Sabine de Martin  


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Texte | In meinem Tiefkühlfach

In meinem Tiefkühlfach wohnt seit ein paar Wochen meine Mutter.
Eines Tages im September kam sie zu Besuch und seither lebt sie im Tiefkühlfach und isst mir mein Schokoladeneis weg. Sie isst allerdings nur Schokoladeneis. „Ich bin bescheiden“, meint sie immer, „ich bin mit dem Kleinsten und Wenigsten zufrieden.“
Tatsächlich fühlt sie sich im Tiefkühlfach ganz wohl, nur manchmal klagt sie über die Rillen im Boden. „Zieh doch in den Backofen“, habe ich ihr vorgeschlagen, „dort ist es eben.“
Aber sie hat abgelehnt. Sie weiß genau, wie selten ich backe. Im Backofen hat sie zu wenig Gelegenheit zur Konversation. Im Kühlschrank hebt sie jedesmal, wenn ich die Tür öffne, die Klappe vom Tiefkühlfach und krächzt: „Hallo!“ Sie ist sehr blau im Gesicht, hat Frostbeulen an den Händen und Eiszapfen wachsen ihr von der Nase.
"Hallo Mama", seufze ich.
„Bestell mir doch bitte für heute nachmittag Herrn Dr. Hacker!“
Dr. Hacker und ich sind verfeindet. Er gibt mir die Schuld daran, daß meine Mutter in einem eiskalten Raum wohnen muß: „Wenn Sie Ihren Kühlschrank nicht endlich heizen, dann kann sich der Zustand ihrer Mutter nicht bessern!“
Dr. Hacker hat meiner Mutter Wärmflaschen verschrieben. Viermal am Tag und dreimal in der Nacht soll ich sie auswechseln. Jetzt stinkt es im Kühlschrank nach Gummi und meine Stromrechnung ist um ein Drittel gestiegen.

kurze Geschichte


 
    © Sabine de Martin | letzte Aktualisierung: 01.10.2003