
Manchmal beschleicht mich so ein Gefühl, eine Vorahnung von etwas, das groß und drohend unmittelbar vor mir steht. Dann … vergeht es wieder und ich denke nicht mehr daran.
Heute ist so ein Tag. Als ich die Wohnungstür hinter mir verschließe, stockt mir auf einmal der Atem. Was, wenn ich nicht zurückkomme? Wenn ich meine Wohnung nie wieder sehen werde? Es ist ein ganz normaler Tag, nichts deutet auf ein Ereignis hin, das mich vom Heimkommen abhalten könnte. Und dennoch, ich habe dieses Gefühl… dass heute etwas zu Ende geht.
Ich schließe wieder auf und schaue in den Flur hinein, wo Jacken und Tücher rot blau grün orange nebeneinander hängen, und darüber Mützen und Kappen, alle so vertraut. Die Schuhe stehen paarweise, die meisten etwas schräg — es sieht ganz sympathisch aus. Aber es wirkt auf mich wie das Leben einer anderen, einer Person, die keine Ahnung hat.
Und ich habe Ahnung, in diesem Moment, oder einen Anflug von Ahnung, aber bevor ich weiß, was es ist, will ich es schon nicht mehr wissen. Ich halte es nicht aus, knalle die Tür zu, damit der Anflug verfliegt, und renne die Treppe runter als wäre was hinter mir her.
Und es ist etwas hinter mir her! Ich höre es poltern und scheppern, aber ich drehe mich nicht um, ich muss hier weg! Ich bin schon auf der Straße — wohin? Wohin? Hinter mir kracht es, es klimpert und knarrt, und ich kenne dieses Knarren so gut, seit sieben Jahren ist es mir vertraut, ich habe es immer gerne gehört; jetzt erfüllt es mich mit Entsetzen, ich laufe los.
Fort, irgendwohin — in den Park, da steht der Baum, der so einen bequemen Einstieg bietet; als ich bei ihm bin, ergreife ich den untersten Ast und schwinge mich hoch. Im Nu sitze ich in der breiten Gabel, keuchend, und erst jetzt wage ich einen Blick nach unten.
Da steht sie, meine Wohnungstür, etwas abgewetzt. Beim Einzug habe ich sie neu gestrichen, blau, jetzt ist die Farbe an einigen Stellen abgeblättert und das ursprüngliche Weiß zeigt sich dahinter. Die Tür schwankt, sie ist das Stehen nicht gewöhnt, sonst hängt sie immer in ihren Angeln. Meistens ist sie auch geschlossen und findet auf der anderen Seite ebenso Halt. Und diesen Halt vermisst sie jetzt, und ich vermisse ihn auch, den Halt, den ich normalerweise habe, in mir, in meinem Leben.
Und dann klimpert es wieder, und als die Tür sich dreht, erkenne ich, dass der Schlüssel noch im Schloss steckt. Ist sie deshalb hinter mir her gelaufen? Um mich daran zu erinnern, den Schlüssel mitzunehmen? “Das wäre doch nicht nötig gewesen”, sage ich leise, peinlich davon berührt, dass ich mit einer Tür rede. Aber vielleicht ist alles gar nicht so schlimm. Ich kann zurückgehen, gefolgt von der Tür, sie wieder einhängen, abschließen, den Schlüssel einstecken, und den Tag noch einmal neu beginnen.
Da setzt sich die blaue Tür in Bewegung. Sie neigt sich zu der Seite, wo die Klinke aus ihr heraus ragt, schwingt die Seite mit den beiden Scharnieren nach vorne, verlagert ihren Schwerpunkt darauf und schwingt die andere Seite vorwärts. Wann hat sie das gelernt? Etwa in den langen Stunden, in denen sie alleine zu Hause war?
Sie will auf jeden Fall nicht zurück, sondern schlägt den Weg zum Ufer ein; und das mit einer beachtlichen Geschwindigkeit. “Halt!”, rufe ich, und da ist es wieder, dieses grauenhafte Gefühl, dass etwas zu Ende gehen könnte oder schon zu Ende gegangen ist, ohne dass ich es bemerkt habe.
Und natürlich, es geht dauernd etwas zu Ende, und einmal wird es ganz vorbei sein, und dieser Zeitpunkt rückt immer näher. Auch wenn es ungewiss ist, wann ich sterbe, so ist doch gewiss, dass ich mittlerweile mehr Leben hinter mir habe als vor mir.
