
Meine Mutter hatte im Schlafzimmer eine Kommode mit zwei abgeschlossenen Schubladen. Der Schlüssel für die obere Schublade hing an einem Haken an der Rückseite der Kommode. Ein umsichtiger Dieb oder neugierige Kinder konnten ihn schnell entdecken und so an die Schmuckschatulle gelangen. Wir streichelten die glatten Perlen der Kette, zogen die Ringe über den Daumen, der als einziger dick genug war, um sie halbwegs auszufüllen, oder steckten uns die Pfauen-Brosche an, was schmerzhaft enden konnte, wenn die Nadel, die in den Stoff hinein geglitten war, an unerwarteter Stelle wieder zum Vorschein kam und in die Fingerkuppe stach.
Den Schlüssel für die zweite Schublade suchten wir vergebens. Warum hing er nicht auch am Haken an der Rückseite der Kommode? Was verbarg sich in dieser Schublade? Was war meiner Mutter kostbarer als ihr Schmuck; was wollte sie besser vor Entdeckung schützen?
Es gibt Geheimnisse, die liegen gleich unter der Oberfläche; man kratzt ein bisschen und sie scheinen durch. Sie sind vielleicht peinlich, aber erzählbar, so etwas wie entzündete Hämorrhoiden, über die man nicht gerne spricht. Man tut so, als hätte man sie nicht, und dann erzählt man es doch einmal und merkt, das ist gar nicht so schlimm.
Und dann gibt es Geheimnisse, die Teil eines Lebenskonstruktes sind, fest eingebaut in die eigene Identität. Etwas, das da ist, soll nicht sein, oder etwas, das es gar nicht gibt, soll sein. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Illusionen aufrecht zu erhalten, und wir haben alle ein paar, die wir nicht gerne hergeben.
Die tragenden Wände von Geheimnissen sind Lügen; freche, fromme und raffinierte Lügen, und dichtes Schweigen. Wenn jemand das Schweigen bricht und die Lügen aufgedeckt werden, tragen die Wände nicht mehr und stürzen ein. Dann klaffen Löcher und legen das frei, was niemand sehen sollte. Ein Teil des eigenen Lebens muss revidiert werden, neu gesehen, neu bewertet, und das ist immer mit Schmerzen verbunden.
Als eines Tages, nach 25 Jahren ohne Kontakt, mein Bruder auf meiner Mailbox zu hören war, hatte ich ihn plötzlich als schmuckbehängten kleinen Jungen vor Augen, und musste an die verschlossene Schublade denken, deren Schlüssel wir vergebens gesucht hatten.
Er bat mich um Rückruf, sagte nicht warum. Etwas zittrig rief ich zurück. Ich vermutete, dass der Grund, sich nach so langer Zeit bei mir zu melden, der Tod meiner Mutter war. Ich irrte mich insofern, als ihr Tod kein Grund für ihn war, mich anzurufen. Der Anruf kam erst 9 Tage später, als die Trauerfeier und die Einäscherung schon vorbei waren, und er feststellen musste, dass er für die Urnenbestattung in seinem Garten die Unterschriften von mir und meiner Schwester brauchte.
Gleich zu Beginn des Telefonats sagte er: “Die Mama hat so darunter gelitten, dass ihr euch nie bei ihr gemeldet habt.” Ich holte Luft, um ihm zu widersprechen; wusste dann aber nicht, wie ich in ein paar Sätzen zusammenfassen sollte, was mir bei diesem Vorwurf alles einfiel. Und so sagte ich nichts dazu und ließ ihm seine Vorstellung: eine leidende Mutter, die sich nach ihren Töchtern sehnt, die ihr den Kontakt verweigern.
Meine Mutter war immer Leidende gewesen. Sie war unterdrückt; das vermittelte sie mir, lange bevor ich etwas von Feminismus wusste. Sie litt darunter, immer zu Hause sitzen zu müssen, während mein Vater in der Stadt zu tun hatte oder auf Geschäftsreise ging. Sie hatte keine Freiheit und war darüber unglücklich, und die Aufgaben, die ihr zugeteilt waren, waren mühsam und unattraktiv. Dieses Saubermachen und Kochen: Tätigkeiten, die unsichtbar wurden, sobald das Essen gegessen und die Wohnung wieder dreckig war.
Meine Mutter war Ehefrau, Hausfrau und eben Mutter, und nicht mehr. Und dann fing sie an, abends in die Kneipe zu gehen, wo sie flirtete, rauchte, trank: das waren ihre Freiheiten. Sie nahm erst meine Schwester und dann mich mit, und sie nahm sich einen Liebhaber nach dem anderen. Sie war immer Gebende gewesen und dann Nehmende geworden. Als Kind fand ich das gerecht. Mir schien es damals so, als hätte sie keine andere Möglichkeit, als meinen Vater zu betrügen.
Seit ich 11 Jahre alt war, gehörten diese Kneipengänge zu meinem Leben dazu, genauso wie das nach Hause kommen, wo wir auf meinen Vater und meinen Bruder trafen, die meistens gemeinsam vorm Fernseher saßen. “Wo wart ihr?”, schrie mein Vater, und: “Ihr stinkts nach Rauch und Schnaps!”
Es war also kein Geheimnis, mein Vater hatte die Wahrheit sofort erkannt. Aber Wahrheit braucht Bestätigung. Und die bekam mein Vater nicht. Denn ich erzählte eine andere Geschichte. Im Auto, auf der Rückfahrt, lutschten wir Pfefferminzbonbons, “um uns frisch zu machen”, wie meine Mutter es nannte, und dann fragte sie immer: “Was erzählen wir denn zu Hause?” und meine Phantasie sprudelte. Meistens waren wir bei einer meiner zahlreichen Freundinnen gewesen. Ich hatte ihnen bei einer Rechenaufgabe geholfen oder sie mir beim Topflappen stricken. Wir spielten Seilspringen mit Gedichten, und ich gewann immer dabei. Wir fütterten die neuen Goldfische mit der Pinzette oder mussten 5 Hunde ausführen; der kleinste fiel beinahe durchs Kanalgitter, der größte stemmte seine Vorderpfoten auf die Ladentheke des Fleischhauers, damit er einen Wurstzipfel bekam.
“Du spinnst!”, schrie mein Vater. Ich hatte Angst vor ihm, wenn er seinen roten Kopf bekam und der Kragen zu eng wurde für seine Wut; aber ich schrie zurück. Meine Mutter stand schweigend daneben. Sie war zu schwach, ich musste das regeln. Sie schwieg auch, wenn er ihr vorwarf: “Du verdirbst die Kinder!” Ich warf mich für meine Mutter in die Bresche, mit so einem Eifer, dass mein Vater mich einmal, als wir nach Hause kamen, nicht hinein ließ, sondern mich aussperrte, um mit meiner Mutter alleine zu reden.
Da saß ich dann auf den kalten Stufen und weinte, weil ich meiner Mutter nicht helfen konnte. Mir war schlecht, weil ich wieder zu viel getrunken hatte, ich wollte ins Bett, mein Vater sollte uns in Ruhe lassen. Ich hasste dieses Geschrei, und es machte mir auch keinen Spaß mehr, Geschichten zu erfinden. Ich hatte gar keine Freundinnen, in Wirklichkeit, niemand lud mich ein, und wenn ich in der Hofpause mal beim Seilspringen mitmachen durfte, stellte ich mich so ungeschickt an, dass sich die anderen über mich lustig machten.
Noch schlimmer war es, wenn mein Vater nicht schrie, sondern uns nur müde und traurig ansah. Das schnitt mir ins Herz, ich schwankte; und fand Halt am verächtlichen Blick, den meine Mutter meinem Vater zuwarf. Mein Vater war spießig und beschränkt; und wenn er seine Abende im Schaukelstuhl verbrachte, statt etwas zu erleben wie wir, war er selbst schuld, wenn es ihm dann schlecht ging.
Wenn ich heute daran denke, frage ich mich, warum ich meinem Vater die Empathie verweigert habe. Wie das funktioniert hat. Ich konnte sein Leid einfach ausblenden, obwohl er doch mein Vater war, ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben. Ich glaubte den Aussagen meiner Mutter über meinen Vater, und ich wusste, dass ich ihr zur Seite stehen musste, nachdem meine Schwester sie im Stich gelassen hatte. Meine Mutter hatte mir frühzeitig beigebracht, dass ich für ihre Bedürfnisse zuständig war. Und das erforderte von mir, mich gegen meinen Vater zu stellen. Sein Leid auszublenden, ihm meine Empathie zu entziehen. Und ich konnte es auch. Bis ich es nicht mehr konnte.
Etwas Ähnliches passiert bei Palästinenser*innen. Ihr Leid darf und soll ignoriert werden. 80.000 von ihnen sind tot, das Töten geht ohne Unterbrechung weiter, und in Deutschland geht es offiziell hauptsächlich darum, ob jemand etwas Antisemitisches gesagt hat. Weil jüdische Israelis in erster Linie als Opfer gesehen werden, gibt es einen Völkermord ohne Täter*innen.
Besonders verstörend ist das Verhalten von weiten Teilen der Linken. Viele gehen prinzipiell nicht auf die Straße, wenn es sich um Anliegen der Palästinenser*innen handelt und haben auf einmal seltsame Gründe, sich nicht gegen Ungerechtigkeit einzusetzen. Oder sie sind für beide Seiten, was konkret bedeutet, die Mächtigen nicht am Morden zu hindern.
Eine Freundin, die sich gegen Abschiebungen engagiert, erklärt mir, als ich von den Bombardierungen in Gaza spreche: “Andere Konflikte sind schlimmer.” Seit ich mich politisch engagiere, ist es das erste Mal, dass mir Freund*innen oder Bekannte entgegnen: “Woanders gibt es viel mehr Tote.” Nie zuvor war die zu geringe Anzahl der Toten ein Grund dafür, sich nicht zu engagieren bzw das Engagement von anderen mit Geringschätzung zu betrachten.
Manche sagen auch: “Das ist alles so kompliziert.” Während die Situation komplex ist, ist es nicht so kompliziert, zu erkennen, dass Israel Hauptaggressor ist. Hier könnte allein das Zählen der Toten Klarheit schaffen. Forderungen nach einem gültigen Waffenstillstand, Versorgung der palästinensischen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Gewährleisten von medizinischer Behandlung könnten eigentlich von allen Linken unterstützt werden. Aber die Demos dazu bleiben klein, Leute, die sonst sehr engagiert sind, bleiben weg. Zu groß sind die Bedenken, mit solchen Forderungen antisemitisch zu sein und das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen. Das lässt sich nur erklären mit der absurden Vorstellung, dass jede gesunde, gut ernährte palästinensische Person eine Gefahr für Israel darstellt.
Was da passiert, erinnert mich an meine Kindheitssituation. Israel fordert bedingungslose Unterstützung, und viele, vor allem Deutsche, fühlen sich dafür zuständig, die Forderungen der israelischen Regierung, die als Bedürfnisse von jüdischen Menschen gesehen werden, zu erfüllen. Allerdings werden dann nur diejenigen jüdischen Menschen gesehen und unterstützt, die mit Israel konform gehen.
“Sie haben Angst”, erklärt mir eine Freundin, “vor allem nach dem 7. Oktober. Sie fürchten um ihr Leben! Verstehst du das nicht?” Doch, ich verstehe das. Was ich nicht verstehe, ist, dass diese Angst die Rechtfertigung dafür sein soll, andere umzubringen. Angstzustände werden durch die Ermordung von anderen ja nicht gemildert, sondern gesteigert. “Und”, sage ich zu meiner Freundin, “die Palästinenser*innen haben auch Angst. Und sie haben viel mehr Grund dazu. Denn ihre Befürchtungen bewahrheiten sich jeden Tag.” Es tut mir weh zu sehen, wie sich das Gesicht meiner Freundin verschließt. “Die würden ja auch alle umbringen, wenn sie könnten”, zischt sie. Diese Freundin lässt die Angst der Palästinenser*innen nicht gelten, nur die Angst der jüdischen Israelis. So, als ob es zwei verschiedene Kategorien von Menschen wären.
Mein Vater wurde ein Außenseiter in unserer Familie. Er ging zwar weiterhin jeden Morgen um fünf in seine Fabrik und vergab dort Arbeitsaufträge, entwarf neue Ölöfen, Aktenverbrenner, Kaminsysteme, führte Kundengespräche und trat nach außen hin als Geschäftsmann auf. Innerhalb der Familie jedoch hatte er nach und nach immer weniger zu sagen, bis er schließlich auch verstummte, wenn wir von der Kneipe nach Hause kamen. Er sagte auch nichts dazu, als meine Mutter ins Erdgeschoss zog und sich nur mehr ansatzweise um den Haushalt kümmerte.
Heute weiß ich, dass mein Vater Depressionen hatte. Als Kind und Jugendliche verunsicherte mich sein Schweigen, seine Niedergeschlagenheit. Manchmal war ich auch wütend auf ihn. Andere Male wurde ich bei seinem Anblick schlagartig müde; oder ich fühlte mich krank, sobald er kam. Ich war zwar froh, dass er nicht mehr schrie, und meine Mutter in Ruhe ließ; andererseits wünschte ich mir immer mehr, er würde eingreifen und meiner Mutter die Kneipenbesuche untersagen. Aber er zog sich in sich selbst zurück und hinterließ eine Leerstelle.
