Lügen, die ans Herz gehen

Mei­ne Mut­ter hat­te im Schlaf­zim­mer eine Kom­mo­de mit zwei abge­schlos­se­nen Schub­la­den. Der Schlüs­sel für die obe­re Schub­la­de hing an einem Haken an der Rück­sei­te der Kom­mo­de. Ein umsich­ti­ger Dieb oder neu­gie­ri­ge Kin­der konn­ten ihn schnell ent­de­cken und so an die Schmuck­scha­tul­le gelan­gen. Wir strei­chel­ten die glat­ten Per­len der Ket­te, zogen die Rin­ge über den Dau­men, der als ein­zi­ger dick genug war, um sie halb­wegs aus­zu­fül­len, oder steck­ten uns die Pfau­en-Bro­sche an, was schmerz­haft enden konn­te, wenn die Nadel, die in den Stoff hin­ein geglit­ten war, an uner­war­te­ter Stel­le wie­der zum Vor­schein kam und in die Fin­ger­kup­pe stach.

Den Schlüs­sel für die zwei­te Schub­la­de such­ten wir ver­ge­bens. War­um hing er nicht auch am Haken an der Rück­sei­te der Kom­mo­de? Was ver­barg sich in die­ser Schub­la­de? Was war mei­ner Mut­ter kost­ba­rer als ihr Schmuck; was woll­te sie bes­ser vor Ent­de­ckung schützen?

Es gibt Geheim­nis­se, die lie­gen gleich unter der Ober­flä­che; man kratzt ein biss­chen und sie schei­nen durch. Sie sind viel­leicht pein­lich, aber erzähl­bar, so etwas wie ent­zün­de­te Hämor­rhoi­den, über die man nicht ger­ne spricht. Man tut so, als hät­te man sie nicht, und dann erzählt man es doch ein­mal und merkt, das ist gar nicht so schlimm.

Und dann gibt es Geheim­nis­se, die Teil eines Lebens­kon­struk­tes sind, fest ein­ge­baut in die eige­ne Iden­ti­tät. Etwas, das da ist, soll nicht sein, oder etwas, das es gar nicht gibt, soll sein. Es gibt zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten, Illu­sio­nen auf­recht zu erhal­ten, und wir haben alle ein paar, die wir nicht ger­ne hergeben.

Die tra­gen­den Wän­de von Geheim­nis­sen sind Lügen; fre­che, from­me und raf­fi­nier­te Lügen, und dich­tes Schwei­gen. Wenn jemand das Schwei­gen bricht und die Lügen auf­ge­deckt wer­den, tra­gen die Wän­de nicht mehr und stür­zen ein. Dann klaf­fen Löcher und legen das frei, was nie­mand sehen soll­te. Ein Teil des eige­nen Lebens muss revi­diert wer­den, neu gese­hen, neu bewer­tet, und das ist immer mit Schmer­zen verbunden.

Als eines Tages, nach 25 Jah­ren ohne Kon­takt, mein Bru­der auf mei­ner Mail­box zu hören war, hat­te ich ihn plötz­lich als schmuck­be­häng­ten klei­nen Jun­gen vor Augen, und muss­te an die ver­schlos­se­ne Schub­la­de den­ken, deren Schlüs­sel wir ver­ge­bens gesucht hatten.

Er bat mich um Rück­ruf, sag­te nicht war­um. Etwas zitt­rig rief ich zurück. Ich ver­mu­te­te, dass der Grund, sich nach so lan­ger Zeit bei mir zu mel­den, der Tod mei­ner Mut­ter war. Ich irr­te mich inso­fern, als ihr Tod kein Grund für ihn war, mich anzu­ru­fen. Der Anruf kam erst 9 Tage spä­ter, als die Trau­er­fei­er und die Ein­äsche­rung schon vor­bei waren, und er fest­stel­len muss­te, dass er für die Urnen­be­stat­tung in sei­nem Gar­ten die Unter­schrif­ten von mir und mei­ner Schwes­ter brauchte.

Gleich zu Beginn des Tele­fo­nats sag­te er: “Die Mama hat so dar­un­ter gelit­ten, dass ihr euch nie bei ihr gemel­det habt.” Ich hol­te Luft, um ihm zu wider­spre­chen; wuss­te dann aber nicht, wie ich in ein paar Sät­zen zusam­men­fas­sen soll­te, was mir bei die­sem Vor­wurf alles ein­fiel. Und so sag­te ich nichts dazu und ließ ihm sei­ne Vor­stel­lung: eine lei­den­de Mut­ter, die sich nach ihren Töch­tern sehnt, die ihr den Kon­takt verweigern.

Mei­ne Mut­ter war immer Lei­den­de gewe­sen. Sie war unter­drückt; das ver­mit­tel­te sie mir, lan­ge bevor ich etwas von Femi­nis­mus wuss­te. Sie litt dar­un­ter, immer zu Hau­se sit­zen zu müs­sen, wäh­rend mein Vater in der Stadt zu tun hat­te oder auf Geschäfts­rei­se ging. Sie hat­te kei­ne Frei­heit und war dar­über unglück­lich, und die Auf­ga­ben, die ihr zuge­teilt waren, waren müh­sam und unat­trak­tiv. Die­ses Sau­ber­ma­chen und Kochen: Tätig­kei­ten, die unsicht­bar wur­den, sobald das Essen geges­sen und die Woh­nung wie­der dre­ckig war.

Mei­ne Mut­ter war Ehe­frau, Haus­frau und eben Mut­ter, und nicht mehr. Und dann fing sie an, abends in die Knei­pe zu gehen, wo sie flir­te­te, rauch­te, trank: das waren ihre Frei­hei­ten. Sie nahm erst mei­ne Schwes­ter und dann mich mit, und sie nahm sich einen Lieb­ha­ber nach dem ande­ren. Sie war immer Geben­de gewe­sen und dann Neh­men­de gewor­den. Als Kind fand ich das gerecht. Mir schien es damals so, als hät­te sie kei­ne ande­re Mög­lich­keit, als mei­nen Vater zu betrügen.

Seit ich 11 Jah­re alt war, gehör­ten die­se Knei­pen­gän­ge zu mei­nem Leben dazu, genau­so wie das nach Hau­se kom­men, wo wir auf mei­nen Vater und mei­nen Bru­der tra­fen, die meis­tens gemein­sam vorm Fern­se­her saßen. “Wo wart ihr?”, schrie mein Vater, und: “Ihr stinkts nach Rauch und Schnaps!”

Es war also kein Geheim­nis, mein Vater hat­te die Wahr­heit sofort erkannt. Aber Wahr­heit braucht Bestä­ti­gung. Und die bekam mein Vater nicht. Denn ich erzähl­te eine ande­re Geschich­te. Im Auto, auf der Rück­fahrt, lutsch­ten wir Pfef­fer­minz­bon­bons, “um uns frisch zu machen”, wie mei­ne Mut­ter es nann­te, und dann frag­te sie immer: “Was erzäh­len wir denn zu Hau­se?” und mei­ne Phan­ta­sie spru­del­te. Meis­tens waren wir bei einer mei­ner zahl­rei­chen Freun­din­nen gewe­sen. Ich hat­te ihnen bei einer Rechen­auf­ga­be gehol­fen oder sie mir beim Topf­lap­pen stri­cken. Wir spiel­ten Seil­sprin­gen mit Gedich­ten, und ich gewann immer dabei. Wir füt­ter­ten die neu­en Gold­fi­sche mit der Pin­zet­te oder muss­ten 5 Hun­de aus­füh­ren; der kleins­te fiel bei­na­he durchs Kanal­git­ter, der größ­te stemm­te sei­ne Vor­der­pfo­ten auf die Laden­the­ke des Fleisch­hau­ers, damit er einen Wurst­zip­fel bekam.

“Du spinnst!”, schrie mein Vater. Ich hat­te Angst vor ihm, wenn er sei­nen roten Kopf bekam und der Kra­gen zu eng wur­de für sei­ne Wut; aber ich schrie zurück. Mei­ne Mut­ter stand schwei­gend dane­ben. Sie war zu schwach, ich muss­te das regeln. Sie schwieg auch, wenn er ihr vor­warf: “Du ver­dirbst die Kin­der!” Ich warf mich für mei­ne Mut­ter in die Bre­sche, mit so einem Eifer, dass mein Vater mich ein­mal, als wir nach Hau­se kamen, nicht hin­ein ließ, son­dern mich aus­sperr­te, um mit mei­ner Mut­ter allei­ne zu reden.

Da saß ich dann auf den kal­ten Stu­fen und wein­te, weil ich mei­ner Mut­ter nicht hel­fen konn­te. Mir war schlecht, weil ich wie­der zu viel getrun­ken hat­te, ich woll­te ins Bett, mein Vater soll­te uns in Ruhe las­sen. Ich hass­te die­ses Geschrei, und es mach­te mir auch kei­nen Spaß mehr, Geschich­ten zu erfin­den. Ich hat­te gar kei­ne Freun­din­nen, in Wirk­lich­keit, nie­mand lud mich ein, und wenn ich in der Hof­pau­se mal beim Seil­sprin­gen mit­ma­chen durf­te, stell­te ich mich so unge­schickt an, dass sich die ande­ren über mich lus­tig machten.

Noch schlim­mer war es, wenn mein Vater nicht schrie, son­dern uns nur müde und trau­rig ansah. Das schnitt mir ins Herz, ich schwank­te; und fand Halt am ver­ächt­li­chen Blick, den mei­ne Mut­ter mei­nem Vater zuwarf. Mein Vater war spie­ßig und beschränkt; und wenn er sei­ne Aben­de im Schau­kel­stuhl ver­brach­te, statt etwas zu erle­ben wie wir, war er selbst schuld, wenn es ihm dann schlecht ging.

Wenn ich heu­te dar­an den­ke, fra­ge ich mich, war­um ich mei­nem Vater die Empa­thie ver­wei­gert habe. Wie das funk­tio­niert hat. Ich konn­te sein Leid ein­fach aus­blen­den, obwohl er doch mein Vater war, ein sehr wich­ti­ger Mensch in mei­nem Leben. Ich glaub­te den Aus­sa­gen mei­ner Mut­ter über mei­nen Vater, und ich wuss­te, dass ich ihr zur Sei­te ste­hen muss­te, nach­dem mei­ne Schwes­ter sie im Stich gelas­sen hat­te. Mei­ne Mut­ter hat­te mir früh­zei­tig bei­gebracht, dass ich für ihre Bedürf­nis­se zustän­dig war. Und das erfor­der­te von mir, mich gegen mei­nen Vater zu stel­len. Sein Leid aus­zu­blen­den, ihm mei­ne Empa­thie zu ent­zie­hen. Und ich konn­te es auch. Bis ich es nicht mehr konnte.

Etwas Ähn­li­ches pas­siert bei Palästinenser*innen. Ihr Leid darf und soll igno­riert wer­den. 80.000 von ihnen sind tot, das Töten geht ohne Unter­bre­chung wei­ter, und in Deutsch­land geht es offi­zi­ell haupt­säch­lich dar­um, ob jemand etwas Anti­se­mi­ti­sches gesagt hat. Weil jüdi­sche Israe­lis in ers­ter Linie als Opfer gese­hen wer­den, gibt es einen Völ­ker­mord ohne Täter*innen.

Beson­ders ver­stö­rend ist das Ver­hal­ten von wei­ten Tei­len der Lin­ken. Vie­le gehen prin­zi­pi­ell nicht auf die Stra­ße, wenn es sich um Anlie­gen der Palästinenser*innen han­delt und haben auf ein­mal selt­sa­me Grün­de, sich nicht gegen Unge­rech­tig­keit ein­zu­set­zen. Oder sie sind für bei­de Sei­ten, was kon­kret bedeu­tet, die Mäch­ti­gen nicht am Mor­den zu hindern.

Eine Freun­din, die sich gegen Abschie­bun­gen enga­giert, erklärt mir, als ich von den Bom­bar­die­run­gen in Gaza spre­che: “Ande­re Kon­flik­te sind schlim­mer.” Seit ich mich poli­tisch enga­gie­re, ist es das ers­te Mal, dass mir Freund*innen oder Bekann­te ent­geg­nen: “Woan­ders gibt es viel mehr Tote.” Nie zuvor war die zu gerin­ge Anzahl der Toten ein Grund dafür, sich nicht zu enga­gie­ren bzw das Enga­ge­ment von ande­ren mit Gering­schät­zung zu betrachten.

Man­che sagen auch: “Das ist alles so kom­pli­ziert.” Wäh­rend die Situa­ti­on kom­plex ist, ist es nicht so kom­pli­ziert, zu erken­nen, dass Isra­el Haupt­ag­gres­sor ist. Hier könn­te allein das Zäh­len der Toten Klar­heit schaf­fen. For­de­run­gen nach einem gül­ti­gen Waf­fen­still­stand, Ver­sor­gung der paläs­ti­nen­si­schen Bevöl­ke­rung mit Nah­rungs­mit­teln und Gewähr­leis­ten von medi­zi­ni­scher Behand­lung könn­ten eigent­lich von allen Lin­ken unter­stützt wer­den. Aber die Demos dazu blei­ben klein, Leu­te, die sonst sehr enga­giert sind, blei­ben weg. Zu groß sind die Beden­ken, mit sol­chen For­de­run­gen anti­se­mi­tisch zu sein und das Exis­tenz­recht Isra­els in Fra­ge zu stel­len. Das lässt sich nur erklä­ren mit der absur­den Vor­stel­lung, dass jede gesun­de, gut ernähr­te paläs­ti­nen­si­sche Per­son eine Gefahr für Isra­el darstellt.

Was da pas­siert, erin­nert mich an mei­ne Kind­heits­si­tua­ti­on. Isra­el for­dert bedin­gungs­lo­se Unter­stüt­zung, und vie­le, vor allem Deut­sche, füh­len sich dafür zustän­dig, die For­de­run­gen der israe­li­schen Regie­rung, die als Bedürf­nis­se von jüdi­schen Men­schen gese­hen wer­den, zu erfül­len. Aller­dings wer­den dann nur die­je­ni­gen jüdi­schen Men­schen gese­hen und unter­stützt, die mit Isra­el kon­form gehen.

“Sie haben Angst”, erklärt mir eine Freun­din, “vor allem nach dem 7. Okto­ber. Sie fürch­ten um ihr Leben! Ver­stehst du das nicht?” Doch, ich ver­ste­he das. Was ich nicht ver­ste­he, ist, dass die­se Angst die Recht­fer­ti­gung dafür sein soll, ande­re umzu­brin­gen. Angst­zu­stän­de wer­den durch die Ermor­dung von ande­ren ja nicht gemil­dert, son­dern gestei­gert. “Und”, sage ich zu mei­ner Freun­din, “die Palästinenser*innen haben auch Angst. Und sie haben viel mehr Grund dazu. Denn ihre Befürch­tun­gen bewahr­hei­ten sich jeden Tag.” Es tut mir weh zu sehen, wie sich das Gesicht mei­ner Freun­din ver­schließt. “Die wür­den ja auch alle umbrin­gen, wenn sie könn­ten”, zischt sie. Die­se Freun­din lässt die Angst der Palästinenser*innen nicht gel­ten, nur die Angst der jüdi­schen Israe­lis. So, als ob es zwei ver­schie­de­ne Kate­go­rien von Men­schen wären.

Mein Vater wur­de ein Außen­sei­ter in unse­rer Fami­lie. Er ging zwar wei­ter­hin jeden Mor­gen um fünf in sei­ne Fabrik und ver­gab dort Arbeits­auf­trä­ge, ent­warf neue Ölöfen, Akten­ver­bren­ner, Kamin­sys­te­me, führ­te Kun­den­ge­sprä­che und trat nach außen hin als Geschäfts­mann auf. Inner­halb der Fami­lie jedoch hat­te er nach und nach immer weni­ger zu sagen, bis er schließ­lich auch ver­stumm­te, wenn wir von der Knei­pe nach Hau­se kamen. Er sag­te auch nichts dazu, als mei­ne Mut­ter ins Erd­ge­schoss zog und sich nur mehr ansatz­wei­se um den Haus­halt kümmerte.

Heu­te weiß ich, dass mein Vater Depres­sio­nen hat­te. Als Kind und Jugend­li­che ver­un­si­cher­te mich sein Schwei­gen, sei­ne Nie­der­ge­schla­gen­heit. Manch­mal war ich auch wütend auf ihn. Ande­re Male wur­de ich bei sei­nem Anblick schlag­ar­tig müde; oder ich fühl­te mich krank, sobald er kam. Ich war zwar froh, dass er nicht mehr schrie, und mei­ne Mut­ter in Ruhe ließ; ande­rer­seits wünsch­te ich mir immer mehr, er wür­de ein­grei­fen und mei­ner Mut­ter die Knei­pen­be­su­che unter­sa­gen. Aber er zog sich in sich selbst zurück und hin­ter­ließ eine Leerstelle.

