Lügen, die ans Herz gehen

Mei­ne Mut­ter hat­te im Schlaf­zim­mer eine Kom­mo­de mit zwei abge­schlos­se­nen Schub­la­den. Der Schlüs­sel für die obe­re Schub­la­de hing an einem Haken an der Rück­sei­te der Kom­mo­de. Ein umsich­ti­ger Dieb oder neu­gie­ri­ge Kin­der konn­ten ihn schnell ent­de­cken und so an die Schmuck­scha­tul­le gelan­gen. Wir strei­chel­ten die glat­ten Per­len der Ket­te, zogen die Rin­ge über den Dau­men, der als ein­zi­ger dick genug war, um sie halb­wegs aus­zu­fül­len, oder steck­ten uns die Pfau­en-Bro­sche an, was schmerz­haft enden konn­te, wenn die Nadel, die in den Stoff hin­ein geglit­ten war, an uner­war­te­ter Stel­le wie­der zum Vor­schein kam und in die Fin­ger­kup­pe stach.

Den Schlüs­sel für die zwei­te Schub­la­de such­ten wir ver­ge­bens. War­um hing er nicht auch am Haken an der Rück­sei­te der Kom­mo­de? Was ver­barg sich in die­ser Schub­la­de? Was war mei­ner Mut­ter kost­ba­rer als ihr Schmuck; was woll­te sie bes­ser vor Ent­de­ckung schützen?

Es gibt Geheim­nis­se, die lie­gen gleich unter der Ober­flä­che; man kratzt ein biss­chen und sie schei­nen durch. Sie sind viel­leicht pein­lich, aber erzähl­bar, so etwas wie ent­zün­de­te Hämor­rhoi­den, über die man nicht ger­ne spricht. Man tut so, als hät­te man sie nicht, und dann erzählt man es doch ein­mal und merkt, das ist gar nicht so schlimm.

Und dann gibt es Geheim­nis­se, die Teil eines Lebens­kon­struk­tes sind, fest ein­ge­baut in die eige­ne Iden­ti­tät. Etwas, das da ist, soll nicht sein, oder etwas, das es gar nicht gibt, soll sein. Es gibt zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten, Illu­sio­nen auf­recht zu erhal­ten, und wir haben alle ein paar, die wir nicht ger­ne hergeben.

Die tra­gen­den Wän­de von Geheim­nis­sen sind Lügen; fre­che, from­me und raf­fi­nier­te Lügen, und dich­tes Schwei­gen. Wenn jemand das Schwei­gen bricht und die Lügen auf­ge­deckt wer­den, tra­gen die Wän­de nicht mehr und stür­zen ein. Dann klaf­fen Löcher und legen das frei, was nie­mand sehen soll­te. Ein Teil des eige­nen Lebens muss revi­diert wer­den, neu gese­hen, neu bewer­tet, und das ist immer mit Schmer­zen verbunden.

Als eines Tages, nach 25 Jah­ren ohne Kon­takt, mein Bru­der auf mei­ner Mail­box zu hören war, hat­te ich ihn plötz­lich als schmuck­be­häng­ten klei­nen Jun­gen vor Augen, und muss­te an die ver­schlos­se­ne Schub­la­de den­ken, deren Schlüs­sel wir ver­ge­bens gesucht hatten.

Er bat mich um Rück­ruf, sag­te nicht war­um. Etwas zitt­rig rief ich zurück. Ich ver­mu­te­te, dass der Grund, sich nach so lan­ger Zeit bei mir zu mel­den, der Tod mei­ner Mut­ter war. Ich irr­te mich inso­fern, als ihr Tod kein Grund für ihn war, mich anzu­ru­fen. Der Anruf kam erst 9 Tage spä­ter, als die Trau­er­fei­er und die Ein­äsche­rung schon vor­bei waren, und er fest­stel­len muss­te, dass er für die Urnen­be­stat­tung in sei­nem Gar­ten die Unter­schrif­ten von mir und mei­ner Schwes­ter brauchte.

Gleich zu Beginn des Tele­fo­nats sag­te er: “Die Mama hat so dar­un­ter gelit­ten, dass ihr euch nie bei ihr gemel­det habt.” Ich hol­te Luft, um ihm zu wider­spre­chen; wuss­te dann aber nicht, wie ich in ein paar Sät­zen zusam­men­fas­sen soll­te, was mir bei die­sem Vor­wurf alles ein­fiel. Und so sag­te ich nichts dazu und ließ ihm sei­ne Vor­stel­lung: eine lei­den­de Mut­ter, die sich nach ihren Töch­tern sehnt, die ihr den Kon­takt verweigern.