Dafür durfte er verachtet werden. Mein Vater hatte kein Recht, sich aufzuregen, oder traurig zu sein. Er hatte meine Mutter unterdrückt, war schuld an ihrem Hausfrauen-Unglück, und jetzt hatte sie sich befreit und er durfte nichts dagegen sagen. Er hatte nicht das Recht, uns zu beschränken. Sein Leiden galt nichts. Er lebte zwar unter uns, aber von uns getrennt.
Der Entzug von Empathie wird uns von klein auf beigebracht. In der Schule galt: wer die Rechenaufgabe nicht lösen konnte, hatte Verachtung verdient und durfte angeschrien und beschimpft werden; wer in so einer Situation weinte, bekam kein Mitleid. Ich litt zwar in solchen Situationen mit, durfte es aber nicht zeigen, wenn ich nicht dieselbe Verachtung abbekommen wollte. Mein Mit-Leiden trat nicht in Erscheinung und war deshalb inexistent. Empathie braucht eine Ausdrucksform.
Es war eine der wichtigsten Lektionen in der Schule: wir sollten Gott lieben, und unsere Eltern, wir sollten die Lehrerin für unfehlbar halten und wir durften uns von denen abwenden, die ihr nicht gehorchten oder die vorgegebenen Aufgaben, aus welchen Gründen auch immer, nicht erfüllten. Wir durften ihnen die Empathie entziehen. Das selbstverständliche Hinwenden zu einem Menschen in Not sollte in diesem Fall unterdrückt und ins Gegenteil verkehrt werden. Diese psychische Verzerrung war ausdrücklich erwünscht. Die meisten hatten das freilich schon in ihrer Familie gelernt.
Viele sind davon überzeugt, dass das Massaker am 7. Oktober das schlimmste Verbrechen in der israelisch-palästinensischen Geschichte war. Deshalb ist es ihnen sehr wichtig, dass hauptsächlich darüber geredet wird, auch oder gerade angesichts eines Genozids an den Palästinenser*innen.
Die Umdeutungen sind vielgestaltig und kreativ. Ein Bekannter schrieb mir, man dürfe die Israelis nicht als die Mächtigen bezeichnen, weil die Palästinenser*innen so viel Unterstützung von der Weltöffentlichkeit bekommen würden. Ja, aber um welchen Teil der Weltbevölkerung handelt es sich? Um diejenigen, die wegen ihrem Engagement für Palästina ihren Job verlieren, verprügelt oder verhaftet werden. Um diejenigen, die zu wenig Macht und Einfluss besitzen, um Israel zu stoppen, oder auch nur um ein Paket Babynahrung in den Gazastreifen mitzunehmen.
Es ist ein nicht zu unterschätzender Trost für Menschen, deren Angehörige verhungert sind oder ermordet wurden, dass viele Menschen auf der Welt mit ihnen fühlen und sich für sie einsetzen, und es hilft, durchzuhalten und Leid zu lindern; aber den Genozid oder den Siedlerkolonialismus wirklich zu stoppen, das ist dieser Weltöffentlichkeit noch nicht gelungen.
Dass ich zu meiner Mutter hielt, hatte nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Der Mythos, einer unterdrücken Frau zu ihrer Freiheit zu verhelfen, ließ mich wie eine Löwin dastehen, aber in Wirklichkeit war ich verzweifelt darum bemüht, die Zuneigung meiner Mutter zu erringen. Ich war stolz darauf gewesen, als sie mich mitgenommen hatte und nicht mehr meine Schwester. Gleichzeitig hatte ich das Bild meiner Schwester vor Augen, die verstoßen worden war, weil sie egoistisch geworden war, aufmüpfig, weil sie sich um ihre eigene Freiheit kümmern wollte und nicht mehr um die meiner Mutter.
Ich wollte von meiner Mutter Verständnis, Zuneigung, Anerkennung, Halt. Das alles bekam ich nur in Anflügen. Wenn wir im Anflug auf die nächste Kneipe waren, dann gab es Gespräche zwischen uns, die mich hoffen ließen, dass ich für meine Mutter wichtig war. Sobald wir das Lokal betraten, wo “unsere Clique” meistens schon an einem großen Tisch Platz genommen hatte, verlor meine Mutter mich aus den Augen.
Sie setzte sich nie neben mich, und wenn ich es einmal schaffte, den Platz neben ihr zu ergattern, zwängte sich früher oder später ein Mann zwischen uns. Meine Mutter hatte kein Interesse mehr daran, mit mir ein Gespräch zu führen, denn sie verwandelte sich: jeder konnte sehen, dass sie keine Hausfrau und Mutter war, und schon gar keine Ehefrau. Sie funkelte, sprühte, genoss die Aufmerksamkeit, hatte plötzlich politische Positionen und stimmte allem Fortschrittlichen zu.
Ich durfte nicht stören. Ich musste diese Kneipenzeit alleine durchstehen. Manchmal konnte ich etwas Interessantes aufschnappen — wenn es um Bücher ging, um Freiheit, Revolution, die eigenen Ketten sprengen — aber meistens war es langweilig. Und gefährlich. Es gab Alkohol, so viel wie ich wollte; ich musste selbst aufpassen, nicht zu viel davon zu trinken. Ohne Alkohol konnte ich die Situation nicht ertragen, wenn ich zu viel trank, wurde mir übel.
Und es gab Männerkörper, die sich an mich drängten, Hände, die ich aufhalten musste, Küsse, denen ich auszuweichen versuchte. Es war wie mit dem Alkohol: ein bisschen war aufregend, ich genoss die Aufmerksamkeit, das Gefühl, erwachsen zu sein — und dann kippte es, allzuschnell, und wurde scheußlich, monströs, ich verlor die Kontrolle, fühlte mich hilflos.
Immer versuchte ich, den Kipppunkt vorherzusehen, rechtzeitig der Situation zu entkommen, aber es gelang nie. Aufs Klo zu gehen war noch gefährlicher, denn es war einen langen dunklen Gang vom Kneipenraum entfernt. Auf keinen Fall durfte ich die Mutter um Hilfe bitten, sie hatte deutlich gemacht, dass sie keine Störung wünschte.
Sie war selbst mit diesen Männerhänden beschäftigt, schien es aber zu genießen, oder auch gar nicht so zu bemerken. Es gehörte dazu zu einem Kneipenabend, bei dem die Zeche immer von den Männer bezahlt wurde. Sie bezahlten mit Geld; wir bezahlten aber auch, mit einer gewissen Verfügbarkeit, deren Grenzen jeden Abend neu ausgehandelt werden mussten, und mit der Bestätigung, die wir ihnen gaben. Meine Mutter konnte sich die Getränke nicht leisten, sie brauchte das Haushaltsgeld für Parfum und Benzin.
Eines Tages vertraute ich meiner Mutter an: “Mama, ich hab Angst, dass ich Alkoholikerin werde, wenn ich so weiter trinke.” Noch mehr Angst hatte ich, dass diese Aussage sie verärgern würde. Aber sie sah mich ganz freundlich an und sagte: “Dann trinkst halt nicht so viel.” “Ja”, sagte ich, und: “Danke”, obwohl ihr Rat reichlich nutzlos war. Denn was sollte ich sonst tun, an diesen Kneipenabenden? Mein Dank galt eher dem Umstand, dass sie mich nicht für meine Schwäche verachtete. Aber ich wusste auch, dass ich sie nie wieder mit diesem Problem konfrontieren würde. Und am besten auch mit keinem anderen.
Ich musste alleine klar kommen; und das konnte ich auch. Ich entwickelte Tricks, tauchte unterm Tisch weg oder trank einfach mehr, dann war alles nicht so schlimm. Auf keinen Fall durfte ich spießig wirken; ich wusste, was das zur Folge haben konnte.
Abspaltung vom eigenen Körper ist eine Voraussetzung dafür, anderen Hilfe zu verweigern. Sich selbst nicht spüren, die Ängste der Kindheit, die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein. Mit Kontrolle über Äußerlichkeiten können wir diesen Kindheitsängsten ausweichen. Niemand ist von Geburt an “kontrollig”; es ist eine Verhaltensweise, die wir entwickeln als Reaktion auf Unsicherheiten in der Kindheit. Wir suchen Halt in vorgegebenen Pfaden, in Alarmanlagen und Sicherheitsvorkehrungen. Während wir für unsere Sicherheit in erster Linie unsere Wahrnehmung bräuchten, ist uns der Zugang zu dieser oft blockiert.
Wenn unsere Eltern uns angeschrien, angeschwiegen, verprügelt oder verlassen haben, hat das starke Gefühle bei uns ausgelöst, ebenso wie die Erfahrung, mit kindlichen Grundbedürfnissen — langsam, verspielt, schüchtern, ärgerlich oder traurig sein dürfen — abgelehnt zu werden. Die Ängste, die Wut und die Traurigkeit, die wir damals verspürt haben, sind so unangenehm und so verunsichernd, dass wir vieles dafür tun, sie nicht wahrzunehmen.
Warum machen Eltern so etwas mit ihren Kindern? War meine Mutter ein Monster, eine Fehlentwicklung der Natur? Nein, im Gegenteil, sie tat ihr Bestes. Allen, die sich über diese Aussage wundern, sei gesagt, dass ich ja die Geschichte meiner Mutter nicht erzählt habe. Vieles im Leben eines Menschen kann nur im Kontext verstanden werden.
Alle Menschen lieben ihre Kinder und tun alles, um sie zu beschützen. Während die Liebe biologisch angelegt ist — sonst hätten wir als so verletzliche Spezies nicht überleben können — ist das Tun etwas, das gelernt werden muss. Das Verhalten wird in der Regel von den Eltern gelernt und bei den eigenen Kinder angewendet, auch wenn es nicht hilfreich oder sogar schädlich für uns war. Wenn sie nicht vorher reflektiert und verändert werden, werden die Muster weiter gegeben.
Als meine Mutter geboren wurde, trauerten ihre Eltern noch um den kurz davor verstorbenen Sohn, den sie nie ersetzen konnte. Sie blieb das einzige Kind. Als sie ein halbes Jahr alt war, wurde Österreich besetzt, die Nationalsozialisten marschierten ein. Für meinen Großvater, der 4 Jahre zuvor in die sozialistische Partei eingetreten war, ein bestürzendes Ereignis. Zum Kämpfen wurde er zwar zunächst für zu alt befunden, aber als Maschinschreib-Kundiger wurde er in verschiedenen militärischen Büros fern der Familie eingesetzt. Später wurde er dann doch noch eingezogen und geriet in russische Kriegsgefangenschaft.
Meine Mutter hatte die ersten sieben Jahre ihres Lebens weitgehend vaterlos erlebt. Eines Tages stand ein fremder Mann vor der Tür, sie schrie und versteckte sich, und empfand es als Verrat, als ihre Mutter ihn umarmte und an sich drückte wie das Wichtigste auf der Welt. Und das war er auch. Ihre Tochter rutschte unweigerlich auf den zweiten Platz.
In meinem Vater bekämpfte meine Mutter ihren eigenen Vater, und in der Bevorzugung meines Bruders gab sie das weiter, was sie am eigenen Leib erfahren hatte. Sie hatte sich 10 Jahre lang, bis sie 17 war, das Schlafzimmer mit ihren Eltern geteilt, denn jeder Groschen wurde für Baumaterialien ausgegeben, und jedes Wochenende wurde am Haus gebaut.
Diesen engen finanziellen Verhältnissen versuchte sie durch Heirat zu entkommen. Dass die Wahl auf meinen Vater fiel, war wahrscheinlich auch Protest; mein atheistischer Großvater war entsetzt, als sie den Sohn eines Sozialistenfreundes ablehnte und stattdessen einen sehr gläubigen Katholiken heiratete, der gerade dabei war, eine Fabrik zu gründen. Zu spät bemerkte meine Mutter, dass mehr Geld ihr nicht zu mehr Freiheit verhalf. Dass sie gar keine Kinder wollte. Dass sie in der Falle saß.
Eines Nachmittags rief mich meine Mutter, ich kam aus meinem Zimmer und schaute die Treppe hinunter: da stand sie und klimperte mit den Autoschlüsseln, sodass ich wusste, dass es wieder so weit war. Plötzlich packte mich etwas, eine Macht, mir ekelte und ich konnte mich nicht mehr rühren. Nein, dachte ich, diesmal nicht. Und dann fiel mir die rettende Ausrede ein: “Ich komme nicht mit. Ich muss noch Hausaufgaben machen.” Schon während ich es sagte, meine dünne Stimme hörte, wusste ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Einen wesentlichen Fehler.
Meine Füße setzten sich in Bewegung, ich ging die Treppe hinunter, auf meine Mutter zu, deren Blick mir die Kehle zuschnürte und mich auf einen Wunsch, ein Begehren reduzierte: es sollte aufhören. Es war derselbe verächtliche Blick, den sonst nur mein Vater abbekam. Plötzlich war ich auf der anderen Seite. Ich krümmte mich. Meine Mutter wandte sich ab: “Dann fahre ich eben alleine.” “Nein, warte! Ich komme mit!” Ich rannte das letzte Stück. Meine Mutter war schon an der Tür: “Vielleicht sollte ich dich diesmal hier lassen.” “Bitte, nimm mich mit!” Ich konnte es nicht aushalten, aus ihrer Gunst zu fallen.