Und gleich habe ich keine Wohnungstür mehr. Sie ist hinter der breiten Eiche verschwunden. Ich klettere vom Baum und renne hinter ihr her. Wo ist sie? Ach da! Sie liegt auf dem Wasser und schaukelt. “Was machst du denn”, schimpfe ich, “du wirst noch abtreiben!” Und tatsächlich schwappt die Tür vom Ufer weg. “Bleib da!” Ich stürze zu ihr, ins Wasser hinein, stolpere über einen Stein, und ehe ich es mich versehe, liege ich bäuchlings auf meiner Wohnungstür und treibe die Weser hinab.
Ich robbe ein Stück nach vorne, damit meine Beine ganz auf der Tür zu liegen kommen. Die Sandalen sind klatschnass, die Hose klebt an den Unterschenkeln. Ich versuche, ruhig zu bleiben. Es ist alles nicht so schlimm, sage ich mir. Es kann immer noch ein ganz normaler Tag werden.
Wir treiben Richtung Stadt; bald werde ich Menschen am Ufer sehen, und kann um Hilfe rufen. Es ist zugegebenermaßen etwas peinlich, vom DLRG gerettet werden zu müssen. Denn was soll ich ihnen erzählen? Meine Wohnungstür ist zufällig ins Wasser gefallen und ich habe mich auf sie gestürzt, um sie zurückzuholen? Sehr unglaubwürdig. Dabei stimmt es! Ich weiß nur nicht, ob das wirklich Zufall war.
Ach, mir wird schon etwas einfallen. Und dann fällt mir ein, dass meine Nachbarn, wenn sie an meiner Wohnung vorbei gehen, genauso hinein gucken können wie ich vor 20 Minuten, die mir allerdings wie 20 Jahre vorkommen. Sie werden meine Jacken und Mützen sehen, und die schief gestellten Schuhe. Womöglich gehen sie auch hinein und sehen noch mehr.
Ich fühle mich so hilflos. Ich habe nichts dabei, kein Handy, kein Geld. Das ist alles in meiner Fahrradtasche, und die habe ich abgeworfen, als ich auf den Baum geklettert bin. Ich müsste jetzt aktiv werden, meine Rettung organisieren. Stattdessen schließe ich die Augen. Am liebsten würde ich so liegen bleiben. Unnötigerweise fällt mir noch ein, dass ich diese Woche mit Treppenhaus putzen dran bin. Und heute ist Freitag. Die anderen putzen meistens schon am Montag.
Aber bis jetzt hat noch niemand etwas zu mir gesagt deswegen. Ach, ich habe gerne in dieser Wohnung gewohnt! Ich wohne gerne in dieser Wohnung, korrigiere ich mich. Es ist so eine Wohnung, in der ich bis zum Ende meines Lebens bleiben könnte.
Natürlich weiß ich, dass es irgendwann einen letzten Umzug geben wird, entweder ins Bestattungsinstitut, oder, wahrscheinlicher, ins Altenheim. Man kann auch “Pflegeeinrichtung” oder sogar “Seniorenresidenz” dazu sagen. Egal, wie es genannt wird, alle können bei ihren Besuchen dort erkennen, dass es ein trostloser Ort ist, an dem so etwas wie Lebensfreude nur manchmal aufflackert. Ich will nicht dorthin. Niemand will es. Aber alle wissen, dass es sein muss. Die meisten fügen sich in ihr Schicksal.
Um keine Umstände zu machen. Um die Angehörigen nicht noch mehr zu belasten. Außerdem nützt es nichts: auch wer sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, kommt ins Altenheim, wenn die Pflege zu aufwendig wird. Und meist ist die Wehrfähigkeit dann auch nicht mehr ganz so groß.
Wer nicht im Altenheim sterben will, muss es woanders tun, im Krankenhaus, in der eigenen Wohnung, auf der Straße, oder in einem Fluss. Ich starre ins trübe Weserwasser, dem ich gerade sehr nahe bin. Ertrinken soll ein scheußlicher Tod sein. Alles andere ist womöglich auch nicht besser.
