Service

Vergittertes Fenster, offen, aber mit Schatten und Spiegelung mehrfach vergittert

Eigent­lich brau­che ich kei­ne Geschirr­spül­ma­schi­ne. Aber in der Woh­nung war eine drin, so eine klei­ne, und mit der Zeit habe ich sie benutzt. Als sie kaputt war, hat der Ver­mie­ter eine neue besorgt. Sie sieht toll aus, ein schi­ckes Grün, ein­fa­che Bedien­ele­men­te, lässt sich gut befül­len. Nur: nach zwei Wochen gibt sie den Geist auf, den sie genau genom­men vor­her auch nicht beses­sen hat. “Rufen Sie den Repa­ra­tur­ser­vice an!”, trägt mir der Ver­mie­ter auf.

Von einer unan­ge­neh­men Vor­ah­nung erfüllt, wäh­le ich die ange­ge­be­ne Num­mer. Eine Stim­me fragt mich: “Rufen Sie zum ers­ten Mal bei uns an? Dann drü­cken Sie die Tas­te eins. Oder haben Sie schon ein­mal mit uns tele­fo­niert? Dann drü­cken Sie die Tas­te zwei.” Selt­sa­me Aus­wahl, den­ke ich, aber sofort nach dem Drü­cken der Tas­te eins wer­de ich von einer net­ten Frau begrüßt. Sie hört sich mein Pro­blem an und sagt dann: “Ich schi­cke jeman­den vor­bei. Sind Sie in einer Stun­de noch da?” “In einer Stun­de?”, fra­ge ich ungläu­big. “Ja! Ich bin da.”

Als es nach 50 Minu­ten klin­gelt, kommt nicht der Mon­teur mei­ner Erwar­tun­gen die Trep­pe hoch. Ich muss an die­ser Stel­le zuge­ben, dass ich mir einen Mann vor­ge­stellt habe, in Mon­tur, mit Werk­zeug­kas­ten und Ersatz­tei­len. Es ist aber eine Frau in einem ver­wa­sche­nen Kleid mit einer Stoff­ta­sche in der Hand, auf der das Logo auf­ge­druckt ist, das ich von der Geschirr­spül­ma­schi­ne her ken­ne. “Guten Tag, Fir­ma HR”, stellt die Frau sich vor. “Guten Tag”, stot­te­re ich und ver­su­che, mir mei­ne Über­ra­schung nicht anmer­ken zu las­sen. “Kom­men Sie herein!”

Sie stellt ihre Stoff­ta­sche auf den Stuhl, ent­nimmt ihr eine Küchen­schür­ze, bin­det sie um und fängt an, das Geschirr zu spü­len. “Äh, Ent­schul­di­gung”, sage ich zu ihr, “es ging dar­um, die Geschirr­spül­ma­schi­ne zu repa­rie­ren.” “Kann ich nicht”, ant­wor­tet sie. “Ja, aber …”, murm­le ich, und dann weiß ich nicht wei­ter, und eine Wei­le ist nur Plät­schern zu hören, das Schmat­zen, wenn sich ein gesäu­ber­ter Tel­ler aus dem Was­ser löst und das Kla­cken, mit dem er auf dem metal­le­nen Abtropf­stän­der auf­kommt. “Haben Sie noch was?”, fragt die Frau schließ­lich und hebt ihre sei­fi­ge Hand aus dem schmut­zi­gen Was­ser, um sich mit dem Unter­arm eine Sträh­ne aus dem Gesicht zu wischen.

“Sie müs­sen doch nicht mein Geschirr spü­len!”, sage ich, viel zu spät. “Ich woll­te eine Repa­ra­tur.” “Es gibt nur einen Tech­ni­ker für die Gerä­te. Es wird Mona­te dau­ern, bis er zu Ihnen kommt. Solan­ge wer­de ich Ihr Geschirr spü­len.” Sie hat das Was­ser abge­las­sen und schrubbt jetzt das Spül­be­cken. “Dan­ke, aber das möch­te ich nicht.”

“Wol­len Sie, dass ich Schwie­rig­kei­ten bekom­me? Nein? Also, dann las­sen Sie mich Ihr Geschirr spü­len. Kön­nen Sie bit­te unter­schrei­ben, dass ich den Auf­trag ord­nungs­ge­mäß aus­ge­führt habe?” Sie trock­net sich die Hän­de an der Schür­ze und holt eine Unter­schrif­ten­map­pe aus der Stoff­ta­sche, schlägt die Sei­te mit dem heu­ti­gen Datum auf. Ich kann nur mei­nen Namen erken­nen, alle ande­ren sind abge­deckt. Die Lis­te ist lang. Ich unter­schrei­be, und als sie die Map­pe schließt, sehe ich auf dem Umschlag wie­der das Logo HR, und dar­un­ter in klein: Human Resources.

