Texte | Kabulde
"Mama!" rief Ellie, "Maaaaama!"
Ria seufzte und ging ins Kinderzimmer. "Du solltest schon lange
schlafen!" "Ich kann aber nicht schlafen." "Warum
nicht?" "Ich glaube, in meinem Zimmer ist ein Kabuld."
"Du meinst, ein Kobold." "Nein, ein Kabuld."
"Aber was ist das denn?" "Kabulde sind so dünn
und durchsichtig, dass sie aussehen wie verschwommene Flecken. Sie
kommen manchmal in der Nacht und versuchen, in deine Nase zu schlüpfen."
"Iiii, warum denn in die Nase?" "Weil das für
sie der einzige Weg ins Gehirn ist. Dort setzen sie sich dann fest
und rauben dir alles, was du für den nächsten Schultag
gelernt hast." "Aber Ellie! Das ist doch alles erstunken
und erlogen! Wenn du nachts Angst hast, kannst du das Licht brennen
lassen, aber Kabulde gibt es nicht! Schluss mit dem Blödsinn.
Versuch jetzt zu schlafen, ja?"
Sie gab ihr einen Gutenachtkuß, setzte sich wieder in ihr
Zimmer und griff nach ihrem Buch. Dann musste sie lachen. Kabulde!
Was dem Kind so alles einfiel!
Sie las weiter. Als sie nach dem Wasserglas griff, erschrak sie.
Da! Da war ein verschwommener Fleck an der Wand. Jetzt glitt er
zum Sofa und verschwand dahinter. Sie rieb sich die Augen. "Das
bildest du dir nur ein", sagte sie zu sich. "Du bist müde,
geh ins Bett." Und sie ging ins Badezimmer.
Als sie am Sofa vorbeikam, warf sie dann doch einen kleinen Blick
dahinter und - schrie auf. Ein rotes Auge! Im nächsten Moment
war es verschwunden, aber sie war sicher, dass ein rotes Auge sie
angestarrt hatte.
kurze Geschichte
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