Deshalb gibt es die weit verbreitete Meinung, dass Sterben, wenn es denn schon sein muss, am besten schnell gehen soll, oder so, dass man möglichst wenig davon mitbekommt. Ein friedliches Einschlafen, am besten im eigenen Bett, und nicht mehr aufwachen. Aber gerade wenn man friedlich im eigenen Bett liegt, hat man wahrscheinlich keine Lust zu sterben. Und stimmt das überhaupt, dass es am besten ist, den eigenen Tod zu verschlafen? Auch wenn es mir Angst macht, so bin ich doch auch neugierig aufs Sterben.
Warum muss ich denn jetzt an den Tod denken? Von einer Floßfahrt stirbt man doch nicht! Es regnet noch nicht einmal. Die Sonne scheint, meine Hose ist schon wieder trocken. Und ich muss jetzt etwas tun. Meine Nachbarn werden beim Anblick meiner türlosen Wohnung womöglich die Polizei rufen.
Ich seufze und setze mich vorsichtig auf. Mein Wohnungsschlüssel! Er ist nicht da! Steckt wohl auf der anderen Seite. Ich taste nach ihm, finde ihn nicht. Mist, der ist wahrscheinlich raus gefallen. Er wird auf dem Wesergrund verrosten, während ich…
Und dann bemerke ich, dass wir gar nicht Richtung Stadt treiben. Im Gegenteil, es wird immer ländlicher, keine Häuser in Sicht, und auch keine Menschen. Ja, fließt die Weser denn heute andersrum? Und ich habe kein Ruder, keinen Motor; noch nicht einmal ein Segel habe ich! Wassersportarten mit fahrbarem Untersatz mochte ich noch nie. Nur schwimmen liebe ich. Aber ich traue mich nicht, ans Ufer zu schwimmen. Und wer weiß, wo ich da lande.
Das Ufer ist jetzt bewaldet, Raubvögel kreisen über den Buchen und Tannen, und ich erinnere mich an diese Ärztin …“Die Menschen bestimmen selbst, wann sie sterben”, hat sie gesagt. Das ist mehr als 30 Jahre her, aber ich kann mich genau an die Situation erinnern, das Gespräch mit ihr hat mich tief beeindruckt.
Allerdings habe ich zwei Jahre später, als ich im Altenheim arbeitete, immer wieder Menschen erlebt, die sterben wollten und es nicht konnten. Ich hätte ihnen gerne geholfen, wusste aber auch nicht, wie man diese Fähigkeit lernt. Damals wünschte ich, ich hätte die Ärztin danach gefragt.
Sie hatte erzählt, dass sie in ihren 30 Jahren in der Onkologischen Station immer wieder erlebt hat, dass Menschen zur “richtigen” Zeit sterben, zum Beispiel dann, wenn sie jemanden noch einmal gesehen haben oder noch etwas erledigt haben. Dass sie warten, bis bestimmte Menschen da sind oder nicht da sind, bis die Umstände passen. Sie erzählte mir einige Beispiele, und ich habe seither so viele mehr gehört, gelesen und erfahren, dass ich glaube, dass es stimmt: Menschen, die nicht getötet werden, können auch ohne Hilfsmittel bestimmen, wann sie sterben.
Ich glaube, es ist nicht so ein bewusster Vorsatz: ‘Jetzt sterbe ich’, sondern ein ganzkörperliches Streben nach Übergang, es passiert im Einklang mit allem anderen. Und es hilft ja auch im Leben, diesen Einklang zu spüren und mitzuschwingen.
Die Ärztin lebt vielleicht selbst schon nicht mehr. Konnte sie im Einklang sterben, nachdem sie so oft das Sterben von anderen mitbekommen hatte? Sie arbeitete in der Habichtswaldklinik, in der meine Freundin an Krebs gestorben war. Es war eine Zeit voller Tode für mich. Innerhalb von dreizehn Jahren begegnete mir der Tod acht Mal: zwei Freundinnen starben an Krebs, vier Menschen begingen Suizid; und meine Großeltern starben eines sogenannten natürlichen Todes. Damals habe ich mich verzweifelt gefragt, ob das jetzt immer so weitergehen würde, dass ich alle ein, zwei Jahre von einem Menschen, den ich kenne, und mit dem mich etwas verbindet, endgültig Abschied nehmen muss.
Aber dem war nicht so. Nach meinem 32. Geburtstag blieb der Tod meinem Leben relativ fern, 20 Jahre lang standen andere Themen im Vordergrund. Und die Tode, die mir seit 10 Jahren begegnen, sind hauptsächlich die von Menschen, die schon viel von ihrem Leben gelebt haben. Von diesen Toden wird es immer mehr geben, in den nächsten Jahren, und ich muss das entweder miterleben, miterleiden, oder selbst sterben.