Dafür durf­te er ver­ach­tet wer­den. Mein Vater hat­te kein Recht, sich auf­zu­re­gen, oder trau­rig zu sein. Er hat­te mei­ne Mut­ter unter­drückt, war schuld an ihrem Haus­frau­en-Unglück, und jetzt hat­te sie sich befreit und er durf­te nichts dage­gen sagen. Er hat­te nicht das Recht, uns zu beschrän­ken. Sein Lei­den galt nichts. Er leb­te zwar unter uns, aber von uns getrennt.

Der Ent­zug von Empa­thie wird uns von klein auf bei­gebracht. In der Schu­le galt: wer die Rechen­auf­ga­be nicht lösen konn­te, hat­te Ver­ach­tung ver­dient und durf­te ange­schrien und beschimpft wer­den; wer in so einer Situa­ti­on wein­te, bekam kein Mit­leid. Ich litt zwar in sol­chen Situa­tio­nen mit, durf­te es aber nicht zei­gen, wenn ich nicht die­sel­be Ver­ach­tung abbe­kom­men woll­te. Mein Mit-Lei­den trat nicht in Erschei­nung und war des­halb inexis­tent. Empa­thie braucht eine Ausdrucksform.

Es war eine der wich­tigs­ten Lek­tio­nen in der Schu­le: wir soll­ten Gott lie­ben, und unse­re Eltern, wir soll­ten die Leh­re­rin für unfehl­bar hal­ten und wir durf­ten uns von denen abwen­den, die ihr nicht gehorch­ten oder die vor­ge­ge­be­nen Auf­ga­ben, aus wel­chen Grün­den auch immer, nicht erfüll­ten. Wir durf­ten ihnen die Empa­thie ent­zie­hen. Das selbst­ver­ständ­li­che Hin­wen­den zu einem Men­schen in Not soll­te in die­sem Fall unter­drückt und ins Gegen­teil ver­kehrt wer­den. Die­se psy­chi­sche Ver­zer­rung war aus­drück­lich erwünscht. Die meis­ten hat­ten das frei­lich schon in ihrer Fami­lie gelernt.

Vie­le sind davon über­zeugt, dass das Mas­sa­ker am 7. Okto­ber das schlimms­te Ver­bre­chen in der israe­lisch-paläs­ti­nen­si­schen Geschich­te war. Des­halb ist es ihnen sehr wich­tig, dass haupt­säch­lich dar­über gere­det wird, auch oder gera­de ange­sichts eines Geno­zids an den Palästinenser*innen.

Die Umdeu­tun­gen sind viel­ge­stal­tig und krea­tiv. Ein Bekann­ter schrieb mir, man dür­fe die Israe­lis nicht als die Mäch­ti­gen bezeich­nen, weil die Palästinenser*innen so viel Unter­stüt­zung von der Welt­öf­fent­lich­keit bekom­men wür­den. Ja, aber um wel­chen Teil der Welt­be­völ­ke­rung han­delt es sich? Um die­je­ni­gen, die wegen ihrem Enga­ge­ment für Paläs­ti­na ihren Job ver­lie­ren, ver­prü­gelt oder ver­haf­tet wer­den. Um die­je­ni­gen, die zu wenig Macht und Ein­fluss besit­zen, um Isra­el zu stop­pen, oder auch nur um ein Paket Baby­nah­rung in den Gaza­strei­fen mitzunehmen.

Es ist ein nicht zu unter­schät­zen­der Trost für Men­schen, deren Ange­hö­ri­ge ver­hun­gert sind oder ermor­det wur­den, dass vie­le Men­schen auf der Welt mit ihnen füh­len und sich für sie ein­set­zen, und es hilft, durch­zu­hal­ten und Leid zu lin­dern; aber den Geno­zid oder den Sied­ler­ko­lo­nia­lis­mus wirk­lich zu stop­pen, das ist die­ser Welt­öf­fent­lich­keit noch nicht gelungen.

Dass ich zu mei­ner Mut­ter hielt, hat­te nichts mit Gerech­tig­keit zu tun. Der Mythos, einer unter­drü­cken Frau zu ihrer Frei­heit zu ver­hel­fen, ließ mich wie eine Löwin daste­hen, aber in Wirk­lich­keit war ich ver­zwei­felt dar­um bemüht, die Zunei­gung mei­ner Mut­ter zu errin­gen. Ich war stolz dar­auf gewe­sen, als sie mich mit­ge­nom­men hat­te und nicht mehr mei­ne Schwes­ter. Gleich­zei­tig hat­te ich das Bild mei­ner Schwes­ter vor Augen, die ver­sto­ßen wor­den war, weil sie ego­is­tisch gewor­den war, auf­müp­fig, weil sie sich um ihre eige­ne Frei­heit küm­mern woll­te und nicht mehr um die mei­ner Mutter.

Ich woll­te von mei­ner Mut­ter Ver­ständ­nis, Zunei­gung, Aner­ken­nung, Halt. Das alles bekam ich nur in Anflü­gen. Wenn wir im Anflug auf die nächs­te Knei­pe waren, dann gab es Gesprä­che zwi­schen uns, die mich hof­fen lie­ßen, dass ich für mei­ne Mut­ter wich­tig war. Sobald wir das Lokal betra­ten, wo “unse­re Cli­que” meis­tens schon an einem gro­ßen Tisch Platz genom­men hat­te, ver­lor mei­ne Mut­ter mich aus den Augen.

Sie setz­te sich nie neben mich, und wenn ich es ein­mal schaff­te, den Platz neben ihr zu ergat­tern, zwäng­te sich frü­her oder spä­ter ein Mann zwi­schen uns. Mei­ne Mut­ter hat­te kein Inter­es­se mehr dar­an, mit mir ein Gespräch zu füh­ren, denn sie ver­wan­del­te sich: jeder konn­te sehen, dass sie kei­ne Haus­frau und Mut­ter war, und schon gar kei­ne Ehe­frau. Sie fun­kel­te, sprüh­te, genoss die Auf­merk­sam­keit, hat­te plötz­lich poli­ti­sche Posi­tio­nen und stimm­te allem Fort­schritt­li­chen zu.

Ich durf­te nicht stö­ren. Ich muss­te die­se Knei­pen­zeit allei­ne durch­ste­hen. Manch­mal konn­te ich etwas Inter­es­san­tes auf­schnap­pen — wenn es um Bücher ging, um Frei­heit, Revo­lu­ti­on, die eige­nen Ket­ten spren­gen — aber meis­tens war es lang­wei­lig. Und gefähr­lich. Es gab Alko­hol, so viel wie ich woll­te; ich muss­te selbst auf­pas­sen, nicht zu viel davon zu trin­ken. Ohne Alko­hol konn­te ich die Situa­ti­on nicht ertra­gen, wenn ich zu viel trank, wur­de mir übel.

Und es gab Män­ner­kör­per, die sich an mich dräng­ten, Hän­de, die ich auf­hal­ten muss­te, Küs­se, denen ich aus­zu­wei­chen ver­such­te. Es war wie mit dem Alko­hol: ein biss­chen war auf­re­gend, ich genoss die Auf­merk­sam­keit, das Gefühl, erwach­sen zu sein — und dann kipp­te es, all­zu­schnell, und wur­de scheuß­lich, mons­trös, ich ver­lor die Kon­trol­le, fühl­te mich hilflos.

Immer ver­such­te ich, den Kipp­punkt vor­her­zu­se­hen, recht­zei­tig der Situa­ti­on zu ent­kom­men, aber es gelang nie. Aufs Klo zu gehen war noch gefähr­li­cher, denn es war einen lan­gen dunk­len Gang vom Knei­pen­raum ent­fernt. Auf kei­nen Fall durf­te ich die Mut­ter um Hil­fe bit­ten, sie hat­te deut­lich gemacht, dass sie kei­ne Stö­rung wünschte.

Sie war selbst mit die­sen Män­ner­hän­den beschäf­tigt, schien es aber zu genie­ßen, oder auch gar nicht so zu bemer­ken. Es gehör­te dazu zu einem Knei­pen­abend, bei dem die Zeche immer von den Män­ner bezahlt wur­de. Sie bezahl­ten mit Geld; wir bezahl­ten aber auch, mit einer gewis­sen Ver­füg­bar­keit, deren Gren­zen jeden Abend neu aus­ge­han­delt wer­den muss­ten, und mit der Bestä­ti­gung, die wir ihnen gaben. Mei­ne Mut­ter konn­te sich die Geträn­ke nicht leis­ten, sie brauch­te das Haus­halts­geld für Par­fum und Benzin.

Eines Tages ver­trau­te ich mei­ner Mut­ter an: “Mama, ich hab Angst, dass ich Alko­ho­li­ke­rin wer­de, wenn ich so wei­ter trin­ke.” Noch mehr Angst hat­te ich, dass die­se Aus­sa­ge sie ver­är­gern wür­de. Aber sie sah mich ganz freund­lich an und sag­te: “Dann trinkst halt nicht so viel.” “Ja”, sag­te ich, und: “Dan­ke”, obwohl ihr Rat reich­lich nutz­los war. Denn was soll­te ich sonst tun, an die­sen Knei­pen­aben­den? Mein Dank galt eher dem Umstand, dass sie mich nicht für mei­ne Schwä­che ver­ach­te­te. Aber ich wuss­te auch, dass ich sie nie wie­der mit die­sem Pro­blem kon­fron­tie­ren wür­de. Und am bes­ten auch mit kei­nem anderen.

Ich muss­te allei­ne klar kom­men; und das konn­te ich auch. Ich ent­wi­ckel­te Tricks, tauch­te unterm Tisch weg oder trank ein­fach mehr, dann war alles nicht so schlimm. Auf kei­nen Fall durf­te ich spie­ßig wir­ken; ich wuss­te, was das zur Fol­ge haben konnte.

Abspal­tung vom eige­nen Kör­per ist eine Vor­aus­set­zung dafür, ande­ren Hil­fe zu ver­wei­gern. Sich selbst nicht spü­ren, die Ängs­te der Kind­heit, die Hilf­lo­sig­keit, das Aus­ge­lie­fert­sein. Mit Kon­trol­le über Äußer­lich­kei­ten kön­nen wir die­sen Kind­heits­ängs­ten aus­wei­chen. Nie­mand ist von Geburt an “kon­trol­lig”; es ist eine Ver­hal­tens­wei­se, die wir ent­wi­ckeln als Reak­ti­on auf Unsi­cher­hei­ten in der Kind­heit. Wir suchen Halt in vor­ge­ge­be­nen Pfa­den, in Alarm­an­la­gen und Sicher­heits­vor­keh­run­gen. Wäh­rend wir für unse­re Sicher­heit in ers­ter Linie unse­re Wahr­neh­mung bräuch­ten, ist uns der Zugang zu die­ser oft blockiert.

Wenn unse­re Eltern uns ange­schrien, ange­schwie­gen, ver­prü­gelt oder ver­las­sen haben, hat das star­ke Gefüh­le bei uns aus­ge­löst, eben­so wie die Erfah­rung, mit kind­li­chen Grund­be­dürf­nis­sen — lang­sam, ver­spielt, schüch­tern, ärger­lich oder trau­rig sein dür­fen — abge­lehnt zu wer­den. Die Ängs­te, die Wut und die Trau­rig­keit, die wir damals ver­spürt haben, sind so unan­ge­nehm und so ver­un­si­chernd, dass wir vie­les dafür tun, sie nicht wahrzunehmen.

War­um machen Eltern so etwas mit ihren Kin­dern? War mei­ne Mut­ter ein Mons­ter, eine Fehl­ent­wick­lung der Natur? Nein, im Gegen­teil, sie tat ihr Bes­tes. Allen, die sich über die­se Aus­sa­ge wun­dern, sei gesagt, dass ich ja die Geschich­te mei­ner Mut­ter nicht erzählt habe. Vie­les im Leben eines Men­schen kann nur im Kon­text ver­stan­den werden.

Alle Men­schen lie­ben ihre Kin­der und tun alles, um sie zu beschüt­zen. Wäh­rend die Lie­be bio­lo­gisch ange­legt ist — sonst hät­ten wir als so ver­letz­li­che Spe­zi­es nicht über­le­ben kön­nen — ist das Tun etwas, das gelernt wer­den muss. Das Ver­hal­ten wird in der Regel von den Eltern gelernt und bei den eige­nen Kin­der ange­wen­det, auch wenn es nicht hilf­reich oder sogar schäd­lich für uns war. Wenn sie nicht vor­her reflek­tiert und ver­än­dert wer­den, wer­den die Mus­ter wei­ter gegeben.

Als mei­ne Mut­ter gebo­ren wur­de, trau­er­ten ihre Eltern noch um den kurz davor ver­stor­be­nen Sohn, den sie nie erset­zen konn­te. Sie blieb das ein­zi­ge Kind. Als sie ein hal­bes Jahr alt war, wur­de Öster­reich besetzt, die Natio­nal­so­zia­lis­ten mar­schier­ten ein. Für mei­nen Groß­va­ter, der 4 Jah­re zuvor in die sozia­lis­ti­sche Par­tei ein­ge­tre­ten war, ein bestür­zen­des Ereig­nis. Zum Kämp­fen wur­de er zwar zunächst für zu alt befun­den, aber als Maschin­schreib-Kun­di­ger wur­de er in ver­schie­de­nen mili­tä­ri­schen Büros fern der Fami­lie ein­ge­setzt. Spä­ter wur­de er dann doch noch ein­ge­zo­gen und geriet in rus­si­sche Kriegsgefangenschaft.

Mei­ne Mut­ter hat­te die ers­ten sie­ben Jah­re ihres Lebens weit­ge­hend vater­los erlebt. Eines Tages stand ein frem­der Mann vor der Tür, sie schrie und ver­steck­te sich, und emp­fand es als Ver­rat, als ihre Mut­ter ihn umarm­te und an sich drück­te wie das Wich­tigs­te auf der Welt. Und das war er auch. Ihre Toch­ter rutsch­te unwei­ger­lich auf den zwei­ten Platz.

In mei­nem Vater bekämpf­te mei­ne Mut­ter ihren eige­nen Vater, und in der Bevor­zu­gung mei­nes Bru­ders gab sie das wei­ter, was sie am eige­nen Leib erfah­ren hat­te. Sie hat­te sich 10 Jah­re lang, bis sie 17 war, das Schlaf­zim­mer mit ihren Eltern geteilt, denn jeder Gro­schen wur­de für Bau­ma­te­ria­li­en aus­ge­ge­ben, und jedes Wochen­en­de wur­de am Haus gebaut.

Die­sen engen finan­zi­el­len Ver­hält­nis­sen ver­such­te sie durch Hei­rat zu ent­kom­men. Dass die Wahl auf mei­nen Vater fiel, war wahr­schein­lich auch Pro­test; mein athe­is­ti­scher Groß­va­ter war ent­setzt, als sie den Sohn eines Sozia­lis­ten­freun­des ablehn­te und statt­des­sen einen sehr gläu­bi­gen Katho­li­ken hei­ra­te­te, der gera­de dabei war, eine Fabrik zu grün­den. Zu spät bemerk­te mei­ne Mut­ter, dass mehr Geld ihr nicht zu mehr Frei­heit ver­half. Dass sie gar kei­ne Kin­der woll­te. Dass sie in der Fal­le saß.

Eines Nach­mit­tags rief mich mei­ne Mut­ter, ich kam aus mei­nem Zim­mer und schau­te die Trep­pe hin­un­ter: da stand sie und klim­per­te mit den Auto­schlüs­seln, sodass ich wuss­te, dass es wie­der so weit war. Plötz­lich pack­te mich etwas, eine Macht, mir ekel­te und ich konn­te mich nicht mehr rüh­ren. Nein, dach­te ich, dies­mal nicht. Und dann fiel mir die ret­ten­de Aus­re­de ein: “Ich kom­me nicht mit. Ich muss noch Haus­auf­ga­ben machen.” Schon wäh­rend ich es sag­te, mei­ne dün­ne Stim­me hör­te, wuss­te ich, dass ich einen Feh­ler gemacht hat­te. Einen wesent­li­chen Fehler.

Mei­ne Füße setz­ten sich in Bewe­gung, ich ging die Trep­pe hin­un­ter, auf mei­ne Mut­ter zu, deren Blick mir die Keh­le zuschnür­te und mich auf einen Wunsch, ein Begeh­ren redu­zier­te: es soll­te auf­hö­ren. Es war der­sel­be ver­ächt­li­che Blick, den sonst nur mein Vater abbe­kam. Plötz­lich war ich auf der ande­ren Sei­te. Ich krümm­te mich. Mei­ne Mut­ter wand­te sich ab: “Dann fah­re ich eben allei­ne.” “Nein, war­te! Ich kom­me mit!” Ich rann­te das letz­te Stück. Mei­ne Mut­ter war schon an der Tür: “Viel­leicht soll­te ich dich dies­mal hier las­sen.” “Bit­te, nimm mich mit!” Ich konn­te es nicht aus­hal­ten, aus ihrer Gunst zu fallen.

