, mit mei­nem Leben, und ich trei­be mit mei­ner Woh­nungs­tür dem Jen­seits ent­ge­gen. ‘Jetzt über­treibst du aber!’, sage ich zu mir selbst. Ich suche das Ufer ab. Wald und Vögel sind ver­schwun­den, Hecken­ro­sen säu­men die Böschung. Lang­sam wird mir heiß. Und wenn ich immer so wei­ter treibe?

Viel­leicht ist gar nicht das Ster­ben an sich so schlimm, son­dern eher Schmer­zen, Hilf­lo­sig­keit, Atem­not, die Ver­än­de­run­gen des Kör­pers. Ein­sam­keit und unfreund­li­che Behand­lung. Ver­lust von Wür­de. Reue, quä­len­de Gedan­ken. Auch mich quä­len die Gedan­ken. Ich schöp­fe küh­les Was­ser, gie­ße es mir über Arme und Bei­ne, sprit­ze es ins Gesicht und neh­me mei­ne Kap­pe ab und mache mir die Haa­re nass. Mit die­ser Abküh­lung geht es mir schon besser.

Macht es über­haupt Sinn, sich Gedan­ken über das Ster­ben zu machen, wenn es noch gar nicht so weit ist? Es ist eine ähn­li­che Fra­ge wie: macht es Sinn, sich für Leu­te ein­zu­set­zen, die einen Geno­zid erle­ben, wenn mei­ne Ein­fluss­nah­me kaum etwas bewir­ken wird? Irgend­wie lau­tet die Ant­wort ja, aber ich bin erschöpft vom Den­ken, ich möch­te lan­den, an einem net­ten Ort. Am liebs­ten wäre ich zu Hause.

Ich hal­te die Hand ins Was­ser, zie­he eine Spur, die sofort wie­der ver­schwin­det. Da bemer­ke ich, dass gar nicht die Weser anders­rum fließt, son­dern die Tür sich gegen den Strom bewegt! Wie macht sie das? Was treibt sie an?

Und was treibt mich an? Ich habe auch oft das Gefühl, mich gegen einen Strom zu bewe­gen. Ich soll bestimm­te Din­ge tun und den­ken, damit es eini­gen weni­gen das Herr­schen erlaubt. Ich soll nicht hin­spü­ren, wenn es mir schlecht geht; ich soll weg­se­hen, wenn es ande­ren schlecht geht, ich soll es igno­rie­ren, wenn ande­re durch Gewalt ster­ben. Das ist der Strom, gegen den ich mich bewe­ge, und ich kann es nur mit viel Auf­merk­sam­keit und Hoff­nung und mit ande­ren zusammen.

Und es macht Sinn! Denn was mich antreibt im Leben, das ist nicht nur das Bestre­ben, es schö­ner, beque­mer oder auf­re­gen­der zu haben, son­dern haupt­säch­lich geht es mir dar­um, Sinn­vol­les zu tun, Ver­bin­dun­gen zu spü­ren und zu hal­ten. Die Rea­li­tä­ten von ande­ren, die schlech­te­re Bedin­gun­gen haben, nicht aus­zu­blen­den, son­dern ihren Platz in mei­nem Leben wahr­zu­neh­men. Hoff­nung zu haben, nicht um zu gewin­nen, son­dern als Ori­en­tie­rung. Die Rea­li­tät des Todes anzu­er­ken­nen, nicht zuletzt als Rat­ge­ber für ein gutes Leben.

Plötz­lich sehe ich ein Haus am Ufer! Und davor steht eine Frau! Ich rapp­le mich auf, knie mich hin, die Tür schwankt, ich hof­fe, sie bricht nicht ent­zwei. Ich win­ke fre­ne­tisch. Sie winkt zurück. Da erken­ne ich sie. Aber das kann doch nicht sein! Es ist mei­ne Gartennachbarin.

Letz­ten Herbst hat sie mich auf ein Gläs­chen Johan­nis­beer­li­kör ein­ge­la­den. Es war ein war­mer Tag, ich bin durch die Lücke in der Wild­ro­sen­he­cke in ihre Par­zel­le geschlüpft, wir haben uns in den Schat­ten des Holun­ders gesetzt. Als ich ihre Pas­si­ons­blu­men bewun­der­te, die immer noch in vol­ler Blü­te stan­den, lächel­te sie: “Mein ers­ter Mann moch­te sie so sehr.” Und dann ver­zog sich ihr Gesicht auf ein­mal. Sie schenk­te uns nach, nahm einen gro­ßen Schluck und ver­trau­te mir an: “Ich weiß gar nicht, wie das wer­den soll, im Him­mel, wenn mei­ne ver­stor­be­nen Ehe­män­ner alle drei gleich­zei­tig auf mich zu kom­men. Wie soll ich mich da ver­hal­ten?” Sie sah mich hil­fe­su­chend an.