Es wurde nie mehr so wie vorher. Dieser eine Moment, in dem ich mein Bedürfnis gespürt hatte, zu Hause zu bleiben, und ihr das gesagt hatte, veränderte alles. Es war deutlich geworden, dass ich etwas anderes wollte, und nur ihr zuliebe mitging. Und das durfte nicht sein. Meine Mutter konnte nicht mehr die Illusion aufrechterhalten, dass ich mit wollte. Sie konnte nicht mehr auf mich zählen.
Ich nahm mir vor, dass mir so etwas nie mehr passieren durfte. Aber ein paar Wochen später passierte es wieder, diesmal in der Kneipe. Als mir der Wirt das dritte Glas Bier hinstellte, mit der Bemerkung: “Na, du lässt dich ja heute ganz schön volllaufen”, da packte mich die Wut, ich sprang auf und ging ihm an die Kehle.
Sein überraschter Schrei, das Klirren der Gläser, die vom Tablett gerutscht waren, der Tumult, die Bierpfützen — ich war in einem Machtrausch. Ich hatte das alles gemacht. Ich hatte sie verblüfft. Die Freiheit, von der in der Clique immer alle sprachen, ich hatte sie mir genommen!
Es dauerte nur einen Moment lang. Dann boxte mich der Wirt so hart gegen die Brust, dass ich taumelte und auf der Bank aufschlug. Alle kümmerten sich um das Chaos, niemand sprach mit mir. So eine Freiheit hatten sie nie gemeint. Und ich wusste, dass ich jetzt endgültig alles verdorben hatte.
Meine Mutter saß die ganze Zeit abgewandt und unterhielt sich mit ihrem damaligen Liebling, so als ob sie das alles gar nichts angehen würde. Und dann, als jemand gewischt hatte und die Scherben eingesammelt waren und einer der Männer verkündet hatte, er werde den Schaden bezahlen, da stand sie auf, sagte: “Danke euch” in die Runde und ging.
Ich stolperte hinterher. Wir fuhren schweigend. Erst als sie den Motor abgestellt hatte, kurz vorm Aussteigen, sagte sie: “Für wen hältst du dich eigentlich.” Diese Frage verfolgte mich, als ich alleine in meinem Zimmer war.
Ich bereute es, den Wirt angegriffen zu haben. Ich verstand es auch nicht. Ich hatte meine Hände an seiner Kehle, ich wollte zudrücken; dabei hatte er ja gar nichts Schlimmes gesagt. Woher kam diese Wut? Warum war ich nicht einfach sitzen geblieben, wie sonst auch? Meine Mutter hatte doch schon so viele Sorgen.
Damals war es sehr quälend für mich, aus der Gunst meiner Mutter zu fallen. Heute bin ich froh darum, dass ich die Situation nicht länger ertragen habe. Sicher, wenn ich an ihrer Seite geblieben wäre, hätte ich ihre Verachtung nicht spüren müssen, wäre nicht selbst zur Außenseiterin in der Familie geworden, sie hätte mir nicht das Erbe entzogen. Aber für diese Gunst hätte ich lebenslang schweigen müssen. Meine Wut nicht spüren dürfen, meinen Ekel nicht, und auch nicht meine Ohnmacht.
Als ich einer Freundin etwas von der Geschichte meiner Mutter erzählte, fragte sie mich anschließend: “Und, verstehst du deine Mutter jetzt besser, oder willst du immer noch keinen Kontakt mit ihr?” Die Frage verblüffte mich; dann ärgerte sie mich. Ich schüttelte den Kopf, konnte aber nichts dazu sagen, fühlte mich in die Enge gedrängt und brauchte eine Weile, um meine Gedanken zu sortieren.
Das Verhalten meiner Mutter als Folge ihrer Lebensereignisse zu sehen, half mir, die Wunden, die sie mir zugefügt hatte, zu behandeln und heilen zu lassen. Zu erkennen, dass ihr Verhalten nicht gegen mich gerichtet war, sondern mit ihrer Geschichte zu tun hatte, war eine Erleichterung für mich.
Ich verspürte aber deshalb kein Bedürfnis danach, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Zum einen war der Kontaktabbruch von ihr ausgegangen. Sie hatte unser letztes Telefonat abgebrochen und danach nie mehr nach Kontakt gesucht. Zum anderen war Verständnis für meine Mutter etwas, das meine ganze Kindheit bestimmt hatte. Wenn ich Kontakt zu ihr aufgenommen hätte, dann, um aus dieser Rolle auszusteigen und Verständnis für meine damalige Situation zu verlangen. Ich hätte also Veränderung von ihr gefordert; und damit war ich schon vor dem Kontaktabbruch mehrmals gescheitert.
Bei diesen früheren Versuchen wies meine Mutter mich ab. In meiner Kindheit wäre doch alles okay gewesen. Wie beim offiziellen Narrativ von Israel bestand meine Mutter darauf, das einzige Opfer zu sein. Sie wollte keine Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen, und vor allem wollte sie mich und meine Bedürfnisse weiterhin ignorieren. Ich hatte in ihren Augen kein Recht auf diese Bedürfnisse.
Sie akzeptierte mich nur, wenn ich mich, wie früher, verleugnete. Ich hingegen war froh, endlich wahrnehmen zu können, wie es mir wirklich gegangen war, und wollte diesen Schatz nicht wieder hergeben. Deshalb litt ich zwar einerseits darunter, keinen Kontakt zu meiner Mutter zu haben, war aber andererseits sehr froh darüber, nicht mehr ihr Opfer zu sein.
Alle Eltern lieben ihre Kinder. Alle. Nur haben sie oft selbst nicht gelernt, diese Liebe auszudrücken, umzusetzen. Auch wenn sie nicht schuld daran sind, so sind sie doch verantwortlich für das, was sie in ihren Kindern angerichtet haben. Sie sind verantwortlich dafür, dem Aufmerksamkeit zu widmen, und sie müssen mit den Konsequenzen leben. Bevor es Versöhnung gibt, braucht es Raum für das, was jemandem angetan wurde.
Im Februar 24 sagte eine Freundin zu einem Text von mir, er würde ihr sehr gut gefallen, aber da ich über Antisemitismus schrieb, müsste unbedingt auch der 7.Oktober vorkommen. Es war ein Text über die politische Situation in Deutschland; in einem Absatz schrieb ich auch über deutschen Antisemitismus, der weitgehend ungehindert droht und tötet, während die Schuld nur bei den Fremden gesucht wird. Ich antwortete, dass ich zum 7.Oktober einen ganz eigenen Text schreiben müsste.
Meine Freundin bestand darauf, dass es in diesem Text sein müsse. Sie reagierte mit einer Heftigkeit, die ich sonst nicht von ihr kannte. Ich fühlte mich in die Enge gedrängt, und gab schließlich nach. Auf den neuen Text reagierte sie empört: “Nur drei Zeilen über so ein grausames Massaker! Da musst du schon mehr zu schreiben.” Der ganze Absatz hatte ursprünglich noch nicht einmal 10 Zeilen gehabt; ihr Vorwurf erschien absurd.
Was passierte da eigentlich? Wie immer gab es eine Vorgeschichte. Wir hatten bis dahin nicht über den 7. Oktober gesprochen. Kein Wort dazu, und auch nicht zu dem, was danach in Gaza passierte. Wir sprachen nicht immer über alle politischen Ereignisse, tauschten uns aber immer wieder einmal darüber aus. Diesmal hatte ich das Sprechen bewusst vermieden. Ich hatte Angst, dass wir verschiedener Meinung sein würden. Genauer gesagt, hatte ich Angst davor, dass wir uns bei einem Gespräch auf gegenüberliegenden Seiten eines Abgrunds wiederfinden würden. Leider lag ich mit meiner Befürchtung nicht falsch.
Damals gab es schon 20.000 getötete Palästinenser*innen, die Genozid Absichten waren von mehreren israelischen Politiker*innen proklamiert worden; trotzdem blieb der 7. Oktober für viele Linke der wichtigste Referenzpunkt. Die israelischen Massaker wurden von ihnen als legitime Reaktion erachtet, und außerdem auch nicht als Massaker bezeichnet, sondern als Militäroperation, was irgendwie sauberer klang und präziser, auch wenn es genauso blutig war und wahllos Zivilbevölkerung traf.
Nach einigen Diskussionen beließ ich den Text in seiner ursprünglichen Form, fügte aber “standing together” ein, als Haltung und mit einem Hinweis auf die israelische Gruppe “Standing Together”, einer Bewegung von jüdischen und palästinensischen Aktivist*innen gemeinsam für Frieden, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit, die die sofortige Freilassung der israelischen Geiseln forderte, sowie die Versorgung der Bevölkerung in Gaza und einen Stopp der Bombardierungen.
Große Unzufriedenheit bei meiner Freundin. Ich denke im Nachhinein, dass es vielleicht auch die zweite Hälfte des Absatzes war, die ihr zu schaffen machte: “Die deutschen Verbrechen von vor 80 Jahren hindern uns seltsamerweise daran, uns heutzutage für Frieden und Menschenrechte auszusprechen. Und die wichtigste Lehre, die viele Deutsche aus der Geschichte ziehen, ist: Wir waren damals einmalig im Vernichten, niemand darf sich mit uns vergleichen.” Diese Sätze machte sie aber nicht zum Thema.
In unseren Auseinandersetzungen über die Situation in Israel Palästina, hauptsächlich über Sprachnachrichten geführt, konnten wir uns auf nichts wirklich einigen. Wir gerieten immer wieder aneinander. Ich traute mich nicht mehr, ihre Nachrichten abends abzuhören, weil sie mich so mitnahmen und Schlafstörungen bei mir auslösten. Ihr ging es ähnlich, weshalb wir versuchten, vom Thema weg zu kommen, was uns auch immer wieder für Wochen oder Monate gelang.
Im Zuge dieser Auseinandersetzungen begann ich zu lesen, mich immer besser zu informieren und schließlich für Palästina zu engagieren. Denn ich war bestürzt darüber, zu erfahren, was alles unter meinem Radar geblieben war. Die anhaltenden Ungerechtigkeiten, Demütigungen, Einschränkungen in allen Lebensbereichen, die zahlreichen Vertreibungen, Übergriffe und Massaker, die Palästinenser*innen seit 1948 erdulden mussten und erduldet hatten — warum war das nicht mehr Thema gewesen, in den linken Kreisen, in denen ich mich bewegt hatte? Und warum hatte ich so wenig davon wahrgenommen?
Vor allem wurde und wird Palästinenser*innen nicht nur die Rückkehr verwehrt, sondern auch das Ankommen in einem anderen Land, weil sie anders als alle anderen Menschen in ihrer Situation keinen Flüchtlingsstatus anerkannt bekommen. Und anders als andere unterdrückte Völker, die sich wenigstens der Unterstützung von Linken sicher sein können, gibt es bei Palästinenser*innen das große Hindernis, dass die Anerkennung ihrer Unterdrückung bedeuten würde, Israel nicht nur zu kritisieren, sondern auch Forderungen zu stellen. Und gegen Israel zu demonstrieren ist für viele Linke im wahrsten Sinne des Wortes ein No-go.
Auch ich habe es nicht getan, habe immer wieder weg geguckt, und habe damit unbewusst vermieden, Freund*innen zu verlieren und mich einem sehr frustrierenden Kampf anzuschließen. Wie einsam müssen sich Palästinenser*innen fühlen!
Mein Vater war Ausländer. Ein Migrant zweiter Generation, der nie Österreicher werden wollte, weshalb auch meine Mutter und wir Kinder die italienische Staatsbürgerschaft bekamen. Ein weiterer Schlag gegen meinen Großvater, der zwar mit einem italienischen Freund im Sprach Austausch fließend italienisch gelernt hatte und Italien liebte, der aber auch sehr stolz auf das sozialistische Österreich war, und meinen Vater zur Annahme der österreichischen Staatsangehörigkeit überreden wollte.
Warum, das weiß ich nicht. Über bestimmte Dinge redete er nicht. In der Familie nicht, und vielleicht auch mit sonst niemandem. Er hatte keine Freunde. Zumindest weiß ich von keinen. Seine Eltern starben früh, seine Schwester auch, der Schwager zog mit den Kindern weg, es gab keinen Kontakt mehr zu ihnen.
Ich vermute, aufgrund von Berichten von anderen Italiener*innen zu dieser Zeit, dass mein Vater Rassismus erfahren hat. Im Dorf waren wir die einzigen Italiener*innen; mir war es allerdings nicht anzusehen. Wenn über andere Ausländer*innen, aus Jugoslawien oder Ungarn, verächtlich gesprochen wurde, fühlte ich mich unwohl und vage mitgemeint, die Aussagen richteten sich jedoch nicht direkt gegen mich. Und vielleicht hatte es mit meiner Herkunft zu tun, dass niemand mit mir befreundet sein wollte? Ich fühlte mich jedenfalls fremd im Dorf, aber ob ich von anderen auch als Fremde wahrgenommen wurde, weiß ich nicht.
Die, die uns diskriminieren, haben die Möglichkeit, uns das nicht direkt zu sagen, es uns aber spüren zu lassen. Und wir werden nie wissen, woran es liegt, dass wir nicht mit der gleichen Leichtigkeit Kontakte haben können wie andere. Das belässt uns in einem Zustand der permanenten Unsicherheit, und oft vermuten wir, dass es unsere Schuld ist, dass auf uns anders reagiert wird als auf andere Menschen.