Mensch­li­che Res­sour­cen also, als Ersatz für Tech­nik. Aber ist das denn erlaubt? “Gut, dann bis mor­gen”, sagt die Frau. Glei­che Uhr­zeit?” “Nein, mor­gen … also, wol­len Sie jetzt wirk­lich jeden Tag kom­men?” “Von wol­len kann nicht die Rede sein.” “Aber dann … kön­nen wir es nicht so machen, dass-”

“Nein. Wenn ich nicht regel­mä­ßig zu Ihnen kom­me, ver­lie­re ich die­sen Job, und das bedeu­tet für mich Abschie­bung.” “Was? Das ist ja schreck­lich! Und wahr­schein­lich wer­den Sie schlecht bezahlt?” “Schlecht bezahlt? Das gilt als unbe­zahl­tes Prak­ti­kum.” “Aber, das ist doch … recht­lich gese­hen…” Sie schaut mich nur spöt­tisch an. Ich kom­me mir so unbe­hol­fen vor.

Dann grei­fe ich in mei­ne Jacke, die über dem Küchen­stuhl hängt und hole mei­nen Geld­beu­tel her­vor. Sie schüt­telt den Kopf. “Ich wer­de nichts anneh­men. Ich ken­ne das. Die Leu­te wol­len gut sein, und irgend­wann sind sie es Leid. Dann rufen sie bei der Fir­ma an …” “Das wür­de ich nie tun!”, sage ich inbrüns­tig und mei­ne es auch so. Aber ihr generv­ter Blick lässt mich ins Nach­den­ken kom­men. Wenn ich ein­mal anfan­ge, ihr Geld zu geben, dann kann ich auch nicht mehr so ein­fach wie­der damit auf­hö­ren. Wür­de ich wirk­lich mona­te­lang für einen Ser­vice bezah­len, den ich gar nicht will, und der mir unan­ge­nehm ist? Außer­dem, wie­viel soll ich ihr geben?

Ich las­se den Geld­beu­tel auf dem Küchen­tisch lie­gen. “Wovon leben Sie denn?”, fra­ge ich sie. “Möch­ten Sie nicht wenigs­tens etwas essen?” Sie ver­neint. “Das­sel­be Pro­blem.” “Aber das ist — wie Skla­ve­rei!” “Es ist Skla­ve­rei”, stellt sie fest. Sie ist schon bei der Tür. “Ich muss wei­ter.” “Ja, natür­lich, aber … kann ich denn gar nichts für Sie tun?” “Sei­en Sie nicht so ver­zwei­felt. Es wäre schön, wenn Sie mich nicht mit Ihren Emo­tio­nen belas­ten wür­den. Sie nut­zen ja nicht nur mei­ne Arbeits­kraft, son­dern auch die von vie­len ande­ren, die in einer ähn­li­chen Situa­ti­on wie ich sind. Also müss­ten Sie sich eigent­lich schon längst an Ihre aus­beu­te­ri­sche Sei­te gewöhnt haben.”

Habe ich aber nicht. Ich sehe sie die Trep­pe hin­un­ter­ge­hen und wür­de ihr ger­ne irgend­et­was zuru­fen, etwas Lin­dern­des, aber mir fällt nichts ein. Sie wird jetzt also jeden Tag kom­men und mei­ne Skla­vin sein, und mich an das Elend in der Welt erin­nern. Mir ist übel, denn das ein­zi­ge, was mir dazu ein­fällt, ist: ich will die­se Geschirr­spül­ma­schi­ne loswerden!

Am Trep­pen­ab­satz schaut die Frau noch ein­mal zu mir hoch. Jetzt, den­ke ich, jetzt wird sie sagen, dass es nett von mir war, ihr etwas anzu­bie­ten. Ich läch­le sie an. Sie lächelt nicht, als sie sagt: “Und nicht heim­lich vor­spü­len. Alles ste­hen­las­sen.” Mit die­sen Wor­ten wen­det sie sich von mir ab. Wie vom Don­ner gerührt blei­be ich ste­hen, bis sie ganz unten ist, und die Haus­tür mit einem Knall zufällt.

