Sabine de Martin  


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Texte | Sehnsucht nach der Steinziegenmalerin

"Sind hier noch 3 Plätze frei?" Die beiden alten Damen im Rollstuhl nicken und drei junge Frauen drängeln sich ins Abteil. Sophia legt ihren rosa Regenschirm und das gelbe Nashorn ins Gepäcknetz, Marit holt eine Tafel Schokolade aus ihrer Rucktüte und Lotte sieht aus dem Fenster. Der Zug fährt los und bald sind die letzten Häuser verschwunden. "Die Wälder sind hier so schön!“ ruft Lotte begeistert.
"Aber das ist doch nicht echt!" Marit schüttelt den Kopf. „Sei nicht so naiv! Das ist alles nur gemalt."
"Wie, gemalt?" empört sich Lotte.
"Die Bundesbahn lässt Kartonwände aufstellen", mischt sich die eine alte Frau jetzt ein, "und darauf müssen die Arbeitslosen Landschaften malen." Sie nimmt ihre Brille ab und putzt sie mit einem Zipfel ihres lila Kleides.
"Nein, das glaube ich nicht."
"Es ist gut gemacht", erklärt die Frau im lila Kleid. "Sie nehmen nur die Arbeitslosen, die naturgetreu malen können. Die anderen müssen die Kartonwände aufstellen. ? Schau mal aus dem Fenster! Wenn der Zug das nächste Mal eine Kurve macht, kannst du links oben auf dem Berghang eine Steinziege sehen. Sie steht immer da, weil sie nur gemalt ist."

kurze Geschichte

 
    © Sabine de Martin | letzte Aktualisierung: 01.10.2003