Ein Bekannter kritisiert meine Palästina Solidarität. Ich solle mich da nicht so reinhängen, weil der Konflikt nichts besonderes wäre. Als ich ihn auf einige Besonderheiten hinweise, zum Beispiel dass in Gaza sämtliche Krankenhäuser gezielt bombardiert und zum größten Teil auch verwüstet worden sind, antwortet er mit dem irritierenden Argument: “Im Sudan gibt es gar keine Krankenhäuser!”
Der geforderte Boykott von israelischen Künstler*innen erinnert ihn an Bücherverbrennungen. Als ich ihn auf die tatsächlichen Bücherverbrennungen und Kunst-Auslöschungen von der israelischen Armee durch gezielten Beschuss von Bibliotheken, Universitäten, Schulen und Kunsträumen aufmerksam mache, schreibt er stattdessen, am 7. Oktober hätte die Hamas antifreiheitliche Gewalt ausgeübt, gegen das Festival.
Dem konnte ich zustimmen, wies ihn aber auch auf die antifreiheitliche Gewalt in sehr viel größerem Ausmaß hin, die Israel seit Jahrzehnten mit der Besatzung ausübt. Der Bekannte ist gut informiert. Er weiß das. Es spielt aber keine Rolle für ihn. Der 7. Oktober hat in seinen Augen, so scheint es, alle anderen Ungerechtigkeiten getilgt.
In seinen langen Mails schreibt er viel vom Leid der jüdischen community; er befragt mich zum 7. Oktober, zum Holocaust, zur Verfolgung von jüdischen Menschen. Weil er mit meinen Antworten zufrieden ist, stellt er erleichtert fest, dass wir ja doch zu großen Teilen in unseren Meinungen übereinstimmen würden. “Beim jüdischen Leid stimmen wir überein”, schreibe ich ihm, “aber das palästinensische Leid kommt bei dir gar nicht vor.” Das war ihm noch nicht aufgefallen; er widerspricht auch, er wäre ausgeglichen: “Sowohl als auch!”
Mit dieser scheinbar neutralen Haltung, die sich ins allgemeine Narrativ einschmiegt, werden in einer ungleichen Situation die Stärkeren unterstützt, und die Schwächeren im wahrsten Sinne des Wortes im Regen stehen gelassen. Und sie löst eine Blockade aus: “Verhalte dich nicht!” wird zum moralischen Grundsatz.
Selbst in einer Situation, in der Israel an der Auslöschung der palästinensischen Bevölkerung arbeitet, schaffen es ansonsten aktive und integere Menschen nicht, gegen Waffenlieferungen an Israel zu protestieren und die deutsche Unterstützung in Frage zu stellen. Wenn wohlgenährte, hochgerüstete Menschen regelmäßig Hungernde erschießen, Hilfslieferungen blockieren, Häuser zerstören, Landgrabbing praktizieren, finden das viele zwar schrecklich und bedauerlich, aber es gibt tausenderlei Rechtfertigungen dafür. Die beliebteste: die Verbrechen, die Israel begeht, sind gar keine. Es sind Maßnahmen, die notwendig sind, um sich selbst vor Verbrechen zu schützen.
“Fahr doch nach Gaza!”, rief mir jemand bei der Mahnwache zu, “da wirst du gleich von der Hamas erschossen!” Wenn ich das auch nicht ausschließen würde, so wäre es doch viel wahrscheinlicher, dass ich von der israelischen Armee erschossen werden würde, wie das internationalen Helfer*innen schon passiert ist. Obwohl bekannt ist, dass die Teilnehmer*innen der Sumud Flotilla — Menschen auf Booten mit Nahrungsmitteln und Medikamenten an Bord — vom IDF (Israeli Defence Force) gefangen genommen und gefoltert wurden, wird immer noch die Hamas als viel gefährlicher angesehen.
Diese Verdrehungen und Umdeutungen, die Täter*innen-Opfer-Umkehr ist nichts Neues, ist fester Bestandteil von Politik und fake news. Neu und in der Bandbreite auch einzigartig ist, dass sich ein Großteil der Linken auf die Seite der Mächtigen stellt. So viele intelligente und kritisch denkende Menschen, die aber nicht in der Lage sind, sich entschieden gegen Antisemitismus zu stellen und gleichzeitig für Menschenrechte für Palästinenser*innen einzutreten und gegen den auch 2026 noch andauernden Genozid.
Eine Freundin schrieb mir: “Warum lässt du nicht mal locker bei dem Thema?” Bis dahin war politisches Engagement immer etwas Positives für sie gewesen. Als ich beispielsweise eine Aktion gestartet hatte, die auf das bewusste Ertrinken-Lassen von tausenden Menschen im Mittelmeer aufmerksam machen sollte, hat sie selbstverständlich mitgemacht, und wir haben bei unseren Treffen immer wieder mal darüber geredet. Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, zu sagen: ““Lass doch mal locker bei dem Thema”. Das wäre ihr sicher absurd vorgekommen.
Bei unserem Treffen nach 25 Jahren Kontaktlosigkeit sagte mein Bruder zu mir: “Sicher war nicht alles perfekt in unserer Kindheit. Aber wir hatten es doch meistens gut. Wir sind noch nicht einmal geschlagen worden.” Und dann erzählte er mir von einem Mitschüler, der auf seinen Armen und Beinen die Brandspuren von einem Bügeleisen trug. Dieses brutale Bild sollte mich davon abhalten, mich über meine Kindheit zu beschweren. Das war, nachdem ich ihm geschrieben hatte, dass ich sexualisierter Gewalt ausgesetzt war. Ich fühlte mich niedergebügelt.
Er sagte auch: “Die Mama hatte es doch auch schwer.” Zweifelsohne. Aber berechtigt sie das, mich schlecht zu behandeln? Und dann so zu tun, als wäre nichts gewesen? Dieser Argumentation zufolge hätte ich dann wieder aufgrund meiner schwierigen Kindheit meine Kinder schlecht behandeln können, ohne Verantwortung dafür zu übernehmen und so weiter. Keine Generation dürfte Ansprüche auf eigene Verletztheit anmelden und Gespräche darüber einfordern, sondern hätte nur die Möglichkeit, die Gewalt weiterzugeben, an die eigenen Kinder oder andere Menschen, die sich das gefallen lassen. Was für eine frustrierende Aussicht!
Dieses fatale Weitergeben statt Aufarbeiten erinnert sehr an die aktuelle Situation in Deutschland. Bei vielen scheint das Fazit der Holocaust Aufarbeitung nicht zu sein: Das darf nie wieder passieren! Sondern: Das darf den jüdischen Menschen nie wieder passieren! Und: Da das jüdische Volk einen Genozid erlebt hat, darf es jetzt auch einen durchführen.
Warum kommen die Deutschen immer zu spät, wenn es darum geht, einen Völkermord zu verhindern? So viele hätten liebend gerne den Holocaust gestoppt, waren aber damals noch nicht geboren oder zu klein dafür. Jetzt gäbe es wieder die Gelegenheit, Deutschland von der Unterstützung eines Völkermords abzuhalten, aber viele verpassen diese Gelegenheit. Freilich ist es unbequem, sich gegen das vorherrschende Narrativ zu stellen, und es besteht nur eine geringe Chance, irgendwann als Held*in gesehen zu werden. Deshalb wird lieber über den Holocaust geredet, wo im Nachhinein die Gut-Böse-Zuordnung eindeutig ist.
Einige Zeit nach dem Vorfall in der Kneipe zog meine Mutter ins Erdgeschoss; in die Wohnung, in der meine Großeltern väterlicherseits früher gewohnt hatten. Sie war einfach weg; nichts mehr zum Beschützen, keine Liebe mehr zu erringen. Ich war erleichtert, nicht mehr in die Kneipe zu müssen, aber ich vermisste diese Abende auch. Sogar die Männer, die schließlich unsere Freunde waren, unsere Clique, wie meine Mutter sie nannte, vermisste ich. Ich fühlte mich gedemütigt, und wusste nicht, warum. Hunger nagte an mir, ich war niedergeschlagen, als hätte ich eine Schlacht verloren. Ich verstand nicht, was in mir vorging. Ich war eine seltsame Person, inkonsequent und wankelmütig.
Erst viel später habe ich begriffen, dass Liebe, wenn man sie erringen muss, keine Liebe ist, sondern Belohnung für Wohlverhalten. Für Gehorchen. Das tun, was die andere Person möchte.
Ich bekam meine Mutter tagelang nicht zu Gesicht. Sie kochte, während wir in der Schule waren, und das warm gehaltene Essen, das ich im Herd fand, war das einzige Lebenszeichen von ihr. Wenn ich bei ihr klingelte, streckte sie den Kopf zur Tür raus: “Was gibt’s?” Ich musste mir einen Grund ausdenken, um sie zu besuchen, und weil mir da nicht so viel einfiel, tat ich es selten.
Gut 40 Jahre später, sagte mein 3 Jahre jüngerer Bruder zu mir: “Die Mama war immer für mich da.” Sofort war ich eifersüchtig. Hatte er heimlich Kontakt zu ihr gehabt? Aber er hatte doch die Nachmittage, genau wie ich, alleine in seinem Zimmer verbracht! Hatte er alles vergessen? Er war 12 Jahre alt gewesen, als unsere Mutter ins Erdgeschoss zog, da musste er sich doch daran erinnern können! “Du meinst, nachdem wir ins neue Haus gezogen waren?”, fragte ich ihn. Ein warnender Blick traf mich. “Immer”, sagte er. Die Wut in seinen Augen.
Ich erkannte mich in ihm wieder. Er war der Beschützer unserer Mutter, hatte ihre Liebe errungen und würde sie verteidigen: gegen mich und gegen sein jüngeres Selbst, das neben mir stand, als wir bei unserer Mutter klingelten und nicht rein gelassen wurden.
Meine Eifersucht war verschwunden. Er wusste, dass sie nicht für ihn da gewesen war. Aber Wahrheit braucht Resonanz. Wenn jemand keinen Kontakt zur Mutter hat, reagieren viele mit Unverständnis. Eine Mutter durfte kritisiert werden, es durfte über sie gestöhnt werden, wie anstrengend sie war, aber lebenslang mussten wir uns um ihre Liebe bemühen. Vor allem durften wir nicht wütend auf sie sein. Sie war verletztend, übergriffig oder gemein, aber wir mussten Verständnis für sie haben. Sie war ja schon so alt.
Es gab diese Versöhnungsideen. Verzeihe deiner Mutter und alles wird gut. Meine Mutter hat nie um Verzeihung gebeten.
25 Jahre zuvor erzählte ich meinem Bruder, dass und wie meine Mutter das Telefongespräch abgebrochen hatte. Damals wusste ich noch nicht, dass es das letzte Gespräch mit ihr sein würde. Mein Bruder meinte nur, er wüsste auch nicht, warum wir uns immer so streiten würden. Er könnte beide Seiten verstehen, sowohl als auch! Aber er wüsste nicht, was er dazu sagen sollte.
Ein paar Wochen später rief er mich an und erzählte mir, dass meine Mutter das Haus der Großeltern verkaufen wollte; er würde aber gerne darin wohnen, um es zu erhalten. Ich stimmte ihm zu. Ich habe ihm gesagt, dass ich das schön fände, wenn er dort wohnt, und dass ich dann ja auch mal da sein könnte. “Ja klar”, sagte er.
Zu diesem Zeitpunkt hatte meine Mutter ihm das Haus schon geschenkt. Das erfuhr ich erst nach dem Tod meiner Mutter, als ich Einsicht in die Dokumente bekam. Mein Bruder brauchte meine Zustimmung nicht, aber sicher hat er sich besser damit gefühlt. Als er sich im Haus einrichtete, konnte er sich berechtigt fühlen. Vielleicht hat er gedacht, nach dem Streit mit meiner Mutter würde ich sowieso nicht mehr kommen. Oder er hat gar nicht darüber nachgedacht, wie es unsere Beziehung verändern würde, wenn er dieses Geschenk annahm.
Ein paar Monate nach dem letzten Telefonat mit meiner Mutter schickte ich meinem Bruder eine Karte aus dem Urlaub, fragte nach seinem Leben. Er schrieb zurück, dass seine Freundin schwanger war. Ich habe mich gefreut. Ich würde eine Nichte haben! Da wusste ich noch nicht, dass diese Bezeichnung sehr passend war, weil ich sie mitnichten kennenlernen würde. Ich weiß ihren Vornamen und ihr Geburtsdatum, mehr nicht. Noch nicht einmal ein Foto habe ich von ihr gesehen.
Ich schrieb den beiden, dass ich gerne nach der Geburt für ein paar Tage zu Besuch kommen würde, um mich irgendwie nützlich zu machen. Ich hatte wenig Ahnung von Kindern und Geburten; und diese Nicht-Nichte ist auch die einzige geblieben. Aber ich wusste, dass Unterstützung notwendig war.
Die Freundin meines Bruders antwortete mir, mit einem langen Brief, der freundlich begann, und in seinem Verlauf zu einer gründlichen Absage wurde. Auf den 6 Seiten beschrieb sie detailliert, mit welchen Gegenständen die einzelnen Zimmer im Haus meiner Großeltern belegt waren, um am Ende festzustellen, dass es leider keinen Platz für mich gab.
