Zahnarzt

Schalter aus Metall mit langer Nase und zwei Kreuzschrauben-AugenBei einem mei­ner nächt­li­chen Spa­zier­gän­ge kom­me ich durch eine klei­ne Gas­se und bemer­ke an einer der Haus­tü­ren einen hand­ge­schrie­be­nen Zet­tel: “Dr. Puszka, Zahn­arzt. Bit­te drei mal klin­geln.” Ich drü­cke auf den Klin­gel­knopf, dann fällt mir die Uhr­zeit ein, ich zöge­re. Über mir geht ein Fens­ter auf und ein Kopf streckt sich raus, eine weiß geklei­de­te Gestalt: “Möch­ten Sie zu mir?” “Sind Sie der Zahn­arzt?” “Ja. Ich hab zwar schon Fei­er­abend, aber ande­rer­seits kann ich sowie­so nicht schla­fen.” “Genau wie ich!”
Ich gehe eine knar­ren­de Wen­del­trep­pe hoch, und oben durch die offe­ne Tür in einen hell erleuch­te­ten Flur. “Guten Abend!”, begrüßt mich Dr. Puszka. “Sie kön­nen Ihre Jacke dort­hin hän­gen.” Er deu­tet ans ande­re Ende des Flurs. “Für die Haf­tung der Gar­de­ro­be gibt es kei­ne Gewähr­leis­tung”, fügt er hin­zu, und ich den­ke, dass etwas an dem Satz nicht stimmt. Dann sehe ich das Brett mit den Haken, die nur unzu­rei­chend befes­tigt sind und mich an wacke­li­ge Zäh­ne den­ken las­sen, viel­leicht weil über ihnen, auf einem Pla­kat, Werk­zeu­ge der Zahn­me­di­zin abge­bil­det sind. Vor­sich­tig hän­ge ich mei­ne Jacke auf, der Haken, den ich gewählt habe, hält.
“Möch­ten Sie Tee?” Dr. Puszka deu­tet auf eine klei­ne Nische mit Küchen­zei­le. Ich nicke, er stellt den Was­ser­ko­cher an. “Wo tut’s denn weh?”, fragt er mich. “Ich habe kei­ne Zahn­schmer­zen.” Erstaunt lässt er die Tee­kan­ne sin­ken. “Selt­sam”, meint er, und dann fängt er an zu wei­nen. Ich gebe ihm mein ein­zi­ges unbe­nutz­tes Taschen­tuch, es ist sofort durch­nässt. Danach nimmt er die Küchen­rol­le. Blatt für Blatt wird nass von sei­nen Trä­nen, und fällt zusam­men­ge­knüllt zu Boden. Ich wür­de am liebs­ten wie­der gehen, aber er steht zwi­schen mir und dem Aus­gang, und so war­te ich, ziem­lich beun­ru­higt, bis er die hal­be Küchen­rol­le ver­braucht hat, und sich so weit gefasst hat, dass er spre­chen kann. Er schluchzt: “Sie sind seit Jah­ren der ers­te Mensch ohne Zahn­schmer­zen, der mich besu­chen kommt.” Dann weint er wie­der, so lan­ge, bis kein Blatt mehr an der Küchen­rol­le dran ist, nur die nack­te graue Röh­re hängt noch an der Halterung.
“Ich mache uns jetzt einen Beru­hi­gungs­tee”, sagt er, “und dann set­zen wir uns gemüt­lich ins War­te­zim­mer.” Ein Beru­hi­gungs­tee ist jetzt auch für mich genau das Rich­ti­ge, und das War­te­zim­mer ist tat­säch­lich gemüt­lich, ein klei­ner Raum mit vier Ses­seln, einem nied­ri­gen Tisch und einer Spiel­ecke; auf der moos­grü­nen Tape­te flie­gen Fle­der­mäu­se. “Ent­schul­di­gen Sie”, sagt Dok­tor Puszka, als wir uns gesetzt haben und er den Tee ein­schenkt. “Das ist ja wirk­lich sehr trau­rig”, mei­ne ich und er nickt: “Die­se Zustän­de! Und dabei woll­te ich gar kein Zahn­arzt werden.”
