Textausschnitt | Bei den
Perversen
Später fragte Sybille die Großmutter: "Sag
mal, was sind 'Per-'" – wie hatte die Mutter die neuen
Nachbarinnen genannt? "-verse?"
„Verse?“ sagte die Großmutter, die schlecht hörte,
„Verse sind etwas sehr Schönes. Komm her, ich erzähle
dir von ihnen!“
Sybille kletterte auf ihren Schoß und schmiegte das Gesicht
an die weiche, alte Brust.
„Verse sind Teile eines Gedichtes“, erzählte die
Großmutter, „meistens reimen sie sich, das heisst, sie
klingen ähnlich.“
Dann sprach sie Verse vom Mond, und fasziniert lauschte Sybille
ihrem Klang. Den Worten folgte sie nicht, denn sie war damit beschäftigt,
die beiden Frauen aus der Nachbarwohnung in Verse zu kleiden. Das
war es also, was sie hatten! Sie lebten ein Gedicht. Sie klangen
ähnlich. Sie reimten sich.
„Aber“, sagte Sybille in die Stille hinein, die nach
dem Gedicht entstanden war, „aber Großmutter, was heisst
denn ‘per’ ?“
„Na, du hast es heute mit den Wörtern“, Die Großmutter
strich ihr übers Haar. „‘Per’? ‘Per’
heisst ‘mit’. ‘Per Post’ z. B. heisst ‘mit
der Post’.“
Zufrieden schloß Sybille die Augen. Ja, so war es. Sie waren
mit den Versen, die beiden Frauen. Sie betteten sich auf sie, zerkauten
sie und atmeten sie aus und ein. So ein Leben gefiel Sybille. Sie
wollte auch eine finden, mit der sie sich reimen konnte.
Und sie beschloß, die Nachbarinnen zu besuchen.
kurze Geschichte
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