Es wur­de nie mehr so wie vor­her. Die­ser eine Moment, in dem ich mein Bedürf­nis gespürt hat­te, zu Hau­se zu blei­ben, und ihr das gesagt hat­te, ver­än­der­te alles. Es war deut­lich gewor­den, dass ich etwas ande­res woll­te, und nur ihr zulie­be mit­ging. Und das durf­te nicht sein. Mei­ne Mut­ter konn­te nicht mehr die Illu­si­on auf­recht­erhal­ten, dass ich mit woll­te. Sie konn­te nicht mehr auf mich zählen.

Ich nahm mir vor, dass mir so etwas nie mehr pas­sie­ren durf­te. Aber ein paar Wochen spä­ter pas­sier­te es wie­der, dies­mal in der Knei­pe. Als mir der Wirt das drit­te Glas Bier hin­stell­te, mit der Bemer­kung: “Na, du lässt dich ja heu­te ganz schön voll­lau­fen”, da pack­te mich die Wut, ich sprang auf und ging ihm an die Kehle.

Sein über­rasch­ter Schrei, das Klir­ren der Glä­ser, die vom Tablett gerutscht waren, der Tumult, die Bier­pfüt­zen — ich war in einem Macht­rausch. Ich hat­te das alles gemacht. Ich hat­te sie ver­blüfft. Die Frei­heit, von der in der Cli­que immer alle spra­chen, ich hat­te sie mir genommen!

Es dau­er­te nur einen Moment lang. Dann box­te mich der Wirt so hart gegen die Brust, dass ich tau­mel­te und auf der Bank auf­schlug. Alle küm­mer­ten sich um das Cha­os, nie­mand sprach mit mir. So eine Frei­heit hat­ten sie nie gemeint. Und ich wuss­te, dass ich jetzt end­gül­tig alles ver­dor­ben hatte.

Mei­ne Mut­ter saß die gan­ze Zeit abge­wandt und unter­hielt sich mit ihrem dama­li­gen Lieb­ling, so als ob sie das alles gar nichts ange­hen wür­de. Und dann, als jemand gewischt hat­te und die Scher­ben ein­ge­sam­melt waren und einer der Män­ner ver­kün­det hat­te, er wer­de den Scha­den bezah­len, da stand sie auf, sag­te: “Dan­ke euch” in die Run­de und ging.

Ich stol­per­te hin­ter­her. Wir fuh­ren schwei­gend. Erst als sie den Motor abge­stellt hat­te, kurz vorm Aus­stei­gen, sag­te sie: “Für wen hältst du dich eigent­lich.” Die­se Fra­ge ver­folg­te mich, als ich allei­ne in mei­nem Zim­mer war.

Ich bereu­te es, den Wirt ange­grif­fen zu haben. Ich ver­stand es auch nicht. Ich hat­te mei­ne Hän­de an sei­ner Keh­le, ich woll­te zudrü­cken; dabei hat­te er ja gar nichts Schlim­mes gesagt. Woher kam die­se Wut? War­um war ich nicht ein­fach sit­zen geblie­ben, wie sonst auch? Mei­ne Mut­ter hat­te doch schon so vie­le Sorgen.

Damals war es sehr quä­lend für mich, aus der Gunst mei­ner Mut­ter zu fal­len. Heu­te bin ich froh dar­um, dass ich die Situa­ti­on nicht län­ger ertra­gen habe. Sicher, wenn ich an ihrer Sei­te geblie­ben wäre, hät­te ich ihre Ver­ach­tung nicht spü­ren müs­sen, wäre nicht selbst zur Außen­sei­te­rin in der Fami­lie gewor­den, sie hät­te mir nicht das Erbe ent­zo­gen. Aber für die­se Gunst hät­te ich lebens­lang schwei­gen müs­sen. Mei­ne Wut nicht spü­ren dür­fen, mei­nen Ekel nicht, und auch nicht mei­ne Ohnmacht.

Als ich einer Freun­din etwas von der Geschich­te mei­ner Mut­ter erzähl­te, frag­te sie mich anschlie­ßend: “Und, ver­stehst du dei­ne Mut­ter jetzt bes­ser, oder willst du immer noch kei­nen Kon­takt mit ihr?” Die Fra­ge ver­blüff­te mich; dann ärger­te sie mich. Ich schüt­tel­te den Kopf, konn­te aber nichts dazu sagen, fühl­te mich in die Enge gedrängt und brauch­te eine Wei­le, um mei­ne Gedan­ken zu sortieren.

Das Ver­hal­ten mei­ner Mut­ter als Fol­ge ihrer Lebens­er­eig­nis­se zu sehen, half mir, die Wun­den, die sie mir zuge­fügt hat­te, zu behan­deln und hei­len zu las­sen. Zu erken­nen, dass ihr Ver­hal­ten nicht gegen mich gerich­tet war, son­dern mit ihrer Geschich­te zu tun hat­te, war eine Erleich­te­rung für mich.

Ich ver­spür­te aber des­halb kein Bedürf­nis danach, mit ihr Kon­takt auf­zu­neh­men. Zum einen war der Kon­takt­ab­bruch von ihr aus­ge­gan­gen. Sie hat­te unser letz­tes Tele­fo­nat abge­bro­chen und danach nie mehr nach Kon­takt gesucht. Zum ande­ren war Ver­ständ­nis für mei­ne Mut­ter etwas, das mei­ne gan­ze Kind­heit bestimmt hat­te. Wenn ich Kon­takt zu ihr auf­ge­nom­men hät­te, dann, um aus die­ser Rol­le aus­zu­stei­gen und Ver­ständ­nis für mei­ne dama­li­ge Situa­ti­on zu ver­lan­gen. Ich hät­te also Ver­än­de­rung von ihr gefor­dert; und damit war ich schon vor dem Kon­takt­ab­bruch mehr­mals gescheitert.

Bei die­sen frü­he­ren Ver­su­chen wies mei­ne Mut­ter mich ab. In mei­ner Kind­heit wäre doch alles okay gewe­sen. Wie beim offi­zi­el­len Nar­ra­tiv von Isra­el bestand mei­ne Mut­ter dar­auf, das ein­zi­ge Opfer zu sein. Sie woll­te kei­ne Ver­ant­wor­tung für ihr Ver­hal­ten über­neh­men, und vor allem woll­te sie mich und mei­ne Bedürf­nis­se wei­ter­hin igno­rie­ren. Ich hat­te in ihren Augen kein Recht auf die­se Bedürfnisse.

Sie akzep­tier­te mich nur, wenn ich mich, wie frü­her, ver­leug­ne­te. Ich hin­ge­gen war froh, end­lich wahr­neh­men zu kön­nen, wie es mir wirk­lich gegan­gen war, und woll­te die­sen Schatz nicht wie­der her­ge­ben. Des­halb litt ich zwar einer­seits dar­un­ter, kei­nen Kon­takt zu mei­ner Mut­ter zu haben, war aber ande­rer­seits sehr froh dar­über, nicht mehr ihr Opfer zu sein.

Alle Eltern lie­ben ihre Kin­der. Alle. Nur haben sie oft selbst nicht gelernt, die­se Lie­be aus­zu­drü­cken, umzu­set­zen. Auch wenn sie nicht schuld dar­an sind, so sind sie doch ver­ant­wort­lich für das, was sie in ihren Kin­dern ange­rich­tet haben. Sie sind ver­ant­wort­lich dafür, dem Auf­merk­sam­keit zu wid­men, und sie müs­sen mit den Kon­se­quen­zen leben. Bevor es Ver­söh­nung gibt, braucht es Raum für das, was jeman­dem ange­tan wurde.

Im Febru­ar 24 sag­te eine Freun­din zu einem Text von mir, er wür­de ihr sehr gut gefal­len, aber da ich über Anti­se­mi­tis­mus schrieb, müss­te unbe­dingt auch der 7.Oktober vor­kom­men. Es war ein Text über die poli­ti­sche Situa­ti­on in Deutsch­land; in einem Absatz schrieb ich auch über deut­schen Anti­se­mi­tis­mus, der weit­ge­hend unge­hin­dert droht und tötet, wäh­rend die Schuld nur bei den Frem­den gesucht wird. Ich ant­wor­te­te, dass ich zum 7.Oktober einen ganz eige­nen Text schrei­ben müsste.

Mei­ne Freun­din bestand dar­auf, dass es in die­sem Text sein müs­se. Sie reagier­te mit einer Hef­tig­keit, die ich sonst nicht von ihr kann­te. Ich fühl­te mich in die Enge gedrängt, und gab schließ­lich nach. Auf den neu­en Text reagier­te sie empört: “Nur drei Zei­len über so ein grau­sa­mes Mas­sa­ker! Da musst du schon mehr zu schrei­ben.” Der gan­ze Absatz hat­te ursprüng­lich noch nicht ein­mal 10 Zei­len gehabt; ihr Vor­wurf erschien absurd.

Was pas­sier­te da eigent­lich? Wie immer gab es eine Vor­ge­schich­te. Wir hat­ten bis dahin nicht über den 7. Okto­ber gespro­chen. Kein Wort dazu, und auch nicht zu dem, was danach in Gaza pas­sier­te. Wir spra­chen nicht immer über alle poli­ti­schen Ereig­nis­se, tausch­ten uns aber immer wie­der ein­mal dar­über aus. Dies­mal hat­te ich das Spre­chen bewusst ver­mie­den. Ich hat­te Angst, dass wir ver­schie­de­ner Mei­nung sein wür­den. Genau­er gesagt, hat­te ich Angst davor, dass wir uns bei einem Gespräch auf gegen­über­lie­gen­den Sei­ten eines Abgrunds wie­der­fin­den wür­den. Lei­der lag ich mit mei­ner Befürch­tung nicht falsch.

Damals gab es schon 20.000 getö­te­te Palästinenser*innen, die Geno­zid Absich­ten waren von meh­re­ren israe­li­schen Politiker*innen pro­kla­miert wor­den; trotz­dem blieb der 7. Okto­ber für vie­le Lin­ke der wich­tigs­te Refe­renz­punkt. Die israe­li­schen Mas­sa­ker wur­den von ihnen als legi­ti­me Reak­ti­on erach­tet, und außer­dem auch nicht als Mas­sa­ker bezeich­net, son­dern als Mili­tär­ope­ra­ti­on, was irgend­wie sau­be­rer klang und prä­zi­ser, auch wenn es genau­so blu­tig war und wahl­los Zivil­be­völ­ke­rung traf.

Nach eini­gen Dis­kus­sio­nen beließ ich den Text in sei­ner ursprüng­li­chen Form, füg­te aber “stan­ding tog­e­ther” ein, als Hal­tung und mit einem Hin­weis auf die israe­li­sche Grup­pe “Stan­ding Tog­e­ther”, einer Bewe­gung von jüdi­schen und paläs­ti­nen­si­schen Aktivist*innen gemein­sam für Frie­den, Gleich­heit und sozia­le Gerech­tig­keit, die die sofor­ti­ge Frei­las­sung der israe­li­schen Gei­seln for­der­te, sowie die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung in Gaza und einen Stopp der Bombardierungen.

Gro­ße Unzu­frie­den­heit bei mei­ner Freun­din. Ich den­ke im Nach­hin­ein, dass es viel­leicht auch die zwei­te Hälf­te des Absat­zes war, die ihr zu schaf­fen mach­te: “Die deut­schen Ver­bre­chen von vor 80 Jah­ren hin­dern uns selt­sa­mer­wei­se dar­an, uns heut­zu­ta­ge für Frie­den und Men­schen­rech­te aus­zu­spre­chen. Und die wich­tigs­te Leh­re, die vie­le Deut­sche aus der Geschich­te zie­hen, ist: Wir waren damals ein­ma­lig im Ver­nich­ten, nie­mand darf sich mit uns ver­glei­chen.” Die­se Sät­ze mach­te sie aber nicht zum Thema.

In unse­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen über die Situa­ti­on in Isra­el Paläs­ti­na, haupt­säch­lich über Sprach­nach­rich­ten geführt, konn­ten wir uns auf nichts wirk­lich eini­gen. Wir gerie­ten immer wie­der anein­an­der. Ich trau­te mich nicht mehr, ihre Nach­rich­ten abends abzu­hö­ren, weil sie mich so mit­nah­men und Schlaf­stö­run­gen bei mir aus­lös­ten. Ihr ging es ähn­lich, wes­halb wir ver­such­ten, vom The­ma weg zu kom­men, was uns auch immer wie­der für Wochen oder Mona­te gelang.

Im Zuge die­ser Aus­ein­an­der­set­zun­gen begann ich zu lesen, mich immer bes­ser zu infor­mie­ren und schließ­lich für Paläs­ti­na zu enga­gie­ren. Denn ich war bestürzt dar­über, zu erfah­ren, was alles unter mei­nem Radar geblie­ben war. Die anhal­ten­den Unge­rech­tig­kei­ten, Demü­ti­gun­gen, Ein­schrän­kun­gen in allen Lebens­be­rei­chen, die zahl­rei­chen Ver­trei­bun­gen, Über­grif­fe und Mas­sa­ker, die Palästinenser*innen seit 1948 erdul­den muss­ten und erdul­det hat­ten — war­um war das nicht mehr The­ma gewe­sen, in den lin­ken Krei­sen, in denen ich mich bewegt hat­te? Und war­um hat­te ich so wenig davon wahrgenommen?

Vor allem wur­de und wird Palästinenser*innen nicht nur die Rück­kehr ver­wehrt, son­dern auch das Ankom­men in einem ande­ren Land, weil sie anders als alle ande­ren Men­schen in ihrer Situa­ti­on kei­nen Flücht­lings­sta­tus aner­kannt bekom­men. Und anders als ande­re unter­drück­te Völ­ker, die sich wenigs­tens der Unter­stüt­zung von Lin­ken sicher sein kön­nen, gibt es bei Palästinenser*innen das gro­ße Hin­der­nis, dass die Aner­ken­nung ihrer Unter­drü­ckung bedeu­ten wür­de, Isra­el nicht nur zu kri­ti­sie­ren, son­dern auch For­de­run­gen zu stel­len. Und gegen Isra­el zu demons­trie­ren ist für vie­le Lin­ke im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes ein No-go.

Auch ich habe es nicht getan, habe immer wie­der weg geguckt, und habe damit unbe­wusst ver­mie­den, Freund*innen zu ver­lie­ren und mich einem sehr frus­trie­ren­den Kampf anzu­schlie­ßen. Wie ein­sam müs­sen sich Palästinenser*innen fühlen!

Mein Vater war Aus­län­der. Ein Migrant zwei­ter Gene­ra­ti­on, der nie Öster­rei­cher wer­den woll­te, wes­halb auch mei­ne Mut­ter und wir Kin­der die ita­lie­ni­sche Staats­bür­ger­schaft beka­men. Ein wei­te­rer Schlag gegen mei­nen Groß­va­ter, der zwar mit einem ita­lie­ni­schen Freund im Sprach Aus­tausch flie­ßend ita­lie­nisch gelernt hat­te und Ita­li­en lieb­te, der aber auch sehr stolz auf das sozia­lis­ti­sche Öster­reich war, und mei­nen Vater zur Annah­me der öster­rei­chi­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit über­re­den wollte.

War­um, das weiß ich nicht. Über bestimm­te Din­ge rede­te er nicht. In der Fami­lie nicht, und viel­leicht auch mit sonst nie­man­dem. Er hat­te kei­ne Freun­de. Zumin­dest weiß ich von kei­nen. Sei­ne Eltern star­ben früh, sei­ne Schwes­ter auch, der Schwa­ger zog mit den Kin­dern weg, es gab kei­nen Kon­takt mehr zu ihnen.

Ich ver­mu­te, auf­grund von Berich­ten von ande­ren Italiener*innen zu die­ser Zeit, dass mein Vater Ras­sis­mus erfah­ren hat. Im Dorf waren wir die ein­zi­gen Italiener*innen; mir war es aller­dings nicht anzu­se­hen. Wenn über ande­re Ausländer*innen, aus Jugo­sla­wi­en oder Ungarn, ver­ächt­lich gespro­chen wur­de, fühl­te ich mich unwohl und vage mit­ge­meint, die Aus­sa­gen rich­te­ten sich jedoch nicht direkt gegen mich. Und viel­leicht hat­te es mit mei­ner Her­kunft zu tun, dass nie­mand mit mir befreun­det sein woll­te? Ich fühl­te mich jeden­falls fremd im Dorf, aber ob ich von ande­ren auch als Frem­de wahr­ge­nom­men wur­de, weiß ich nicht.

