Sabine de Martin  


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Texte | Kabulde

"Mama!" rief Ellie, "Maaaaama!"
Ria seufzte und ging ins Kinderzimmer. "Du solltest schon lange schlafen!" "Ich kann aber nicht schlafen." "Warum nicht?" "Ich glaube, in meinem Zimmer ist ein Kabuld." "Du meinst, ein Kobold." "Nein, ein Kabuld." "Aber was ist das denn?" "Kabulde sind so dünn und durchsichtig, dass sie aussehen wie verschwommene Flecken. Sie kommen manchmal in der Nacht und versuchen, in deine Nase zu schlüpfen." "Iiii, warum denn in die Nase?" "Weil das für sie der einzige Weg ins Gehirn ist. Dort setzen sie sich dann fest und rauben dir alles, was du für den nächsten Schultag gelernt hast." "Aber Ellie! Das ist doch alles erstunken und erlogen! Wenn du nachts Angst hast, kannst du das Licht brennen lassen, aber Kabulde gibt es nicht! Schluss mit dem Blödsinn. Versuch jetzt zu schlafen, ja?"
Sie gab ihr einen Gutenachtkuß, setzte sich wieder in ihr Zimmer und griff nach ihrem Buch. Dann musste sie lachen. Kabulde! Was dem Kind so alles einfiel!
Sie las weiter. Als sie nach dem Wasserglas griff, erschrak sie. Da! Da war ein verschwommener Fleck an der Wand. Jetzt glitt er zum Sofa und verschwand dahinter. Sie rieb sich die Augen. "Das bildest du dir nur ein", sagte sie zu sich. "Du bist müde, geh ins Bett." Und sie ging ins Badezimmer.
Als sie am Sofa vorbeikam, warf sie dann doch einen kleinen Blick dahinter und - schrie auf. Ein rotes Auge! Im nächsten Moment war es verschwunden, aber sie war sicher, dass ein rotes Auge sie angestarrt hatte.

kurze Geschichte

 
    © Sabine de Martin | letzte Aktualisierung: 01.10.2003