Texte | Abschied
nehmen
„Also, wenn nicht gleich jemand kommt, werde
ich mich bei der Friedhofsverwaltung beschweren“, schaltet
sich Tante Käthe wieder ein. „Uns bei der Kälte
so lange warten zu lassen! Was denken die sich eigentlich! Heute
ist es so frostig, die Luft besteht schier aus Glassplittern!“
„Es kann allerdings niemand etwas dafür, dass du so unzureichend
gekleidet bist.“ Meine Mutter mustert die Filzpantoffel von
Tante Käthe und die Spitzenborte ihres Nachthemds, die unter
dem schwarzen Mantel hervorschaut.
„Ich habe mich ja so beeilen müssen. Dass ich das erst
heute morgen aus der Zeitung erfahren musste! Vor lauter Schreck
habe ich mein Marmeladenbrot verkehrt herum auf die Tischdecke fallen
lassen. Die Flecken kriege ich wahrscheinlich nie mehr raus. Also,
ihr hättet mir wirklich Bescheid sagen können!“
„Ich wusste nicht, dass dich der Tod meiner Tochter so interessiert“,
schnappt meine Mutter, „schließlich warst du jahrelang
nicht mehr zu Besuch.“
„Ich habe euch immer zu allen Begräbnissen eingeladen!“
„Wir wären aber lieber zu den Geburtstagen gekommen.“
Tante Käthe presst die Lippen aufeinander. Meine Mutter lächelt
grimmig und steckt ihre Hände in den Muff. Der Muff knurrt.
Er besteht aus zwei lebenden Katzen, die aneinander genäht
sind. Ihre gelben Augen funkeln und die Schwanzspitzen zucken, sonst
ist von ihrer Anatomie nicht mehr viel zu erkennen.
kurze Geschichte
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