Und vielleicht ist es heute schon so weit. Vielleicht war es das, mit meinem Leben, und ich treibe mit meiner Wohnungstür dem Jenseits entgegen. ‘Jetzt übertreibst du aber!’, sage ich zu mir selbst. Ich suche das Ufer ab. Wald und Vögel sind verschwunden, Heckenrosen säumen die Böschung. Langsam wird mir heiß. Und wenn ich immer so weiter treibe?
Vielleicht ist gar nicht das Sterben an sich so schlimm, sondern eher Schmerzen, Hilflosigkeit, Atemnot, die Veränderungen des Körpers. Einsamkeit und unfreundliche Behandlung. Verlust von Würde. Reue, quälende Gedanken. Auch mich quälen die Gedanken. Ich schöpfe kühles Wasser, gieße es mir über Arme und Beine, spritze es ins Gesicht und nehme meine Kappe ab und mache mir die Haare nass. Mit dieser Abkühlung geht es mir schon besser.
Macht es überhaupt Sinn, sich Gedanken über das Sterben zu machen, wenn es noch gar nicht so weit ist? Es ist eine ähnliche Frage wie: macht es Sinn, sich für Leute einzusetzen, die einen Genozid erleben, wenn meine Einflussnahme kaum etwas bewirken wird? Irgendwie lautet die Antwort ja, aber ich bin erschöpft vom Denken, ich möchte landen, an einem netten Ort. Am liebsten wäre ich zu Hause.
Ich halte die Hand ins Wasser, ziehe eine Spur, die sofort wieder verschwindet. Da bemerke ich, dass gar nicht die Weser andersrum fließt, sondern die Tür sich gegen den Strom bewegt! Wie macht sie das? Was treibt sie an?
Und was treibt mich an? Ich habe auch oft das Gefühl, mich gegen einen Strom zu bewegen. Ich soll bestimmte Dinge tun und denken, damit es einigen wenigen das Herrschen erlaubt. Ich soll nicht hinspüren, wenn es mir schlecht geht; ich soll wegsehen, wenn es anderen schlecht geht, ich soll es ignorieren, wenn andere durch Gewalt sterben. Das ist der Strom, gegen den ich mich bewege, und ich kann es nur mit viel Aufmerksamkeit und Hoffnung und mit anderen zusammen.
Und es macht Sinn! Denn was mich antreibt im Leben, das ist nicht nur das Bestreben, es schöner, bequemer oder aufregender zu haben, sondern hauptsächlich geht es mir darum, Sinnvolles zu tun, Verbindungen zu spüren und zu halten. Die Realitäten von anderen, die schlechtere Bedingungen haben, nicht auszublenden, sondern ihren Platz in meinem Leben wahrzunehmen. Hoffnung zu haben, nicht um zu gewinnen, sondern als Orientierung. Die Realität des Todes anzuerkennen, nicht zuletzt als Ratgeber für ein gutes Leben.
Plötzlich sehe ich ein Haus am Ufer! Und davor steht eine Frau! Ich rapple mich auf, knie mich hin, die Tür schwankt, ich hoffe, sie bricht nicht entzwei. Ich winke frenetisch. Sie winkt zurück. Da erkenne ich sie. Aber das kann doch nicht sein! Es ist meine Gartennachbarin.
Letzten Herbst hat sie mich auf ein Gläschen Johannisbeerlikör eingeladen. Es war ein warmer Tag, ich bin durch die Lücke in der Wildrosenhecke in ihre Parzelle geschlüpft, wir haben uns in den Schatten des Holunders gesetzt. Als ich ihre Passionsblumen bewunderte, die immer noch in voller Blüte standen, lächelte sie: “Mein erster Mann mochte sie so sehr.” Und dann verzog sich ihr Gesicht auf einmal. Sie schenkte uns nach, nahm einen großen Schluck und vertraute mir an: “Ich weiß gar nicht, wie das werden soll, im Himmel, wenn meine verstorbenen Ehemänner alle drei gleichzeitig auf mich zu kommen. Wie soll ich mich da verhalten?” Sie sah mich hilfesuchend an.
