Die Anfänge
meines Lebens
oder
Warum ich wie gedruckt lügen kann
Es war einmal Anfang November des Jahres 1964, als
der Nachtwächter einer Druckerei ein Neugeborenes im Setzkasten
fand. Das war ich. Aus den Buchstaben, auf denen ich lag und die
sich in meine Haut eingedrückt hatten, rekonstruierte die Setzerin
meinen Namen. In Druckerfahnen eingewickelt wurde ich meinen Eltern
per Schnellversand zugeschickt. Da sie gerade verreist waren, brachte
der Zusteller das Paket zur Post zurück. Allerdings hatte er
vergessen, einen Abholschein zu hinterlassen, weshalb meine Eltern
sich nicht meldeten.
Die Druckerei hatte keinen Absender auf dem Paket hinterlassen und
es gab keine Bestimmung darüber, was mit nicht abgeholtem Lebendfrachtgut
ohne Absender zu geschehen hatte. Deshalb konnte mein Fall nicht
bearbeitet werden. Eine Konferenz wurde einberufen, auf der beschlossen
wurde, dass jemand eingestellt werden sollte, der eine neue Verordnung
bezüglich meines Falles zu formulieren imstande war und diese
dann in der angemessenen Form einer neuerlichen Konferenz vorzustellen
vermochte. Das dauerte einige Zeit und so wuchs ich in einer Postfiliale
auf. Tagsüber spielte ich im Wald und nachts schlief ich auf
Postsäcken. Manchmal versteckte ich mich in einem und reiste
ein bisschen in der Welt herum; ich kam jedoch immer wieder zurück.
Mit drei Jahren begann ich, die Briefe aus den Säcken zu entwenden
und zu lesen; mit vier beantwortete ich sie. Bald bekam ich viel
Post und zu meinem fünften Geburtstag schenkten mir die Beamten
einen Standbriefkasten, auf den sie meinen Namen schrieben. Er wurde
fast jeden Tag voll. Als ich zur Schule gehen sollte, tat ich das
nur unter der Bedingung, im Deutschunterricht Briefe schreiben zu
dürfen, sonst hätte ich meine Korrespondenz nie geschafft.
Zu der Zeit war ich schon längst in die örtliche Buchhandlung
umgezogen, wo ich in einem Raum für Remittenden (zurückzusendende
Bücher) wohnen konnte. Mit Begeisterung erkannte ich dort,
dass es viel mehr zu lesen und zu schreiben gab als Briefe. Einmal
zeigte ich der Oberbuchhändlerin eine selbstverfasste Geschichte;
aber sie meinte nur, ein siebenjähriges Kind könne keine
Geschichten schreiben und deshalb solle ich lieber wieder aufhören
damit. Fortan schrieb ich nur noch heimlich.
Als ich neun war, war die Post endlich zu einem Schluss gekommen,
wie in meinem Fall zu verfahren sei: Die Empfänger sollten
noch einmal über das ehemalige Paket informiert werden. Das
wurde dann unverzüglich getan; und diesmal waren meine Eltern
zu Hause und kamen, um mich abzuholen. Sie waren aber unzufrieden
damit, dass ich so viele Tintenflecke aufwies und brachten mich
erstmal zur Reinigung. Weil mir meine Eltern nicht gefallen hatten,
schlüpfte ich dort im Trockner in ein Paar sehr große
Hosen, die über und über mit Himmelskörpern bedeckt
waren. Ich verhielt mich so still und dünn darin, dass ich
mitsamt den Hosen für den Transport verpackt wurde. So entkam
ich aus der Reinigung. Allerdings wagte ich es nicht, während
der Fahrt aus den Hosen zu kriechen und wurde ich mit ihnen in ein
Haus gebracht. Dies erwies sich als ein glücklicher Zufall:
die Hosen gehörten Frau Kara Koriffa, einer weithin berühmten
Astronomin und Astrologin. Sie war sehr erfreut, mich in ihrem Wäscheschrank
zu finden; das einzige, was sie traurig machte, war die Tatsache,
dass ich kein Geburtsdatum hatte und sie mir kein Horoskop erstellen
konnte.
Ich war sehr glücklich bei ihr. Wir inspirierten uns. Zusammen
erfanden wir das Feuer und die Schokolade. Wir lebten jeden Tag
von morgens bis abends. So viel Neues entdeckten wir und waren begeistert
darüber. Und dann wieder machten wir es uns richtig gemütlich
und genossen die Leere.
Nach ein paar Jahren erkannte ich auf einem Spaziergang meine Geburtsdruckerei
wieder und ging hinein, um nach meinem Findedatum zu fragen. Es
war in den Annalen aufgezeichnet und sofort berechnete Kara mein
Horoskop. Bei seinem Anblick rief sie aus: "Du könntest
Schriftstellerin werden!"
"Aber das bin ich doch schon", sagte ich und zeigte ihr,
was ich im Geheimen alles geschrieben hatte. Sie las und war entzückt
und bereitete sofort eine Gesamtausgabe vor. Allerdings musste sie
vor dem Drucktermin nach Amerika zu einer Sonnenfinsternis reisen.
Meine Werke nahm sie mit, um sie auf der langen Fahrt in aller Ruhe
zu lektorieren.
Ich weiß auch nicht, warum ausgerechnet ihr Schiff sank. Ich
habe sehr um sie geweint und nach dem Begräbnis bin ich aus
lauter Verzweiflung zu meinen Eltern gezogen. Das hat mir nicht
gut getan. Als ich bei ihnen ankam, waren sie erbost darüber,
dass die Reinigung so lange gebraucht und dann noch so schlecht
gearbeitet hatte. Sie verbrannten meine Kleider und all mein Hab
und Gut; darunter alles, was ich je geschrieben hatte und die Adressen
meiner BrieffreundInnen aus der ganzen Welt.
Mein Schreiben versiegte und ich vertrocknete mehr und mehr. Kaum
war die Schulzeit zu Ende, heuerte ich auf einem Bergungsdampfer
an und suchte nach Kara und ihren Koffern. Ich fand nichts als das
Meer, aber das fand ich wunderschön. Ich nahm es mit und schrieb
es auf – und damit bin ich heute noch beschäftigt.
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