Die Konsequenz

Verwelkende Tulpen in Rot Schwarz Gelb

Es klin­gelt an der Tür. Ich öff­ne und weiß gleich, was die bei­den wol­len, denn ich habe den Bun­des­ad­ler auf den Papie­ren sofort ent­deckt. Ich schütt­le den Kopf. “Bit­te”, sagt der Älte­re von ihnen. Sie sind bei­de nicht mehr jung, die Gesich­ter sor­gen­zer­furcht, die Klei­dung gebü­gelt aber ärm­lich, wer weiß, wie sie an die­sen Job gekom­men sind. “Nein”, sage ich laut und will die Tür schlie­ßen. Da sehe ich die Trä­nen in den Augen des Jün­ge­ren und bin erschro­cken. “Es tut mir Leid, aber ich kann wirk­lich nicht…” Ich win­de mich. Dann fällt mir etwas ein.

“Sie kön­nen etwas zu essen bekom­men”, schla­ge ich vor. “Aber danach müs­sen Sie wirk­lich gehen.” Die bei­den nicken eif­rig. So, wie sie das Essen in sich hin­ein schau­feln, müs­sen sie rich­tig aus­ge­hun­gert sein. Zum Glück ist so viel übrig geblie­ben von mei­ner Geburts­tags­fei­er. Mir fällt ein, dass das Datum mei­nes Geburts­ta­ges in den Unter­la­gen steht. Ob sie absicht­lich des­halb heu­te gekom­men sind?

Gewieft, den­ke ich, und: ist doch okay, sie kön­nen es brau­chen. “Kuchen?”, fra­ge ich. Ihre Augen glän­zen, und ich bin groß­zü­gig mit der Sah­ne. Erst als sie alles auf­ge­ges­sen haben, fin­den sie ihre Spra­che wie­der und bedan­ken sich über­schwäng­lich. Dann sagt der Älte­re: “Wir wer­den jetzt gehen, wie ver­spro­chen. Aber ich woll­te Sie noch dar­auf hin­wei­sen, dass das Ver­fah­ren stark ver­ein­facht wur­de.” Der Satz klingt wie aus­wen­dig gelernt. Er hat einen Akzent, pol­nisch viel­leicht? “Sie brau­chen jetzt gar kei­ne Fra­gen mehr zu beant­wor­ten. Mit nur einer Unterschrift…”

“Ach, tat­säch­lich?”, ent­fährt es mir. Wenn ich an den mehr­sei­ti­gen Fra­ge­bo­gen den­ke, den man frü­her aus­fül­len muss­te, die Prü­fun­gen, die Gebüh­ren und das mona­te­lan­ge War­ten. Der Jün­ge­re beugt sich vor, flüs­tert mir zu: “Unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen könn­ten Sie sogar eine Prä­mie von 1000 Euro erhalten!”

Okay, ich muss kla­re Ver­hält­nis­se schaf­fen. “Ich möch­te die deut­sche Staats­bür­ger­schaft nicht. Jetzt nicht mehr. Mona­te­lan­ge sys­te­ma­ti­sche Unter­stüt­zung von Völ­ker­mord, da kann ich mich nicht bewusst dafür ent­schei­den, zu die­sem Land zu gehö­ren. Nein, ich möch­te nichts damit zu tun haben.”

Schwei­gen. Seuf­zen. “Wir ver­ste­hen Sie ja”, sagt der Älte­re, es ist nur so, dass… Wenn wir unse­re Quo­te nicht erfül­len, wer­den wir bestraft.” “Bestraft? Wie denn?” Der Jün­ge­re hat schon wie­der Trä­nen in den Augen, er lässt sie rin­nen, sie fal­len zu den Krü­meln auf dem Kuchen­tel­ler. Der Älte­re schluckt schwer: “Wir müs­sen dann …”, er schüt­telt den Kopf, “wir müs­sen dann selbst Deut­sche werden.”

Jetzt wei­nen bei­de, an mei­nem Küchen­tisch, und ich zie­he den Vor­hang zu, damit die neu­gie­ri­ge Nach­ba­rin, die jetzt auf den Bal­kon gekom­men ist, uns nicht sehen kann.

BusTorTour: Ganz außergewöhnlich, zugleich allgemeingültig

Maschinelle Anlage in lila, blauer Trichter füllt ein, grünes großes Rad gibt Antrieb

Spä­ter ließ sich nicht mehr fest­stel­len, ob es von vorn­her­ein der fal­sche Bus gewe­sen war, oder der rich­ti­ge Bus, der von sei­ner Stre­cke abge­wi­chen war, wie die meis­ten behaupteten.