Ich war gekränkt, und außerdem irritiert darüber, dass mein Bruder nicht selbst schrieb. Deswegen wandte ich mich direkt an ihn. In seiner Antwort freute er sich nicht über mein Interesse, sondern warf mit vor, dass ich nur kommen wollte, um das Baby zu knuddeln. “So viele Leute kommen auf einmal”, schrieb er. “Sogar entfernte Bekannte wollen das Baby knuddeln. Das Kind braucht aber Ruhe! Und ich muss es beschützen.”
Ich war geschockt, wütend, enttäuscht. Warum durften entfernte Bekannte kommen, ich aber nicht? Meinen letzten Brief beantwortete er nicht mehr. Nach dieser Auseinandersetzung über meinen Besuch hatten wir keinen Kontakt mehr, 25 Jahre lang.
Wir waren oft zusammen bei den Großeltern gewesen, mein Bruder und ich. Jede Ferien verbrachten wir mehrere Wochen dort. Wir hatten im selben Zimmer geschlafen, im Garten miteinander gespielt, und bei Regen in der Küche. Wie hatte es sich angefühlt, in dieses Haus einzuziehen, das voller Erinnerungen an mich war? Oder erinnerte er sich nicht daran? Oder ganz anders als ich?
Wir erzählen uns unser Leben immer wieder neu. Es muss zu unserer aktuellen Realität passend gemacht werden. Eine Person, die wir sehr mochten, mit der wir uns aber entzweit haben, wird in unserer Erinnerung auf einmal unsympathisch; ihre Fehler und Mängel ragen aus der trennenden Wand wie Haken, und wir können unser Missfallen daran aufhängen. ‘Wenn ich es recht bedenke’, sagen wir vielleicht, ‘war sie schon immer ein bisschen seltsam.’ In Wirklichkeit sind alle Menschen seltsam und fehlerhaft, und nur unsere Aufmerksamkeit ändert sich; wir richten sie auf das, was uns gefällt oder auf das, womit wir Schwierigkeiten haben.
“Warum auf einmal Palästina?”, fragte mich eine Freundin. Was im Gazastreifen und im Westjordanland passierte, und vor allem wie darüber berichtet wurde, schon Monate vor dem 7. Oktober, hatte meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt. Das Schema war immer das gleiche: Palästinenser*innen wurden als Aggressoren benannt und waren am Ende tot; die israelische Armee musste sich verteidigen und war immer siegreich.
Bei genauerem Hinsehen waren die Palästinenser*innen unbewaffnet, und die Bedrohung, die von ihnen ausging, unklar, vor allem, wenn es sich um Kinder handelte. Die Berichterstattung war aber eindeutig pro-israelisch, und zwar in allen deutschen Medien. Meine unguten Gefühle angesichts dieser Artikel und meine Einschätzung der Situation teilte ich nicht mit meinen Freundinnen. Deshalb war mein Engagement eine Überraschung für sie.
Ich hatte Angst, über das zu reden, was ich wahrnahm. Weil ich für meine Wahrnehmung kein Echo fand, keine Bestätigung. Weil es in fast allen Nachrichten so klang, als sei das Sterben von Palästinenser*innen eine notwendige Kleinigkeit angesichts des hehren Ziels eines geschützten Israels. Und als müssten wir das Entsetzen über dieses Sterben, sofern es überhaupt aufkam, aushalten und wegstecken, dorthin, wohin wir unsere eigenen Schmerzen ja auch zu stecken pflegten.
Die Antwort auf die Frage “Warum auf einmal Palästina?” war: “Weil die Palästinenser*innen entrechtet, entmenschlicht und im Stich gelassen werden. Weil die israelische Regierung ganz offen verkündet, die Palästinenser*innen vernichten zu wollen, und das dann auch in die Tat umsetzt, und es in Deutschland keine nennenswerte Empörung darüber gibt, in der Regierung nicht, in den Parteien und Zeitungen nicht, und bei den Linken auch nicht.”
Es ist nur eine kleine Gruppe von Menschen, die so reagiert, wie das meinem Empfinden nach passieren sollte, bei einem Völkermord, der von der deutschen Regierung unterstützt und ermöglicht wird. Im Prinzip war die Antwort also: “Es gibt zwar vieles, für das ich mich einsetzen möchte. Ich gehe für Palästina auf die Straße, weil so viele es nicht tun.” Und gut möglich, dass meine Freundin aus meiner Antwort heraus gehört hat: “Ich gehe für Palästina auf die Straße, weil du es nicht tust.”
Als ich mit anderen zusammen im Park Bilder aufhängte, von Kindern, die in Gaza getötet wurden, und meiner Freundin Fotos davon schickte, fand sie das eine berührende Aktion. Hoffnungsvoll schickte ich ihr eine Einladung zur Namenslesung von in Gaza Getöteten; sie reagierte nicht darauf. Und damit war sie nicht allein: Keine einzige Bremer Zeitung schrieb über die Aktion, obwohl wir 48 Stunden lang auf dem Marktplatz präsent waren. Waren 20 Bilder noch okay, die Namen von 20.000 getöteten Kindern, stundenlang vorgelesen, aber zuviel der Anklage?
Die Bombenangriffe von Israel — von Anfang an gegen Zivilbevölkerung gerichtet — und das Töten von 10.000en Menschen rechtfertigte meine Freundin mit den Worten: “Die Hamas muss weg”. Und auf die Nakba angesprochen, die Vertreibung von 750.000 Palästinenser*innen im Zuge der Gründung Israels, meinte sie: “Naja, bei jeder Staatsgründung gibt es wahrscheinlich Vertreibungen.” Wie kommt eine ansonsten sehr empathische Person dazu, solche Sätze zu sagen?
Viele Gruppen, die gegen Besatzung kämpften, von Vietcong bis Roter Armee, sind kritikwürdig, und ich stimme mit ihren Werten nicht überein; aber unbestritten bleibt ihr Recht zum Widerstand gegen Besatzung. Es ist auch wichtig, die lange frustrierende Geschichte des gewaltfreien Widerstands von Palästinenser*innen zu kennen. So viele, die diesen Weg gegangen sind, wurden gezielt verletzt oder getötet; und erreicht wurde dadurch: Nichts. Ich kann keinen guten Weg erkennen, den Palästinenser*innen gehen hätten können, aber nicht gegangen sind. Ihnen fehlte immer die entsprechende Unterstützung, auch und gerade von deutschen Linken.
Was mich überrascht und verstört hat, und schließlich verzweifeln ließ: dass das Reden darüber so schwierig war mit meiner Freundin, mit der ich doch schon so oft über so vieles, Politisches und Persönliches, gesprochen hatte. Warum hatten all diese Gespräche uns nicht befähigt, über Israel-Palästina zu sprechen? Wahrscheinlich weil es Überzeugungen aus der Vergangenheit gab, die wirkmächtig waren. Auf ihrer Seite Solidarität mit Israel, auf meiner Seite Sympathie für palästinensischen Widerstand.
Wir haben nicht bewusst darüber geschwiegen. Ein gewisses Interesse meiner Freundin an Israel war mir bekannt, aber sie hat wenig darüber gesprochen. Und ich wiederum wusste vieles von der Geschichte nicht, was ich jetzt weiß. Deshalb konnte ich vieles übersehen. Bis ich es nicht mehr konnte.
Schweigen und Vermeidung funktioniert immer nur bis zu einem gewissen Punkt. Mit meinem erwachsenen Bruder und seiner Freundin waren nette Nachmittage in ihrer Einzimmer-Wohnung möglich gewesen. Warum hatte ich geschrieben, dass ich für ein paar Tage kommen wollte? Wahrscheinlich hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass das Haus der Großeltern auch ein bisschen mir gehörte. Und sowohl mein Bruder als auch seine Freundin wollten das unterbinden.
Das letzte Mal hatte ich in dem Haus übernachtet, als meine Großmutter gestürzt war. Ich kam für eine Woche zu ihr, versorgte sie und organisierte Pflege und Essen auf Rädern für die Zeit nach meiner Abfahrt. Mein Bruder kam jeden Tag nach der Arbeit vorbei, er aß mit uns, installierte einen Öltank, damit meine Großmutter nicht mehr zum Öl holen in den Keller musste, und wir fuhren zusammen einkaufen. Es war sehr nett zu dritt. Dieses Gefühl ist mir geblieben.
Über den Zustand des Hauses war ich entsetzt. Es war sehr schmutzig, das Badezimmer verschimmelt, die Kleidung meiner Großmutter hatte Flecken und Löcher, sie hatte nichts Neues. Als meine Mutter am Samstag kam, um wie jeden Samstag mit ihrer Mutter essen zu gehen, sprach ich sie darauf an. Sie reagierte mit starker Abwehr, sagte, die Reinigungsfrau wäre im Urlaub und es gäbe nicht genug Geld für alles. Ich wusste, dass es Ersparnisse gab — beim Tod meiner Mutter, 25 Jahre später, waren noch 33.000 Euro davon übrig — und meine Großmutter außerdem eine gute Rente bekam. “Wo geht denn das ganze Geld hin?”, fragte ich.
“Du hast keine Ahnung, wie viele Rechnungen es gibt! Und was ich für eine Arbeit damit habe!” Es stellte sich heraus, dass meine Mutter jeden Monat die Rente abhob, einen Teil ihrer Mutter gab und dann die Rechnungen in bar einzahlte. Da sie für ihre eigenen Rechnungen Einzugsermächtigungen hatte, fragte ich sie, warum sie das denn so kompliziert machen würde? “Was unterstellst du mir!”, schrie sie mich an, “ich habe für alles Nachweise!” Sie holte eine Tasche und schüttete den Inhalt auf den Tisch: hunderte Einzahlungsbelege.
Mein Bruder war bei dieser Szene dabei, es war ihm sehr unangenehm. Als meine Mutter abgefahren war, sagte er: “Du darfst ihr nicht so zusetzen, sie hat sehr viele Sorgen.” Meine Großmutter schaute unglücklich drein, sie sagte leise: “Ich brauch ja keine neuen Sachen.”
Diese Szene fiel mir erst später wieder ein; sie war mir nicht präsent, als ich geschrieben hatte: “Ich komme und unterstütze euch!” Ich hatte nur die netten Nachmittage bei meiner Großmutter im Kopf, und ein gutes Gefühl zu meinem Bruder und seiner Freundin. Und erst Jahre später habe ich verstanden, dass mein Besuch gegen zu viele Grenzen verstoßen hätte. Nicht nur wegen der Untiefen unserer Vergangenheit und weil wir so ein Zusammenleben gar nicht mehr gewöhnt waren, sondern auch, weil ein Raum, den wir vorher gleichwertig bewohnt hatten, in den Besitz meines Bruders übergegangen war.
Das Hausgeschenk schweißte meinen Bruder und meine Mutter zusammen und schloss meine Schwester und mich aus. Es erinnerte mich an ein anderes Geschenk. Als ich 13 wurde, bekam ich zum Geburtstag einen Hund. Ich war überglücklich und meiner Mutter so dankbar. Mein Vater wurde von diesem Geschenk überrascht; er hatte Angst vor Hunden, weil er sie als Bazillenträger sah. Ich nahm es ihm übel, dass er meinen Hund nicht mochte und mich ständig zum Händewaschen ermahnte; es war ein weiterer seltsamer Tick meines Vaters, der den Abstand zwischen uns vergrößerte.
Als Kinder hatten mein Bruder und ich immer zusammen gehalten. Weil wir “die Kleinen” waren, spielte ich ab einem gewissen Alter mehr mit ihm als mit meiner Schwester. Unser Verhältnis wurde brüchig, als ich anfing, mit meiner Mutter auszugehen. Erst Jahre nach unserem Kontaktabbruch dachte ich darüber nach, wie er sich wohl dabei gefühlt haben mochte, wenn ich mit meiner Mutter wegfuhr und er zurückblieb.
War er enttäuscht darüber, dass er nicht mit durfte? Oder erleichtert? Fühlte er sich alleine gelassen? Wie war sein Abend mit unserem Vater, den er ansonsten mit Geringschätzung behandelte, so wie wir es von unserer Mutter gelernt hatten? Redeten sie über uns? Und wie war das für ihn, wenn sich dann plötzlich die Haustür öffnete und wir betrunken herein platzten, den Fernsehfilm unterbrachen, Schreierei auslösten? Wie ging es ihm, während mein Vater und ich aufeinander los gingen? Was dachte er sich dabei, über meine Mutter, meinen Vater, über mich?
Wir hatten nie darüber gesprochen. Ich hatte nie seine Perspektive eingenommen, war viel zu beschäftigt mit meinem Überleben gewesen. Und als ich darüber nachdachte, war es zu spät. Meinen letzten Brief hatte mein Bruder nicht mehr beantwortet.
Ich weiß nicht, ob meinem Bruder bewusst war, dass die Entscheidung, das Hausgeschenk anzunehmen, eine Entscheidung gegen meine Schwester und mich war. Mir wurden diese Zusammenhänge erst Jahre später klar. Und seine Entscheidung war vielleicht schon lange vorher gefallen.
Nach dem Tod meines Vaters stellte meine Mutter fest, dass er hoch verschuldet gewesen war. Unser Haus war mit Hypotheken belastet. Meine Großeltern sprangen ein, und kauften meiner Mutter ein Haus. Damals war sie schon seit drei Jahren mit Wolfgang zusammen. Er war mir der unangenehmste aus der Clique. Beim Umzug war Wolfgang stockbesoffen und nicht fähig, auch nur einen Finger zu rühren. Meine Mutter verscheuchte ihn mit einem Kübel kalten Wassers, und verkündete, dass er keinen Fuß in das neue Haus setzen werde.