Die, die uns dis­kri­mi­nie­ren, haben die Mög­lich­keit, uns das nicht direkt zu sagen, es uns aber spü­ren zu las­sen. Und wir wer­den nie wis­sen, wor­an es liegt, dass wir nicht mit der glei­chen Leich­tig­keit Kon­tak­te haben kön­nen wie ande­re. Das belässt uns in einem Zustand der per­ma­nen­ten Unsi­cher­heit, und oft ver­mu­ten wir, dass es unse­re Schuld ist, dass auf uns anders reagiert wird als auf ande­re Menschen.

Ein Bekann­ter kri­ti­siert mei­ne Paläs­ti­na Soli­da­ri­tät. Ich sol­le mich da nicht so rein­hän­gen, weil der Kon­flikt nichts beson­de­res wäre. Als ich ihn auf eini­ge Beson­der­hei­ten hin­wei­se, zum Bei­spiel dass in Gaza sämt­li­che Kran­ken­häu­ser gezielt bom­bar­diert und zum größ­ten Teil auch ver­wüs­tet wor­den sind, ant­wor­tet er mit dem irri­tie­ren­den Argu­ment: “Im Sudan gibt es gar kei­ne Krankenhäuser!”

Der gefor­der­te Boy­kott von israe­li­schen Künstler*innen erin­nert ihn an Bücher­ver­bren­nun­gen. Als ich ihn auf die tat­säch­li­chen Bücher­ver­bren­nun­gen und Kunst-Aus­lö­schun­gen von der israe­li­schen Armee durch geziel­ten Beschuss von Biblio­the­ken, Uni­ver­si­tä­ten, Schu­len und Kunst­räu­men auf­merk­sam mache, schreibt er statt­des­sen, am 7. Okto­ber hät­te die Hamas anti­frei­heit­li­che Gewalt aus­ge­übt, gegen das Festival.

Dem konn­te ich zustim­men, wies ihn aber auch auf die anti­frei­heit­li­che Gewalt in sehr viel grö­ße­rem Aus­maß hin, die Isra­el seit Jahr­zehn­ten mit der Besat­zung aus­übt. Der Bekann­te ist gut infor­miert. Er weiß das. Es spielt aber kei­ne Rol­le für ihn. Der 7. Okto­ber hat in sei­nen Augen, so scheint es, alle ande­ren Unge­rech­tig­kei­ten getilgt.

In sei­nen lan­gen Mails schreibt er viel vom Leid der jüdi­schen com­mu­ni­ty; er befragt mich zum 7. Okto­ber, zum Holo­caust, zur Ver­fol­gung von jüdi­schen Men­schen. Weil er mit mei­nen Ant­wor­ten zufrie­den ist, stellt er erleich­tert fest, dass wir ja doch zu gro­ßen Tei­len in unse­ren Mei­nun­gen über­ein­stim­men wür­den. “Beim jüdi­schen Leid stim­men wir über­ein”, schrei­be ich ihm, “aber das paläs­ti­nen­si­sche Leid kommt bei dir gar nicht vor.” Das war ihm noch nicht auf­ge­fal­len; er wider­spricht auch, er wäre aus­ge­gli­chen: “Sowohl als auch!”

Mit die­ser schein­bar neu­tra­len Hal­tung, die sich ins all­ge­mei­ne Nar­ra­tiv ein­schmiegt, wer­den in einer unglei­chen Situa­ti­on die Stär­ke­ren unter­stützt, und die Schwä­che­ren im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes im Regen ste­hen gelas­sen. Und sie löst eine Blo­cka­de aus: “Ver­hal­te dich nicht!” wird zum mora­li­schen Grundsatz.

Selbst in einer Situa­ti­on, in der Isra­el an der Aus­lö­schung der paläs­ti­nen­si­schen Bevöl­ke­rung arbei­tet, schaf­fen es ansons­ten akti­ve und inte­ge­re Men­schen nicht, gegen Waf­fen­lie­fe­run­gen an Isra­el zu pro­tes­tie­ren und die deut­sche Unter­stüt­zung in Fra­ge zu stel­len. Wenn wohl­ge­nähr­te, hoch­ge­rüs­te­te Men­schen regel­mä­ßig Hun­gern­de erschie­ßen, Hilfs­lie­fe­run­gen blo­ckie­ren, Häu­ser zer­stö­ren, Land­g­rab­bing prak­ti­zie­ren, fin­den das vie­le zwar schreck­lich und bedau­er­lich, aber es gibt tau­sen­der­lei Recht­fer­ti­gun­gen dafür. Die belieb­tes­te: die Ver­bre­chen, die Isra­el begeht, sind gar kei­ne. Es sind Maß­nah­men, die not­wen­dig sind, um sich selbst vor Ver­bre­chen zu schützen.

“Fahr doch nach Gaza!”, rief mir jemand bei der Mahn­wa­che zu, “da wirst du gleich von der Hamas erschos­sen!” Wenn ich das auch nicht aus­schlie­ßen wür­de, so wäre es doch viel wahr­schein­li­cher, dass ich von der israe­li­schen Armee erschos­sen wer­den wür­de, wie das inter­na­tio­na­len Helfer*innen schon pas­siert ist. Obwohl bekannt ist, dass die Teilnehmer*innen der Sumud Flot­il­la — Men­schen auf Boo­ten mit Nah­rungs­mit­teln und Medi­ka­men­ten an Bord — vom IDF (Israe­li Defence Force) gefan­gen genom­men und gefol­tert wur­den, wird immer noch die Hamas als viel gefähr­li­cher angesehen.

Die­se Ver­dre­hun­gen und Umdeu­tun­gen, die Täter*innen-Opfer-Umkehr ist nichts Neu­es, ist fes­ter Bestand­teil von Poli­tik und fake news. Neu und in der Band­brei­te auch ein­zig­ar­tig ist, dass sich ein Groß­teil der Lin­ken auf die Sei­te der Mäch­ti­gen stellt. So vie­le intel­li­gen­te und kri­tisch den­ken­de Men­schen, die aber nicht in der Lage sind, sich ent­schie­den gegen Anti­se­mi­tis­mus zu stel­len und gleich­zei­tig für Men­schen­rech­te für Palästinenser*innen ein­zu­tre­ten und gegen den auch 2026 noch andau­ern­den Genozid.

Eine Freun­din schrieb mir: “War­um lässt du nicht mal locker bei dem The­ma?” Bis dahin war poli­ti­sches Enga­ge­ment immer etwas Posi­ti­ves für sie gewe­sen. Als ich bei­spiels­wei­se eine Akti­on gestar­tet hat­te, die auf das bewuss­te Ertrin­ken-Las­sen von tau­sen­den Men­schen im Mit­tel­meer auf­merk­sam machen soll­te, hat sie selbst­ver­ständ­lich mit­ge­macht, und wir haben bei unse­ren Tref­fen immer wie­der mal dar­über gere­det. Nie wäre sie auf den Gedan­ken gekom­men, zu sagen: ““Lass doch mal locker bei dem The­ma”. Das wäre ihr sicher absurd vorgekommen.

Bei unse­rem Tref­fen nach 25 Jah­ren Kon­takt­lo­sig­keit sag­te mein Bru­der zu mir: “Sicher war nicht alles per­fekt in unse­rer Kind­heit. Aber wir hat­ten es doch meis­tens gut. Wir sind noch nicht ein­mal geschla­gen wor­den.” Und dann erzähl­te er mir von einem Mit­schü­ler, der auf sei­nen Armen und Bei­nen die Brand­spu­ren von einem Bügel­eisen trug. Die­ses bru­ta­le Bild soll­te mich davon abhal­ten, mich über mei­ne Kind­heit zu beschwe­ren. Das war, nach­dem ich ihm geschrie­ben hat­te, dass ich sexua­li­sier­ter Gewalt aus­ge­setzt war. Ich fühl­te mich niedergebügelt.

Er sag­te auch: “Die Mama hat­te es doch auch schwer.” Zwei­fels­oh­ne. Aber berech­tigt sie das, mich schlecht zu behan­deln? Und dann so zu tun, als wäre nichts gewe­sen? Die­ser Argu­men­ta­ti­on zufol­ge hät­te ich dann wie­der auf­grund mei­ner schwie­ri­gen Kind­heit mei­ne Kin­der schlecht behan­deln kön­nen, ohne Ver­ant­wor­tung dafür zu über­neh­men und so wei­ter. Kei­ne Gene­ra­ti­on dürf­te Ansprü­che auf eige­ne Ver­letzt­heit anmel­den und Gesprä­che dar­über ein­for­dern, son­dern hät­te nur die Mög­lich­keit, die Gewalt wei­ter­zu­ge­ben, an die eige­nen Kin­der oder ande­re Men­schen, die sich das gefal­len las­sen. Was für eine frus­trie­ren­de Aussicht!

Die­ses fata­le Wei­ter­ge­ben statt Auf­ar­bei­ten erin­nert sehr an die aktu­el­le Situa­ti­on in Deutsch­land. Bei vie­len scheint das Fazit der Holo­caust Auf­ar­bei­tung nicht zu sein: Das darf nie wie­der pas­sie­ren! Son­dern: Das darf den jüdi­schen Men­schen nie wie­der pas­sie­ren! Und: Da das jüdi­sche Volk einen Geno­zid erlebt hat, darf es jetzt auch einen durchführen.

War­um kom­men die Deut­schen immer zu spät, wenn es dar­um geht, einen Völ­ker­mord zu ver­hin­dern? So vie­le hät­ten lie­bend ger­ne den Holo­caust gestoppt, waren aber damals noch nicht gebo­ren oder zu klein dafür. Jetzt gäbe es wie­der die Gele­gen­heit, Deutsch­land von der Unter­stüt­zung eines Völ­ker­mords abzu­hal­ten, aber vie­le ver­pas­sen die­se Gele­gen­heit. Frei­lich ist es unbe­quem, sich gegen das vor­herr­schen­de Nar­ra­tiv zu stel­len, und es besteht nur eine gerin­ge Chan­ce, irgend­wann als Held*in gese­hen zu wer­den. Des­halb wird lie­ber über den Holo­caust gere­det, wo im Nach­hin­ein die Gut-Böse-Zuord­nung ein­deu­tig ist.

Eini­ge Zeit nach dem Vor­fall in der Knei­pe zog mei­ne Mut­ter ins Erd­ge­schoss; in die Woh­nung, in der mei­ne Groß­el­tern väter­li­cher­seits frü­her gewohnt hat­ten. Sie war ein­fach weg; nichts mehr zum Beschüt­zen, kei­ne Lie­be mehr zu errin­gen. Ich war erleich­tert, nicht mehr in die Knei­pe zu müs­sen, aber ich ver­miss­te die­se Aben­de auch. Sogar die Män­ner, die schließ­lich unse­re Freun­de waren, unse­re Cli­que, wie mei­ne Mut­ter sie nann­te, ver­miss­te ich. Ich fühl­te mich gede­mü­tigt, und wuss­te nicht, war­um. Hun­ger nag­te an mir, ich war nie­der­ge­schla­gen, als hät­te ich eine Schlacht ver­lo­ren. Ich ver­stand nicht, was in mir vor­ging. Ich war eine selt­sa­me Per­son, inkon­se­quent und wankelmütig.

Erst viel spä­ter habe ich begrif­fen, dass Lie­be, wenn man sie errin­gen muss, kei­ne Lie­be ist, son­dern Beloh­nung für Wohl­ver­hal­ten. Für Gehor­chen. Das tun, was die ande­re Per­son möchte.

Ich bekam mei­ne Mut­ter tage­lang nicht zu Gesicht. Sie koch­te, wäh­rend wir in der Schu­le waren, und das warm gehal­te­ne Essen, das ich im Herd fand, war das ein­zi­ge Lebens­zei­chen von ihr. Wenn ich bei ihr klin­gel­te, streck­te sie den Kopf zur Tür raus: “Was gibt’s?” Ich muss­te mir einen Grund aus­den­ken, um sie zu besu­chen, und weil mir da nicht so viel ein­fiel, tat ich es selten.

Gut 40 Jah­re spä­ter, sag­te mein 3 Jah­re jün­ge­rer Bru­der zu mir: “Die Mama war immer für mich da.” Sofort war ich eifer­süch­tig. Hat­te er heim­lich Kon­takt zu ihr gehabt? Aber er hat­te doch die Nach­mit­ta­ge, genau wie ich, allei­ne in sei­nem Zim­mer ver­bracht! Hat­te er alles ver­ges­sen? Er war 12 Jah­re alt gewe­sen, als unse­re Mut­ter ins Erd­ge­schoss zog, da muss­te er sich doch dar­an erin­nern kön­nen! “Du meinst, nach­dem wir ins neue Haus gezo­gen waren?”, frag­te ich ihn. Ein war­nen­der Blick traf mich. “Immer”, sag­te er. Die Wut in sei­nen Augen.

Ich erkann­te mich in ihm wie­der. Er war der Beschüt­zer unse­rer Mut­ter, hat­te ihre Lie­be errun­gen und wür­de sie ver­tei­di­gen: gegen mich und gegen sein jün­ge­res Selbst, das neben mir stand, als wir bei unse­rer Mut­ter klin­gel­ten und nicht rein gelas­sen wurden.

Mei­ne Eifer­sucht war ver­schwun­den. Er wuss­te, dass sie nicht für ihn da gewe­sen war. Aber Wahr­heit braucht Reso­nanz. Wenn jemand kei­nen Kon­takt zur Mut­ter hat, reagie­ren vie­le mit Unver­ständ­nis. Eine Mut­ter durf­te kri­ti­siert wer­den, es durf­te über sie gestöhnt wer­den, wie anstren­gend sie war, aber lebens­lang muss­ten wir uns um ihre Lie­be bemü­hen. Vor allem durf­ten wir nicht wütend auf sie sein. Sie war ver­letz­tend, über­grif­fig oder gemein, aber wir muss­ten Ver­ständ­nis für sie haben. Sie war ja schon so alt.

Es gab die­se Ver­söh­nungs­ideen. Ver­zei­he dei­ner Mut­ter und alles wird gut. Mei­ne Mut­ter hat nie um Ver­zei­hung gebeten.

25 Jah­re zuvor erzähl­te ich mei­nem Bru­der, dass und wie mei­ne Mut­ter das Tele­fon­ge­spräch abge­bro­chen hat­te. Damals wuss­te ich noch nicht, dass es das letz­te Gespräch mit ihr sein wür­de. Mein Bru­der mein­te nur, er wüss­te auch nicht, war­um wir uns immer so strei­ten wür­den. Er könn­te bei­de Sei­ten ver­ste­hen, sowohl als auch! Aber er wüss­te nicht, was er dazu sagen sollte.

Ein paar Wochen spä­ter rief er mich an und erzähl­te mir, dass mei­ne Mut­ter das Haus der Groß­el­tern ver­kau­fen woll­te; er wür­de aber ger­ne dar­in woh­nen, um es zu erhal­ten. Ich stimm­te ihm zu. Ich habe ihm gesagt, dass ich das schön fän­de, wenn er dort wohnt, und dass ich dann ja auch mal da sein könn­te. “Ja klar”, sag­te er.

Zu die­sem Zeit­punkt hat­te mei­ne Mut­ter ihm das Haus schon geschenkt. Das erfuhr ich erst nach dem Tod mei­ner Mut­ter, als ich Ein­sicht in die Doku­men­te bekam. Mein Bru­der brauch­te mei­ne Zustim­mung nicht, aber sicher hat er sich bes­ser damit gefühlt. Als er sich im Haus ein­rich­te­te, konn­te er sich berech­tigt füh­len. Viel­leicht hat er gedacht, nach dem Streit mit mei­ner Mut­ter wür­de ich sowie­so nicht mehr kom­men. Oder er hat gar nicht dar­über nach­ge­dacht, wie es unse­re Bezie­hung ver­än­dern wür­de, wenn er die­ses Geschenk annahm.

Ein paar Mona­te nach dem letz­ten Tele­fo­nat mit mei­ner Mut­ter schick­te ich mei­nem Bru­der eine Kar­te aus dem Urlaub, frag­te nach sei­nem Leben. Er schrieb zurück, dass sei­ne Freun­din schwan­ger war. Ich habe mich gefreut. Ich wür­de eine Nich­te haben! Da wuss­te ich noch nicht, dass die­se Bezeich­nung sehr pas­send war, weil ich sie mit­nich­ten ken­nen­ler­nen wür­de. Ich weiß ihren Vor­na­men und ihr Geburts­da­tum, mehr nicht. Noch nicht ein­mal ein Foto habe ich von ihr gesehen.

Ich schrieb den bei­den, dass ich ger­ne nach der Geburt für ein paar Tage zu Besuch kom­men wür­de, um mich irgend­wie nütz­lich zu machen. Ich hat­te wenig Ahnung von Kin­dern und Gebur­ten; und die­se Nicht-Nich­te ist auch die ein­zi­ge geblie­ben. Aber ich wuss­te, dass Unter­stüt­zung not­wen­dig war.