“Über so etwas habe ich noch nicht nach­ge­dacht “, mein­te ich etwas ver­le­gen, “und bei mir wären es weit­aus mehr als drei.” Beim blo­ßen Gedan­ken dar­an, wen ich da alles tref­fen könn­te, wur­de mir schwin­de­lig, und auch ich nahm einen gro­ßen Schluck. “Mehr als drei?”, frag­te Anne­ma­rie neu­gie­rig nach. Weil ich schon ein wenig beschwipst war, rede­te ich unbe­küm­mert wei­ter: “Alle mei­ne Exen, das wäre — ein gan­zer Stra­ßen­bahn­wa­gen voll!” Anne­ma­rie schlug sich die Hand vor den Mund, sie glucks­te. “Mit Steh­plät­zen?”, frag­te sie, und dann lach­ten wir schallend.

Und auch jetzt muss ich schmun­zeln, als ich dar­an den­ke, etwas löst sich in mir, und auf ein­mal glei­ten wir vom Haus weg, wir trei­ben zurück! Jetzt, wo wir wie­der in der rich­ti­gen Rich­tung unter­wegs sind, füh­le ich mich auf ein­mal aben­teu­er­lus­tig. Ist doch span­nend, so eine Floß­fahrt auf der eige­nen Wohnungstür!

Ich win­ke Anne­ma­rie noch ein­mal, dann ver­schwin­det sie samt Haus. Bei unse­rer letz­ten Begeg­nung habe ich behaup­tet: “Im Him­mel, da gibt es ande­re Lösun­gen, für alles. Da sind wir … Luft und Lie­be, sonst nichts. Und alles passt zuein­an­der.” “Das hast du schön gesagt!” Anne­ma­rie pros­te­te mir zu. Und einen Monat spä­ter war sie tot.

Wie es Anne­ma­rie jetzt wohl geht, mit ihren Ehe­män­nern? Ob sie zusam­men Dop­pel­kopf spie­len? Wahr­schein­lich ist alles ganz anders, so, wie ich es mir in mei­nem jet­zi­gen Dasein gar nicht aus­ma­len kann. Ich stel­le mir trotz­dem vor, wie sie zu viert glück­lich durch die Him­mels­ge­fil­de schweben.

Denn ich glau­be, dass das Dasein nach dem Tod schön ist. Dann kann ich flie­gen, mich frei füh­len, vie­le Pro­ble­me lösen sich mit dem letz­ten Atem­zug. Ich bin nichts mehr und gleich­zei­tig alles, und alles ist ein­fach da. Auch die Trau­rig­keit, das Bedau­ern, die­ses Leben und lie­be Men­schen zu ver­las­sen, wer­den ver­flie­gen. In die­ser Hin­sicht haben es die Gestor­be­nen leich­ter als die Zurückbleibenden.

“Das weißt du doch gar nicht, wie das alles wird!”, mein­te eine Freun­din ein­mal zu mir, “und ob es über­haupt so etwas wie ein Jen­seits gibt.” Natür­lich nicht, aber es ist eine schö­ne Vor­stel­lung. Und falls es nach dem Tod tat­säch­lich nur Nichts gibt, dann kann ich ja noch nicht ein­mal ent­täuscht sein.

Eigent­lich eine auf­re­gen­de Floß­fahrt, den­ke ich, als sie auch schon wie­der zu Ende ist. Die Tür lan­det genau an der Stel­le, von der sie abge­legt hat. Sie bleibt aller­dings am Ufer lie­gen, rührt sich nicht mehr vom Fleck. Na, ich wer­de sie spä­ter abho­len. Ich hebe sie an der Klin­ke hoch: kein Schlüs­sel da. Okay, aber zumin­dest mei­ne Woh­nung kann ich ja unge­hin­dert betreten.

Ich eile zu mei­ner Fahr­rad­ta­sche, sie liegt im hohen Gras; Han­dy, Geld, alles noch da. Die Haus­tür steht offen, Herr Sowas lädt sei­ne Ein­käu­fe ab. Ich grü­ße, er grüßt nor­mal zurück, viel­leicht hat noch nie­mand etwas bemerkt. Ich has­te die Trep­pen hoch. Und da — mei­ne Woh­nung ist zu, ver­schlos­sen von der Woh­nungs­tür! Hat sie mich über­holt? Sie ist aller­dings trocken.

In mei­ner Hosen­ta­sche drückt etwas, es ist mein Schlüs­sel. Ich schlie­ße auf, nichts Unge­wöhn­li­ches ist zu bemer­ken. Was war das denn für eine Tür, die mich da ver­folgt hat, mich regel­recht ent­führt hat, auf eine Rei­se, die all die­se Gedan­ken an Ster­ben und Tod her­vor­ge­ru­fen hat?

Das wer­de ich wohl nie wis­sen. Aber, wenn ich ein­mal auf dem Ster­be­bett lie­ge, dann kann ich an mei­ne Fahrt auf der blau­en Tür den­ken, und aus der Fer­ne win­ken Anne­ma­rie und all die ande­ren. Und viel­leicht schi­cken sie mir ein Floß, an dem sie Sei­le befes­tigt haben, und dann zie­hen sie, alle zusam­men, damit ich leich­ter ins Jen­seits glei­ten kann.