Die Hoffnung, die mir das gab! Ich verbrachte jeden Abend mit meiner Mutter und dachte, es könnte doch noch alles gut werden. Es dauerte drei Wochen lang. Dann zog Wolfgang ein und ich galt nichts mehr. Eine Reinszenierung dessen, was meine Mutter als Kind erlebt hatte. Und eine Situation, die für mich lebensbedrohlich wurde. Ich fürchtete mich nicht so sehr vor den Schlägen, die mir Wolfgang manchmal angedrohte. Mich zerstörte, dass ich nun Außenseiterin war.
Weil ich Wolfgang nicht als neuen Hausvorstand anerkennen wollte, sprach meine Mutter nur mehr das Notwendigste mit mir. Mein Bruder schloss sich ihr an. Die drei bildeten eine Einheit, aßen und lachten ohne mich, und niemand schien mich zu vermissen.
Eine Woche lang verließ ich mein Bett kaum. Erst schaffte ich es einen ganzen Tag lang nicht, aufzustehen, und dann, als sich niemand bei mir meldete, traute ich mich nur noch nachts aus dem Zimmer. Die Gleichgültigkeit, mit der mein Rückzug behandelt wurde, ließ mich in Hoffnungslosigkeit versinken. Dann begriff ich, dass ich mich selbst um mich kümmern musste. Niemand sonst würde es tun. Jedenfalls meine Mutter und mein Bruder nicht. Wenn ich tot wäre, würden sie einfach nicht mehr über mich sprechen, genauso, wie sie über meinen Vater nicht mehr sprachen. Kein einziges Wort. Es war so, als hätte es ihn nie gegeben.
Ich suchte mir eine Wohnung, zog aus, und schließlich nach Deutschland. 1000 Kilometer lagen jetzt zwischen mir und meiner Mutter, und den Orten, an denen ich mich so ausgeliefert gefühlt hatte. Die Erleichterung über diese Entfernung war nachhaltig. Ich war entkommen.
Ein Jahr später trennte meine Mutter sich von Wolfgang, und ich besuchte sie wieder, als wäre nichts geschehen. Auch mein Bruder und ich hielten die Illusion aufrecht, dass sich hinter unserem freundlichen Kontakt nichts verbarg.
Schweigen hilft nicht. Es heilt nichts. Auch zu Gaza schweigen viele am liebsten. Oder sie lenken das Gespräch darauf, dass es woanders schlimmer ist. Zweifellos passieren an vielen Orten der Welt grausame Gräueltaten. Der Unterschied zu Gaza ist, dass es eine Besatzungsmacht gibt, die für das Wohlergehen und die Versorgung der Bevölkerung zuständig ist, und dass diese Besatzungsmacht wohlhabend ist, und von vielen mächtigen Ländern Unterstützung erfährt. Außerdem standen jederzeit genügend Verpflegung und Medikamente von Hilfsorganisationen zur Verfügung, wurden aber an den Grenzübergängen vom IDF aufgehalten. Zuletzt wurde sogar den Hilfsorganisationen der Zugang zu Gaza untersagt. Hilfe wäre einfach, wird aber aktiv verweigert.
Das, was wir bekämpfen und weg haben wollen, verschwindet nicht, selbst wenn wir es vernichten. Es bekommt stattdessen psychische Macht über uns, schüttelt uns und nimmt vielerlei Formen an. Durch den weiter andauernden Genozid sind so viele Menschen wie nie zuvor auf die Situation der Palästinenser*innen aufmerksam geworden. Gerade weil die Solidarität mit ihnen so kriminalisiert wird, wird offensichtlich, dass an der offiziellen Version etwas nicht stimmt.
Meine Mutter wollte von meinem Vater loskommen, um frei zu sein, und ließ sich stattdessen mit einem Mann ein, der Alkoholiker war und sie schlug. Und obwohl sie manchmal auf ihn schimpfte, redete sie nie so verächtlich von ihm wie von meinem Vater. Von meinem Bruder erfuhr ich, dass Wolfgang bis zu seinem Tod der beste Freund meiner Mutter war. Vielleicht hatte er sich sehr verändert, vielleicht haben sie sich über die Vergangenheit auseinander gesetzt. Wahrscheinlicher ist, dass sie nie über seine Gewalt gesprochen haben und meine Mutter ihre Wunden, wieder einmal, ignorieren musste. Mich stimmte es traurig, dass der beste Freund meiner Mutter einer war, dessen Sucht und Gewalttätigkeit sie ertragen musste. Als ich das meinem Bruder sagte, reagierte er mit Unverständnis. “Der Wolferl war doch ganz nett.”
Für viele in Deutschland ist es existenziell wichtig, daran zu glauben, dass Israel ein gutes Land ist. Die Regierung ist faschistisch, die Besatzung verdammenswert, die Ermordung von Kindern durch nichts zu rechtfertigen, es gibt Ungerechtigkeit und Apartheitspolitik, ja, aber … Wir dürfen nichts dazu sagen. Weil wir die Vorfahren der Israelis umgebracht haben, ist es wichtig für sie, einen Staat zu haben, in dem sie sich vor uns schützen können. Deshalb dürfen wir sie nicht mit Kritik belästigen.
Als meine Freundin darauf bestand, dass ich meinem Text verändere, fühlte ich mich von ihrer Vehemenz bedrängt. Bis dahin war klar: Kritik ist willkommen, aber letztendlich entscheide natürlich ich, was ich schreibe. Das hat sie ja auch für ihre Texte beansprucht. Noch nie zuvor hatte sie so darauf gedrungen, dass ich ihre Anmerkungen auch umsetze. Deshalb war mir klar, dass ich einen wunden Punkt getroffen hatte. Und sie auch.
Es folgten heftige Auseinandersetzungen, von denen wir immer wieder pausierten, Atem schöpften, versuchten, unsere Freundschaft wie vorher weiterzuleben. Schließlich sagte sie mir, es sei gar nicht ihr Thema. Deshalb werde sie nichts mehr dazu sagen. Ich könnte aber ruhig darüber sprechen.
Als ich beim nächsten Treffen etwas von meinen politischen Aktivitäten erzählte, saß sie mir mit unbewegtem Gesicht gegenüber und versuchte, ihre Gefühle zu verbergen. Ihre Ablehnung spürte ich trotzdem. Ich wurde immer unsicherer. Sie fragte nach und ermuntert mich zum Reden. Sie könnte das aushalten, meinte sie und schien stolz darauf zu sein. Ihr Verhalten löste großes Unbehagen und Fluchtreflexe in mir aus. Unsere Auseinandersetzungen waren sehr anstrengend gewesen, aber nicht so beunruhigend wie dieses emotionale auf Eis gelegt werden. Ich fühlte mich so einsam dabei.
Wie einsam müssen sich Palästinenser*innen in Deutschland — und anderswo — fühlen, die außerhalb ihrer community kaum Orte haben, an denen sie ihre Trauer, Verzweiflung und schon gar nicht ihre Wut zeigen dürfen.
Auch mein Vater muss sich sehr einsam in unserer Familie gefühlt haben, bei der Verachtung, die wir und vor allem meine Mutter ihm entgegen brachten. Eine Scheidung lehnte er aus religiösen Gründen ab, und so saß er in der Falle. Als er das Kämpfen aufgab, und Flucht nicht möglich war, verfiel er in die Starre der Depression. Mir wurde erst im Nachhinein, bei einer Fortbildung zu psychischen Krankheiten klar, dass mein Vater alle Symptome einer Depression und einer Angststörung aufwies.
Er fürchtete immer, dass ein Feuer ausbrechen könnte. Ständig kontrollierte er seine Ölöfen, in der Fabrik und zu Hause, und uns Kindern war es streng verboten, sie anzuzünden. Als meine Schwester, 15jährig, es einmal beim Badezimmer Ofen probierte, baute mein Vater daraufhin die Zündung aus, sodass der Ofen nicht mehr funktionierte und wir jahrelang ein kaltes Badezimmer hatten.
Dies galt als eine seiner Seltsamkeiten; meine Mutter spottete darüber. Sie wusste wahrscheinlich auch nicht, wie sie damit umgehen sollte. Letztendlich zog sie ins Erdgeschoss, wo sie es warm hatte. Heute verstehe ich, dass mein Vater panische Angst vor Feuer hatte. Dabei brannte es längst.
Als wir einmal mit Wolfgang im Urlaub waren, stand die Polizei bei meinem Vater vor der Tür, fragte nach Wolfgang. Er hatte einen Kumpel, der Geld zurück gefordert hatte, krankenhausreif geschlagen, und der Mann hatte auf Drängen seiner Frau Anzeige erstattet. Mein Vater sagte, er würde keinen Wolfgang P. kennen, sie hätten sich in der Tür geirrt. Der Polizist lachte ihm ins Gesicht: “Alle wissen, dass er hier wohnt.”
Mein Vater hatte vom Büro seiner Fabrik aus die volle Sicht auf unser Haus. Es konnte nicht sein, dass er Wolfgang noch nie gesehen hatte. Und gleichzeitig konnte das sehr gut sein. Wir sehen nur das, was zu unserer Weltsicht passt. Oft werden Einblicke in eine andere Wirklichkeit als störende Splitter entfernt, bevor sie unser Bewusstsein erreicht haben.
Es gibt mittlerweile an die 100.000 jüdische Menschen, die sich explizit öffentlich wünschen, dass Israel kritisiert wird, in seinem Töten der Palästinenser*innen, durch Waffen, durch Hunger, durch Vorenthalten von medizinischer Versorgung. Die verzweifelt rufen: “Nicht in meinem Namen!”
Das wird als Selbsthass bezeichnet. So als ob es nicht möglich wäre, sich für die Interessen von anderen einzusetzen — vor allem von anderen, die offiziell als deine Feinde bezeichnet werden — ohne sich selbst zu hassen.
Ein Jude, eine Jüdin, die nicht einverstanden mit Israel sind, nicht eins mit Israel, die sich gegen die Vereinnahmung wehren, stellen ein Paradoxon dar. So etwas darf es eigentlich gar nicht geben. Denn Israel beansprucht, alle jüdischen Menschen auf der ganzen Welt zu vertreten, und für den Schutz der jüdischen community existentiell notwendig zu sein. Dass Israel mit seiner Politik jüdisches Leben nicht schützt sondern im Gegenteil gefährdet, spielt keine Rolle.
In Deutschland werden die meisten Anzeigen wegen Antisemitismus an jüdische Menschen vergeben. Der Antisemitismus-Beauftragte ist kein Jude — warum auch? Es geht nicht darum, jüdische Menschen vor Antisemitismus zu schützen, sondern Machtstrukturen aufrecht zu erhalten.
Israel ist so wichtig für Deutsche, denn dieses Land zu unterstützen bedeutet, ein guter Mensch zu sein und die nationalsozialistische Vergangenheit aufgearbeitet und erfolgreich überwunden zu haben. Auch Gedenkstätten und Museen sind Beweise dafür. Sie müssen das klaffende Loch füllen, dass es kaum nationalsozialistische Täter*innen gibt bzw gab, die ihre Taten bereut haben. Oder wenn, dann haben sie nicht darüber geschrieben. Wir haben keine Aufzeichnungen davon.
Dazu passt, dass Antisemitismus für viele schlimmer ist als Rassismus. Deshalb zählen palästinensische Opfer auch weniger als jüdische. Oder umgekehrt, die Identifikation mit jüdischen Opfern ist viel größer als mit palästinensischen. Deshalb muss auch immer der 7. Oktober als schlimmes Massaker benannt werden, während die Massaker, die an Palästinenser*innen begangen wurden, in der westlichen Welt kein Datum und wenig Bedeutung haben. Sie tauchen im allgemeinen Narrativ nicht auf und deshalb nehmen sie im Bewusstsein vieler Menschen auch kaum Platz ein.
Nach dem Urlaub mit Wolfgang fuhren mein Bruder und ich direkt zu den Großeltern. Und wurden vom Großvater befragt: Mit wem wir im Urlaub gewesen waren. Ob wir einen Wolfgang kennen würden. Ich war entsetzt. Was war da schief gegangen? Mein Bruder sah mich hilflos an. Es lag an mir, uns aus dieser Situation zu retten, und wie immer erzählte ich Lügen. Das funktionierte bei meinem Großvater aber nicht so gut. Und eine halbe Stunde später kam meine Mutter und sagte die Wahrheit.
Nachdem ihn der Polizist mit der Nase auf die Untreue seiner Frau gestoßen hatte, hatte mein Vater den Film aus dem Fotoapparat an sich genommen und die Urlaubsbilder entwickeln lassen. Jetzt wollte er sehen. Und hatte Beweisfotos.
Das war der Hintergrund der Befragung und des Verhaltens meiner Mutter, den ich aber erst später erfuhr. In der Situation war ich wie vor den Kopf gestoßen. Was war in meine Mutter gefahren? Warum gestand sie auf einmal, was sie jahrelang geheim gehalten hatte? Sobald ich sie alleine erwischte, warf ihr vor: “Du hättest mir doch erzählen müssen, dass ich diesmal die Wahrheit sagen kann!” Sie wies mich kalt ab. “Man soll immer die Wahrheit sagen. Ich habe dich nie gebeten, für mich zu lügen.”