“Wie ist das denn pas­siert?”, fra­ge ich. Er sieht eigent­lich ganz sym­pa­thisch aus, der Dr. Puszka, jetzt, nach­dem er auf­ge­hört hat zu wei­nen, und nur noch sei­ne geschwol­le­nen Augen und die rote Nase dar­an erinnern.“Interessiert Sie das?”, fragt er mich erstaunt. “Ja.” Er lächelt ein biss­chen. “Ich war bei einer Berufs­be­ra­te­rin. Und dort habe ich etwas erzählt, was ich noch nie vor­her und nie mehr danach erzählt habe. Ich hat­te näm­lich einen heim­li­chen Wunsch.” Er sieht jetzt wie­der sehr trau­rig aus.
“Und was war das für ein Wunsch, wenn ich fra­gen darf?” “Ich habe ihr gesagt, dass ich mich für Höh­len inter­es­sie­re. Und war mir sicher, dass sie mir dann rät, Höh­len­for­scher zu wer­den. Statt­des­sen sag­te sie: “Die fas­zi­nie­rends­te Höh­le ist die Mund­höh­le. Wer­den Sie Zahnarzt!”

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Eifersucht

3 orange Warnlampen auf blauem Sockel in Spannung zueinanderAls ich am Frei­tag­abend nach Hau­se kom­me, sitzt vor mei­ner Woh­nungs­tür eine Kat­ze. Ich blei­be auf der Trep­pe ste­hen und wed­le mit den Hän­den, um das Tier zu ver­scheu­chen. Sie bleibt sit­zen und schaut mich an. Grü­ne Augen.
Ich kling­le beim Nach­barn gegen­über. “Wis­sen Sie, zu wem die­se Kat­ze gehört?”, fra­ge ich ihn, als er öff­net und mich über­rascht ansieht. Ich habe noch nie bei ihm geklin­gelt. “Die ist von unten”, sagt er und deu­tet einen Stock tie­fer. “Die Kat­ze von unten ist rot­haa­rig”, gebe ich zu beden­ken, “und hat sehr lan­ges Fell, wäh­rend die­se hier …”, ich zöge­re, etwas zu beschrei­ben, was er ja selbst sieht, aber viel­leicht sieht er etwas ande­res als ich, “wäh­rend die­se hier schwarz und kurz­haa­rig ist.”
Der Nach­bar zuckt mit den Ach­seln, als wären Fri­su­ren und Haar­far­ben kei­ne nen­nens­wer­ten Kri­te­ri­en. Er selbst hat auch nichts der­glei­chen auf dem Kopf. “Und jetzt?”, fra­ge ich ihn, in der Hoff­nung, dass er sich zustän­dig fühlt. “Was machen wir mit der Kat­ze?” Ich ver­knei­fe es mir, zu erwäh­nen, dass sie sich schließ­lich mit sei­ner Glat­ze reimt. Er zieht die Stirn in Fal­ten und sieht die Kat­ze, die ihre Kral­len an mei­nem Tür­vor­le­ger schärft, nach­denk­lich an. “Ich bin gegen Tier­leid”, sagt er dann und ver­schwin­det mit einem knap­pen “Guten Abend”.
Ich star­re die geschlos­se­ne Tür an. Ich bin auch gegen Tier­leid. Aber, was bedeu­tet das in die­sem kon­kre­ten Fall? Weil mir nichts ande­res ein­fällt, schlie­ße ich mei­ne Tür auf. Ganz selbst­ver­ständ­lich kommt die Kat­ze mit rein. “Ich hab aber nichts zu essen für dich”, sage ich. Sie schnurrt und fin­det den Weg in die Küche alleine.
Wenig spä­ter bin ich auf dem Weg zum Super­markt. Ich ver­wei­le in der Haus­tier­ab­tei­lung, die ich bis jetzt immer mit einem über­le­ge­nen Lächeln gemie­den habe. Das Ange­bot an Kat­zen­fut­ter ist über­wäl­ti­gend. Zum Glück weiß ich, seit einer Affä­re mit einer Super­markt­ver­käu­fe­rin, dass die bil­ligs­ten Pro­duk­te immer ganz unten stehen.