Die Freun­din mei­nes Bru­ders ant­wor­te­te mir, mit einem lan­gen Brief, der freund­lich begann, und in sei­nem Ver­lauf zu einer gründ­li­chen Absa­ge wur­de. Auf den 6 Sei­ten beschrieb sie detail­liert, mit wel­chen Gegen­stän­den die ein­zel­nen Zim­mer im Haus mei­ner Groß­el­tern belegt waren, um am Ende fest­zu­stel­len, dass es lei­der kei­nen Platz für mich gab.

Ich war gekränkt, und außer­dem irri­tiert dar­über, dass mein Bru­der nicht selbst schrieb. Des­we­gen wand­te ich mich direkt an ihn. In sei­ner Ant­wort freu­te er sich nicht über mein Inter­es­se, son­dern warf mit vor, dass ich nur kom­men woll­te, um das Baby zu knud­deln. “So vie­le Leu­te kom­men auf ein­mal”, schrieb er. “Sogar ent­fern­te Bekann­te wol­len das Baby knud­deln. Das Kind braucht aber Ruhe! Und ich muss es beschützen.”

Ich war geschockt, wütend, ent­täuscht. War­um durf­ten ent­fern­te Bekann­te kom­men, ich aber nicht? Mei­nen letz­ten Brief beant­wor­te­te er nicht mehr. Nach die­ser Aus­ein­an­der­set­zung über mei­nen Besuch hat­ten wir kei­nen Kon­takt mehr, 25 Jah­re lang.

Wir waren oft zusam­men bei den Groß­el­tern gewe­sen, mein Bru­der und ich. Jede Feri­en ver­brach­ten wir meh­re­re Wochen dort. Wir hat­ten im sel­ben Zim­mer geschla­fen, im Gar­ten mit­ein­an­der gespielt, und bei Regen in der Küche. Wie hat­te es sich ange­fühlt, in die­ses Haus ein­zu­zie­hen, das vol­ler Erin­ne­run­gen an mich war? Oder erin­ner­te er sich nicht dar­an? Oder ganz anders als ich?

Wir erzäh­len uns unser Leben immer wie­der neu. Es muss zu unse­rer aktu­el­len Rea­li­tät pas­send gemacht wer­den. Eine Per­son, die wir sehr moch­ten, mit der wir uns aber ent­zweit haben, wird in unse­rer Erin­ne­rung auf ein­mal unsym­pa­thisch; ihre Feh­ler und Män­gel ragen aus der tren­nen­den Wand wie Haken, und wir kön­nen unser Miss­fal­len dar­an auf­hän­gen. ‘Wenn ich es recht beden­ke’, sagen wir viel­leicht, ‘war sie schon immer ein biss­chen selt­sam.’ In Wirk­lich­keit sind alle Men­schen selt­sam und feh­ler­haft, und nur unse­re Auf­merk­sam­keit ändert sich; wir rich­ten sie auf das, was uns gefällt oder auf das, womit wir Schwie­rig­kei­ten haben.

“War­um auf ein­mal Paläs­ti­na?”, frag­te mich eine Freun­din. Was im Gaza­strei­fen und im West­jor­dan­land pas­sier­te, und vor allem wie dar­über berich­tet wur­de, schon Mona­te vor dem 7. Okto­ber, hat­te mei­ne Auf­merk­sam­keit dar­auf gelenkt. Das Sche­ma war immer das glei­che: Palästinenser*innen wur­den als Aggres­so­ren benannt und waren am Ende tot; die israe­li­sche Armee muss­te sich ver­tei­di­gen und war immer siegreich.

Bei genaue­rem Hin­se­hen waren die Palästinenser*innen unbe­waff­net, und die Bedro­hung, die von ihnen aus­ging, unklar, vor allem, wenn es sich um Kin­der han­del­te. Die Bericht­erstat­tung war aber ein­deu­tig pro-israe­lisch, und zwar in allen deut­schen Medi­en. Mei­ne ungu­ten Gefüh­le ange­sichts die­ser Arti­kel und mei­ne Ein­schät­zung der Situa­ti­on teil­te ich nicht mit mei­nen Freun­din­nen. Des­halb war mein Enga­ge­ment eine Über­ra­schung für sie.

Ich hat­te Angst, über das zu reden, was ich wahr­nahm. Weil ich für mei­ne Wahr­neh­mung kein Echo fand, kei­ne Bestä­ti­gung. Weil es in fast allen Nach­rich­ten so klang, als sei das Ster­ben von Palästinenser*innen eine not­wen­di­ge Klei­nig­keit ange­sichts des heh­ren Ziels eines geschütz­ten Isra­els. Und als müss­ten wir das Ent­set­zen über die­ses Ster­ben, sofern es über­haupt auf­kam, aus­hal­ten und weg­ste­cken, dort­hin, wohin wir unse­re eige­nen Schmer­zen ja auch zu ste­cken pflegten.

Die Ant­wort auf die Fra­ge “War­um auf ein­mal Paläs­ti­na?” war: “Weil die Palästinenser*innen ent­rech­tet, ent­mensch­licht und im Stich gelas­sen wer­den. Weil die israe­li­sche Regie­rung ganz offen ver­kün­det, die Palästinenser*innen ver­nich­ten zu wol­len, und das dann auch in die Tat umsetzt, und es in Deutsch­land kei­ne nen­nens­wer­te Empö­rung dar­über gibt, in der Regie­rung nicht, in den Par­tei­en und Zei­tun­gen nicht, und bei den Lin­ken auch nicht.”

Es ist nur eine klei­ne Grup­pe von Men­schen, die so reagiert, wie das mei­nem Emp­fin­den nach pas­sie­ren soll­te, bei einem Völ­ker­mord, der von der deut­schen Regie­rung unter­stützt und ermög­licht wird. Im Prin­zip war die Ant­wort also: “Es gibt zwar vie­les, für das ich mich ein­set­zen möch­te. Ich gehe für Paläs­ti­na auf die Stra­ße, weil so vie­le es nicht tun.” Und gut mög­lich, dass mei­ne Freun­din aus mei­ner Ant­wort her­aus gehört hat: “Ich gehe für Paläs­ti­na auf die Stra­ße, weil du es nicht tust.”

Als ich mit ande­ren zusam­men im Park Bil­der auf­häng­te, von Kin­dern, die in Gaza getö­tet wur­den, und mei­ner Freun­din Fotos davon schick­te, fand sie das eine berüh­ren­de Akti­on. Hoff­nungs­voll schick­te ich ihr eine Ein­la­dung zur Namens­le­sung von in Gaza Getö­te­ten; sie reagier­te nicht dar­auf. Und damit war sie nicht allein: Kei­ne ein­zi­ge Bre­mer Zei­tung schrieb über die Akti­on, obwohl wir 48 Stun­den lang auf dem Markt­platz prä­sent waren. Waren 20 Bil­der noch okay, die Namen von 20.000 getö­te­ten Kin­dern, stun­den­lang vor­ge­le­sen, aber zuviel der Anklage?

Die Bom­ben­an­grif­fe von Isra­el — von Anfang an gegen Zivil­be­völ­ke­rung gerich­tet — und das Töten von 10.000en Men­schen recht­fer­tig­te mei­ne Freun­din mit den Wor­ten: “Die Hamas muss weg”. Und auf die Nak­ba ange­spro­chen, die Ver­trei­bung von 750.000 Palästinenser*innen im Zuge der Grün­dung Isra­els, mein­te sie: “Naja, bei jeder Staats­grün­dung gibt es wahr­schein­lich Ver­trei­bun­gen.” Wie kommt eine ansons­ten sehr empa­thi­sche Per­son dazu, sol­che Sät­ze zu sagen?

Vie­le Grup­pen, die gegen Besat­zung kämpf­ten, von Viet­cong bis Roter Armee, sind kri­tik­wür­dig, und ich stim­me mit ihren Wer­ten nicht über­ein; aber unbe­strit­ten bleibt ihr Recht zum Wider­stand gegen Besat­zung. Es ist auch wich­tig, die lan­ge frus­trie­ren­de Geschich­te des gewalt­frei­en Wider­stands von Palästinenser*innen zu ken­nen. So vie­le, die die­sen Weg gegan­gen sind, wur­den gezielt ver­letzt oder getö­tet; und erreicht wur­de dadurch: Nichts. Ich kann kei­nen guten Weg erken­nen, den Palästinenser*innen gehen hät­ten kön­nen, aber nicht gegan­gen sind. Ihnen fehl­te immer die ent­spre­chen­de Unter­stüt­zung, auch und gera­de von deut­schen Linken.

Was mich über­rascht und ver­stört hat, und schließ­lich ver­zwei­feln ließ: dass das Reden dar­über so schwie­rig war mit mei­ner Freun­din, mit der ich doch schon so oft über so vie­les, Poli­ti­sches und Per­sön­li­ches, gespro­chen hat­te. War­um hat­ten all die­se Gesprä­che uns nicht befä­higt, über Isra­el-Paläs­ti­na zu spre­chen? Wahr­schein­lich weil es Über­zeu­gun­gen aus der Ver­gan­gen­heit gab, die wirk­mäch­tig waren. Auf ihrer Sei­te Soli­da­ri­tät mit Isra­el, auf mei­ner Sei­te Sym­pa­thie für paläs­ti­nen­si­schen Widerstand.

Wir haben nicht bewusst dar­über geschwie­gen. Ein gewis­ses Inter­es­se mei­ner Freun­din an Isra­el war mir bekannt, aber sie hat wenig dar­über gespro­chen. Und ich wie­der­um wuss­te vie­les von der Geschich­te nicht, was ich jetzt weiß. Des­halb konn­te ich vie­les über­se­hen. Bis ich es nicht mehr konnte.

Schwei­gen und Ver­mei­dung funk­tio­niert immer nur bis zu einem gewis­sen Punkt. Mit mei­nem erwach­se­nen Bru­der und sei­ner Freun­din waren net­te Nach­mit­ta­ge in ihrer Ein­zim­mer-Woh­nung mög­lich gewe­sen. War­um hat­te ich geschrie­ben, dass ich für ein paar Tage kom­men woll­te? Wahr­schein­lich hat­te ich tat­säch­lich das Gefühl, dass das Haus der Groß­el­tern auch ein biss­chen mir gehör­te. Und sowohl mein Bru­der als auch sei­ne Freun­din woll­ten das unterbinden.

Das letz­te Mal hat­te ich in dem Haus über­nach­tet, als mei­ne Groß­mutter gestürzt war. Ich kam für eine Woche zu ihr, ver­sorg­te sie und orga­ni­sier­te Pfle­ge und Essen auf Rädern für die Zeit nach mei­ner Abfahrt. Mein Bru­der kam jeden Tag nach der Arbeit vor­bei, er aß mit uns, instal­lier­te einen Öltank, damit mei­ne Groß­mutter nicht mehr zum Öl holen in den Kel­ler muss­te, und wir fuh­ren zusam­men ein­kau­fen. Es war sehr nett zu dritt. Die­ses Gefühl ist mir geblieben.

Über den Zustand des Hau­ses war ich ent­setzt. Es war sehr schmut­zig, das Bade­zim­mer ver­schim­melt, die Klei­dung mei­ner Groß­mutter hat­te Fle­cken und Löcher, sie hat­te nichts Neu­es. Als mei­ne Mut­ter am Sams­tag kam, um wie jeden Sams­tag mit ihrer Mut­ter essen zu gehen, sprach ich sie dar­auf an. Sie reagier­te mit star­ker Abwehr, sag­te, die Rei­ni­gungs­frau wäre im Urlaub und es gäbe nicht genug Geld für alles. Ich wuss­te, dass es Erspar­nis­se gab — beim Tod mei­ner Mut­ter, 25 Jah­re spä­ter, waren noch 33.000 Euro davon übrig — und mei­ne Groß­mutter außer­dem eine gute Ren­te bekam. “Wo geht denn das gan­ze Geld hin?”, frag­te ich.

“Du hast kei­ne Ahnung, wie vie­le Rech­nun­gen es gibt! Und was ich für eine Arbeit damit habe!” Es stell­te sich her­aus, dass mei­ne Mut­ter jeden Monat die Ren­te abhob, einen Teil ihrer Mut­ter gab und dann die Rech­nun­gen in bar ein­zahl­te. Da sie für ihre eige­nen Rech­nun­gen Ein­zugs­er­mäch­ti­gun­gen hat­te, frag­te ich sie, war­um sie das denn so kom­pli­ziert machen wür­de? “Was unter­stellst du mir!”, schrie sie mich an, “ich habe für alles Nach­wei­se!” Sie hol­te eine Tasche und schüt­te­te den Inhalt auf den Tisch: hun­der­te Einzahlungsbelege.

Mein Bru­der war bei die­ser Sze­ne dabei, es war ihm sehr unan­ge­nehm. Als mei­ne Mut­ter abge­fah­ren war, sag­te er: “Du darfst ihr nicht so zuset­zen, sie hat sehr vie­le Sor­gen.” Mei­ne Groß­mutter schau­te unglück­lich drein, sie sag­te lei­se: “Ich brauch ja kei­ne neu­en Sachen.”

Die­se Sze­ne fiel mir erst spä­ter wie­der ein; sie war mir nicht prä­sent, als ich geschrie­ben hat­te: “Ich kom­me und unter­stüt­ze euch!” Ich hat­te nur die net­ten Nach­mit­ta­ge bei mei­ner Groß­mutter im Kopf, und ein gutes Gefühl zu mei­nem Bru­der und sei­ner Freun­din. Und erst Jah­re spä­ter habe ich ver­stan­den, dass mein Besuch gegen zu vie­le Gren­zen ver­sto­ßen hät­te. Nicht nur wegen der Untie­fen unse­rer Ver­gan­gen­heit und weil wir so ein Zusam­men­le­ben gar nicht mehr gewöhnt waren, son­dern auch, weil ein Raum, den wir vor­her gleich­wer­tig bewohnt hat­ten, in den Besitz mei­nes Bru­ders über­ge­gan­gen war.

Das Haus­ge­schenk schweiß­te mei­nen Bru­der und mei­ne Mut­ter zusam­men und schloss mei­ne Schwes­ter und mich aus. Es erin­ner­te mich an ein ande­res Geschenk. Als ich 13 wur­de, bekam ich zum Geburts­tag einen Hund. Ich war über­glück­lich und mei­ner Mut­ter so dank­bar. Mein Vater wur­de von die­sem Geschenk über­rascht; er hat­te Angst vor Hun­den, weil er sie als Bazil­len­trä­ger sah. Ich nahm es ihm übel, dass er mei­nen Hund nicht moch­te und mich stän­dig zum Hän­de­wa­schen ermahn­te; es war ein wei­te­rer selt­sa­mer Tick mei­nes Vaters, der den Abstand zwi­schen uns vergrößerte.

Als Kin­der hat­ten mein Bru­der und ich immer zusam­men gehal­ten. Weil wir “die Klei­nen” waren, spiel­te ich ab einem gewis­sen Alter mehr mit ihm als mit mei­ner Schwes­ter. Unser Ver­hält­nis wur­de brü­chig, als ich anfing, mit mei­ner Mut­ter aus­zu­ge­hen. Erst Jah­re nach unse­rem Kon­takt­ab­bruch dach­te ich dar­über nach, wie er sich wohl dabei gefühlt haben moch­te, wenn ich mit mei­ner Mut­ter weg­fuhr und er zurückblieb.

War er ent­täuscht dar­über, dass er nicht mit durf­te? Oder erleich­tert? Fühl­te er sich allei­ne gelas­sen? Wie war sein Abend mit unse­rem Vater, den er ansons­ten mit Gering­schät­zung behan­del­te, so wie wir es von unse­rer Mut­ter gelernt hat­ten? Rede­ten sie über uns? Und wie war das für ihn, wenn sich dann plötz­lich die Haus­tür öff­ne­te und wir betrun­ken her­ein platz­ten, den Fern­seh­film unter­bra­chen, Schreie­rei aus­lös­ten? Wie ging es ihm, wäh­rend mein Vater und ich auf­ein­an­der los gin­gen? Was dach­te er sich dabei, über mei­ne Mut­ter, mei­nen Vater, über mich?

Wir hat­ten nie dar­über gespro­chen. Ich hat­te nie sei­ne Per­spek­ti­ve ein­ge­nom­men, war viel zu beschäf­tigt mit mei­nem Über­le­ben gewe­sen. Und als ich dar­über nach­dach­te, war es zu spät. Mei­nen letz­ten Brief hat­te mein Bru­der nicht mehr beantwortet.

Ich weiß nicht, ob mei­nem Bru­der bewusst war, dass die Ent­schei­dung, das Haus­ge­schenk anzu­neh­men, eine Ent­schei­dung gegen mei­ne Schwes­ter und mich war. Mir wur­den die­se Zusam­men­hän­ge erst Jah­re spä­ter klar. Und sei­ne Ent­schei­dung war viel­leicht schon lan­ge vor­her gefallen.

