Texte | In meinem
Tiefkühlfach
In meinem Tiefkühlfach wohnt seit ein paar Wochen
meine Mutter.
Eines Tages im September kam sie zu Besuch und seither lebt sie
im Tiefkühlfach und isst mir mein Schokoladeneis weg. Sie isst
allerdings nur Schokoladeneis. „Ich bin bescheiden“,
meint sie immer, „ich bin mit dem Kleinsten und Wenigsten
zufrieden.“
Tatsächlich fühlt sie sich im Tiefkühlfach ganz wohl,
nur manchmal klagt sie über die Rillen im Boden. „Zieh
doch in den Backofen“, habe ich ihr vorgeschlagen, „dort
ist es eben.“
Aber sie hat abgelehnt. Sie weiß genau, wie selten ich backe.
Im Backofen hat sie zu wenig Gelegenheit zur Konversation. Im Kühlschrank
hebt sie jedesmal, wenn ich die Tür öffne, die Klappe
vom Tiefkühlfach und krächzt: „Hallo!“ Sie
ist sehr blau im Gesicht, hat Frostbeulen an den Händen und
Eiszapfen wachsen ihr von der Nase.
"Hallo Mama", seufze ich.
„Bestell mir doch bitte für heute nachmittag Herrn Dr.
Hacker!“
Dr. Hacker und ich sind verfeindet. Er gibt mir die Schuld daran,
daß meine Mutter in einem eiskalten Raum wohnen muß:
„Wenn Sie Ihren Kühlschrank nicht endlich heizen, dann
kann sich der Zustand ihrer Mutter nicht bessern!“
Dr. Hacker hat meiner Mutter Wärmflaschen verschrieben. Viermal
am Tag und dreimal in der Nacht soll ich sie auswechseln. Jetzt
stinkt es im Kühlschrank nach Gummi und meine Stromrechnung
ist um ein Drittel gestiegen.
kurze Geschichte
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