Zu Hau­se brei­te ich Zei­tungs­pa­pier auf dem Boden aus und stel­le die geöff­ne­te Dose dar­auf. Die Kat­ze schnup­pert, kos­tet, rümpft die Nase, schüt­telt die Pfo­te und miaut so ankla­gend, dass ich ein schlech­tes Gewis­sen bekom­me. So bil­li­ges Fut­ter ist bestimmt min­der­wer­tig und ent­hält schäd­li­che Zusatz­stof­fe. Gut, dass ich die Schu­he noch nicht aus­ge­zo­gen habe.
Als ich spä­ter erschöpft und hung­rig auf dem Sofa sit­ze und dar­über nach­den­ke, wie ich die­ses Tier am schnells­ten wie­der los wer­de, kommt sie zu mir und schmiegt sich an mich. Mein Herz wird weich. Ich esse ja auch nicht alles. Ich streich­le die Kat­ze und bemer­ke einen klei­nen wei­ßen Halb­mond auf ihrer Brust. Selí­na, sage ich zu ihr, vom grie­chi­schen σελήνη für Mond, und sie sieht mich an, als ob ich ihren Namen erra­ten hätte.
“Brau­chen wir nur noch einen Schlaf­platz für dich”, sage ich spä­ter zu ihr und wun­de­re mich schon gar nicht mehr dar­über, dass ich mit einer Kat­ze spre­che. Selí­na löst die­ses Pro­blem ohne viel Feder­le­sens, indem sie es sich in mei­nem Bett bequem macht. “Ein Feh­ler”, sagt Fio­na, als ich ihr am nächs­ten Tag davon erzäh­le. “Du musst ihr Gren­zen zei­gen. Und du darfst dich nicht an sie gewöh­nen. Wer weiß, wo sie hin gehört.”
Aber Seli­na bleibt das gan­ze Wochen­en­de. Am Mon­tag besor­ge ich eine Kat­zen­lei­ter für den Bal­kon und reak­ti­vie­re die Kat­zen­klap­pe in der Bal­kon­tür, die die Vor­mie­te­rin ange­bracht hat. “Pro­bier mal”, sage ich, und Selí­na läuft ele­gant die Lei­ter hin­un­ter, fin­det flugs ein Loch im Gar­ten­zaun und ver­schwin­det zwi­schen den Buchs­baum­bü­schen des Nachbargartens.
Fio­na ruft an: “Viel­leicht sind die Leu­te, bei denen sie gewohnt hat, umge­zo­gen. Kat­zen lau­fen oft zum alten Haus zurück und sind dann ver­wirrt, weil sie nicht mehr rein kom­men. Du musst Zet­tel auf­hän­gen: “Kat­ze zuge­lau­fen.” Sie kommt sogar vor­bei und hilft mir, den Text zu ver­fas­sen und mei­ne Tele­fon­num­mer mehr­mals quer dazu zu plat­zie­ren. Nach dem Aus­dru­cken tren­nen wir die Num­mern mit der Sche­re von­ein­an­der, sodass sie ein­zeln abge­ris­sen wer­den kön­nen. Die Sche­ren­schnit­te gehen mir ans Herz.
Gemein­sam fah­ren wir durch die Stra­ßen und kle­ben den Hin­weis auf Ampel­stan­gen und Stra­ßen­la­ter­nen. Mit jedem gekleb­ten Zet­tel wer­de ich trüb­sin­ni­ger, wäh­rend Fio­na am Ende sehr zufrie­den ist. “Jetzt hast du alles getan, um die recht­mä­ßi­gen Besitzer*innen zu informieren.”
“Ich fin­de es unmo­ra­lisch”, kei­fe ich sie an, “bei einer Kat­ze von recht­mä­ßi­gen Besitzer*innen zu spre­chen.” “Was ist denn in dich gefah­ren?”, fragt sie mich erstaunt. “Ich bin gegen Tier­leid”, wer­fe ich ihr an den Kopf und rad­le davon. Zu Hau­se tut es mir Leid, ich schi­cke ihr eine ver­söhn­li­che Tele­gram-Nach­richt. Sie geht sofort dar­auf ein — ach, lie­be Fio­na-Freun­din, den­ke ich — und wünscht mir eine gute Nacht.