Nach dem Tod mei­nes Vaters stell­te mei­ne Mut­ter fest, dass er hoch ver­schul­det gewe­sen war. Unser Haus war mit Hypo­the­ken belas­tet. Mei­ne Groß­el­tern spran­gen ein, und kauf­ten mei­ner Mut­ter ein Haus. Damals war sie schon seit drei Jah­ren mit Wolf­gang zusam­men. Er war mir der unan­ge­nehms­te aus der Cli­que. Beim Umzug war Wolf­gang stock­be­sof­fen und nicht fähig, auch nur einen Fin­ger zu rüh­ren. Mei­ne Mut­ter ver­scheuch­te ihn mit einem Kübel kal­ten Was­sers, und ver­kün­de­te, dass er kei­nen Fuß in das neue Haus set­zen werde.

Die Hoff­nung, die mir das gab! Ich ver­brach­te jeden Abend mit mei­ner Mut­ter und dach­te, es könn­te doch noch alles gut wer­den. Es dau­er­te drei Wochen lang. Dann zog Wolf­gang ein und ich galt nichts mehr. Eine Reinsze­nie­rung des­sen, was mei­ne Mut­ter als Kind erlebt hat­te. Und eine Situa­ti­on, die für mich lebens­be­droh­lich wur­de. Ich fürch­te­te mich nicht so sehr vor den Schlä­gen, die mir Wolf­gang manch­mal ange­droh­te. Mich zer­stör­te, dass ich nun Außen­sei­te­rin war.

Weil ich Wolf­gang nicht als neu­en Haus­vor­stand aner­ken­nen woll­te, sprach mei­ne Mut­ter nur mehr das Not­wen­digs­te mit mir. Mein Bru­der schloss sich ihr an. Die drei bil­de­ten eine Ein­heit, aßen und lach­ten ohne mich, und nie­mand schien mich zu vermissen.

Eine Woche lang ver­ließ ich mein Bett kaum. Erst schaff­te ich es einen gan­zen Tag lang nicht, auf­zu­ste­hen, und dann, als sich nie­mand bei mir mel­de­te, trau­te ich mich nur noch nachts aus dem Zim­mer. Die Gleich­gül­tig­keit, mit der mein Rück­zug behan­delt wur­de, ließ mich in Hoff­nungs­lo­sig­keit ver­sin­ken. Dann begriff ich, dass ich mich selbst um mich küm­mern muss­te. Nie­mand sonst wür­de es tun. Jeden­falls mei­ne Mut­ter und mein Bru­der nicht. Wenn ich tot wäre, wür­den sie ein­fach nicht mehr über mich spre­chen, genau­so, wie sie über mei­nen Vater nicht mehr spra­chen. Kein ein­zi­ges Wort. Es war so, als hät­te es ihn nie gegeben.

Ich such­te mir eine Woh­nung, zog aus, und schließ­lich nach Deutsch­land. 1000 Kilo­me­ter lagen jetzt zwi­schen mir und mei­ner Mut­ter, und den Orten, an denen ich mich so aus­ge­lie­fert gefühlt hat­te. Die Erleich­te­rung über die­se Ent­fer­nung war nach­hal­tig. Ich war entkommen.

Ein Jahr spä­ter trenn­te mei­ne Mut­ter sich von Wolf­gang, und ich besuch­te sie wie­der, als wäre nichts gesche­hen. Auch mein Bru­der und ich hiel­ten die Illu­si­on auf­recht, dass sich hin­ter unse­rem freund­li­chen Kon­takt nichts verbarg.

Schwei­gen hilft nicht. Es heilt nichts. Auch zu Gaza schwei­gen vie­le am liebs­ten. Oder sie len­ken das Gespräch dar­auf, dass es woan­ders schlim­mer ist. Zwei­fel­los pas­sie­ren an vie­len Orten der Welt grau­sa­me Gräu­el­ta­ten. Der Unter­schied zu Gaza ist, dass es eine Besat­zungs­macht gibt, die für das Wohl­erge­hen und die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung zustän­dig ist, und dass die­se Besat­zungs­macht wohl­ha­bend ist, und von vie­len mäch­ti­gen Län­dern Unter­stüt­zung erfährt. Außer­dem stan­den jeder­zeit genü­gend Ver­pfle­gung und Medi­ka­men­te von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen zur Ver­fü­gung, wur­den aber an den Grenz­über­gän­gen vom IDF auf­ge­hal­ten. Zuletzt wur­de sogar den Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen der Zugang zu Gaza unter­sagt. Hil­fe wäre ein­fach, wird aber aktiv verweigert.

Das, was wir bekämp­fen und weg haben wol­len, ver­schwin­det nicht, selbst wenn wir es ver­nich­ten. Es bekommt statt­des­sen psy­chi­sche Macht über uns, schüt­telt uns und nimmt vie­ler­lei For­men an. Durch den wei­ter andau­ern­den Geno­zid sind so vie­le Men­schen wie nie zuvor auf die Situa­ti­on der Palästinenser*innen auf­merk­sam gewor­den. Gera­de weil die Soli­da­ri­tät mit ihnen so kri­mi­na­li­siert wird, wird offen­sicht­lich, dass an der offi­zi­el­len Ver­si­on etwas nicht stimmt.

Mei­ne Mut­ter woll­te von mei­nem Vater los­kom­men, um frei zu sein, und ließ sich statt­des­sen mit einem Mann ein, der Alko­ho­li­ker war und sie schlug. Und obwohl sie manch­mal auf ihn schimpf­te, rede­te sie nie so ver­ächt­lich von ihm wie von mei­nem Vater. Von mei­nem Bru­der erfuhr ich, dass Wolf­gang bis zu sei­nem Tod der bes­te Freund mei­ner Mut­ter war. Viel­leicht hat­te er sich sehr ver­än­dert, viel­leicht haben sie sich über die Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der gesetzt. Wahr­schein­li­cher ist, dass sie nie über sei­ne Gewalt gespro­chen haben und mei­ne Mut­ter ihre Wun­den, wie­der ein­mal, igno­rie­ren muss­te. Mich stimm­te es trau­rig, dass der bes­te Freund mei­ner Mut­ter einer war, des­sen Sucht und Gewalt­tä­tig­keit sie ertra­gen muss­te. Als ich das mei­nem Bru­der sag­te, reagier­te er mit Unver­ständ­nis. “Der Wol­ferl war doch ganz nett.”

Für vie­le in Deutsch­land ist es exis­ten­zi­ell wich­tig, dar­an zu glau­ben, dass Isra­el ein gutes Land ist. Die Regie­rung ist faschis­tisch, die Besat­zung ver­dam­mens­wert, die Ermor­dung von Kin­dern durch nichts zu recht­fer­ti­gen, es gibt Unge­rech­tig­keit und Apart­heits­po­li­tik, ja, aber … Wir dür­fen nichts dazu sagen. Weil wir die Vor­fah­ren der Israe­lis umge­bracht haben, ist es wich­tig für sie, einen Staat zu haben, in dem sie sich vor uns schüt­zen kön­nen. Des­halb dür­fen wir sie nicht mit Kri­tik belästigen.

Als mei­ne Freun­din dar­auf bestand, dass ich mei­nem Text ver­än­de­re, fühl­te ich mich von ihrer Vehe­menz bedrängt. Bis dahin war klar: Kri­tik ist will­kom­men, aber letzt­end­lich ent­schei­de natür­lich ich, was ich schrei­be. Das hat sie ja auch für ihre Tex­te bean­sprucht. Noch nie zuvor hat­te sie so dar­auf gedrun­gen, dass ich ihre Anmer­kun­gen auch umset­ze. Des­halb war mir klar, dass ich einen wun­den Punkt getrof­fen hat­te. Und sie auch.

Es folg­ten hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen, von denen wir immer wie­der pau­sier­ten, Atem schöpf­ten, ver­such­ten, unse­re Freund­schaft wie vor­her wei­ter­zu­le­ben. Schließ­lich sag­te sie mir, es sei gar nicht ihr The­ma. Des­halb wer­de sie nichts mehr dazu sagen. Ich könn­te aber ruhig dar­über sprechen.

Als ich beim nächs­ten Tref­fen etwas von mei­nen poli­ti­schen Akti­vi­tä­ten erzähl­te, saß sie mir mit unbe­weg­tem Gesicht gegen­über und ver­such­te, ihre Gefüh­le zu ver­ber­gen. Ihre Ableh­nung spür­te ich trotz­dem. Ich wur­de immer unsi­che­rer. Sie frag­te nach und ermun­tert mich zum Reden. Sie könn­te das aus­hal­ten, mein­te sie und schien stolz dar­auf zu sein. Ihr Ver­hal­ten lös­te gro­ßes Unbe­ha­gen und Flucht­re­fle­xe in mir aus. Unse­re Aus­ein­an­der­set­zun­gen waren sehr anstren­gend gewe­sen, aber nicht so beun­ru­hi­gend wie die­ses emo­tio­na­le auf Eis gelegt wer­den. Ich fühl­te mich so ein­sam dabei.

Wie ein­sam müs­sen sich Palästinenser*innen in Deutsch­land — und anders­wo — füh­len, die außer­halb ihrer com­mu­ni­ty kaum Orte haben, an denen sie ihre Trau­er, Ver­zweif­lung und schon gar nicht ihre Wut zei­gen dürfen.

Auch mein Vater muss sich sehr ein­sam in unse­rer Fami­lie gefühlt haben, bei der Ver­ach­tung, die wir und vor allem mei­ne Mut­ter ihm ent­ge­gen brach­ten. Eine Schei­dung lehn­te er aus reli­giö­sen Grün­den ab, und so saß er in der Fal­le. Als er das Kämp­fen auf­gab, und Flucht nicht mög­lich war, ver­fiel er in die Star­re der Depres­si­on. Mir wur­de erst im Nach­hin­ein, bei einer Fort­bil­dung zu psy­chi­schen Krank­hei­ten klar, dass mein Vater alle Sym­pto­me einer Depres­si­on und einer Angst­stö­rung aufwies.

Er fürch­te­te immer, dass ein Feu­er aus­bre­chen könn­te. Stän­dig kon­trol­lier­te er sei­ne Ölöfen, in der Fabrik und zu Hau­se, und uns Kin­dern war es streng ver­bo­ten, sie anzu­zün­den. Als mei­ne Schwes­ter, 15jährig, es ein­mal beim Bade­zim­mer Ofen pro­bier­te, bau­te mein Vater dar­auf­hin die Zün­dung aus, sodass der Ofen nicht mehr funk­tio­nier­te und wir jah­re­lang ein kal­tes Bade­zim­mer hatten.

Dies galt als eine sei­ner Selt­sam­kei­ten; mei­ne Mut­ter spot­te­te dar­über. Sie wuss­te wahr­schein­lich auch nicht, wie sie damit umge­hen soll­te. Letzt­end­lich zog sie ins Erd­ge­schoss, wo sie es warm hat­te. Heu­te ver­ste­he ich, dass mein Vater pani­sche Angst vor Feu­er hat­te. Dabei brann­te es längst.

Als wir ein­mal mit Wolf­gang im Urlaub waren, stand die Poli­zei bei mei­nem Vater vor der Tür, frag­te nach Wolf­gang. Er hat­te einen Kum­pel, der Geld zurück gefor­dert hat­te, kran­ken­haus­reif geschla­gen, und der Mann hat­te auf Drän­gen sei­ner Frau Anzei­ge erstat­tet. Mein Vater sag­te, er wür­de kei­nen Wolf­gang P. ken­nen, sie hät­ten sich in der Tür geirrt. Der Poli­zist lach­te ihm ins Gesicht: “Alle wis­sen, dass er hier wohnt.”

Mein Vater hat­te vom Büro sei­ner Fabrik aus die vol­le Sicht auf unser Haus. Es konn­te nicht sein, dass er Wolf­gang noch nie gese­hen hat­te. Und gleich­zei­tig konn­te das sehr gut sein. Wir sehen nur das, was zu unse­rer Welt­sicht passt. Oft wer­den Ein­bli­cke in eine ande­re Wirk­lich­keit als stö­ren­de Split­ter ent­fernt, bevor sie unser Bewusst­sein erreicht haben.

Es gibt mitt­ler­wei­le an die 100.000 jüdi­sche Men­schen, die sich expli­zit öffent­lich wün­schen, dass Isra­el kri­ti­siert wird, in sei­nem Töten der Palästinenser*innen, durch Waf­fen, durch Hun­ger, durch Vor­ent­hal­ten von medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung. Die ver­zwei­felt rufen: “Nicht in mei­nem Namen!”

Das wird als Selbst­hass bezeich­net. So als ob es nicht mög­lich wäre, sich für die Inter­es­sen von ande­ren ein­zu­set­zen — vor allem von ande­ren, die offi­zi­ell als dei­ne Fein­de bezeich­net wer­den — ohne sich selbst zu hassen.

Ein Jude, eine Jüdin, die nicht ein­ver­stan­den mit Isra­el sind, nicht eins mit Isra­el, die sich gegen die Ver­ein­nah­mung weh­ren, stel­len ein Para­do­xon dar. So etwas darf es eigent­lich gar nicht geben. Denn Isra­el bean­sprucht, alle jüdi­schen Men­schen auf der gan­zen Welt zu ver­tre­ten, und für den Schutz der jüdi­schen com­mu­ni­ty exis­ten­ti­ell not­wen­dig zu sein. Dass Isra­el mit sei­ner Poli­tik jüdi­sches Leben nicht schützt son­dern im Gegen­teil gefähr­det, spielt kei­ne Rolle.

In Deutsch­land wer­den die meis­ten Anzei­gen wegen Anti­se­mi­tis­mus an jüdi­sche Men­schen ver­ge­ben. Der Anti­se­mi­tis­mus-Beauf­trag­te ist kein Jude — war­um auch? Es geht nicht dar­um, jüdi­sche Men­schen vor Anti­se­mi­tis­mus zu schüt­zen, son­dern Macht­struk­tu­ren auf­recht zu erhalten.

Isra­el ist so wich­tig für Deut­sche, denn die­ses Land zu unter­stüt­zen bedeu­tet, ein guter Mensch zu sein und die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ver­gan­gen­heit auf­ge­ar­bei­tet und erfolg­reich über­wun­den zu haben. Auch Gedenk­stät­ten und Muse­en sind Bewei­se dafür. Sie müs­sen das klaf­fen­de Loch fül­len, dass es kaum natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Täter*innen gibt bzw gab, die ihre Taten bereut haben. Oder wenn, dann haben sie nicht dar­über geschrie­ben. Wir haben kei­ne Auf­zeich­nun­gen davon.

Dazu passt, dass Anti­se­mi­tis­mus für vie­le schlim­mer ist als Ras­sis­mus. Des­halb zäh­len paläs­ti­nen­si­sche Opfer auch weni­ger als jüdi­sche. Oder umge­kehrt, die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit jüdi­schen Opfern ist viel grö­ßer als mit paläs­ti­nen­si­schen. Des­halb muss auch immer der 7. Okto­ber als schlim­mes Mas­sa­ker benannt wer­den, wäh­rend die Mas­sa­ker, die an Palästinenser*innen began­gen wur­den, in der west­li­chen Welt kein Datum und wenig Bedeu­tung haben. Sie tau­chen im all­ge­mei­nen Nar­ra­tiv nicht auf und des­halb neh­men sie im Bewusst­sein vie­ler Men­schen auch kaum Platz ein.

Nach dem Urlaub mit Wolf­gang fuh­ren mein Bru­der und ich direkt zu den Groß­el­tern. Und wur­den vom Groß­va­ter befragt: Mit wem wir im Urlaub gewe­sen waren. Ob wir einen Wolf­gang ken­nen wür­den. Ich war ent­setzt. Was war da schief gegan­gen? Mein Bru­der sah mich hilf­los an. Es lag an mir, uns aus die­ser Situa­ti­on zu ret­ten, und wie immer erzähl­te ich Lügen. Das funk­tio­nier­te bei mei­nem Groß­va­ter aber nicht so gut. Und eine hal­be Stun­de spä­ter kam mei­ne Mut­ter und sag­te die Wahrheit.

Nach­dem ihn der Poli­zist mit der Nase auf die Untreue sei­ner Frau gesto­ßen hat­te, hat­te mein Vater den Film aus dem Foto­ap­pa­rat an sich genom­men und die Urlaubs­bil­der ent­wi­ckeln las­sen. Jetzt woll­te er sehen. Und hat­te Beweisfotos.

Das war der Hin­ter­grund der Befra­gung und des Ver­hal­tens mei­ner Mut­ter, den ich aber erst spä­ter erfuhr. In der Situa­ti­on war ich wie vor den Kopf gesto­ßen. Was war in mei­ne Mut­ter gefah­ren? War­um gestand sie auf ein­mal, was sie jah­re­lang geheim gehal­ten hat­te? Sobald ich sie allei­ne erwisch­te, warf ihr vor: “Du hät­test mir doch erzäh­len müs­sen, dass ich dies­mal die Wahr­heit sagen kann!” Sie wies mich kalt ab. “Man soll immer die Wahr­heit sagen. Ich habe dich nie gebe­ten, für mich zu lügen.”