Eine ruhi­ge Fahrt war es von Anfang an nicht gewe­sen. Stän­dig klopf­te jemand ans Fens­ter und woll­te unbe­dingt rein. Dann waren wie­der Wür­ge­ge­räu­sche zu hören, es roch nach Erbro­che­nem und Leu­te woll­ten drin­gend raus. Vie­le ertru­gen aber den rau­en Wind nicht, der ihnen dort ent­ge­gen­schlug. Sie stie­gen wie­der ein und würg­ten wei­ter. So viel Übel­keit auf einer ein­zi­gen Fahrt hat­te noch nie­mand erlebt; frei­lich gab es auch reich­lich Kurven.

Der Bus­fah­rer mach­te alles mit, hielt bei der kleins­ten Stö­rung an und reg­te sich auch nicht auf, als ande­re, die schnel­ler vor­an­kom­men woll­ten, ihn so beschimpf­ten, wie man es kei­nem Bus­fah­rer wünscht.

Auch die meis­ten Fahr­gäs­te wirk­ten erstaun­lich gelas­sen. Sie plau­der­ten, dös­ten, früh­stück­ten, starr­ten in ihr Smart­phone oder ver­bar­gen sich hin­ter rie­si­gen Zei­tun­gen; ver­hiel­ten sich also wie sonst auch auf dem Weg zur Arbeit, und das, obwohl die Fahrt ein paar Mona­te län­ger dauerte.

Von außen betrach­tet, hät­ten die Insas­sen eigent­lich mer­ken müs­sen, dass da etwas nicht stimm­te, aber vie­les ist von außen betrach­tet ein­fa­cher zu erken­nen, und im Nach­hin­ein ist es immer leicht, Weis­hei­ten zu verbreiten.

Außer­dem sah doch ab und zu jemand aus dem Fens­ter und frag­te halb­laut: “Stimmt das hier eigent­lich noch?” Aber da gab es immer wel­che, die sofort erwi­der­ten: “Natür­lich stimmt das, es ist die rich­ti­ge Linie! Ich fah­re seit Jah­ren gut damit!” Und ande­re nick­ten erleich­tert, dann konn­te es ja nicht falsch sein. Denn das war ihnen das Wich­tigs­te: nie wie­der woll­ten sie die fal­sche Linie fahren.

Noch dazu bemerk­ten sie ja, dass die­je­ni­gen, die aus­stie­gen, sofort ver­blass­ten, in den Staub fie­len, und so unge­müt­lich aus­sa­hen, dass alle froh waren, dass der Bus schnell wei­ter fuhr und sie den Anblick der Aus­ge­stie­ge­nen nicht lan­ge ertra­gen muss­ten. Dann bes­ser drin blei­ben, Vor­hang vor­zie­hen; in den Nach­rich­ten stand ja, dass alles recht­mä­ßig war.

Als die Vor­hän­ge zu bren­nen anfan­gen, wol­len die meis­ten nichts damit zu tun haben. Man­che hal­ten sich die Augen zu. Aber dann wird es zu heiß, und alle schla­gen um sich, mit Jacken, Hüten, Akten­ta­schen, bis das Feu­er end­lich gelöscht ist. Von den Vor­hän­gen blei­ben nur Fet­zen und die Sicht nach drau­ßen, jetzt unver­blümt, löst gel­len­de Schreie aus: rings­um Irr­niss. Der Weg ist ja ganz falsch!

Sofort stür­zen sich wel­che auf den Fah­rer. Er muss ver­prü­gelt wer­den! Und da wird der Betrug offen­sicht­lich: es ist eine Attrap­pe. “KI!”, ruft jemand erbost, zückt ein Taschen­mes­ser und schnei­det den Kopf ab: nur Wat­te quillt heraus.

Es muss also der Bus gewe­sen sein. Schon schwingt jemand den Not­ham­mer, Schei­ben klir­ren. Die Fahr­gäs­te, die mona­te­lang gedul­dig mit­ge­fah­ren sind, empö­ren sich jetzt, sind hell­wach und ent­schlos­sen. Mit Regen­schir­men, But­ter­mes­sern, Nagel­fei­len und schie­rer Kraft zer­fet­zen sie die Sit­ze, zer­trüm­mern das Arma­tu­ren­brett, defor­mie­ren das Lenk­rad bis zur Unkennt­lich­keit. Und dann ran an die Ein­ge­wei­de! Alle sind jetzt schmut­zig, zer­zaust und außer Atem. Und vol­ler Zorn. Sie sind betro­gen wor­den! Die gan­ze Zeit über haben sie sich unwohl gefühlt, aber sie haben alles mit­ge­macht; und jetzt das!