Ich habe aber kei­ne. Ich kann nicht schla­fen. Selí­na ist nicht zurück gekehrt und ich stel­le mir vor, wie sie durch die Stra­ßen läuft, und über­all die­se Zet­tel sieht, mit denen ich sie los­wer­den möchte.

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Bett

Niedrige Fahrradständer, blau, Farbe blättert ab, darunter erscheint rot, im Herbstlaub mit grünem GrasFrüh­mor­gens, auf dem Weg zur Arbeit, gehe ich durch eine men­schen­lee­re Stra­ße, als ich auf ein­mal hin­ter mir ein unge­wohn­tes Kla­cken höre. Ich dre­he mich um und da stakst, wie ein brei­ter fla­cher Hund, mein Bett. Ich bin ent­setzt, es hier auf der Stra­ße zu sehen, noch dazu in die­sem Zustand. Ich habe es heu­te mor­gen nicht gemacht und jetzt ist es mir pein­lich, dass es mit die­ser zer­wühl­ten Bett­de­cke herumläuft.
“Was willst du hier”, zische ich, “geh nach Hau­se!” Stur kommt es immer wei­ter auf mich zu getrot­tet, unbe­hol­fen, weil es Schwie­rig­kei­ten damit hat, die vier Bei­ne zu koor­di­nie­ren. Es schwankt von einer Sei­te zur ande­ren, manch­mal hebt es auch drei Bei­ne auf ein­mal und das vier­te, auf dem dann alles las­tet, knarrt bedenklich.
“Lass den Blöd­sinn! Du siehst doch, dass du nicht weit damit kommst!” Das Bett hört nicht auf mich, womög­lich ist es auch gar nicht hör­fä­hig. Ich mache abweh­ren­de Ges­ten, ohne dass das die gewünsch­te Wir­kung zei­gen wür­de. Unbe­irrt pro­biert das Bett wei­te­re Gang­ar­ten aus und kommt dabei immer näher auf mich zu.
Ich habe die­ses Bett vor ein paar Mona­ten gekauft, als ich Arbeit in einem Büro bekom­men habe und dach­te, zu einem geho­be­nen Lebens­stan­dard wür­de auch gehö­ren, die Matrat­ze statt auf den Boden auf ein Gestell zu legen. Ich wuss­te ja nicht, was ich mir damit ein­bro­cke. Im Geschäft sah es aus wie ein ganz nor­ma­les Bett. Es war aller­dings stark redu­ziert. Ich habe nicht nach dem Grund gefragt, was ich jetzt bereue. Eigent­lich müss­te noch Garan­tie drauf sein. Nur kann ich die­se wahr­schein­lich nicht bean­spru­chen, wenn das Bett im Gul­li hän­gen bleibt und sich dabei ein Bein bricht.
Ich muss jetzt zur Arbeit. Ich habe kei­ne Zeit für Eska­pa­den. Soll das Bett doch im Stra­ßen­gra­ben enden, wenn es unbe­dingt auf sol­chen Ver­rückt­hei­ten besteht. Ich eile wei­ter. Bevor ich abbie­ge, dre­he ich mich noch ein­mal um und sehe, dass mein Bett zwi­schen der Haus­wand und einer Stra­ßen­la­ter­ne ste­cken geblie­ben ist. Okay, dann wer­de ich es heu­te Abend dort abho­len. Ich hof­fe, ich muss kei­ne Gebüh­ren fürs Falsch­par­ken bezahlen.
Ich beschlie­ße, mit der Stra­ßen­bahn zur Arbeit zu fah­ren. Es ist nicht weit, nur ein paar Sta­tio­nen, aber ich bin schon wie­der so spät dran. Jeden Tag will ich zu Fuß zur Arbeit gehen und schaf­fe es dann nicht. Es ist nicht nur das grau­en­haft frü­he Auf­ste­hen, das mich schwächt, son­dern auch der Gedan­ke an das stun­den­lan­ge Sit­zen in einem Büro, das immer nach altem Senf riecht, egal wie lan­ge ich lüf­te. Und die­se Akten, ein Blät­ter­teig, es bedrückt mich immer, dar­in zu lesen. Das Schlimms­te ist aber, dass die Kol­le­gin­nen, die alle schon jah­re­lang dort arbei­ten, so zufrie­den sind. Sie sind ein­ge­ras­tet wie Puz­zle­teil­chen, und haben kein wei­te­res Bestre­ben, als genau an der Stel­le zu bleiben.