Das war der schlimms­te Schlag. Es stimm­te, sie hat­te nie expli­zit etwas vom Lügen gesagt. Und doch war es das, was sie jah­re­lang von mir gewollt hat­te. Wofür sie mich gebraucht hat­te, und wofür ich mit Auf­merk­sam­keit belohnt wor­den war. Und jetzt, wo sie ihre Tak­tik geän­dert hat­te, ließ sie mich eis­kalt fal­len. Ohne Ent­schul­di­gung. Ohne Ver­ständ­nis für mei­ne Situa­ti­on. Ich fühl­te mich elen­dig, dass ich mei­nen Groß­va­ter so ange­lo­gen hat­te wie noch nie zuvor.

Er war ent­täuscht. Trotz­dem gab er mir nicht die Schuld. “Kin­der hal­ten immer zu ihrer Mut­ter”, sag­te er. Ich hat­te gehofft, dass mein Groß­va­ter Wolf­gang ver­bie­ten wür­de. Viel­leicht hat­te er es auch ver­sucht, aber es hat­te nicht funk­tio­niert. Im Gegen­teil. Nach der Ent­hül­lung war Wolf­gang eta­bliert. Das jah­re­lan­ge Lügen hat­te ein jähes Ende; und es hat­te, so schien es, kei­ner­lei Kon­se­quen­zen für mei­ne Mutter.

Der aktu­el­le Geno­zid zeich­net sich dadurch aus, dass Isra­el Men­schen­rechts­ver­bre­chen ganz offen zugibt. Men­schen­rech­te wer­den geschred­dert, die UN wird lächer­lich und in wesent­li­chen Berei­chen hand­lungs­un­fä­hig gemacht, das Völ­ker­recht wird miss­ach­tet. Auch die trau­ri­gen Rekor­de die­ses Völ­ker­mords: die meis­ten getö­te­ten Journalist*innen, zer­stör­ten Kran­ken­häu­ser, ermor­de­ten Kin­der und ande­re füh­ren nicht zu For­de­run­gen, Sank­tio­nen, Boy­kott von deut­scher Sei­te. Ein Signal, dass kei­nes der Ver­bre­chen von israe­li­scher Sei­te bestraft wer­den wird.

Nach dem Tod mei­ner Mut­ter war ich für ein paar Tage nach Graz gekom­men und hat­te mei­nem Bru­der ein Tref­fen vor­ge­schla­gen, bei dem wir nur über lus­ti­ge Erleb­nis­se in unse­rer Kind­heit spre­chen. Es gelang uns. Er erzähl­te auch von sei­nem aktu­el­len Leben, sei­nen Krank­hei­ten und ein wenig von unse­rer Mut­ter. Zum Schluss gab er mir noch einen aus­führ­li­chen Über­blick über die Bau­stel­len, die es gera­de in Graz gab.

Am Ende wuss­te ich nicht, ob ich ent­täuscht oder erleich­tert sein soll­te. Unstim­mig­kei­ten waren auf jeden Fall ver­mie­den wor­den. Ich hat­te viel zu den gemein­sa­men Kind­heits­er­leb­nis­sen bei­getra­gen, und ansons­ten geschwie­gen und zuge­hört. Mein Bru­der frag­te nicht nach mei­nem Leben.

Ich beglei­te­te ihn schließ­lich zu sei­nem Auto und umarm­te ihn zum Abschied. Bevor er ein­stieg, sag­te er: “Ich wer­fe nie­man­dem etwas vor.” Der Satz ver­blüff­te mich, nach all den Bau­stel­len. War es das, was er mir die gan­ze Zeit sagen woll­te? Er fuhr davon, ich wink­te und war­te­te, bis das Auto nicht mehr zu sehen war.

Was hat­te er damit gemeint? Ich hat­te mei­nen Bru­der durch­aus als vor­wurfs­voll erlebt. In sei­nen Sät­zen klang immer wie­der an, dass ich mich hät­te mel­den sol­len, dass ich in der Bring­schuld gewe­sen wäre. Und ich hat­te nicht den Ein­druck, dass er das zurück­neh­men woll­te. Dann begriff ich, dass mit “nie­mand” nur eine Per­son gemeint war: unse­re Mut­ter. Das war es, was er mir mit­tei­len woll­te: “Ich wer­fe mei­ner Mut­ter nichts vor. Also mach du das auch nicht.” Das war die Bedin­gung, unter der wir Kon­takt haben konnten.

Genau die­sel­be Bedin­gung hat­te mei­ne Mut­ter gestellt. Wirf mir nichts vor, rede nicht über das, was war, zeig mir dei­ne Wun­den nicht, und dei­ne Wut auch nicht. Ich will mit dei­nem Schmerz nichts zu tun haben. Ich will mit mei­nem Schmerz nichts zu tun haben.

Mein Vater war nicht bereit, sei­ne Frau als gleich­be­rech­tigt anzu­er­ken­nen. Er igno­rier­te ihre Wün­sche. Als sie ein­mal außer­häu­sig arbei­ten gehen woll­te, in einem Papier­wa­ren­la­den, ver­hin­der­te mein Vater dies, indem er dem Besit­zer mit der Poli­zei droh­te. Damit, so dach­te er, hät­te er sei­ne Stel­lung behaup­tet. Dar­auf­hin begann mei­ne Mut­ter, ehren­amt­lich in der Dorf­bü­che­rei zu arbei­ten. Sie besuch­te einen Eng­lisch­kurs und einen Reit­kurs. Der Reit­leh­rer wur­de einer ihrer Liebhaber.

Das, was wir abweh­ren, ver­schwin­det nicht ein­fach. Es ver­wan­delt sich; und oft nicht so, wie wir uns das vor­ge­stellt haben. Kei­ne Geschich­te ist ein­fach, es gibt immer ver­schie­de­ne Schich­ten, nie­mand ist nur Opfer oder nur Täter*in. Wir seh­nen uns nach ein­deu­ti­gen Zuord­nun­gen, möch­ten jeman­den beschul­di­gen kön­nen für das, wor­an wir lei­den, und brau­chen etwas, das gut ist. Wir wün­schen uns Hap­py Ends.

Isra­el soll­te das Hap­py End vom Holo­caust sein; es darf per Defi­ni­ti­on kein Land sein, des­sen Mili­tär ein ande­res Volk ver­trei­ben und letzt­end­lich ver­nich­ten will. Die Schuld am Völ­ker­mord kann also nicht bei Isra­el lie­gen, oder höchs­tens bei ein paar Leu­ten aus der Regie­rung; die Haupt­schuld muss bei den Palästinenser*innen selbst lie­gen. Des­halb ist die Hamas so etwas grau­en­haft Schreck­li­ches, und darf auf kei­nen Fall mit der IDF, der Israe­li­schen Defence Force ver­gli­chen wer­den, obwohl die­se viel mehr Men­schen getö­tet hat; und unab­läs­sig ver­sucht, das Leben von Palästinenser*innen auf Flucht und Todes­angst zu reduzieren.

Das Nicht-Hin­se­hen-Wol­len ist etwas sehr Mensch­li­ches, das uns allen eigen ist. Als Kind ist es lebens­not­wen­dig, die Schmer­zen, die Eltern uns zufü­gen, aus­blen­den zu kön­nen. Wir sind von unse­ren Eltern abhän­gig und kön­nen es uns nicht leis­ten, sie in Fra­ge zu stel­len. Und spä­ter scheint es bequem zu sein, die­sen Schmer­zen aus­zu­wei­chen und nicht mehr dar­über zu reden.

Die­ses Aus­wei­chen und Ver­mei­den ist gesell­schaft­lich aner­kannt und erwünscht. Wenn du über das sprichst, was war, wenn du dei­ne Schmer­zen und Ängs­te aus­sprichst, kann es sein, dass sich die­je­ni­gen abwen­den, die die Wun­den nicht sehen wol­len, die Kon­fron­ta­ti­on damit nicht wagen.

Mei­ne Mut­ter hat mich nie besucht. Ein­mal, als wir zusam­men bei mei­nen Groß­el­tern gewe­sen waren, hat sie mich bis vor mei­ne Haus­tür gefah­ren. “Komm doch mit rein”, schlug ich vor. “Ich habe kei­ne Zeit, die Vögel müs­sen gefüt­tert wer­den.” “Nur kurz”, bat ich. “Ein ande­res Mal.” Das ande­re Mal kam nie.

Mei­ne Mut­ter hat mich auch nie ange­ru­fen. Sie schrieb mir, aber tele­fo­nie­ren war ihr zu teu­er. Immer habe ich mich bei ihr gemel­det. Des­halb war ich erstaunt, als eines Tages das Tele­fon klin­gel­te und sie dran war. Noch erstaun­ter war ich, als sie mich frag­te, was ich mir wün­schen wür­de. “Sag schon, was du brauchst. Soll ich dir einen Ofen kau­fen?” Ich hat­te in mei­nem letz­ten Brief geschrie­ben, dass der Ofen sehr schlecht zog, und die Woh­nung eher ein­räu­cher­te statt sie warm zu machen. “Äh, nein”, stot­ter­te ich. Mir war es suspekt, dass mei­ne Mut­ter mir auf ein­mal so ein Ange­bot machte.

Und dann folg­te eine Wol­ke von Wor­ten, aus denen ich her­aus­hör­te: “Es ist nicht alles gut gelau­fen, frü­her, aber du bist so weit weg, und wenn du nur ein­mal im Jahr kommst, müs­sen wir uns ja nicht das Leben ver­mie­sen mit schlim­men Sachen aus der Ver­gan­gen­heit. Wir kön­nen uns doch jetzt ein gutes Leben machen. Sag mir schon, was du dir wünschst.”

“Kür­bis­kern­öl” sag­te ich, denn das konn­te ich damals in Deutsch­land nicht bekom­men. “Das hast du dir schon zum Geburts­tag gewünscht. Du kannst ruhig etwas grö­ße­res sagen.” “Ich habe es ja immer noch nicht.” Sie hat­te mir statt­des­sen zwei klei­ne brau­ne Hand­tü­cher geschickt. “Kür­bis­kern­öl ist so schwer zu ver­pa­cken. Außer­dem habe ich dir Geld geschickt. Du bist immer so undank­bar!” Von da aus dau­er­te es nicht lan­ge, bis wir strit­ten. Und mit­ten im Streit kam plötz­lich der Satz von ihr: “Ich habe dich auch nur ange­ru­fen, um dir zu sagen, dass dei­ne Groß­mutter gestor­ben ist!” Dann leg­te sie auf. Das war der letz­te Kon­takt mit mei­ner Mutter.

Es war ein Schock, den Tod mei­ner Groß­mutter so zu erfah­ren. War­um hat­te sie das nicht sofort erzählt? Sie wuss­te, dass ich mei­ne Groß­mutter lieb­te, dass ihr Tod ein schwe­rer Schlag für mich war.

Im Nach­hin­ein wur­de mir klar, dass sie Erbin gewor­den war und mir des­halb anbot, mei­ne Wün­sche zu erfül­len. Dass sie mir das zuerst mit­tei­len woll­te: “Du kannst etwas von dem Geld abha­ben, ich kann dir dein Leben erleich­tern!” Aber wie­der nur unter der Bedin­gung, die Ver­gan­gen­heit ruhen zu lassen.

Mei­ne Mut­ter hat sich nie wie­der bei mir gemel­det. Ein paar Wochen nach die­sem Tele­fo­nat hat sie das geerb­te Haus mei­nem Bru­der geschenkt, und als ein paar Mona­te spä­ter der Kon­takt mit mei­nem Bru­der abbrach, hat­te sie end­gül­tig Ruhe vor mir.

Denn auch ich habe mich nicht mehr gemel­det. Fast nicht. Ich habe ihr ein­mal eine Kar­te geschickt und ein­mal eine Email. Als kei­ne Ant­wort kam, war ich ver­zwei­felt, und gleich­zei­tig erleich­tert. Ich hat­te Angst vor einer Begeg­nung mit ihr, fühl­te mich ver­letz­lich. Ich konn­te nicht ver­ges­sen, dass sie den Tod eines gelieb­ten Men­schen als Schlag­stock ver­wen­det hatte.

Wenn ich spä­ter in femi­nis­ti­schen Krei­sen erzähl­te, dass mei­ne Mut­ter mit mir in die Knei­pe ging und sich dort Lieb­ha­ber auf­ga­bel­te, wur­de das oft nur als Akt der Befrei­ung wahr­ge­nom­men. Es wur­de in das Sche­ma ein­ge­ord­net: Frau­en sind die Opfer, die Unter­drück­ten, Män­ner haben Macht. Das war auch nicht ver­kehrt, beleuch­te­te aber nur einen Teil der Geschich­te. Mei­ne Mut­ter als Täte­rin wur­de genau­so weg­ge­las­sen wie mein Vater als Opfer.

Hier gibt es eine Par­al­le­le zu den Lin­ken, die Isra­el unter­stüt­zen. Die Israe­lis wer­den nicht als die Mäch­ti­gen gese­hen. Sie kön­nen kei­ne Unterdrücker*innen sein, weil sie ja schon Opfer sind. Bei­des zu den­ken fällt schwer. Denn es hat Kon­se­quen­zen. Des­halb wird nicht dar­über gere­det, dass Isra­el nack­te Gewalt anwen­det, son­dern über die Gewän­der, die die­se Gewalt ver­hül­len: Ver­tei­di­gung, Sicher­heit, Terrorbekämpfung.

Die Welt mit femi­nis­ti­schen Augen zu sehen ist abso­lut not­wen­dig und hilf­reich; und gleich­zei­tig ist es zu wenig, um die Welt zu ver­ste­hen. Sich gegen Anti­se­mi­tis­mus ein­zu­set­zen und die Situa­ti­on der Palästinenser*innen außen vor zu las­sen, ist genau­so beschränkt. Inter­sek­tio­na­li­tät ist die Vor­aus­set­zung dafür, etwas ein­ord­nen zu können.

Nach dem Tod mei­nes Groß­va­ters war ich zu Besuch bei mei­ner Groß­mutter. Ich rief mei­ne Mut­ter an, wir ver­ab­re­de­ten, uns am nächs­ten Tag zu tref­fen. Dann sag­te ich noch: “Ich wür­de ger­ne mit dir über den Papa reden.” “Das ist doch schon 7 Jah­re her!” Mei­ne Mut­ter wirk­te unge­hal­ten. “Wenn du das immer noch nicht ver­ar­bei­tet hast, dann stimmt wirk­lich was nicht mit dir.”

Ich schrie. Ich fing ein­fach an zu schrei­en, und dann schrie ich immer wei­ter, weil es so schreck­lich war, und das war dann der Beweis dafür, dass mit mir wirk­lich etwas nicht stimm­te. “Hör auf!”, rief mei­ne Groß­mutter, “sonst muss ich dich noch ins Irren­haus brin­gen lassen!”

Und, dann, als hät­te sie nicht gera­de etwas Unge­heu­er­li­ches gesagt, nahm sie den Hörer, der an der geschraub­ten Schnur vom Tele­fon­käst­chen bau­mel­te, weil ich ihn ein­fach fal­len gelas­sen hat­te, und leg­te ihn sorg­fäl­tig auf die Gabel, und strich auch das rote Deck­chen zurecht, auf dem das Tele­fon stand, und das sich ver­scho­ben hatte.

Ich ver­stumm­te bei ihrer Ankün­di­gung, ging ins Zim­mer, warf mich aufs Bett und wein­te. Das, was 7 Jah­re her war, war der Sui­zid mei­nes Vaters. Mei­ne Mut­ter hat­te seit damals nicht mehr mit mir über ihn gere­det, kein ein­zi­ges Wort hat­te sie noch über mei­nen Vater gesagt. Es war, als ob es ihn nie gege­ben hätte.

Ich woll­te über ihn reden. Nicht nur über sei­nen Sui­zid. Ich woll­te aus dem Schwei­gen aus­bre­chen, mei­nem Vater einen Platz in der Fami­lie geben. Ich ertrug es nicht mehr, so zu tun, als wäre nichts gewe­sen. Ich wuss­te, dass das Reden nicht ein­fach wer­den wür­de. Aber ich hat­te nicht mit so einem Pfeil gerech­net. Dabei hat­te ich wohl auch einen los­ge­sandt. Ich hat­te wie­der ein­mal einen wun­den Punkt getroffen.