Als Flam­men aus der Ölwan­ne schla­gen, jubelt die Men­ge. Mit leuch­ten­den Gesich­tern, ver­seng­ten Haa­ren, und in der gro­ßen Befrie­di­gung, sich end­lich rich­tig aus­ge­drückt zu haben, sind alle wild dar­auf, gleich das ver­kohl­te Gerip­pe zu zer­le­gen, zu zer­tre­ten, es zuzu­schüt­ten und auf ewig zu begra­ben, damit nie­mand behaup­ten kann, dass sie sich geirrt hätten.

Auf dem Weg zur Arbeit

Wenn ich zur Arbeit fah­re, bin ich oft schon fast zu spät dran, und jetzt wird auch noch an vie­len Stel­len der Asphalt auf­ge­ris­sen. Bau­gru­ben ent­ste­hen, schein­bar über Nacht, has­tig, manch­mal nicht ein­mal abge­si­chert. Viel­leicht wer­den die Absper­run­gen auch gestoh­len, die­se rot-wei­ßen Plas­tik­git­ter mit den Warn­leuch­ten oben­drauf. Ich weiß nicht, ob die Leu­te sich die in den Gar­ten stel­len oder ins Wohn­zim­mer, oder ob sie damit ihre eige­nen Gru­ben absichern.

Ich sehe auch nie jeman­den bau­en, und kei­ne Maschi­nen. Viel­leicht sind die­se Gru­ben gar kei­ne, also nicht in dem Sin­ne, dass jemand sie gegra­ben hat. Viel­leicht reißt der Boden von allei­ne auf, und das, was uns immer getra­gen hat, trägt nicht mehr, gibt nach, versinkt.

Bis jetzt konn­te ich den Löchern auf der Stra­ße immer noch recht­zei­tig aus­wei­chen, den Fahr­rad­len­ker her­um rei­ßen und den Sturz ver­hin­dern; aber nur, weil ich mit erhöh­ter Wach­sam­keit fah­re und jeder­zeit mit einem Abgrund rechne.

Eines Tages, wenn ich viel­leicht noch etwas ver­schla­fen bin, wird es pas­sie­ren. Auch wer kei­ne Gru­be gräbt, fällt selbst hin­ein. Hof­fent­lich bre­che ich mir nichts. Oder wenigs­tens nicht die Hän­de. Haupt­sa­che ich kann schrei­ben, wäh­rend ich krank geschrie­ben bin. Was mache ich sonst, Tag für Tag zu Hau­se, nur über Gru­ben grü­beln, und war­um es mir nicht gelun­gen ist, die­ses doch vor­her­seh­ba­re Unglück zu ver­mei­den? Eigent­lich wäre es am bes­ten, ich wür­de mich schon vor dem Sturz krank schrei­ben las­sen. Ich müss­te nur mei­ne Haus­ärz­tin von die­ser prä­ven­ti­ven Maß­nah­me über­zeu­gen können.

Wäh­rend ich über Argu­men­te nach­den­ke und einer klei­ne­ren, mir schon bekann­ten Ver­tie­fung aus­wei­che, wer­de ich von einem rie­si­gen roten LKW über­rascht, der von rechts aus einer Ein­fahrt drän­gelt. Ich brem­se scharf ab, mache dem Unge­tüm Platz. Mit Dröh­nen biegt es auf die Stra­ße ein, die Gesteins­bro­cken auf der Lade­flä­che vibrie­ren, und dann wankt der gan­ze Las­ter, kippt nach links, die Ladung kommt in Bewe­gung, Bro­cken rol­len, über­stür­zen sich, schmet­tern auf die Stra­ße und pral­len von ihr ab. Der LKW ist mit dem lin­ken Vor­der­rad in eine Bau­gru­be gesackt.

Das war die Gru­be, die für mich bestimmt war, den­ke ich, und jetzt hat sich die­ses auf­dring­li­che Fahr­zeug hin­ein gestürzt — und dafür bin ich ihm dankbar.

Der Motor heult auf, der Las­ter ruckt vor­wärts, sinkt in das Loch zurück, noch ein­mal und noch ein­mal. Ich traue mich nicht an dem stei­ne­schleu­dern­den Mons­ter vor­bei. Jetzt kom­me ich sicher zu spät zur Arbeit, aber wenigs­tens habe ich eine anschau­li­che Erklä­rung dafür.