Mei­ne Mut­ter war immer Lei­den­de gewe­sen. Sie war unter­drückt; das ver­mit­tel­te sie mir, lan­ge bevor ich etwas von Femi­nis­mus wuss­te. Sie litt dar­un­ter, immer zu Hau­se sit­zen zu müs­sen, wäh­rend mein Vater in der Stadt zu tun hat­te oder auf Geschäfts­rei­se ging. Sie hat­te kei­ne Frei­heit und war dar­über unglück­lich, und die Auf­ga­ben, die ihr zuge­teilt waren, waren müh­sam und unat­trak­tiv. Die­ses Sau­ber­ma­chen und Kochen: Tätig­kei­ten, die unsicht­bar wur­den, sobald das Essen geges­sen und die Woh­nung wie­der dre­ckig war.

Mei­ne Mut­ter war Ehe­frau, Haus­frau und eben Mut­ter, und nicht mehr. Und dann fing sie an, abends in die Knei­pe zu gehen, wo sie flir­te­te, rauch­te, trank: das waren ihre Frei­hei­ten. Sie nahm erst mei­ne Schwes­ter und dann mich mit, und sie nahm sich einen Lieb­ha­ber nach dem ande­ren. Sie war immer Geben­de gewe­sen und dann Neh­men­de gewor­den. Als Kind fand ich das gerecht. Mir schien es damals so, als hät­te sie kei­ne ande­re Mög­lich­keit, als mei­nen Vater zu betrügen.

Seit ich 11 Jah­re alt war, gehör­ten die­se Knei­pen­gän­ge zu mei­nem Leben dazu, genau­so wie das nach Hau­se kom­men, wo wir auf mei­nen Vater und mei­nen Bru­der tra­fen, die meis­tens gemein­sam vorm Fern­se­her saßen. “Wo wart ihr?”, schrie mein Vater, und: “Ihr stinkts nach Rauch und Schnaps!”

Es war also kein Geheim­nis, mein Vater hat­te die Wahr­heit sofort erkannt. Aber Wahr­heit braucht Bestä­ti­gung. Und die bekam mein Vater nicht. Denn ich erzähl­te eine ande­re Geschich­te. Im Auto, auf der Rück­fahrt, lutsch­ten wir Pfef­fer­minz­bon­bons, “um uns frisch zu machen”, wie mei­ne Mut­ter es nann­te, und dann frag­te sie immer: “Was erzäh­len wir denn zu Hau­se?” und mei­ne Phan­ta­sie spru­del­te. Meis­tens waren wir bei einer mei­ner zahl­rei­chen Freun­din­nen gewe­sen. Ich hat­te ihnen bei einer Rechen­auf­ga­be gehol­fen oder sie mir beim Topf­lap­pen stri­cken. Wir spiel­ten Seil­sprin­gen mit Gedich­ten, und ich gewann immer dabei. Wir füt­ter­ten die neu­en Gold­fi­sche mit der Pin­zet­te oder muss­ten 5 Hun­de aus­füh­ren; der kleins­te fiel bei­na­he durchs Kanal­git­ter, der größ­te stemm­te sei­ne Vor­der­pfo­ten auf die Laden­the­ke des Fleisch­hau­ers, damit er einen Wurst­zip­fel bekam.

“Du spinnst!”, schrie mein Vater. Ich hat­te Angst vor ihm, wenn er sei­nen roten Kopf bekam und der Kra­gen zu eng wur­de für sei­ne Wut; aber ich schrie zurück. Mei­ne Mut­ter stand schwei­gend dane­ben. Sie war zu schwach, ich muss­te das regeln. Sie schwieg auch, wenn er ihr vor­warf: “Du ver­dirbst die Kin­der!” Ich warf mich für mei­ne Mut­ter in die Bre­sche, mit so einem Eifer, dass mein Vater mich ein­mal, als wir nach Hau­se kamen, nicht hin­ein ließ, son­dern mich aus­sperr­te, um mit mei­ner Mut­ter allei­ne zu reden.

Da saß ich dann auf den kal­ten Stu­fen und wein­te, weil ich mei­ner Mut­ter nicht hel­fen konn­te. Mir war schlecht, weil ich wie­der zu viel getrun­ken hat­te, ich woll­te ins Bett, mein Vater soll­te uns in Ruhe las­sen. Ich hass­te die­ses Geschrei, und es mach­te mir auch kei­nen Spaß mehr, Geschich­ten zu erfin­den. Ich hat­te gar kei­ne Freun­din­nen, in Wirk­lich­keit, nie­mand lud mich ein, und wenn ich in der Hof­pau­se mal beim Seil­sprin­gen mit­ma­chen durf­te, stell­te ich mich so unge­schickt an, dass sich die ande­ren über mich lus­tig machten.

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