Es ist ein grau­er Tag, feucht­kalt, an der Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le haben alle Leu­te miss­mu­ti­ge Gesich­ter. Ich wahr­schein­lich auch. Die Bahn kommt, alle machen sich zum Ein­stieg bereit. Autos hupen, Brem­sen quiet­schen, und ich sehe mein Bett in flot­tem Trab bei Rot über die Ampel lau­fen. Es hat sich offen­sicht­lich befrei­en kön­nen und auch Fort­schrit­te beim Gehen gemacht. Trotz­dem wird es mich nicht mehr ein­ho­len kön­nen, denn ich bin schon in der Straßenbahn.
Ein don­nern­des Geräusch lässt mich umdre­hen. Das Bett galop­piert! Die Bett­de­cke schwankt beträcht­lich und mei­ne Wärm­fla­sche rutscht her­aus und klatscht auf die Stra­ße. Die Wärm­fla­sche, die Rosi mir zum Geburts­tag geschenkt hat, mit einem selbst gefilz­ten Über­zug in Regen­bo­gen­far­ben. Rosi wohnt ganz in der Nähe. Was wird sie von mir den­ken, wenn sie ihr lie­be­vol­les Geschenk auf der Stra­ße lie­gen sieht, womög­lich von einem Auto zerquetscht.

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Ruhm

Zwei Seiten einer Reibe, in gelbes und rotes Licht getauchtAls ich von den Kul­tur­wo­chen in einer Klein­stadt erfah­re, bewer­be ich mich und bekom­me die Zusa­ge zu zwei Lesun­gen. Auf ein­mal weiß ich, was der Aus­druck “stolz geschwell­te Brust” bedeu­tet. So etwas habe ich jetzt. Ich bin brei­ter gewor­den. Und grö­ßer. Ich läch­le frem­de Leu­te an. Und immer wie­der schießt mir der Gedan­ke durch den Kopf: Zwei Lesungen!
Die Gage ist zwar nicht der Rede wert, aber die Fahrt­kos­ten wer­den über­nom­men und ich habe end­lich ein Publi­kum, das über mei­nen Freund*innenkreis hin­aus geht. Alle mei­ne Freund*innen gra­tu­lie­ren mir. Mei­ne The­ra­peu­tin gra­tu­liert mir. Die Biblio­the­ka­rin, bei der ich immer mei­ne Mahn­ge­büh­ren bezah­le, gra­tu­liert mir. Ich schaf­fe es, die­se Lesun­gen in jedes Gespräch ein­zu­bau­en, sogar der Post­bo­tin erzäh­le ich davon. Sie run­zelt die Stirn, zieht sich ihre Woll­müt­ze über die rot gefro­re­nen Ohren und sagt: “Oha! Da kön­nen Sie mir eine Post­kar­te schicken!”
Die ers­te Lesung fin­det im Sei­ten­ge­bäu­de eines Cafés statt. Der Raum ist schon prop­pen­voll, als ich ihn durch die Hin­ter­tür betre­te, um direkt zum Podi­um zu kom­men. Ich wer­de mit Applaus begrüßt. Die vie­len Leu­te irri­tie­ren mich zwar, aber sobald ich sit­ze und zu lesen begin­ne, bin ich in mei­nem Ele­ment. Das Publi­kum ist bes­tens auf­ge­legt und biegt sich schon bei den ers­ten Sät­zen vor Lachen. Und genau das wird mir zum Verhängnis.
In die­ses Lachen mischt sich ein ande­rer Ton, ein lei­ses Pfei­fen, das anschwillt und schließ­lich drei­stim­mig erklingt. Nach und nach krie­chen drei Hun­de unter den Sit­zen her­vor und heben bei jedem Lachen ihre Schnau­zen zur Decke, um ein herz­er­grei­fen­des Heu­len erklin­gen zu las­sen, was die Hälf­te der Anwe­sen­den sehr amü­sant fin­det und die ande­re Hälf­te unerträglich.