Mei­ne Mut­ter wuss­te genau, wie­vie­le Jah­re es her war. Es war nicht so, dass sie nicht dar­an dach­te. Aber Reden über mei­nen Vater war eine direk­te Bedro­hung für sie. Sie woll­te mei­ne Gedan­ken und Gefüh­le dazu nicht hören. Und kei­ne Fra­gen beant­wor­ten. Sie hat­te eine Ant­wort parat, von der sie wahr­schein­lich hoff­te, dass mich das gründ­lich abschre­cken wür­de. Es hat gewirkt. Ich ver­such­te es nicht noch einmal.

Nach­dem sie mir mit­ge­teilt hat­te, dass sie über das The­ma Isra­el Paläs­ti­na nicht mehr spre­chen woll­te, schick­te mir mei­ne Freun­din, sicht­lich bemüht um Kon­takt­mög­lich­kei­ten, die Ankün­di­gung zu einer Frie­dens­de­mo. Wir tra­fen uns dort und stan­den bei der Zwi­schen­kund­ge­bung neben­ein­an­der. Als nach meh­re­ren ande­ren Redner*innen ein Paläs­ti­nen­ser die Büh­ne betrat, brei­te­te sich Schwei­gen aus. Außer mir klatsch­te nur weni­ge. Mei­ne Freun­din neben mir erstarr­te und rühr­te sich wäh­rend der gan­zen Rede nicht mehr.

Der Red­ner erzähl­te über die Situa­ti­on in Gaza, fuhr sich dabei immer wie­der durchs Haar, wirk­te unsi­cher. Ableh­nung schlug ihm ent­ge­gen. Ich war beschämt, woll­te mich ver­krie­chen, oder den ande­ren zuru­fen: “Was habt ihr denn gegen ihn, was?” Aber ich tat nichts der­glei­chen, ver­such­te nur, durch lau­tes Klat­schen die feh­len­de Reso­nanz der ande­ren aus­zu­glei­chen. Zum ers­ten Mal erleb­te ich es, dass ein Mensch, der von einem Geno­zid erzähl­te, auf einer lin­ken Demo mit Zurück­wei­sung behan­delt wurde.

Nach der Zwi­schen­kund­ge­bung, als wir wei­ter gin­gen, tat mei­ne Freun­din so, als sei nichts gesche­hen. Und ich sag­te auch nichts. Dabei hat­te sich eine tie­fe Kluft zwi­schen uns auf­ge­tan. Etwas Wesent­li­ches hat­te sich ver­än­dert, und ich war auf­ge­wühlt, als ich nach Hau­se ging.

Sie hat­te sich gewünscht, nicht mehr über das The­ma zu spre­chen, und jetzt hat­te sie durch ihr Schwei­gen, ihr Erstar­ren so viel aus­ge­drückt. Ich bin mir sicher, dass mei­ne Freun­din dage­gen ist, dass Palästinenser*innen getö­tet wer­den. Dass sie für ein fried­li­ches Zusam­men­le­ben in Isra­el Paläs­ti­na ist. War­um also lös­te schon das rei­ne Erschei­nen eines Paläs­ti­nen­sers auf der Büh­ne so eine Abwehr in ihr aus, dass sie nicht ein­mal zur Begrü­ßung klatsch­te, wie bei allen ande­ren, die auf die Büh­ne gekom­men waren?

Was warf sie dem Red­ner vor, womit war sie nicht ein­ver­stan­den? Ich wuss­te es nicht und grü­bel­te dar­über. Schließ­lich schrieb ich ihr, ob ich ihr doch noch ein paar Fra­gen stel­len dür­fe. Ich nann­te nicht die Kund­ge­bung als Aus­lö­ser für das Bedürf­nis nach Klä­rung. Sie war ja selbst dabei gewe­sen. Aber viel­leicht hat­te sie unser unter­schied­li­ches Ver­hal­ten nicht als so stö­rend emp­fun­den. Sie war ja auch mit ihrer Mei­nung in der Mehr­heit gewe­sen; die meis­ten hat­ten nicht geklatscht.

Mei­ne Anfra­ge lehn­te sie ab. Sie warf mir vor: “Du respek­tierst mei­ne Gren­zen nicht” und wünsch­te sich ein Jahr Freund­schafts­pau­se. Es war ein Schock für mich. Ich hat­te zwar auch schon dar­über nach­ge­dacht, dass es so schwie­rig gewor­den war, uns zu tref­fen, dass eine Pau­se viel­leicht sinn­voll wäre. Aber ein Jahr war so lang.

Zudem war es kein Vor­schlag, zu dem ich auch noch etwas sagen hät­te kön­nen. Der Vor­wurf: “Du respek­tierst mei­ne Gren­zen nicht” hat­te mich getrof­fen und ich woll­te ihn nicht noch ein­mal abbe­kom­men. Des­halb erklär­te ich zwar noch, wor­um es mir beim Reden gegan­gen war, akzep­tier­te aber ihren Wunsch.

Mei­ne Freun­din ist ein fried­li­cher Mensch. Sie schätzt ver­ständ­nis­vol­les Zuhö­ren und mit­ein­an­der spre­chen. Jah­re­lang waren wir gute Freun­din­nen, stan­den auf der­sel­ben Grund­la­ge. Und auf ein­mal befan­den wir uns auf ver­schie­de­nen Schif­fen und trie­ben von­ein­an­der weg.

Mei­ne Freun­din dach­te sicher in bes­ter Absicht, über unse­re ver­schie­de­nen poli­ti­schen Ansich­ten nicht zu reden wür­de unse­re Freund­schaft ret­ten. Aber das hat nicht funk­tio­niert. Sie hat viel mehr kom­mu­ni­ziert, als sie ver­mut­lich woll­te. Und mein Ent­set­zen über die israe­li­sche Poli­tik nahm zu, je mehr ich über die jet­zi­ge Situa­ti­on und die Geschich­te las.

Deutsch­lands bedin­gungs­lo­se Unter­stüt­zung von Isra­el heißt kon­kret: ihr dürft mit den Palästinenser*innen machen, was ihr wollt, wir wer­den nicht ein­schrei­ten. Wir wer­den euch nicht ein­schrän­ken. Ein paar Wor­te der Kri­tik wird es geben, mehr nicht. In den Zei­tun­gen wird haupt­säch­lich eure Sicht­wei­se dar­ge­stellt. Wir wer­den alle abschre­cken, die einen kri­ti­schen Blick auf euch wer­fen wol­len. Und wir sor­gen auch dafür, dass sich der Pro­test gegen euch in Gren­zen hält.

Und wenn ihr auch die UN zer­stört, inter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen den Zutritt zu Gaza ver­wei­gert, die Waf­fen­ru­he per­ma­nent brecht und Gefan­ge­ne fol­tert: nie­mand wird euch ernst­haft in die Que­re kom­men, ihr könnt euren Geno­zid ruhig durch­füh­ren. Bei genau­er Betrach­tung sind die Palästinenser*innen von den Mäch­ti­gen der Welt zur Ver­nich­tung frei­ge­ge­ben worden.

Beim Aus­zug aus unse­rem Haus waren die meis­ten Möbel schä­big und kaputt; mei­ne Mut­ter über­ließ sie der Haus­halts­en­trüm­pe­lung. Ich dach­te an die Kom­mo­de mit den bei­den ver­schließ­ba­ren Schub­la­den und frag­te sie, ganz neben­bei, so als ob es mir nicht wich­tig wäre, was denn eigent­lich in der unte­ren Schub­la­de gewe­sen war. Sie mach­te eine abwei­sen­de Hand­be­we­gung. “Nichts”, sag­te sie. “Da war nichts drin. Ich hab den Schlüs­sel ver­lo­ren, also konn­te ich da gar nichts rein tun.”

Ich war ent­täuscht, dass die­ses Geheim­nis mei­ner Kind­heit sich als so nich­tig ent­pupp­te. Aber als ich letz­tes Mal in mei­nem Zim­mer war, um zu über­prü­fen, ob ich auch kein Buch auf dem Regal oder unterm Bett über­se­hen hat­te, da ging ich auch noch ein­mal ins ehe­ma­li­ge Eltern­schlaf­zim­mer. Die Kom­mo­de stand da, wo sie immer gestan­den hat­te. Und an bei­den Schub­la­den steck­te der Schlüssel.

Rasch zog ich die unte­re Schub­la­de auf, und fand dar­in — nichts. Oder doch, da war was, ein Schnip­sel von einem beschrie­be­nen Blatt Papier, der zwi­schen Boden und Sei­ten­wand steck­te. Ich sah mei­ne Ver­mu­tung bestä­tigt: die Schub­la­de war vol­ler Lie­bes­brie­fe gewe­sen, in denen mei­ne Mut­ter manch­mal heim­lich gele­sen hat­te, wenn sie ihr Leben uner­träg­lich fand.

Ich nahm mein Taschen­mes­ser aus der Hosen­ta­sche, wei­te­te den Spalt und zog das Papier her­aus. Es war die Schrift mei­ner Groß­mutter. Waren in der Schub­la­de etwa Brie­fe von mei­ner Groß­mutter gewesen?

Ich wuss­te, dass mei­ne Mut­ter mit der Kin­der­ver­schi­ckung ein paar Mona­te lang in der Schweiz gewe­sen war, um sich satt essen zu kön­nen, und von dort jeden Tag nach Hau­se geschrie­ben hat­te. So habe ich Schrei­ben gelernt, erzähl­te sie mir. Sie hat­te gro­ße Angst vorm Vater der Fami­lie, bei der sie unter­ge­bracht war. Er war Flei­scher­meis­ter, und in sei­nem Geschäft hin­gen rie­si­ge Fleisch­stü­cke. Mei­ne Mut­ter hat­te so etwas noch nie gese­hen; sie dach­te, er wür­de Men­schen umbrin­gen und sie als Fleisch verkaufen.

Sie trau­te sich nicht, in den Brie­fen etwas davon zu schrei­ben, bat aber, nach Hau­se zu dür­fen. Sie durf­te nicht. “Du hast dort gut zu essen”, schrieb ihre Mut­ter. “Hier gibt es Hun­ger.” Das war nach der Rück­kehr mei­nes Groß­va­ters gewe­sen. Wahr­schein­lich woll­te das Paar auch Zeit für sich, um sich wie­der anzunähern.

Wenn wirk­lich die­se Brie­fe in der Schub­la­de gewe­sen waren, war­um hat­te mei­ne Mut­ter aus­ge­rech­net sie so geheim gehal­ten? War­um war es so wich­tig, dass nie­mand sie ent­deck­te? Es ver­wirr­te mich. Erst viel spä­ter, nach aus­führ­li­cher Beschäf­ti­gung mit der Fami­li­en­ge­schich­te, ergab es Sinn für mich: Das größ­te Geheim­nis mei­ner Mut­ter waren nicht ihre Lieb­ha­ber, die waren ja eher offen­sicht­lich. Aber sie waren gar nicht so wich­tig. Sie waren nur eine Ablen­kung. Das größ­te Geheim­nis mei­ner Mut­ter, ihr größ­ter Schmerz, war die Lie­be ihrer Mut­ter, die sie ver­lo­ren hat­te; und damit ver­bun­den der Groll auf ihren Vater.

Ich lieb­te mei­nen Groß­va­ter. Jeden Sams­tag fuh­ren wir zu den Groß­el­tern zum Mit­tag­essen, und immer klet­ter­te ich über das Gar­ten­tor, weil ich es nicht erwar­ten konn­te, mei­nen Groß­va­ter zu umar­men. Er war das gro­ße Glück mei­ner Kindheit.

Bei den Knei­pen­gän­gen plag­te mich auch immer wie­der die Angst davor, dass mein Groß­va­ter dahin­ter kom­men könn­te, dass ich Alko­hol trank und mich von Män­nern anfas­sen ließ. Ich befürch­te­te, dass er das nicht gut fin­den wür­de, und hat­te Angst, dass er mich ableh­nen wür­de, wenn er es erfuhr.

Plötz­lich ergab das einen Sinn: Es muss sehr schmerz­haft für mei­ne Mut­ter gewe­sen sein, dass mir die Lie­be mei­nes Groß­va­ters so ein­fach zuflog, wäh­rend er an mei­ner Mut­ter immer wie­der etwas aus­zu­set­zen hat­te: sie hat­te sich nicht gefreut, ihn nach der Kriegs­ge­fan­gen­schaft zu sehen, sie war in der Schu­le, die so wich­tig für ihn war, nicht gut gewe­sen, und hat­te den athe­is­ti­schen Sozia­lis­ten, den er sich für sie vor­ge­stellt hat­te, abge­lehnt und statt­des­sen einen gläu­bi­gen Kapi­ta­lis­ten geheiratet.

Der Schmerz mei­ner Mut­ter über die feh­len­de Lie­be ihres Vaters wur­de wahr­schein­lich jedes Mal wie­der­be­lebt, wenn sie mit­an­se­hen muss­te, wie lie­be­voll er mit mir war. Und die­ser Schmerz konn­te gedämpft wer­den, wenn sie mich in Situa­tio­nen brach­te, die er ver­ur­tei­len wür­de. Sie konn­te mich sogar dazu brin­gen, ihn anzu­lü­gen. End­lich war er auch ein­mal ent­täuscht von mir. Damit konn­te sie ihren Schmerz dämp­fen. Das war der Grund für ihr Ver­hal­ten. Auch wenn sie mir damit gescha­det hat; ihre Absicht war nicht, mir zu scha­den, son­dern sich zu retten.

Mei­ne Mut­ter muss­te, so scheint es mir, ein­schrei­ten, wenn sich zwei Fami­li­en­mit­glie­der zu gut ver­stan­den; es mach­te ihr wahr­schein­lich Angst, dass sie dadurch aus­ge­schlos­sen wer­den könn­te. Des­halb muss­te sie ande­re in die Außen­sei­ter Posi­ti­on brin­gen: erst mei­ne Schwes­ter, dann mei­nen Vater, dann mich.

Sie war damit erfolg­reich; und trotz­dem hat nichts die Angst gestillt, die sie als Kind hat­te, als sie sich der Lie­be ihrer Eltern nicht sicher war. Die Lee­re in ihr, und die Angst vor den Kind­heits­schmer­zen blieb. Die­se Angst kann ver­schie­de­ne For­men annehmen.

Die einen sehen im Feu­er die größ­te Gefahr, die ande­ren in ande­ren Men­schen. Das kann so weit gehen, dass die­se Men­schen in ihrer Angst ande­re angrei­fen, und sie besie­gen müs­sen. Wenn sie sich dann auch als Held*innen fei­ern, die Furcht sitzt ihnen trotz­dem in den Kno­chen. Sie müs­sen sich jede Minu­te ver­tei­di­gen, denn in ihren Alp­träu­men wer­den sie von allen gehasst, und alle haben die Absicht, sie zu vernichten.

Des­halb müs­sen sie allen zuvor­kom­men und sie umbrin­gen. Jedes klei­ne Kind ist eine Bedro­hung für die­se Men­schen. Jeder Brun­nen, jedes Kran­ken­haus, sogar jedes Paket mit Baby­nah­rung muss bekämpft wer­den, im Namen ihrer Sicher­heit. Ver­mut­lich haben alle die­se angst­be­setz­ten Men­schen eine ver­schlos­se­ne Schublade.

Iro­ni­scher­wei­se ist der Schlüs­sel als Sym­bol der Paläs­ti­na Bewe­gung ver­bo­ten wor­den, wenn auch natür­lich aus ande­ren Grün­den. Palästinenser*innen sol­len nicht zurück­keh­ren in ihre Häu­ser, und das, was seit der Nak­ba pas­siert ist und pas­siert, soll nicht ent­schlüs­selt werden.

Wir sind mit­ver­ant­wort­lich für den Geno­zid an den Palästinenser*innen, und das nicht nur wegen der Waf­fen­lie­fe­run­gen, son­dern vor allem auch des­we­gen, weil er mit der Erlaub­nis Deutsch­lands statt­fin­det. Wenn wir nicht gegen die­se Erlaub­nis pro­tes­tie­ren, wenn wir zulas­sen, dass Palästinenser*innen im Schwei­gen ster­ben, dann stirbt auch etwas in uns, in unse­rem Mit­ein­an­der, in unse­rer Mitmenschlichkeit.

Schmerz kann wei­ter­ge­ge­ben wer­den, er kann ande­ren vor die Füße gewor­fen wer­den, oder an die Hand genom­men wer­den, damit er uns zu sei­nem Ursprung bringt. Schmer­zen sind Hin­wei­se. Sie sind nicht die Wun­de. Sie zei­gen uns nur, dass eine da ist, um die wir uns küm­mern müs­sen. Die ursprüng­li­chen Schre­cken wol­len aner­kannt wer­den, erst dann kön­nen sie zur Ruhe kom­men, und wir kön­nen Kraft dar­aus gewin­nen, und der Ener­gie eine ande­re Rich­tung geben, sodass die Wun­den nicht unser Leben bestim­men, son­dern hei­len kön­nen. Dann kön­nen wir das Schreck­li­che, das wir erlebt haben, als Ver­ant­wor­tung sehen. Und uns für ande­re Wege entscheiden.