Das war der schlimmste Schlag. Es stimmte, sie hatte nie explizit etwas vom Lügen gesagt. Und doch war es das, was sie jahrelang von mir gewollt hatte. Wofür sie mich gebraucht hatte, und wofür ich mit Aufmerksamkeit belohnt worden war. Und jetzt, wo sie ihre Taktik geändert hatte, ließ sie mich eiskalt fallen. Ohne Entschuldigung. Ohne Verständnis für meine Situation. Ich fühlte mich elendig, dass ich meinen Großvater so angelogen hatte wie noch nie zuvor.
Er war enttäuscht. Trotzdem gab er mir nicht die Schuld. “Kinder halten immer zu ihrer Mutter”, sagte er. Ich hatte gehofft, dass mein Großvater Wolfgang verbieten würde. Vielleicht hatte er es auch versucht, aber es hatte nicht funktioniert. Im Gegenteil. Nach der Enthüllung war Wolfgang etabliert. Das jahrelange Lügen hatte ein jähes Ende; und es hatte, so schien es, keinerlei Konsequenzen für meine Mutter.
Der aktuelle Genozid zeichnet sich dadurch aus, dass Israel Menschenrechtsverbrechen ganz offen zugibt. Menschenrechte werden geschreddert, die UN wird lächerlich und in wesentlichen Bereichen handlungsunfähig gemacht, das Völkerrecht wird missachtet. Auch die traurigen Rekorde dieses Völkermords: die meisten getöteten Journalist*innen, zerstörten Krankenhäuser, ermordeten Kinder und andere führen nicht zu Forderungen, Sanktionen, Boykott von deutscher Seite. Ein Signal, dass keines der Verbrechen von israelischer Seite bestraft werden wird.
Nach dem Tod meiner Mutter war ich für ein paar Tage nach Graz gekommen und hatte meinem Bruder ein Treffen vorgeschlagen, bei dem wir nur über lustige Erlebnisse in unserer Kindheit sprechen. Es gelang uns. Er erzählte auch von seinem aktuellen Leben, seinen Krankheiten und ein wenig von unserer Mutter. Zum Schluss gab er mir noch einen ausführlichen Überblick über die Baustellen, die es gerade in Graz gab.
Am Ende wusste ich nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Unstimmigkeiten waren auf jeden Fall vermieden worden. Ich hatte viel zu den gemeinsamen Kindheitserlebnissen beigetragen, und ansonsten geschwiegen und zugehört. Mein Bruder fragte nicht nach meinem Leben.
Ich begleitete ihn schließlich zu seinem Auto und umarmte ihn zum Abschied. Bevor er einstieg, sagte er: “Ich werfe niemandem etwas vor.” Der Satz verblüffte mich, nach all den Baustellen. War es das, was er mir die ganze Zeit sagen wollte? Er fuhr davon, ich winkte und wartete, bis das Auto nicht mehr zu sehen war.
Was hatte er damit gemeint? Ich hatte meinen Bruder durchaus als vorwurfsvoll erlebt. In seinen Sätzen klang immer wieder an, dass ich mich hätte melden sollen, dass ich in der Bringschuld gewesen wäre. Und ich hatte nicht den Eindruck, dass er das zurücknehmen wollte. Dann begriff ich, dass mit “niemand” nur eine Person gemeint war: unsere Mutter. Das war es, was er mir mitteilen wollte: “Ich werfe meiner Mutter nichts vor. Also mach du das auch nicht.” Das war die Bedingung, unter der wir Kontakt haben konnten.
Genau dieselbe Bedingung hatte meine Mutter gestellt. Wirf mir nichts vor, rede nicht über das, was war, zeig mir deine Wunden nicht, und deine Wut auch nicht. Ich will mit deinem Schmerz nichts zu tun haben. Ich will mit meinem Schmerz nichts zu tun haben.
Mein Vater war nicht bereit, seine Frau als gleichberechtigt anzuerkennen. Er ignorierte ihre Wünsche. Als sie einmal außerhäusig arbeiten gehen wollte, in einem Papierwarenladen, verhinderte mein Vater dies, indem er dem Besitzer mit der Polizei drohte. Damit, so dachte er, hätte er seine Stellung behauptet. Daraufhin begann meine Mutter, ehrenamtlich in der Dorfbücherei zu arbeiten. Sie besuchte einen Englischkurs und einen Reitkurs. Der Reitlehrer wurde einer ihrer Liebhaber.
Das, was wir abwehren, verschwindet nicht einfach. Es verwandelt sich; und oft nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Keine Geschichte ist einfach, es gibt immer verschiedene Schichten, niemand ist nur Opfer oder nur Täter*in. Wir sehnen uns nach eindeutigen Zuordnungen, möchten jemanden beschuldigen können für das, woran wir leiden, und brauchen etwas, das gut ist. Wir wünschen uns Happy Ends.
Israel sollte das Happy End vom Holocaust sein; es darf per Definition kein Land sein, dessen Militär ein anderes Volk vertreiben und letztendlich vernichten will. Die Schuld am Völkermord kann also nicht bei Israel liegen, oder höchstens bei ein paar Leuten aus der Regierung; die Hauptschuld muss bei den Palästinenser*innen selbst liegen. Deshalb ist die Hamas so etwas grauenhaft Schreckliches, und darf auf keinen Fall mit der IDF, der Israelischen Defence Force verglichen werden, obwohl diese viel mehr Menschen getötet hat; und unablässig versucht, das Leben von Palästinenser*innen auf Flucht und Todesangst zu reduzieren.
Das Nicht-Hinsehen-Wollen ist etwas sehr Menschliches, das uns allen eigen ist. Als Kind ist es lebensnotwendig, die Schmerzen, die Eltern uns zufügen, ausblenden zu können. Wir sind von unseren Eltern abhängig und können es uns nicht leisten, sie in Frage zu stellen. Und später scheint es bequem zu sein, diesen Schmerzen auszuweichen und nicht mehr darüber zu reden.
Dieses Ausweichen und Vermeiden ist gesellschaftlich anerkannt und erwünscht. Wenn du über das sprichst, was war, wenn du deine Schmerzen und Ängste aussprichst, kann es sein, dass sich diejenigen abwenden, die die Wunden nicht sehen wollen, die Konfrontation damit nicht wagen.
Meine Mutter hat mich nie besucht. Einmal, als wir zusammen bei meinen Großeltern gewesen waren, hat sie mich bis vor meine Haustür gefahren. “Komm doch mit rein”, schlug ich vor. “Ich habe keine Zeit, die Vögel müssen gefüttert werden.” “Nur kurz”, bat ich. “Ein anderes Mal.” Das andere Mal kam nie.
Meine Mutter hat mich auch nie angerufen. Sie schrieb mir, aber telefonieren war ihr zu teuer. Immer habe ich mich bei ihr gemeldet. Deshalb war ich erstaunt, als eines Tages das Telefon klingelte und sie dran war. Noch erstaunter war ich, als sie mich fragte, was ich mir wünschen würde. “Sag schon, was du brauchst. Soll ich dir einen Ofen kaufen?” Ich hatte in meinem letzten Brief geschrieben, dass der Ofen sehr schlecht zog, und die Wohnung eher einräucherte statt sie warm zu machen. “Äh, nein”, stotterte ich. Mir war es suspekt, dass meine Mutter mir auf einmal so ein Angebot machte.
Und dann folgte eine Wolke von Worten, aus denen ich heraushörte: “Es ist nicht alles gut gelaufen, früher, aber du bist so weit weg, und wenn du nur einmal im Jahr kommst, müssen wir uns ja nicht das Leben vermiesen mit schlimmen Sachen aus der Vergangenheit. Wir können uns doch jetzt ein gutes Leben machen. Sag mir schon, was du dir wünschst.”
“Kürbiskernöl” sagte ich, denn das konnte ich damals in Deutschland nicht bekommen. “Das hast du dir schon zum Geburtstag gewünscht. Du kannst ruhig etwas größeres sagen.” “Ich habe es ja immer noch nicht.” Sie hatte mir stattdessen zwei kleine braune Handtücher geschickt. “Kürbiskernöl ist so schwer zu verpacken. Außerdem habe ich dir Geld geschickt. Du bist immer so undankbar!” Von da aus dauerte es nicht lange, bis wir stritten. Und mitten im Streit kam plötzlich der Satz von ihr: “Ich habe dich auch nur angerufen, um dir zu sagen, dass deine Großmutter gestorben ist!” Dann legte sie auf. Das war der letzte Kontakt mit meiner Mutter.
Es war ein Schock, den Tod meiner Großmutter so zu erfahren. Warum hatte sie das nicht sofort erzählt? Sie wusste, dass ich meine Großmutter liebte, dass ihr Tod ein schwerer Schlag für mich war.
Im Nachhinein wurde mir klar, dass sie Erbin geworden war und mir deshalb anbot, meine Wünsche zu erfüllen. Dass sie mir das zuerst mitteilen wollte: “Du kannst etwas von dem Geld abhaben, ich kann dir dein Leben erleichtern!” Aber wieder nur unter der Bedingung, die Vergangenheit ruhen zu lassen.
Meine Mutter hat sich nie wieder bei mir gemeldet. Ein paar Wochen nach diesem Telefonat hat sie das geerbte Haus meinem Bruder geschenkt, und als ein paar Monate später der Kontakt mit meinem Bruder abbrach, hatte sie endgültig Ruhe vor mir.
Denn auch ich habe mich nicht mehr gemeldet. Fast nicht. Ich habe ihr einmal eine Karte geschickt und einmal eine Email. Als keine Antwort kam, war ich verzweifelt, und gleichzeitig erleichtert. Ich hatte Angst vor einer Begegnung mit ihr, fühlte mich verletzlich. Ich konnte nicht vergessen, dass sie den Tod eines geliebten Menschen als Schlagstock verwendet hatte.
Wenn ich später in feministischen Kreisen erzählte, dass meine Mutter mit mir in die Kneipe ging und sich dort Liebhaber aufgabelte, wurde das oft nur als Akt der Befreiung wahrgenommen. Es wurde in das Schema eingeordnet: Frauen sind die Opfer, die Unterdrückten, Männer haben Macht. Das war auch nicht verkehrt, beleuchtete aber nur einen Teil der Geschichte. Meine Mutter als Täterin wurde genauso weggelassen wie mein Vater als Opfer.
Hier gibt es eine Parallele zu den Linken, die Israel unterstützen. Die Israelis werden nicht als die Mächtigen gesehen. Sie können keine Unterdrücker*innen sein, weil sie ja schon Opfer sind. Beides zu denken fällt schwer. Denn es hat Konsequenzen. Deshalb wird nicht darüber geredet, dass Israel nackte Gewalt anwendet, sondern über die Gewänder, die diese Gewalt verhüllen: Verteidigung, Sicherheit, Terrorbekämpfung.
Die Welt mit feministischen Augen zu sehen ist absolut notwendig und hilfreich; und gleichzeitig ist es zu wenig, um die Welt zu verstehen. Sich gegen Antisemitismus einzusetzen und die Situation der Palästinenser*innen außen vor zu lassen, ist genauso beschränkt. Intersektionalität ist die Voraussetzung dafür, etwas einordnen zu können.
Nach dem Tod meines Großvaters war ich zu Besuch bei meiner Großmutter. Ich rief meine Mutter an, wir verabredeten, uns am nächsten Tag zu treffen. Dann sagte ich noch: “Ich würde gerne mit dir über den Papa reden.” “Das ist doch schon 7 Jahre her!” Meine Mutter wirkte ungehalten. “Wenn du das immer noch nicht verarbeitet hast, dann stimmt wirklich was nicht mit dir.”
Ich schrie. Ich fing einfach an zu schreien, und dann schrie ich immer weiter, weil es so schrecklich war, und das war dann der Beweis dafür, dass mit mir wirklich etwas nicht stimmte. “Hör auf!”, rief meine Großmutter, “sonst muss ich dich noch ins Irrenhaus bringen lassen!”
Und, dann, als hätte sie nicht gerade etwas Ungeheuerliches gesagt, nahm sie den Hörer, der an der geschraubten Schnur vom Telefonkästchen baumelte, weil ich ihn einfach fallen gelassen hatte, und legte ihn sorgfältig auf die Gabel, und strich auch das rote Deckchen zurecht, auf dem das Telefon stand, und das sich verschoben hatte.
Ich verstummte bei ihrer Ankündigung, ging ins Zimmer, warf mich aufs Bett und weinte. Das, was 7 Jahre her war, war der Suizid meines Vaters. Meine Mutter hatte seit damals nicht mehr mit mir über ihn geredet, kein einziges Wort hatte sie noch über meinen Vater gesagt. Es war, als ob es ihn nie gegeben hätte.
Ich wollte über ihn reden. Nicht nur über seinen Suizid. Ich wollte aus dem Schweigen ausbrechen, meinem Vater einen Platz in der Familie geben. Ich ertrug es nicht mehr, so zu tun, als wäre nichts gewesen. Ich wusste, dass das Reden nicht einfach werden würde. Aber ich hatte nicht mit so einem Pfeil gerechnet. Dabei hatte ich wohl auch einen losgesandt. Ich hatte wieder einmal einen wunden Punkt getroffen.