Schon nach drei Absät­zen fürch­te ich mich vor mei­nen eige­nen Poin­ten, weil das eigent­lich erwünsch­te Lachen unwei­ger­lich das Heu­len der Hun­de nach sich zieht, was ja auch okay gewe­sen wäre, wür­de es nicht empör­te Zwi­schen­ru­fe aus dem einen Lager und ver­ba­le Gegen­an­grif­fe aus dem ande­ren auslösen.

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Vorstellungsgespräch

zwei Lichtkegel übereinander auf Metall“Ach, es ist wohl unmög­lich”, seufzt die alte Frau, die an der Stra­ßen­ecke steht, auf ihren Stock gestützt, in einen Staub­man­tel gehüllt. “Viel­leicht nicht”, sage ich und blei­be ste­hen. “Es gibt immer viel mehr Mög­lich­kei­ten, als wir den­ken.” Ich will damit nicht nur ihr Mut zuspre­chen, son­dern auch mir selbst. Ich bin auf dem Weg zu einem Vor­stel­lungs­ge­spräch. Den Job muss ich gar nicht haben. Ich will aber die­ses Mal mit einem guten Gefühl aus dem Gespräch raus kom­men und nicht so geknickt und beschämt wie die letz­ten drei Male.
“Mei­nen Sie?”, mur­melt die Frau. Sie ist so gebückt, dass ich ihr Gesicht nicht sehen kann. “Ich möch­te es so ger­ne. Ich möch­te ein­mal, ein­mal nur im Zir­kus auf­tre­ten.” “Oh”, sage ich. Damit habe ich nicht gerech­net. “Ach, aber es ist zu spät.” “Womit möch­ten Sie denn auf­tre­ten?”, fra­ge ich vor­sich­tig. Es fällt mir schwer, sie mir in der Manè­ge vor­zu­stel­len, aber viel­leicht kann sie ja zaubern.
“Akro­ba­tik!”, sagt sie. Ich muss lachen. Die Frau hebt den Kopf, schaut mich an. In ihren Augen blitzt etwas, das mich zurück­wei­chen lässt. “Ent­schul­di­gen Sie bit­te, ich woll­te nicht …” Sie starrt mich an. “Ich muss jetzt wei­ter”, stot­te­re ich, “ich wün­sche Ihnen viel Glück!” Ich kom­me mir gemein vor und bin froh, als ich an ihr vor­bei bin. Da höre ich hin­ter mir ihren Stock, ihre Schrit­te. Ich gehe schnel­ler. Sie auch. Sie kommt näher.
Als ich gera­de zu einem Sprint anset­zen will, packt sie mich am Kra­gen und springt mir auf den Rücken. Krallt sich fest, sodass es mir den Atem nimmt. “Nicht!”, pro­tes­tie­re ich röchelnd. “Jetzt hab ich dich”, krächzt sie in mein Ohr, “und ich wün­sche dir viel Glück!”
Ich ver­su­che, sie abzu­schüt­teln, erst vor­sich­tig, dann hef­ti­ger. Es gelingt mir nicht. Sie hat die Arme um mei­nen Hals geschlun­gen und ihre Ober­schen­kel umfas­sen mei­ne Tail­le wie eine Greif­zan­ge. Ich krieg sie nicht los. “Luft!”, keu­che ich. Sie gibt den Hals frei und for­dert: “Schnel­ler!” “Wohin möch­ten Sie denn?” “Na, zum Zirkus!”
“Ich habe ein Vor­stel­lungs­ge­spräch”, sage ich, “und es ist sehr wich­tig, dass ich dort auf­tau­che, sonst bekom­me ich Schwie­rig­kei­ten mit dem Job­cen­ter.” “Ah, auch ein Zir­kus”, sagt sie, “ich kom­me mit.” “Aber ich kann Sie nicht mit­neh­men.” “War­um nicht?” Sie lacht häss­lich. “Ich bin dir wohl zu alt?” “Nein, nein, es ist nur … ich muss allei­ne dort erscheinen.”
“Es gibt immer viel mehr Mög­lich­kei­ten, als wir den­ken”, spot­tet sie, und es bleibt mir nichts ande­res übrig, als mit der Frau auf dem Rücken wei­ter zu wan­ken, zur Fir­ma Bütz.

