Sabine de Martin  


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Textausschnitt | Bei den Perversen

Später fragte Sybille die Großmutter: "Sag mal, was sind 'Per-'" – wie hatte die Mutter die neuen Nachbarinnen genannt? "-verse?"
„Verse?“ sagte die Großmutter, die schlecht hörte, „Verse sind etwas sehr Schönes. Komm her, ich erzähle dir von ihnen!“
Sybille kletterte auf ihren Schoß und schmiegte das Gesicht an die weiche, alte Brust.
„Verse sind Teile eines Gedichtes“, erzählte die Großmutter, „meistens reimen sie sich, das heisst, sie klingen ähnlich.“
Dann sprach sie Verse vom Mond, und fasziniert lauschte Sybille ihrem Klang. Den Worten folgte sie nicht, denn sie war damit beschäftigt, die beiden Frauen aus der Nachbarwohnung in Verse zu kleiden. Das war es also, was sie hatten! Sie lebten ein Gedicht. Sie klangen ähnlich. Sie reimten sich.
„Aber“, sagte Sybille in die Stille hinein, die nach dem Gedicht entstanden war, „aber Großmutter, was heisst denn ‘per’ ?“
„Na, du hast es heute mit den Wörtern“, Die Großmutter strich ihr übers Haar. „‘Per’? ‘Per’ heisst ‘mit’. ‘Per Post’ z. B. heisst ‘mit der Post’.“
Zufrieden schloß Sybille die Augen. Ja, so war es. Sie waren mit den Versen, die beiden Frauen. Sie betteten sich auf sie, zerkauten sie und atmeten sie aus und ein. So ein Leben gefiel Sybille. Sie wollte auch eine finden, mit der sie sich reimen konnte.
Und sie beschloß, die Nachbarinnen zu besuchen.

kurze Geschichte

 
    © Sabine de Martin | letzte Aktualisierung: 01.10.2003