Meine Mutter wusste genau, wieviele Jahre es her war. Es war nicht so, dass sie nicht daran dachte. Aber Reden über meinen Vater war eine direkte Bedrohung für sie. Sie wollte meine Gedanken und Gefühle dazu nicht hören. Und keine Fragen beantworten. Sie hatte eine Antwort parat, von der sie wahrscheinlich hoffte, dass mich das gründlich abschrecken würde. Es hat gewirkt. Ich versuchte es nicht noch einmal.
Nachdem sie mir mitgeteilt hatte, dass sie über das Thema Israel Palästina nicht mehr sprechen wollte, schickte mir meine Freundin, sichtlich bemüht um Kontaktmöglichkeiten, die Ankündigung zu einer Friedensdemo. Wir trafen uns dort und standen bei der Zwischenkundgebung nebeneinander. Als nach mehreren anderen Redner*innen ein Palästinenser die Bühne betrat, breitete sich Schweigen aus. Außer mir klatschte nur wenige. Meine Freundin neben mir erstarrte und rührte sich während der ganzen Rede nicht mehr.
Der Redner erzählte über die Situation in Gaza, fuhr sich dabei immer wieder durchs Haar, wirkte unsicher. Ablehnung schlug ihm entgegen. Ich war beschämt, wollte mich verkriechen, oder den anderen zurufen: “Was habt ihr denn gegen ihn, was?” Aber ich tat nichts dergleichen, versuchte nur, durch lautes Klatschen die fehlende Resonanz der anderen auszugleichen. Zum ersten Mal erlebte ich es, dass ein Mensch, der von einem Genozid erzählte, auf einer linken Demo mit Zurückweisung behandelt wurde.
Nach der Zwischenkundgebung, als wir weiter gingen, tat meine Freundin so, als sei nichts geschehen. Und ich sagte auch nichts. Dabei hatte sich eine tiefe Kluft zwischen uns aufgetan. Etwas Wesentliches hatte sich verändert, und ich war aufgewühlt, als ich nach Hause ging.
Sie hatte sich gewünscht, nicht mehr über das Thema zu sprechen, und jetzt hatte sie durch ihr Schweigen, ihr Erstarren so viel ausgedrückt. Ich bin mir sicher, dass meine Freundin dagegen ist, dass Palästinenser*innen getötet werden. Dass sie für ein friedliches Zusammenleben in Israel Palästina ist. Warum also löste schon das reine Erscheinen eines Palästinensers auf der Bühne so eine Abwehr in ihr aus, dass sie nicht einmal zur Begrüßung klatschte, wie bei allen anderen, die auf die Bühne gekommen waren?
Was warf sie dem Redner vor, womit war sie nicht einverstanden? Ich wusste es nicht und grübelte darüber. Schließlich schrieb ich ihr, ob ich ihr doch noch ein paar Fragen stellen dürfe. Ich nannte nicht die Kundgebung als Auslöser für das Bedürfnis nach Klärung. Sie war ja selbst dabei gewesen. Aber vielleicht hatte sie unser unterschiedliches Verhalten nicht als so störend empfunden. Sie war ja auch mit ihrer Meinung in der Mehrheit gewesen; die meisten hatten nicht geklatscht.
Meine Anfrage lehnte sie ab. Sie warf mir vor: “Du respektierst meine Grenzen nicht” und wünschte sich ein Jahr Freundschaftspause. Es war ein Schock für mich. Ich hatte zwar auch schon darüber nachgedacht, dass es so schwierig geworden war, uns zu treffen, dass eine Pause vielleicht sinnvoll wäre. Aber ein Jahr war so lang.
Zudem war es kein Vorschlag, zu dem ich auch noch etwas sagen hätte können. Der Vorwurf: “Du respektierst meine Grenzen nicht” hatte mich getroffen und ich wollte ihn nicht noch einmal abbekommen. Deshalb erklärte ich zwar noch, worum es mir beim Reden gegangen war, akzeptierte aber ihren Wunsch.
Meine Freundin ist ein friedlicher Mensch. Sie schätzt verständnisvolles Zuhören und miteinander sprechen. Jahrelang waren wir gute Freundinnen, standen auf derselben Grundlage. Und auf einmal befanden wir uns auf verschiedenen Schiffen und trieben voneinander weg.
Meine Freundin dachte sicher in bester Absicht, über unsere verschiedenen politischen Ansichten nicht zu reden würde unsere Freundschaft retten. Aber das hat nicht funktioniert. Sie hat viel mehr kommuniziert, als sie vermutlich wollte. Und mein Entsetzen über die israelische Politik nahm zu, je mehr ich über die jetzige Situation und die Geschichte las.
Deutschlands bedingungslose Unterstützung von Israel heißt konkret: ihr dürft mit den Palästinenser*innen machen, was ihr wollt, wir werden nicht einschreiten. Wir werden euch nicht einschränken. Ein paar Worte der Kritik wird es geben, mehr nicht. In den Zeitungen wird hauptsächlich eure Sichtweise dargestellt. Wir werden alle abschrecken, die einen kritischen Blick auf euch werfen wollen. Und wir sorgen auch dafür, dass sich der Protest gegen euch in Grenzen hält.
Und wenn ihr auch die UN zerstört, internationalen Menschenrechtsorganisationen den Zutritt zu Gaza verweigert, die Waffenruhe permanent brecht und Gefangene foltert: niemand wird euch ernsthaft in die Quere kommen, ihr könnt euren Genozid ruhig durchführen. Bei genauer Betrachtung sind die Palästinenser*innen von den Mächtigen der Welt zur Vernichtung freigegeben worden.
Beim Auszug aus unserem Haus waren die meisten Möbel schäbig und kaputt; meine Mutter überließ sie der Haushaltsentrümpelung. Ich dachte an die Kommode mit den beiden verschließbaren Schubladen und fragte sie, ganz nebenbei, so als ob es mir nicht wichtig wäre, was denn eigentlich in der unteren Schublade gewesen war. Sie machte eine abweisende Handbewegung. “Nichts”, sagte sie. “Da war nichts drin. Ich hab den Schlüssel verloren, also konnte ich da gar nichts rein tun.”
Ich war enttäuscht, dass dieses Geheimnis meiner Kindheit sich als so nichtig entpuppte. Aber als ich letztes Mal in meinem Zimmer war, um zu überprüfen, ob ich auch kein Buch auf dem Regal oder unterm Bett übersehen hatte, da ging ich auch noch einmal ins ehemalige Elternschlafzimmer. Die Kommode stand da, wo sie immer gestanden hatte. Und an beiden Schubladen steckte der Schlüssel.
Rasch zog ich die untere Schublade auf, und fand darin — nichts. Oder doch, da war was, ein Schnipsel von einem beschriebenen Blatt Papier, der zwischen Boden und Seitenwand steckte. Ich sah meine Vermutung bestätigt: die Schublade war voller Liebesbriefe gewesen, in denen meine Mutter manchmal heimlich gelesen hatte, wenn sie ihr Leben unerträglich fand.
Ich nahm mein Taschenmesser aus der Hosentasche, weitete den Spalt und zog das Papier heraus. Es war die Schrift meiner Großmutter. Waren in der Schublade etwa Briefe von meiner Großmutter gewesen?
Ich wusste, dass meine Mutter mit der Kinderverschickung ein paar Monate lang in der Schweiz gewesen war, um sich satt essen zu können, und von dort jeden Tag nach Hause geschrieben hatte. So habe ich Schreiben gelernt, erzählte sie mir. Sie hatte große Angst vorm Vater der Familie, bei der sie untergebracht war. Er war Fleischermeister, und in seinem Geschäft hingen riesige Fleischstücke. Meine Mutter hatte so etwas noch nie gesehen; sie dachte, er würde Menschen umbringen und sie als Fleisch verkaufen.
Sie traute sich nicht, in den Briefen etwas davon zu schreiben, bat aber, nach Hause zu dürfen. Sie durfte nicht. “Du hast dort gut zu essen”, schrieb ihre Mutter. “Hier gibt es Hunger.” Das war nach der Rückkehr meines Großvaters gewesen. Wahrscheinlich wollte das Paar auch Zeit für sich, um sich wieder anzunähern.
Wenn wirklich diese Briefe in der Schublade gewesen waren, warum hatte meine Mutter ausgerechnet sie so geheim gehalten? Warum war es so wichtig, dass niemand sie entdeckte? Es verwirrte mich. Erst viel später, nach ausführlicher Beschäftigung mit der Familiengeschichte, ergab es Sinn für mich: Das größte Geheimnis meiner Mutter waren nicht ihre Liebhaber, die waren ja eher offensichtlich. Aber sie waren gar nicht so wichtig. Sie waren nur eine Ablenkung. Das größte Geheimnis meiner Mutter, ihr größter Schmerz, war die Liebe ihrer Mutter, die sie verloren hatte; und damit verbunden der Groll auf ihren Vater.
Ich liebte meinen Großvater. Jeden Samstag fuhren wir zu den Großeltern zum Mittagessen, und immer kletterte ich über das Gartentor, weil ich es nicht erwarten konnte, meinen Großvater zu umarmen. Er war das große Glück meiner Kindheit.
Bei den Kneipengängen plagte mich auch immer wieder die Angst davor, dass mein Großvater dahinter kommen könnte, dass ich Alkohol trank und mich von Männern anfassen ließ. Ich befürchtete, dass er das nicht gut finden würde, und hatte Angst, dass er mich ablehnen würde, wenn er es erfuhr.
Plötzlich ergab das einen Sinn: Es muss sehr schmerzhaft für meine Mutter gewesen sein, dass mir die Liebe meines Großvaters so einfach zuflog, während er an meiner Mutter immer wieder etwas auszusetzen hatte: sie hatte sich nicht gefreut, ihn nach der Kriegsgefangenschaft zu sehen, sie war in der Schule, die so wichtig für ihn war, nicht gut gewesen, und hatte den atheistischen Sozialisten, den er sich für sie vorgestellt hatte, abgelehnt und stattdessen einen gläubigen Kapitalisten geheiratet.
Der Schmerz meiner Mutter über die fehlende Liebe ihres Vaters wurde wahrscheinlich jedes Mal wiederbelebt, wenn sie mitansehen musste, wie liebevoll er mit mir war. Und dieser Schmerz konnte gedämpft werden, wenn sie mich in Situationen brachte, die er verurteilen würde. Sie konnte mich sogar dazu bringen, ihn anzulügen. Endlich war er auch einmal enttäuscht von mir. Damit konnte sie ihren Schmerz dämpfen. Das war der Grund für ihr Verhalten. Auch wenn sie mir damit geschadet hat; ihre Absicht war nicht, mir zu schaden, sondern sich zu retten.
Meine Mutter musste, so scheint es mir, einschreiten, wenn sich zwei Familienmitglieder zu gut verstanden; es machte ihr wahrscheinlich Angst, dass sie dadurch ausgeschlossen werden könnte. Deshalb musste sie andere in die Außenseiter Position bringen: erst meine Schwester, dann meinen Vater, dann mich.
Sie war damit erfolgreich; und trotzdem hat nichts die Angst gestillt, die sie als Kind hatte, als sie sich der Liebe ihrer Eltern nicht sicher war. Die Leere in ihr, und die Angst vor den Kindheitsschmerzen blieb. Diese Angst kann verschiedene Formen annehmen.
Die einen sehen im Feuer die größte Gefahr, die anderen in anderen Menschen. Das kann so weit gehen, dass diese Menschen in ihrer Angst andere angreifen, und sie besiegen müssen. Wenn sie sich dann auch als Held*innen feiern, die Furcht sitzt ihnen trotzdem in den Knochen. Sie müssen sich jede Minute verteidigen, denn in ihren Alpträumen werden sie von allen gehasst, und alle haben die Absicht, sie zu vernichten.
Deshalb müssen sie allen zuvorkommen und sie umbringen. Jedes kleine Kind ist eine Bedrohung für diese Menschen. Jeder Brunnen, jedes Krankenhaus, sogar jedes Paket mit Babynahrung muss bekämpft werden, im Namen ihrer Sicherheit. Vermutlich haben alle diese angstbesetzten Menschen eine verschlossene Schublade.
Ironischerweise ist der Schlüssel als Symbol der Palästina Bewegung verboten worden, wenn auch natürlich aus anderen Gründen. Palästinenser*innen sollen nicht zurückkehren in ihre Häuser, und das, was seit der Nakba passiert ist und passiert, soll nicht entschlüsselt werden.
Wir sind mitverantwortlich für den Genozid an den Palästinenser*innen, und das nicht nur wegen der Waffenlieferungen, sondern vor allem auch deswegen, weil er mit der Erlaubnis Deutschlands stattfindet. Wenn wir nicht gegen diese Erlaubnis protestieren, wenn wir zulassen, dass Palästinenser*innen im Schweigen sterben, dann stirbt auch etwas in uns, in unserem Miteinander, in unserer Mitmenschlichkeit.
Schmerz kann weitergegeben werden, er kann anderen vor die Füße geworfen werden, oder an die Hand genommen werden, damit er uns zu seinem Ursprung bringt. Schmerzen sind Hinweise. Sie sind nicht die Wunde. Sie zeigen uns nur, dass eine da ist, um die wir uns kümmern müssen. Die ursprünglichen Schrecken wollen anerkannt werden, erst dann können sie zur Ruhe kommen, und wir können Kraft daraus gewinnen, und der Energie eine andere Richtung geben, sodass die Wunden nicht unser Leben bestimmen, sondern heilen können. Dann können wir das Schreckliche, das wir erlebt haben, als Verantwortung sehen. Und uns für andere Wege entscheiden.