“Über so etwas habe ich noch nicht nachgedacht “, meinte ich etwas verlegen, “und bei mir wären es weitaus mehr als drei.” Beim bloßen Gedanken daran, wen ich da alles treffen könnte, wurde mir schwindelig, und auch ich nahm einen großen Schluck. “Mehr als drei?”, fragte Annemarie neugierig nach. Weil ich schon ein wenig beschwipst war, redete ich unbekümmert weiter: “Alle meine Exen, das wäre — ein ganzer Straßenbahnwagen voll!” Annemarie schlug sich die Hand vor den Mund, sie gluckste. “Mit Stehplätzen?”, fragte sie, und dann lachten wir schallend.
Und auch jetzt muss ich schmunzeln, als ich daran denke, etwas löst sich in mir, und auf einmal gleiten wir vom Haus weg, wir treiben zurück! Jetzt, wo wir wieder in der richtigen Richtung unterwegs sind, fühle ich mich auf einmal abenteuerlustig. Ist doch spannend, so eine Floßfahrt auf der eigenen Wohnungstür!
Ich winke Annemarie noch einmal, dann verschwindet sie samt Haus. Bei unserer letzten Begegnung habe ich behauptet: “Im Himmel, da gibt es andere Lösungen, für alles. Da sind wir … Luft und Liebe, sonst nichts. Und alles passt zueinander.” “Das hast du schön gesagt!” Annemarie prostete mir zu. Und einen Monat später war sie tot.
Wie es Annemarie jetzt wohl geht, mit ihren Ehemännern? Ob sie zusammen Doppelkopf spielen? Wahrscheinlich ist alles ganz anders, so, wie ich es mir in meinem jetzigen Dasein gar nicht ausmalen kann. Ich stelle mir trotzdem vor, wie sie zu viert glücklich durch die Himmelsgefilde schweben.
Denn ich glaube, dass das Dasein nach dem Tod schön ist. Dann kann ich fliegen, mich frei fühlen, viele Probleme lösen sich mit dem letzten Atemzug. Ich bin nichts mehr und gleichzeitig alles, und alles ist einfach da. Auch die Traurigkeit, das Bedauern, dieses Leben und liebe Menschen zu verlassen, werden verfliegen. In dieser Hinsicht haben es die Gestorbenen leichter als die Zurückbleibenden.
“Das weißt du doch gar nicht, wie das alles wird!”, meinte eine Freundin einmal zu mir, “und ob es überhaupt so etwas wie ein Jenseits gibt.” Natürlich nicht, aber es ist eine schöne Vorstellung. Und falls es nach dem Tod tatsächlich nur Nichts gibt, dann kann ich ja noch nicht einmal enttäuscht sein.
Eigentlich eine aufregende Floßfahrt, denke ich, als sie auch schon wieder zu Ende ist. Die Tür landet genau an der Stelle, von der sie abgelegt hat. Sie bleibt allerdings am Ufer liegen, rührt sich nicht mehr vom Fleck. Na, ich werde sie später abholen. Ich hebe sie an der Klinke hoch: kein Schlüssel da. Okay, aber zumindest meine Wohnung kann ich ja ungehindert betreten.
Ich eile zu meiner Fahrradtasche, sie liegt im hohen Gras; Handy, Geld, alles noch da. Die Haustür steht offen, Herr Sowas lädt seine Einkäufe ab. Ich grüße, er grüßt normal zurück, vielleicht hat noch niemand etwas bemerkt. Ich haste die Treppen hoch. Und da — meine Wohnung ist zu, verschlossen von der Wohnungstür! Hat sie mich überholt? Sie ist allerdings trocken.
In meiner Hosentasche drückt etwas, es ist mein Schlüssel. Ich schließe auf, nichts Ungewöhnliches ist zu bemerken. Was war das denn für eine Tür, die mich da verfolgt hat, mich regelrecht entführt hat, auf eine Reise, die all diese Gedanken an Sterben und Tod hervorgerufen hat?
Das werde ich wohl nie wissen. Aber, wenn ich einmal auf dem Sterbebett liege, dann kann ich an meine Fahrt auf der blauen Tür denken, und aus der Ferne winken Annemarie und all die anderen. Und vielleicht schicken sie mir ein Floß, an dem sie Seile befestigt haben, und dann ziehen sie, alle zusammen, damit ich leichter ins Jenseits gleiten kann.