Schließ­lich steigt der LKW Fah­rer aus, zückt eine Peit­sche und ver­setzt der roten Flan­ke einen Hieb, sodass meter­lang der Lack abplatzt und ein grau­er Strie­men zurück­bleibt. Der Las­ter jault, bäumt sich auf, reißt das Rad aus der Gru­be, die Ladung rutscht, Stei­ne sprin­gen durch die Luft, einer trifft mich an der Stirn.

„Auf dem Weg zur Arbeit“ wei­ter­le­sen

Entkommen

Ein gro­ßer Umzugs­wa­gen stand vor der Tür. Aus dem Ein­gang kam jemand und hielt einen rie­si­gen Bild­schirm mit bei­den Hän­den umspannt: es war mei­ne Kol­le­gin Julia. “Da bist du ja!”, rief sie mir zu. “Alles muss raus!” Als ob es sich um einen Schluss­ver­kauf han­deln wür­de. “War­um denn?”, frag­te ich sie. Aber sie hat­te mir schon den Rücken zuge­dreht und steu­er­te ein rotes Auto an, das schräg vorm Haus park­te; auf den Vor­der­sit­zen saßen zwei mir unbe­kann­te Män­ner in Anzü­gen. Julia ver­stau­te den Bild­schirm auf dem Rück­sitz und stieg sel­ber auch mit dazu. Sie hat­te die Tür noch nicht zuge­zo­gen, da star­te­te das Auto schon, fuhr auf mich zu und an mir vor­bei, jag­te die graue Stra­ße ent­lang, bis es nur noch ein roter Punkt war. Ich blieb benom­men zurück. Ich war doch nur zwei Wochen im Urlaub gewesen.

Die Ein­gangs­tür stand offen. Der Boden war mit Brie­fen über­sät. Ich hielt erschro­cken inne. Es hat­te zu mei­nen Auf­ga­ben gehört, die Brie­fe zu sor­tie­ren, und jetzt lagen sie hier acht­los ver­streut, mit Staub und Fuß­spu­ren bedeckt. Da wo frü­her die Brief­käs­ten ihren Platz gehabt hat­ten, klaff­te jetzt ein Loch; die Käs­ten selbst, stark ver­beult, von wer weiß wel­cher Kraft aus der Ver­an­ke­rung geris­sen, lagen wie hin­ge­schleu­dert. Darya war mit der gro­ßen Schau­fel zugan­ge, mit der sie im Win­ter das Eis vom Geh­weg kratz­te; sie schob einen Brief­kas­ten vor sich her. Ich woll­te sie anspre­chen, aber sie sah mich nicht, und dann pack­te sie den Brief­kas­ten und warf ihn in den Con­tai­ner, der in der Ecke stand. Es schep­per­te und dröhn­te, mir stock­te der Atem, ich flüch­te­te auf der Trep­pe nach oben.

Dort ver­such­te Moritz, einen Akten­schrank in den Auf­zug zu schie­ben. Ein Rad war in den Ril­len hän­gen­ge­blie­ben, ich pack­te mit an, und gemein­sam schaff­ten wir es. “Dan­ke”, Moritz nick­te mir zu und drück­te auf das E für Erd­ge­schoss. “Was ist denn hier los?”, frag­te ich ihn. Er mus­ter­te mich. “Weißt du es noch nicht?”, sag­te er schließ­lich. “Anord­nung des höchs­ten Minis­te­ri­ums. Sofor­ti­ge Eva­ku­ie­rung.” “Aber — war­um?” “Alles muss hier anders wer­den.” Die Auf­zug­tür glitt zu, ich starr­te die sil­ber­ne Flä­che an.

Ich hat­te Angst davor, in mein Büro zu gehen. Es war nur ein Job, aber ich war schon ein paar Jah­re hier und hat­te mich dar­an gewöhnt, 20 Stun­den in der Woche Brie­fe zu sor­tie­ren, Mails wei­ter zu lei­ten, Doku­men­te aus den Akten­ord­nern zu zie­hen und in ein bestimm­tes Büro zu brin­gen oder sie umge­kehrt abzu­ho­len und wie­der ein­zu­ord­nen. Ein­mal soll­te ich einen Vor­trag über mei­ne Arbeit hal­ten, er wur­de von den Kolleg*innen höf­lich beklatscht. Mit mei­nen Kolleg*innen ging ich ab und zu zum Mit­tag­essen, meis­tens aber nicht. Es war eine gemüt­li­che Arbeit, die Hälf­te der Zeit konn­te ich an mei­nen eige­nen Geschich­ten schrei­ben, ohne dass das jemals nega­tiv auf­fiel, im Gegenteil.

