
Da bewegt sich etwas, hinten im Rhabarberbeet. Etwas Rotes. Ist das ein Mensch? Gebückt, beim Rhabarber klauen? Ich stehe am Küchenfenster; und während ich darauf warte, dass das Wasser kocht, schaue ich auf den großen Garten hinunter. Obstbäume, Blumenbeete, überall Blüten und Früchte — und ganz hinten das Rhabarberbeet, in dem irgendetwas vor sich geht.
Marianne hat ein Fernglas auf der Arbeitsplatte stehen, mit dem sie die Vögel im Futterhäuschen beobachtet. Vielleicht auch Obstdiebe. Mir fällt ein, dass sie, während sie mir das Haus gezeigt hat, erzählt hat, dass sie wegen einem Eindringling im Garten einmal die Polizei hatte rufen müssen.
Als Marianne mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, während ihres Urlaubs in ihrem Haus zu wohnen und den Garten zu gießen, habe ich zugestimmt. Eine gute Idee, fand ich. Ich konnte ihr einen Gefallen tun und in der Zeit auch so etwas wie Urlaub haben. Allerdings schüchtert mich das Haus ein, sodass ich hauptsächlich im Gästezimmer wohne. In der geräumigen Küche koche ich zwar, setze mich aber nicht dort an den Tisch, sondern nehme mein Essen mit ins Zimmer oder in den Garten. Ich versuche, mich unauffällig zu verhalten, obwohl ich weiß, dass das nicht notwendig ist. “Du kannst alles benutzen”, hat Marianne mir versichert. Aber erst gestern Abend habe ich das Wohnzimmer betreten und mich auf der Couch niedergelassen. Für eine halbe Stunde.
Ich bin gar nicht so schüchtern, normalerweise. Oder besser gesagt: unter anderen Umständen. Im Garten habe ich mich sofort wohl gefühlt; bin quer zu den Wegen gelaufen und habe alle Gewächse einzeln begrüßt, obwohl es genug geregnet hatte und ich nicht gießen musste.
Deshalb weiß ich auch, dass hinten in der schattigen Ecke das Rhabarberbeet ist, und als ich schließlich zum Fernglas greife, erkenne ich ein Kind, mit Rhabarberstengeln in der Hand. Ein Kind mit halblangen schwarzen Haaren, rotem T Shirt und Jeans. Keine Schuhe.
Sofort fühle ich mich hilflos. Ich stelle das Fernglas dorthin, wo es zuvor gestanden hat. Am besten ist es, so zu tun, als hätte ich nichts gesehen. Sonst muss ich etwas unternehmen. Das Kind auffordern, den Garten zu verlassen. Und was, wenn es dann nicht geht? Auf keinen Fall will ich die Polizei rufen.
Der Gedanke an Polizei löst komplizierte Gefühle bei mir aus. Einerseits möchte ich gerne Schutz bekommen, wenn ich bedroht werde, wenn meine Rechte missachtet werden, oder wenn mir jemand Gewalt antut. Andererseits weiß ich, dass andere, die diesen Schutz genauso brauchen oder noch viel mehr, ihn nicht bekommen. Dieselben Menschen werden von der Polizei mehr verdächtigt als andere, öfter kontrolliert und verhaftet, manchmal sogar getötet.
Mit 9 Jahren habe ich einmal gesehen, wie ein Polizist auf einen Menschen geschossen hat. Ich schaute aus dem Fenster, wie wir Kinder das oft abends taten, in der Hoffnung, dass auf der Straßenkreuzung etwas passierte. An jenem Abend ging die Tür der Kneipe auf, die sich “Café Melusine” nannte, und der Hiasl torkelte heraus. Auf der Brücke über den Eisbach blieb er stehen und hielt sich am Geländer fest. Und der Lumpi, sein Hund, der ihn überall hin begleitete, blieb auch stehen und wartete.
Als der Hiasl sich weiter auf seinen Weg nach Hause machte, fuhr von der anderen Straße ein Polizeiwagen heran, hielt auf dem Platz vorm Café Melusine, und zwei Polizisten sprangen heraus. Sie brüllten dem Hiasl hinterher, dass er stehenbleiben solle. Der Hiasl fing stattdessen zu laufen an, zumindest versuchte er es; schwankend verschwand er hinter der Hecke unseres Gartens.
Mit zwei Sätzen hätten die jungen Männer ihn eingeholt. Aber sie blieben stehen, einer zog die Pistole und schoss. Dieser Polizist war neu in unserem Dorf; er war strafversetzt worden, weil er schon zweimal einen Menschen erschossen hatte. Diesmal traf er nur den Lumpi. Wir fanden später die Blutspur, die in den Wald hinein führte. Der Lumpi wurde nie wieder gefunden.
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