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Wartezimmer

eine dicke gelbe und eine dünne weiße Seife stehend in einer rotgestreiften SeifenschaleIch bin mir nicht sicher, was in einem War­te­zim­mer von mir erwar­tet wird. Lan­ge Zeit habe ich es ver­mie­den, Ärzt*innen auf­zu­su­chen, nur zu mei­ner Zahn­ärz­tin gehe ich regel­mä­ßig, aber da sitz ich immer nur fünf Minu­ten im War­te­zim­mer, und meis­tens alleine.
Jetzt brau­che ich eine Krank­schrei­bung und bin bei die­ser Ärz­tin gelan­det, die Fati­ma mir emp­foh­len hat. Schon oft wur­den mir Ärzt*innen emp­foh­len, vor allem von Freund*innen, die mei­nen, ich soll­te da mal hin­ge­hen. Aber Fati­ma sag­te einen Satz, der mich nicht nur sofort von der Ärz­tin über­zeugt hat, son­dern sogar bewirk­te, dass ich mich auf die­sen Arzt­be­such freue. Sie sag­te näm­lich: “Und im War­te­zim­mer gibt es ein Bücherregal.”
Ich weiß, dass in sol­chen Bücher­re­ga­len meis­tens nur die Bücher ste­hen, die nie­mand zu Hau­se im Bücher­re­gal haben möch­te. Trotz­dem kann ich mich dem Zau­ber die­ses Wor­tes nicht ent­zie­hen. Bücher­re­gal. Es ist kein geeig­ne­tes Kri­te­ri­um, um eine Ärz­tin aus­zu­su­chen, aber, so den­ke ich beglückt, Fati­ma hat sie empfohlen!
Als ich von der Sprech­stun­den­hil­fe gebe­ten wer­de, doch noch etwas Platz zu neh­men, bedan­ke ich mich bei ihr, öff­ne ich die Tür zum War­te­zim­mer und schre­cke zurück. Es ist vol­ler Men­schen. Ich mache die Tür wie­der zu. Erwar­tun­gen wer­den oft erst bewusst, wenn sie nicht erfüllt wer­den. Ich hat­te die Vor­stel­lung, mit einem Bücher­re­gal mehr oder weni­ger allei­ne zu sein.
Jetzt wür­de ich lie­ber wie­der nach Hau­se gehen. Die Sprech­stun­den­hil­fe sieht mich fra­gend an. Ich hole tief Luft und mache die Tür wie­der auf. “Guten Tag”, sage ich und ein paar Leu­te erwi­dern mei­nen Gruß mur­melnd und ohne mich dabei anzu­se­hen. Ich stre­be zu dem ein­zi­gen Stuhl, der noch frei ist, set­ze mich auf einen Teil der Sitz­flä­che und erstar­re. Was mache ich jetzt, in einem Raum mit so vie­len Men­schen, alle unbe­kannt, kör­per­lich nahe und stur schweigend?
Ich atme. Das geht, ein Fens­ter ist gekippt, kal­te Luft strömt her­ein. Ich beru­hi­ge mich ein biss­chen. Ich ver­su­che, nicht dar­an zu den­ken, dass ich hier wahr­schein­lich eine Stun­de zubrin­gen muss. Vor­sich­tig gucke ich mich um. Die meis­ten Leu­te sind in ihr Han­dy ver­tieft, man­che blät­tern in einer Zeit­schrift, zwei lesen in einem Buch, nur eine Frau beschäf­tigt sich nicht, starrt teil­nahms­los zu Boden.
Und da ist das Bücher­re­gal, neben der Spiel­ecke. Die­ses Objekt mei­nes Begeh­rens, das in mei­ner Vor­stel­lung eine gan­ze Wand ein­ge­nom­men hat­te, ist auf zwei kur­ze Reg­al­bret­ter beschränkt. Viel­leicht 20 Bücher, die Hälf­te davon Bil­der­bü­cher. Ich schlu­cke schwer an mei­ner Ent­täu­schung. Fati­ma, den­ke ich ver­bit­tert. Nie ande­re Leu­te für dei­ne Erwar­tun­gen ver­ant­wort­lich machen, ist ein schö­ner Grund­satz, aber schwer ein­zu­hal­ten. Mir wäre jetzt danach, Fati­ma eine wüten­de Sprach­nach­richt zu schi­cken: “Du hast mich betro­gen! Unter Vor­spie­ge­lung fal­scher Tat­sa­chen zu die­ser Ärz­tin gelockt!”