Es war mir immer so vor­ge­kom­men, als wäre es erwünscht, dass ich nicht all­zu viel arbei­te­te. Manch­mal kam mir das, was ich zu tun hat­te, gera­de­zu unsin­nig vor. Ich hat­te zum Bei­spiel die Auf­ga­be, alle unge­spitz­ten Blei­stif­te aus allen Büros in allen Abtei­lun­gen ein­zu­sam­meln, im Werk­statt­raum zu spit­zen und dann wie­der zu ver­tei­len, wobei ich das ers­te Mal noch den Feh­ler began­gen hat­te, sie wahl­los zu ver­tei­len, was zahl­rei­che Beschwer­den nach sich gezo­gen hat­te, und eine sehr umständ­li­che Neu­ver­tei­lungs­ak­ti­on, sodass ich mir das nächs­te Mal auf jedem Blei­stift mit einem Pos­tit ver­merk­te, aus wel­chem Büro und von wel­chem Schreib­tisch er stamm­te. Seit­her hat­te sich nie­mand mehr über mich beschwert, weil ich etwas Wesent­li­ches gelernt hatte.

„Ent­kom­men“ wei­ter­le­sen

Suppenmalheur

rosa rot gelbe Flüssigkeit mit Schaum und Spiegelung von Himmel, in der 4 Finger auftauchen

Ich mag’s nicht, wenn jemand in mei­ner Sup­pe schwimmt. “Hal­lo!”, rufe ich, “könn­ten Sie bit­te wie­der her­aus­kom­men?” Obwohl ich mir unsi­cher bin, ob ich die Sup­pe über­haupt noch essen will, nach­dem die­se Frau im rosa Bade­an­zug sie durch­quert hat. Sie hört auch nicht auf mich. Am Tel­ler­rand ange­langt, voll­führt sie eine ele­gan­te Wen­de, wie ich sie nie hin­be­kom­men habe, stößt sich ab und schwimmt zügig durch die Brü­he, wobei die Grieß­no­ckerl, wie gut­mü­ti­ge Ber­ge, ihr schau­kelnd ausweichen.

Ich rufe den Kell­ner. “Jetzt sehen Sie sich das an!” Er schaut in mei­nen Tel­ler: “Oh, das ist ja”, er ver­zieht das Gesicht, und als ich mir schon sicher bin, dass er so etwas wie “ärger­lich” sagen wird, sagt er statt­des­sen: “inter­es­sant.” Inter­es­sant ist es, das muss ich zuge­ben. Die Frau krault jetzt. Jedes Mal wenn sie den Arm aus der Sup­pe hebt, um Schwung zu holen für den nächs­ten Zug, bespritzt sie die Nockerl, die sich wie eine Berg­ket­te an den Rand drän­gen, um ihr Platz zu machen.

“Ich möch­te eine neue Sup­pe”, sage ich zum Kell­ner. “Ja ger­ne, aber”, er wiegt den Kopf hin und her, “wenn wir noch ein biss­chen war­ten, dann ist sie viel­leicht fer­tig.” “Bis dahin ist die Sup­pe kalt.” Wahr­schein­lich ist sie jetzt schon nicht mehr beson­ders warm, den­ke ich. Wer wür­de schon in hei­ßer Sup­pe schwim­men? “Immer im Früh­ling”, seufzt der Kell­ner, “da wol­len die Leu­te auf ein­mal trai­nie­ren. Und die Gebüh­ren für das Schwimm­bad sind ja exor­bi­tant gestiegen.”

“Das ist bedau­er­lich, aber ich möch­te trotz­dem eine Sup­pe mit ohne was dar­in.” “Sie woll­ten doch Grieß­no­ckerl?” “Ja, ja. Die Nockerl sind auch okay.” Obwohl ich mir da mitt­ler­wei­le auch unsi­cher bin. Mir scheint es, als hät­ten sie eine Eigen­be­we­gung. “Wahr­schein­lich hat sie sich zwi­schen den Nockerln ver­steckt”, über­legt der Kell­ner. “Als ich die Sup­pe ser­viert habe, habe ich nichts Unge­wöhn­li­ches bemerkt.” “Ich auch nicht”, gebe ich zu, aber das ist ein Feh­ler. “Das wird’s sein! Sie ist aus Ihrer Jacken­ta­sche gekommen!”