Als ich mir das in der Stil­le des War­te­zim­mers vor­stel­le, muss ich grin­sen. Aber das ver­geht mir schnell. Das mas­si­ve Schwei­gen von sprech­fä­hi­gen Men­schen schüch­tert mich ein. Es ist mir unheim­lich. Es hat nichts mit mir zu tun, sage ich mir, es ist die Benen­nung der Räu­me. Die Leu­te den­ken wahr­schein­lich, hier ist War­ten ange­sagt und Spre­chen sol­len sie nur im Sprechzimmer.
Uner­war­tet tau­chen alte Erin­ne­run­gen auf. In mei­ner Kind­heit war das War­te­zim­mer ein Sprech­zim­mer. Ich weiß nicht, ob es dar­an lag, dass es in Öster­reich war, oder dass der Daten­schutz noch nicht erfun­den war, auf jeden Fall war es in einem War­te­zim­mer nie still. Neu Ein­tref­fen­de wur­den begrüßt und gefragt, war­um sie da waren, und hat­te ein­mal jemand kei­ne Bekann­ten im War­te­zim­mer, fin­gen die meis­ten von sich aus an, von ihrem Lei­den zu erzäh­len, und alle kann­ten jeman­den, der oder die das auch schon mal hatte.

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Genie

Ligusterbeeren am kahlen Strauch, von der Sonne psychedelisch angeleuchtetWenn ich allei­ne bin, bin ich ein glück­li­ches Genie. Noch vor dem Auf­ste­hen sin­ge ich ein Lob­lied auf mich, ich esse und schrei­be, räu­me auf und repa­rie­re mein Fahr­rad und bin den gan­zen Tag zufrie­den. Genia­les Genießen.
“Dei­ne Web­site braucht Such­ma­schi­nen-Opti­mie­rung”, drän­gen Freund*innen. “Damit du im Inter­net zu fin­den bist.” Und mei­ne The­ra­peu­tin meint: “Es wäre doch schön, wenn Sie mit Ihrem Schrei­ben Geld ver­die­nen könn­ten.” Ich bin mir da nicht so sicher.
Das größ­te Hin­der­nis für mein heim­li­ches glück­li­ches Genie-Dasein ist aber Frau Kra­ge, die jetzt im Job­cen­ter für mich zustän­dig ist. Ein Klum­pen im Pud­ding. Sie ver­don­nert mich zu der Fort­bil­dung: “Die Pro­fes­sio­nel­le Bewer­bung”. “Und dann zacki!”, sagt sie. “Jede Woche zwei Bewer­bun­gen.” Ich erzäh­le ihr nicht, dass ich bis­her noch nie eine Bewer­bung geschrie­ben habe, weil alle mei­ne Jobs auf ande­ren Wegen zu mir gekom­men sind. Ich ver­su­che aber, zu begrün­den, war­um die­se Fort­bil­dung für mich nichts brin­gen wird.
“Es ist wie bei den Bäu­men”, erklä­re ich. “Es gibt immer­grü­ne und sol­che, die mit den Jah­res­zei­ten gehen. Ich gehö­re zu den letz­te­ren. Und jetzt, im Dezem­ber, sieht es des­halb kahl aus bei mir, aber inner­lich bil­den sich die neu­en Knos­pen. Sie brau­chen ihre Ruhe­zeit, und dür­fen nicht gestört wer­den, damit sie im Früh­ling, ganz von allei­ne, auf­blü­hen kön­nen.” Frau Kra­ge schaut mich unwirsch an, dann sagt sie mit einem dia­bo­li­schen Grin­sen: “Okay, dann haben Sie aber auch einen ver­rin­ger­ten Nähr­stoff­be­darf. Wenn Sie sich nicht zur Fort­bil­dung anmel­den, las­se ich Ihre Bezü­ge kür­zen, ist das klar?”

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