Mei­ne Jacke habe ich über die Stuhl­leh­ne gehängt, und tat­säch­lich steht der Reiß­ver­schluss der Brust­ta­sche offen, was vor­her nicht so war. Ich bin irri­tiert. Als ich in die Tasche hin­ein fas­se, fin­de ich eine win­zi­ge Bade­kap­pe, eben­falls rosa. Der Kell­ner nickt zufrie­den. “Aber, ich ken­ne die­se Frau über­haupt nicht!”, pro­tes­tie­re ich. “Sei­en Sie froh, dass sie so klein ist. Ich hat­te mal einen Mann in mei­nem Schrank woh­nen, der war zwei Meter groß.”

„Sup­pen­mal­heur“ wei­ter­le­sen

Abhängigkeiten

Blaue Wäscheleine in Schlingen und verknotet, schneebeladen, vor orangem Hintergrund

Als sich die Auf­zugs­tür öff­ne­te und ich, wie jeden Mor­gen, ver­schla­fen die Kabi­ne betre­ten woll­te, blieb ich statt­des­sen ver­dutzt ste­hen und war auf ein­mal hell­wach. Im Auf­zug waren vier Waschbären.

Nein nur drei: einer betrach­te­te sich im Spie­gel; ich hat­te ihn dop­pelt gezählt. Ein ande­rer hock­te auf dem Sitz, auf den ich mei­ne schwe­re Ein­kaufs­ta­sche stell­te, wenn ich eine hat­te. Der drit­te stand auf den Hin­ter­bei­nen, zu mir gewandt, und hielt sich an der Stan­ge fest.

Ich hät­te auch ger­ne eine Stan­ge zum Fest­hal­ten gehabt. Wasch­bä­ren? Ich starr­te in den Auf­zug hin­ein, sie starr­ten her­aus. Sie mach­ten kei­ner­lei Anstal­ten, aus­zu­stei­gen, was mir auch ganz recht war. Der Wasch­bär an der Stan­ge reck­te sich zum Stock­werk-Anzei­ger hoch. Sei­ne Pfo­te reich­te aber nur bis zur 3, und im drit­ten Stock waren sie ja schon ange­kom­men. Plötz­lich hüpf­te er, und drück­te auf das “D”. Die Flä­che leuch­te­te auf, die Auf­zugs­tür schloss sich. Die Wasch­bä­ren fuh­ren los, zum Dachboden.

Dort hat­te ich ges­tern mei­ne Wäsche zum Trock­nen auf­ge­hängt. Dar­un­ter der blaue Bett­be­zug, den ich mir ganz neu gekauft hat­te. Was woll­ten die Wasch­bä­ren auf dem Dach­bo­den? Ich wuss­te wenig über die­se Tie­re. Neu­lich hat­te ich eine Notiz gele­sen, dass sie sich in Städ­ten ver­brei­te­ten und dabei geschickt und krea­tiv vor­gin­gen. Das konn­te ich jetzt bestä­ti­gen. War­um hie­ßen sie eigent­lich Wasch­bä­ren? Mei­ne Wasch­ma­schi­ne stand auch auf dem Dachboden.

Ich drück­te, der Auf­zug kam zu mir zurück. Leer. Ein stren­ger Geruch haf­te­te ihm an, sodass ich wohl nicht geträumt hat­te. Jetzt hät­te ich eigent­lich zur Arbeit fah­ren müs­sen. Statt­des­sen drück­te auch ich auf das D.

Oben ange­kom­men sah ich gera­de noch einen Zip­fel mei­nes Bett­be­zugs in der offe­nen Tür zur Kam­mer von Frau Jäger ver­schwin­den. Ich hin­ter­her. Frau Jäger hat­te, genau wie ich, eine Kam­mer von 8 m² als Abstell­raum. Aber sie hat­te noch mehr, näm­lich, hoch oben, eine Dach­lu­ke, die die Wasch­bä­ren irgend­wie erreicht hat­ten. Einer sprang auf den Griff des Kipp­fens­ters und öff­ne­te es, die ande­ren bei­den woll­ten mei­nen Bett­be­zug aufs Dach schlei­fen. Ich pack­te den her­ab­hän­gen­den Stoff, aber die Wasch­bä­ren waren stär­ker, sodass mei­ne Füße den Boden ver­lie­ßen und ich Rich­tung Dach­lu­ke schwebte.

“Hil­fe!” rief ich, und sofort ant­wor­te­te der Haus­meis­ter, Herr Pospi­schil : “Ich komme!” 

„Abhän­gig­kei­ten“ wei­ter­le­sen